Das Leseglück, Steffisburg

Leseleidenschaft

Michael Guggenheimer

Es gibt eine Buchhandlung in Steffisburg bei Thun. Es ist die Buchhandlung Lüthi an der Oberdorfstrasse, früher eine Filiale des gleichnamigen Buchladens in Thun. An derselben Strasse gibt es seit September 2014 auch ein Leseglück. Oder genauer „Das Leseglück“. Das Leseglück ist ein Laden, ein Buchort, ein sehr gemütlicher.

Der Salon: elegante alte Möbel, vorderer und hinterer Raum

Man betritt den Laden, weiss im ersten Augenblick nicht, ob man sich in einem Lesecafé, in einer freundlich eingerichteten Bibliothek oder in einem Buchladen befindet. Das Leseglück hat von allen diesen drei Institutionen durchaus etwas. Kaffee und Tee sowie kühle Getränke werden hier ebenso serviert wie frisches Gebäck. Man sitzt an einem der niedrigen Tische, schaut sich um und sieht Bücher, alle thematisch schön geordnet, nach Sparten und Themen eingereiht. Leserinnen und Leser bringen gelesene Bücher hier vorbei, sie geben sie ab, Geld bekommen sie nicht, dafür haben sie zuhause im Bücherregal Platz für neue Bücher geschaffen.

Regula Tanner in ihrem Reich

Regula Tanner, Gründerin und Besitzerin des Leseglücks, assistiert von Janine Zürcher, einer Germanistikstudentin an der Uni Bern, nehmen die Bücher entgegen, schauen sie genau an, entscheiden, ob sie sie in ein Büchergestell aufstellen sollen. Einen Lagerraum besitzt das Leseglück nicht. Was nicht eingereiht und zum Verkauf angeboten werden kann, wird entsorgt. Wer bei Leseglück vorbeischaut, kann gelesene Bücher zu bescheidenen Preisen kaufen. Je nach Buchkategorie beträgt der Verkaufspreis Fr. 2.- für Taschenbücher, Fr. 4.- für ein gebundenes Buch und Fr. 5.- für grössere Bücher wie Fotobände. Eine Art Neuantiquariat ist das Leseglück, das seine Bücher immer wieder auch von Buchhandlungen und von Verlagen erhält, Bücher, die dort nicht abgesetzt wurden. Und weil sie Freude an allen Arten von Buchobjekten hat, sucht Regula Tanner jeweils an der Fachmesse Ornaris Objekte aus, die „buchverwandt“ sind und die sie zum Verkauf anbietet.

Vergleichbar mit einem Bücherbrocki ist das Leseglück. Nur dass Bücherbrockis viel grösser sind und hier die beiden belesenen Damen zu vielen Büchern etwas erzählen und Empfehlungen machen können. In den zwei Jahren, seitdem es das Leseglück gibt, hat sich eine Stammkundschaft gebildet, Regula Tanner und Janine Zürcher kennen viele ihrer Kundinnen und Kunden, die hier immer wieder mit Einkaufaschen voller Bücher vorbeischauen oder auch einfach so vorbeikommen, weil sie wieder Lesestoff suchen. Manche setzen sich hin, bestellen ein Getränk, nehmen sich die Zeit, um sich in den Büchergestellen umzuschauen, wählen Bücher aus, die sie kaufen.

Regula Tanner war früher Kindergärtnerin und wurde später Journalistin, die sie immer noch ist. Ihr Traum war aber eine Beschäftigung mit Büchern. Ihr Einstieg in die Welt des Bücherverkaufs erfolgte schrittweise. Sie reiste mit einer Bücherauswahl an gemütliche Orte, an denen sie Bücher präsentieren konnte. Das konnten zum Beispiel Cafés sein, ihr Angebot war ein mobiler Bücherladen, sie war eine Störbuchhändlerin. Das ging so lange so, bis sie auf einen ehemaligen Modeladen an der Oberdorfstrasse in Steffisburg aufmerksam wurde, den sie neu einrichtete und zum Leseglück verwandelte. Die letzten Exemplare eines Büchergestell-Modells, welches das Möbehaus Ikea aus dem Sortiment zurückzog, hat sie in verschiedenen Filialen des Möbelhauses geholt. Mit den Büchergestellen hat sie aus dem einen Ladenraum zwei Räume gestaltet, einen vorderen mit einer Caféhausatmosphäre, einen hinteren mit einem langen Tisch, an dem sie Kurse unterschiedlicher Art anbietet oder hostet, die aber alle mit Sprache zu tun haben. In beiden Ladenhälften präsentiert sie Bücher. Romane, Lyrik, Comics ebenso wie Sachbücher aus den Bereichen Lebenshilfe, Kunstgeschichte, Meditation und Zen, ein Gestell gilt englischsprachigen Büchern und natürlich sind hier auch Bücher über die Region erhältlich. Eine kleine Küche hat Regula Tanner im hinteren Ladenteil einbauen lassen, dank der sie auch den Caféhausbetrieb aufnehmen konnte.

Der Raumteil mit dem langen Tisch für Kurse

Zum Angebot von Leseglück gehören Lesungen mit einheimischen Autorinnen und Autoren, ein eigener Lesekreis sowie private Lesekreise, die im Leseglück zu Gast sind, Schreibwerkstätten und eine Werkstatt zum Thema Schreibspiele mit Regula Tanner, Englischkurse sowie Bastelkurse, an denen unter Leitung von Verena Moser aus Oberhofen aus ausrangierten Büchern kleine Kunstwerke entstehen. Zweimal im Jahr lädt sie in ihren Laden ein, um Lesetipps zu machen zudem findet sich im Veranstaltungsangebot der Abend mit dem Titel „Buchtipps austauschen“, an dem Leserinnen und Leser anderen Bücher vorstellen, die sie als besonders lesenswert erachten. Am 26. August findet zum fünften Mal der „Krimiabend in der Gartenbauschule“ statt, an dem Regula Tanner „spannende, witzige, düstere, rasante und haarsträubende Krimis“ vorstellt. Und weil ihr die Ideen rund um das geschrieben Wort nicht auszugehen scheinen, organisiert Regula Tanner am 4. Und 5. November eine zweitägige Bus-Reise nach Freiburg im Breisgau und in die Pfalz. Es ist nicht die erste Reise auf den Spuren von Büchern, die Leseglück anbietet. In Freiburg findet eine Besichtigung der Buchhandlung Zum Wetzstein statt. Und wen wundert’s, dass die Leseglückbotin an Bord Literaturtipps geben wird?

Das Leseglück
Oberdorfstrasse 12, 3612 Steffisburg
T: 079 665 35 17
www.das-leseglueck.ch

 

Wie im Salon

Heinz Egger

Die Sonne brennt. Die Markise ist ausgefahren und wirft einen breiten Schatten über das Schaufenster und die Eingangstüre. Das Logo „Das Leseglück – Schmökern, Schreiben & Geniessen“ ist kaum zu lesen wegen des grossen Helligkeitsunterschieds. Im Schaufenster, passend zur Hitze, ein angedeuteter Teich, umrandet von Flusssteinen, zwei Seerosen. Auf dem „Wasser“ schwimmt eine Reihe von kleinen Enten, die dem Lehrer auf einem Stein am Teichrand aufmerksam zuhören. Aus was für einem Buch er gerade vorliest? – Ist das nicht das perfekte (Vor-)Leseglück?

Ententeich mit Lesung

Wäre da am Eingang gleich nicht der kleine Korpus mit der Kasse, die einen erinnert, dass man sich in einem Buchantiquariat befindet, so wähnte man sich in einem grösseren bürgerlichen Salon. Gedämpftes Licht durch hinterleuchtete Büchergestelle ringsum, vier Ledersessel, ein „Sofa“. Dieses war allerdings, das verrät Regula Tanner, die „Das Leseglück“ gegründet hat, einst ein Knechtebett. Tja, ein Knecht hatte Glück, wenn er so ein Bett hatte. Es ist zwar schmal und kurz, aber aus schönem Holz und kunstvoll gearbeitet. Hölzerne Beistelltischchen, Kerzenhalter, Stehlampen. Alles ist ausgesucht und passt wunderbar zusammen. Dabei sind die meisten Einrichtungsgegenstände aus dem Brockenhaus.

Draussen rauscht der Verkehr vorbei. Fliessen und Hektik in beide Richtungen. Da ist der Raum wie eine Insel. Mit einem Buch in der Hand in einem Lesesessel sitzen, einen Kaffee mit Kuchen geniessen – was braucht es denn mehr zum Leseglück?

Blick durch Bücher zum Schaufenster

Es gibt viel Laufkundschaft. Die Türe geht auf, jemand kommt mit einer Tasche voller Bücher. Frau Tanner schaut sie schnell an. Was ihr in den Bestand passt, nimmt sie, was übrig bleibt, wandert zurück in die Tasche. Geld gibt es für angelieferte Bücher nicht.

Ein Mann kommt und gibt drei Bücher ab. Er verschwindet in den Gestellen und sucht nach neuer Literatur. Er wird bestimmt fündig. So findet eine Art Kreislauf statt. Die neu ausgesuchten Bücher werden etwas kosten, allerdings nicht viel. Die Preisstruktur ist einfach: Ein Taschenbuch kostet zwei, ein gebundenes Buch vier Franken, grosse Bücher fünf und Hörbücher ebenfalls fünf.

Regula Tanner hat als Kindergärtnerin und Journalistin gearbeitet, bevor sie die verkürzte Buchhändlerinnenlehre beim Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband absolviert hat. Als engagierte Buchhändlerin gibt sie auch Lesetipps. Diese Bücher sind neu. Auf einigen Tablaren stehen zudem neuwertige Bücher, das moderne Antiquariat. Diese Bücher tragen Preisschilder.

Was im Laden zu sehen ist, ist alles, was verfügbar ist. Es sind etwa 6000 Bücher. Regula Tanner hat kein Lager. Wenn mehr angeliefert wird, als in den Gestellen Platz findet, muss älteres weichen. Ja, es wandern ziemlich viele Bücher in die Papierverwertung.

Eigentlich sammelte Regula Tanner für eine Veranstaltung im Pavillon des Schlösschens Hünegg in Hilterfingen während eines Winters aussortierte, gebrauchte Bücher. Sie sei förmlich überflutet worden, sagt sie. Dies gab dann den Anstoss, „Das Leseglück“ zu eröffnen. Noch heute, zwei Jahre nach Ladeneröffnung seien „Nachwehen“ zu spüren. Offenbar wollen die Leute heute nicht mehr ganze Zimmer voller Bücher haben und geben Gelesenes und wohl auch Ungelesenes daher lieber weg, als es gleich zu entsorgen. Räumzeiten seien der Frühling und der Herbst, sagt Regula Tanner. Eigentlich passt das gut. So ist ihr Bestand quasi aktuell zu Beginn der Ferien und auf die langen Lesenächte hin.

Die Bücher sind nach Themen geordnet. An Stoffbändern hängen schwarze Schilder wie Etiketten. Sie sind von Hand beschrieben. und künden an, was in den nahen Tablaren zu finden ist. Das Ordnungsschema ist beachtlich differenziert: Belletristik, Krimis, Biographien, Lyrik, Märchen, Kinderbücher, Mundart, Schweizer Literatur, Englische Bücher, Unterhaltungsliteratur, Alte Schrift, Religion/Philosophie, Ernährung, Kochen, Gesundheit, Kinder/Erziehung, Psychologie, Lebenshilfe, Geschenkbücher, Politik, Geschichte, Natur und Tiere, Technik, Thun und Region, Schweiz, Reisen und Länder, Kunst, Musik, Comic und Cartoon, Basteln und Hörbücher. Alle Fächer der Gestelle sind voll. Oft sind sie gar doppelt belegt – und natürlich wundere ich mich immer, was wohl die hintere Reihe zu bieten hätte, was ich da gerade verpasse.

Unter Lyrik finde ich Mascha Kalékos „ Das lyrische Stenogrammheft“, „Der grosse Gesang“ von Paplo Neruda oder „Gesammelte Gedichte„ von Hans Carossa. Unter Französisch fällt mir Cla Biert „Fine Fleur“ auf. Der Anblick des Namens wirft mich in meine Jugend zurück. Seine Tochter Nesa besuchte mit mir die Kantonsschule. Der Engadiner Cla Biert war Sekundarlehrer und Schriftsteller. Seine Texte schrieb er auf Romanisch. Unter Mundart sind die Autorinnen und Autoren so zahlreich, dass sie mit kleinen Täfelchen nach dem Alphabet auf den Tablaren geordnet sind. Zwei schmale Bändchen von Ueli Schmezer, der als Ueli der Schreiber zahllose Gedichte schrieb, die alle mit „Ein Berner namens“ beginnen:

Ein Berner namens Sami Streit
verblüffte durch Beredsamkeit.
Sein Wort war rasch, sein Geist war wendig
und seine Sprechart sehr lebendig.

Nach diesen Worten ist es klar,
dass Sami gar kein Berner war.

(zitiert nach edimuster.ch)

Mehrere Bände von Ernst Burren stehen da. „Chrüzfahrte“ mit einem Papierschiffchen auf dem Cover leuchtet. Der Streifzug durch das Broki ist tatsächlich wie eine Kreuzfahrt. Da ist für gute Unterhaltung gesorgt. Und wem das nicht reicht, der kann sich auch weiterbilden in diesen Räumen.

Anstatt ein altes Buch einfach in die Papiersammlung zu geben, kann man damit eine Bücherskulptur herstellen. So findet regelmässig ein Kurs in Orimoto, der aus Japan stammenden Kunst des Faltens von Buchseiten, statt. Werke aus den Kursen zieren die Büchergestelle. Und weil alles, was wir lesen auch einmal geschrieben werden muss, bietet Regula Tanner Schreibseminare für literarisches aber auch geschäftliches Schreiben an. Beim letzteren geht es vor allem um Medientexte. Und wie verführt Regula Tanner die Kundinnen und Kunden zur Teilnahme? An der Kasse steht’s: Schreiben ist leicht, man muss nur die falschen Wörter weglassen (Mark Twain).