Never Stop Reading, Zürich

 

Spezialitätenladen

Michael Guggenheimer

Was für ein Ort! An dem Tag, an dem ich die Buchhandlung mit dem etwas schrägen Namen „Never Stop Reading“ besuche, herrscht mit 31 Grad Celsius hochsommerliche Hitze. Welch eine angenehm kühle Oase diese Buchhandlung ist. Von draussen hört man die Stimmen spielender Kinder, gegenüber der Buchhandlung befindet sich ein kleiner eingezäunter Spielplatz. Kein Durchgangsverkehr an dieser engen Sackgasse am Rande der Zürcher Altstadt. Die Tür steht breit offen, selten nur geht jemand vorbei, Laufkundschaft kennt diese Buchhandlung nicht, sie wird es wohl nie geben, weil die Buchhandlung nicht an einer Fussgängerachse liegt. Ein Geheimtip? Jetzt vielleicht noch. Aber das wird sich ändern. Denn „Never Stop Reading“, erst im Mai 2017 eröffnet, will mit und wird mit Veranstaltungen und kleinen Ausstellungen auf sich aufmerksam machen und Besucher anziehen. Und dann sind ja noch die Bücher da. Keine Belletristik, keine Naturwissenschaften: „Never Stop Reading“ ist eine spezialisierte Buchhandlung: Fotografie, Architektur, Typografie, Mode, Design und Kunst werden hier gepflegt. Und als Zuckerhaube für Liebhaber gibt es hier noch eine Abteilung mit Büchern aus dem angelsächsischen Raum. Bücher aus den Bereichen der Soziologie, Politik und Film. Zudem noch eine absolut exquisite Auswahl von Kinderbüchern. „Bestehen werden die findigen Spezialitätenläden, auch wenn sie nicht über eine A-Lage verfügen, dafür aber Besonderes bieten,“ hiess es in der NZZ am Tag meines Besuchs in der Buchhandlung.

Würde mich ein Auswärtiger nach der schönsten Buchhandlung Zürichs fragen, ich würde drei Orte nennen. Die Buchhandlung am Hottingerplatz, die Buchhandlung sec 52 an der Josefstrasse und eben „Never Stop Reading“. Und würde ich gezwungen werden, die Schönste unter den Schönsten zu bestimmen, ich würde mich vielleicht doch für die herbe Schönheit von „Never Stop Reading“ entscheiden. Eine wunderbare Beleuchtung, vier Lampen, Design und eindeutig keine Serienware. Eigens für diesen Raum hergestellte farbige Bücherinseln auf Rädern, die inmitten des hohen Raums eine Bücherallee bilden, die sich immer wieder an Veranstaltungen neu kombinieren lassen. Ein faltenreicher Vorhang in Hellgrau, der die rückwärtige Lagerfläche und die englisch-amerikanische Bücherecke während Veranstaltungen in geschwungenem Verlauf diskret verbergen kann.

Theke, Lampen, Boden, 15m Büchergestell

Eine klare und strenge, 15 Meter lange und 6 Etagen hohen Bücherwand aus Metall voller Bücher, die sich der ganzen Länge des Ladenlokals entlang in die Tiefe erstreckt. Wem die Bücher im Regal zu hoch zum Greifen sind, dem stehen zwei stabile Bierkisten aus Holz als Aufsteigehilfen zur Verfügung. Ein schwarzes Sofa und Freischwinger Sessel laden zum Verweilen ein. Buchhändlerin Nora Schwyn überrascht die drei Im Laden anwesenden Kunden mit der Frage, ob sie einen Kaffee wünschen. Man richtet sich ein, schaut sich die Fotobände an und nippt vorsichtig den guten Kaffee, um ja keine Spuren in den Bildbänden zu hinterlassen. Und dann diese Bodenfliesen. Es ist als befände man sich irgendwo südlich der Alpen, wo Fliesen zur Raumarchitektur mehr gehören als in der Schweiz. Wandfliesen auch im hinteren Teil der Buchhandlung. Sie weisen Spuren auf, wurden offenbar nicht speziell nachgeschliffen. Haken schauen aus den beiden Fliesenwänden, ja hier befand sich, lange ist es her, eine Metzgerei, man fühlt sich versetzt in die 50er Jahre und befindet sich doch in der heutigen Zeit.

Vor zehn Jahren war hier noch eine Lederwarenhandlung untergebracht. Vor drei Jahren beschrieb buchort.ch noch PinkRus, die einzige russische Buchhandlung der Schweiz, die hier domiziliert war. Die russischen Kunden sollen angeblich die Buchhandlung nicht gefunden haben. Das wird dem neuen einheimischen Kundenstamm nicht passieren. Architekten, Designer, Kunstinteressierte, Fotografen und Sammler schöner Bücher werden den Weg an die Unteren Zäune Ecke Siegelgasse gewiss finden. Die Buchhandlung Hochparterre und die Buchhandlung Kunstgriff, beide im Stadtkreis 5 domiziliert, sind Konkurrenten von „Never Stop Reading“. Hinter beiden stehen Unternehmen, dort der Zeitschriftverlag hochparterre und da der Verlag JRP Ringier. Nicht anders bei „Never Stop Reading“: Die beiden zusammengehörenden Verlage Scheidegger & Spiess und Park Books, die von zwei Kunstmäzenen unterstützt werden, sind hier die Schutzpatronen. Kunstbände, Fotobücher, Architekturmonografien bedürfen offenbar der speziellen Unterstützung. Austellungen gehören auch zur Buchhandlung. Zur Eröffnung wurden Fotografien von Roger Wehrli gezeigt, der während zwei Jahrzehnten immer wieder in Bilbao weilte und die Entwicklung der Stadt von einem Industrieort zur Kunstmetropole festgehalten hat. Ernst Scheideggers Blick auf Alberto Giacometti galt eine zweite Ausstellung. Einen Einblick in seine fotografischen Erkundungen in Palästina, Gaza und Israel zeigt demnächst Meinrad Schade. Seine Bilder werden in einem halben Jahr in einem Buch zu sehen sein, das im Verlag Scheidegger & Spiess erscheinen wird.

15 m Büchergestell, Tiefe des Raums, Bücherinseln

Wer argwöhnt, dass hier ein Verlag bloss einen Showroom für die eigenen Publikationen unterhält, der schaue sich bei „Never Stop Reading“ genau um und stelle fest, dass hier die Anzahl der Bücher aus anderen Verlagen bei weitem dominiert. Breit ist die Auswahl der präsentierten Bücher: Vom wunderschön gestalteten Buch „Hundert Jahre Riedtli. Einblick in eine Zürcher Siedlung“ bis zum grossen Band „African Modernism. Architecture of Independence“, herausgegeben von Manuel Herz, der sich in einem früheren Werk mit den Flüchtlingsstädten im Nordwesten Afrikas befasst hat. Buchhändlerin Nora Schwyn, die fast ein Jahrzehnt lang in der Buchhandlung sec 52 von Rico Bilger gearbeitet hat, ist daran, ihr Augenmerk von Belletristik auf Fotografie und Design anzupassen. Unterstützt wird sie von Christoph Oeschger, der früher in der Krauthammerabteilung von Orell Füssli gearbeitet hat. Und wenn beide nicht im Laden sind, dann ist Fidel Studer hinter der Verkaufstheke anzutreffen, der früher in der politisch wachen Buchhandlung im Volkshaus gearbeitet hat. Dass gesellschaftskritisches durchaus gut im Angebot vertreten ist, ist an den Büchern der englischsprachigen Abteilung zu sehen: „The Great Departure: Mass migration from Eastern Europe and the making of the free world“, „The Refusal of Work“ von David Frayne oder „Voices from the Jungle. Stories from the Calais Refugee Camp“ sind Titel, die in keiner anderen Zürcher Buchhandlung zu finden waren. Die Vermutung, dass hier Thomas Kramer, der Leiter des Verlags Scheidegger & Spiess die Auswahl dieser Ecke geprägt hat, trifft zu.

Never Stop Reading
Architektur, Fotografie, Kunst, Design und English Books
Spiegelgasse 18/ Unter Zäune
8001 Zürich
T: 044 578 09 35
www.neverstopreading.com

 

Kunst in der Metzgerei

Heinz Egger

Schaufenster mit Logo, Flügeltüre

Kindergeschrei vom Spielplatz. Mütter, die schwatzend im Schatten stehen und über die Gasse schauen. Dort prangt auf dem Schaufenster ein weisses Logo. Es könnte eine Palme sein, oder ein offenes Buch. Wohl gilt das Zweite, denn in den Räumen, die lange Zeit die Buchhandlung PinkRus beherbergt haben, hat am 6. April 2017 eine neue Buchhandlung ihre Tore geöffnet: Never stop reading. Das klare, einfache Logo kreierte Hitomi Murai. Mit dem Buchladen haben sich die Mehrheitsaktionäre der Verlage Scheidegger & Spiess sowie Park Books, also die Gebrüder Meili, der Anwalt Andi Hoppler, Verwaltungsrat beider Verlage, und Thomas Kramer, deren Geschäftsführer, einen Traum verwirklicht. Eine Buchhandlung, die ausgerichtet ist auf Architektur, Fotografie, Kunst, Design und English Books.

Im Schaufenster liegen Bücher zur russischen Revolution von 1917 – vielleicht eine Hommage an die Vorgängerbuchhandlung, die sich auf russische Bücher spezialisiert hatte, vielleicht auch ein Hinweis auf die Ausstellung im Landesmuseum über die Schweiz uns Russland 1917. Aber auch das schöne, in Leinen gebundene Buch von Christoph Niemann „Souvenir“und ein Fotoband von Wolfgang Tillmans liegen auf. Beide Bücher verweisen auf laufende Ausstellungen in Basel. Links und rechts stehen Designer-Möbel: ein Stuhl und ein Tischchen.

Die Flügeltür steht weit offen. Sie lädt ein, den Raum zu betreten. Da fällt zuerst die Tiefe des Raums auf. Dann der Boden mit den wunderschönen Fliesen, links ein langes Gestell voller Bücher, rechts einige Fotos, die Kassatheke und das kleine Büro, zwei weitere Fotowände. Die Buchhandlung ist nicht nur Verkaufsraum. Sie will auch Ausstellungsort sein und Veranstaltungen anbieten: Buchpräsentationen, Lesungen, Diskussionen und Vernissagen zu den Ausstellungen. Aus diesem Grund haben die sechseckigen Möbel aus farbigen MDF-Platten in der Mitte des Raums alle Rollen. So können sie platzsparend aneinander und ineinander gereiht, Stühlen oder Tischen fürs Publikum Platz machen.

An der Theke erwartet Nora Schwyn die Gäste. Sie ist eine sehr erfahrene Buchhändlerin und amtet als Geschäftsführerin. Ja, die Mütter vom Spielplatz kämen öfters in die Buchhandlung, antwortet sie auf meine Frage. Der Buchhandlungsname stamme von einem Zitat, erklärt sie mir. Auf dem Veranstaltungsprogramm für den April und Mai ist es abgedruckt: „We never stop reading, although every book comes to an end, just as we neber stop living, although death is certain.“ Es stammt von Roberto Bolaño und ist seinem Werk „Last Evenings on Earth“ entnommen.

Die Buchhandlung ist an sechs Tagen in der Woche offen. Daher hat Nora Schwyn sich Verstärkung geholt. Ihr zur Seite steht an zwei Tagen in der Woche Christoph Oeschger. Er ist ebenfalls Buchhändler, arbeitet aber auch als Fotograf, Künstler und Verleger. Ich frage ihn, welche Bücher er den verlege. Die Verlagsarbeit mach er zusammen mit Christof Nüssli. Der Verlag heisst cpress. Er holt mir zwei Werke. Das eine ist ein dickes, grosses Buch über den Fotografen und Aktivisten Miklós Klaus Rózsa: „Die Grundlagen für dieses Buch bilden die Fotografien von Miklós Klaus Rózsa (*1954) und die über ihn in jahrelanger Überwachung (1971–1989) erstellten Staatsschutzakten der Bundespolizei, Kantonspolizei und Stadtpolizei Zürich …“ (zitiert nach: cpress.ch).

Das zweite ist eigentlich kein Buch. Es ist ein Stapel Papier, gefaltet. Sein Name ist „Withheld due to:“ und wurde von Christof Nüssli zusammengestellt. Es ist ein Dokument zu den Skandalen um Abu Graib und den Krieg gegen den Terror: „… It does not seek to please. It’s disturbing, with the full intention of doing so …“, steht auf der Website von cpress.ch. Es soll unhandlich sein, es soll stören – deshalb gibt es keine Bindung. Christoph Oeschger fügt an, dass genau dies zu Schwierigkeiten beim Export geführt habe. Für die Mehrwertsteuer war es kein Buch und muss deshalb anders versteuert werden.

Beide Bücher haben übrigens Preise eingeheimst. Das erste und das zweite gewannen je eine Bronzemedaille „Best book design all over the world“. Das zweite war 2016 eines „Der schönsten Schweizer Bücher“.

Zuhinterst im Raum steht ein Designer-Sofa, zwei Stühle und ein Salontisch. An der Wand hängen grossformatige Fotos. Darunter sind die Fliesen mit all ihren Kratzern, Schrammen und Löchern zu sehen, die einst zur Metzgerei in diesem Raum gehörten. Hier lässt sich in Ruhe eines der schweren Kunstbücher auf den Knien lesen und blättern. Sehr bequem ist es. Und mit einem Kaffee vor sich auf dem Salontisch möchte man ganz gern länger bleiben. – Allerdings ist nicht gesagt, ob das bequeme, 2500 Franken teure Sofa bei einem nächsten Besuch immer noch da steht, denn alle im Raum aufgestellten Sitzgelegenheiten sind zum Verkauf da. Zur Verfügung gestellt hat sie Hannibal, die Unternehmung für An- und Verkauf von gebrauchten Designer-Möbeln.

15 m Büchergestell, Bücherinseln, Blick zum Eingang

Es ist eine Pracht, dem langen, dunklen Metallgestell mit sechs Etagen entlangzugehen, die vielen auf Augenhöhe präsentierten Buchcover zu bestaunen und die Rückenaufschriften zu lesen. Wer die obersten Bücher nicht erreicht, holt sich eine der beiden alten, hölzernen Bierkisten und steigt darauf.

Links an der Theke vorbei geht es drei Stufen hinauf. Dort befindet sich eine kleine Abteilung mit Kinderbüchern. Sie sind sorgfältig ausgesucht. Ein dunkles Cover eines sehr hohen, dünnen Buches fällt auf: Der Umschlag ist durchbrochen und gibt durch ein Netz aus Blättern den Buchdeckel frei. „Tief im Dschungel“ heisst es und wurde von Antoine Guillopé gezeichnet und getextet. Nicht nur der Umschlag ist durchbrochen, sondern zwischen jeder Doppelseite steckt ein solches Blatt und zeigt so ausschnittsweise den Inhalt der folgenden Seite.

Weiter liegen auf weiteren Inseln und in einem Gestell englischen Bücher aus ausgesuchten Verlagen auf. Ein Text am Radiator zwischen dem unteren und oberen Raum kündigt an, dass noch nicht alle englischen Bücher vorhanden seien, diese aber ergänzt werden, wenn sie von den Verlagen im englischsprachigen Raum eintreffen.

Eine schöne, helle Buchhandlung ist es. Und ihr Angebot kann einen Stunden fesseln und beschäftigen, auch wenn in vielen Büchern wenig zu lesen ist. Aber eben, auch Bilder müssen gelesen und verarbeitet werden wie Texte.

PS: Die Buchhandlung nennt sich zwar „Never stop reading“, allerdings steht auf den Preisschildern der Bücher Nestor Buch AG. Eine schöne Verkürzung des Namens. Vielleicht auch eine Anlehnung an den Nestor der griechischen Mythologie?