Archiv für den Monat: Januar 2014

Sphères

bbb bar buch bühne

 Michael Guggenheimer

michael spheresDie Entscheidung fällt nicht leicht: Café oder Buchhandlung? Zürich oder Brooklyn? Das Haus, das besagt die Aufschrift an der Fassade, heisst „Zürich Paris“. Zwei Tramspuren vor dem Haus, vier Autofahrspuren, die Fahrzeuge sausen am Gebäude vorbei, zwei hundert Meter weiter stadtauswärts beginnt die Autobahn, hier geben die Fahrer schon Gas. Bei schönem Wetter sitzen Gäste vor dem Haus, vor ihnen die vielen Autos, die Gäste trinken Kaffee und lesen Zeitungen, leise ist’s hier nicht. Drinnen ist morgens Klaviermusik ab CD zu hören. „Sphères“ heisst der Ort, die Schreibweise ist französisch, er weist zwei Ebenen auf. Sieben Tritte einer beweglichen Treppe auf Rädern trennen den Caféteil von einem erhöhtem Bühnenbereich. Oben die Buchhandlung mit niedrigen mobilen Bücherregalen, ein Gestell mit Ansichtskarten, ein Klavier und ein langer Tisch, an dem drei Menschen inmitten von Büchern an ihren Laptops arbeiten. Zum Beispiel Barbara Schibli, Autorin von Kurzgeschichten. Sie sitzt hier und schreibt an ihrem Roman. Ein Student arbeitet an einer Seminararbeit. Ein älterer Herr liest eine Zeitschrift und trinkt seinen Morgenkaffee. So sind Buchhandlungen in Greenwich Village. Bezahlt werden die Bücher an der Cafétheke, für eine Beratung ist niemand zu sehen. Wer hier Bücher kauft, muss ein echter Leser sein, der weiss, was er sucht und was hier angeboten wird. Im selben Gebäude befindet sich die Redaktion der Wochenzeitung WOZ, im Sphères verbringen ihre Mitarbeiter ihre Kaffeepausen, hier werden an einem der Tische Interviews durchgeführt. Von einer Balustrade aus sind das Cafélokal und die Buchhandlung gut zu überblicken. Das Sortiment der Buchhandlung ist belletristisch ausgerichtet. Politische Bücher, Soziologie und Umwelt, Graphic Novels und ein gutes Angebot an Zeitungen und Zeitschriften ergänzen das Sortiment. Die Menükarte des Cafés liegt zwischen alten Buchdeckeln: „Musikkunde für die Oberstufe höherer Schulen“ lautet der Titel einer Menükarte, „Die verbale Klammer bei Notker“ von Ernst Bolli birgt eine andere Karte. Und weil wir hier in „Downtown Zurich“ sind, wird der Ort gleich auch in tadellosem Englisch beschrieben: „Three levels house the three merging sphères bar, books and stage“. Sphères im Plural bedeutet also Bereiche. Abends herrscht im unteren Bereich ein reger Barbetrieb. Und immer wieder werden die Bücherregale abends auf der Rampe nach hinten oder zur Seite geschoben, um Platz zu schaffen für eine Lesung, für ein Streitgespräch, für eine Buchpremiere. Ob es stimmt, dass hier nur tausend Bücher aufliegen, nicht mehr? In der Menükarte steht’s.

Sphères – bar, buch & bühne
Hardturmstrasse 66
CH-8005 Zürich
T: 044 440 66 22
www.spheres.cc

 

Dauerwurst

Heinz Egger

Sie nippt an ihrem Glas, bernsteinfarbenes Turbinenbräu. Elegant stellt sie das tulpenförmige Glas auf den Tisch zurück und greift nach einem Käsebröcklein von ihrem Tapas-Teller. Sie schiebt das Stücklein in den Mund, kaut und schaut in die Runde.

Links von ihr steht ein Tisch, an dem zwei Herren sitzen. Auch sie haben Tapas vor sich. Sie machen eifrig Notizen, der eine auf einem Block, der andere auf einem Tablet-Computer. Rechts und vor ihr stehen Stühle in Reihen. Wenige sind erst besetzt. In einer Ecke ein grosser Tisch. Darauf liegen schön aufgereiht die Bücher des Autors, der an diesem Abend liest.

Etwas weiter vorne führt eine Treppe auf eine Art Halbstockwerk. An dessen vorderem Rand steht ein Tisch mit Mikrofon darauf, zwei Stühle dahinter. Rechts davon hängt eine Leinwand von der Decke. Ein Projektor wirft ein Bild darauf, das über die Abendveranstaltung aufklärt: Thomas Meyer, Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse, Salis Verlag AG, Zürich, 2011.

Tiefer im Raum stehen Bücherregale. Das Sphères ist nicht nur Bar und Café, sondern auch Buchhandlung und Kulturhaus.

Spheres ZuerichDie junge Frau – nennen wir sie Eva – streicht sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, steht auf und steigt zur Buchhandlung hinauf. Sie geht den Gestellen entlang, greift da und dort nach einem Buch, blättert, liest und legt es zurück. Um an ihren Platz zurückzukehren, wählt sie den Weg über die Galerie, die sich L-förmig über Bar und Eingang erstreckt. Eine Treppe führt aus der Buchhandlung hinauf und über dem Eingang wieder herunter.

Mehr und mehr Leute strömen ins Lokal. Sie gehen zur Theke, bestellen Getränke und Essbares und suchen sich einen Platz. Der Lärmpegel steigt beträchtlich an. Satzfetzen. Worte. Lachen. Klirren von Gläsern.

Eva nimmt ein Rädchen Dauerwurst von ihrem Teller und kaut. Sie kramt ihr Mobiltelefon hervor und schaut nach, ob nicht jemand angerufen oder eine Textnachricht hinterlassen habe. Nichts. Sie lässt das Gerät in der Tiefe ihrer geräumigen Tasche verschwinden. Sie kaut immer noch an dem Wurststück.

Sie beugt sich unvermittelt zum Herrn zu ihrer Linken und fragt: „Wie finden Sie die Salami?” Etwas erstaunt wegen der Frage, entgegnet er, er wisse es nicht, denn er sei Vegetarier. Sie müsse schon seinen Freund fragen. Dieser zieht die Augenbrauen hoch und schaut sie länger an. Eigentlich finde er die Farbe und den Geschmack gut. „Ja, ich auch”, entgegnet sie ihm, „aber da sei doch etwas Zähes daran.”

Die Konversation bricht ab, denn die Leinwand fährt lautlos hoch und das Licht ändert sich. Der Moderator und der Autor drücken sich der Theke entlang durchs Publikum und steigen zu ihrem Tisch hinauf.

Der Moderator, der auch der Verleger ist, führt den Autor kurz ein. Er erzählt, wie er den Autor kennengelernt hat: Es war bei einer Wohnungsübergabe. Der Verleger war der Nachmieter. Dann öffnet der Autor sein Buch und beginnt vorzulesen. Eine Stunde lang. Eva ist ganz Ohr. Sie hängt an den Lippen des Autors. Sie lässt sich ganz auf die bisweilen groteske Geschichte von Wolkenbruch ein. Immer wieder erklingt ihr helles Lachen.

Als der Applaus verklungen ist, ist ihr Glas leer, der Teller fast leer gegessen. Sie beugt sich wieder nach links und fragt, wie die Lesung gewesen sei. „Oh, ganz gut, lustig, witzig, schnell. Und man merkt, dass der Autor das jüdische Milieu kennt”, sagt ihr Nachbar. „Aber …”, worauf sie ihm ins Wort fällt und ergänzt: „… mir fehlt etwas, ich sehe den Autor, höre seine Stimme, weiss aber nicht mehr über ihn und sein Buch.” „Stimmt, ein paar Fragen zum Roman und zu den Hintergründen wären eine Bereicherung gewesen”, erwidert ihr Nachbar, während er sein elektronisches Notizbuch einpackt.

Eva nimmt ihr Glas und verschwindet zwischen den Leuten an der Theke.

 

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