Archiv für den Monat: März 2014

Sportantiquariat

Am Ball

Michael Guggenheimer

Sportantiquariat: Sammlung von Büchern und Memorabilien

Steil ist die Frankengasse in der Zürcher Altstadt, an der sich das Sportantiquariat befindet. „Sportmemorabilia“ heisst es auf einer Tafel, die in der Oberdorfgasse auf das Sportantiquariat hinweist. Dicht ist im kleinen Lokal der Mix an Büchern, Zeitschriften, Photographien, Matchprogrammen, Plakaten, Trikots, Schallplatten, Postern, Quartetten. Alles Sport! An einem hohen Zeichentisch steht Besitzer Gregory Germond und telefoniert mit der Witwe eines früheren Eishockeyspielers, die ihm die Andenken und Buchbestände ihres verstorbenen Mannes anbietet. Morgen wird er sich auf den Weg zu ihr nach Lausanne machen, um ihr Angebot zu prüfen. Mittwoch ist Germonds „Ausschwärmtag“, der Tag, an dem er sich auf die Suche nach begehrten Sportobjekten und –büchern begibt. Am Mittwoch ist das Sportantiquariat geschlossen.

Bücherregale an vier Wänden, ein voll beladener Tisch in der Mitte des Raums. Bücher, Jahresberichte und Zeitschriften eng beisammen bis an die Decke geordnet nach Sportdisziplinen, Biografien bekannter Sportler aus dem In- und Ausland. Im Nebenraum Trikots zahlreicher Fussballclubs, Wimpel von Sportverbänden, Stecknadeln und Medaillen und Pokale aller Art. In einer Vitrine besondere Kostbarkeiten wie Fussballschuhe, die von Profis getragen wurden, deren Namen am Schuh eingeprägt ist. Gregory Germond, den mein Staunen über so viele Sportbücher erstaunt, fragt mich, welchen Fussballmatch ich zuletzt gesehen hätte. Als ich ihm sage, dass ich in meinem Leben nicht mehr als insgesamt zwei Fussballspiele in einem Stadion gesehen hätte, wendet er sich ab, mit Sportbanausen verbindet ihn offenbar wenig. Hätte ich erzählen sollen, dass mein erster Fussballmatch mit meinem Grossvater einem Spiel mit Fussballlegende Ferenc Puskas galt? Wäre ich dann ein Gesprächspartner geblieben? Bücherkenner Martin Dreyfus, den ich am selben Abend an einer Sitzung treffe, zeige ich stolz meinen Buchkauf in Gregory Germonds Reich, worauf mich der Besitzer einer immerhin 30 000 Bände umfassenden Bibliothek erzählt, Germond hätte ihm vor Jahren anlässlich eines Besuchs im Antiquariat geradeheraus gesagt: „Hier finden Sie keine Bücher, die Sie interessieren“. Nach einer Weile im Laden taut Germond trotzdem auf. Er zeigt mir alte Pressebilder der Firma Photopress, Fotos von Fussballern und Bobfahrern. Besonders gesucht seien signierte Fotos von Fussballern. Tragen die Bilder zusätzlich zur Unterschrift auch noch das Datum eines längst vergangenen Spiels, sind sie gleich wertvoller.

Das Sportantiquariat an der Frankengasse 6 besteht seit 2001. Es ist das einzige seiner Art in der Schweiz. Schwerpunkt ist das Thema Sport und seine angrenzenden Gebiete. Ich entdecke mit der Zeit die Unterteilung der Bücherbestände nach Sportarten wie Wintersport, Fussball, Autosport, Tennis, Golf, Boxen oder auch Olympia. Und dann verteilt über die Gestelle Namen von früher, entfernt vertraute Namen wie Joe Siffert, Jackie Stewart, Björn Borg, Bubi Scholz, Muhammad Ali, Alex Frei, Franz Beckenbauer. Ich weiss wenig über alle diese Grössen, deren Namen mir als Zeitungsleser jedoch bekannt sind. Aber ich nehme wahr, dass ihr Leben und ihre Leistungen von Sportjournalisten und Ghostwritern zwischen zwei Buchdeckeln festgehalten wurden. Die Kunden im Sportantiquariat sind vergleichsweise jung, eindeutig mehr Männer als Frauen. Manche kommen nicht wegen den Büchern, sie suchen hier Trikots von Fussballspielern. Mit Kennerblick nehmen sie sofort wahr, ob das Trikot von einem Profi oder von einem Fan getragen wurde. Fussballbücher, Bücher zum Thema Eishockey und Olympiabücher sind am begehrtesten, Matchprogramme sind begehrte Objekte. Germond hat nicht von Anfang an von den Erträgen seines Ladens leben können. Er hat zwischendurch nebenher bei der Post gearbeitet. Selten betreten Besucher aus dem Ausland sein Sportantiquariat. Es sind Sportfans, die sich nicht für Schweizer Sportler interessieren, eher solche, die meinen, ausserhalb ihrer Heimat vielleicht auf ein verschollenes Buch über Sportler aus ihrem Land finden zu können. Das Land mit den meisten Sportbüchern? England lautet die Antwort von Gregory Germond. Und er sagt es nochmals: „England, kein anderes Land!. Und an zweiter Stelle Deutschland.“

Ich verlasse Germonds Laden, von dem ich mir einbilde, er rieche nach Sportlerschweiss, mit einem Buch „Davidstern und Lederball – Zur Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fussball.“ Und obschon ich bloss zweimal im Leben bei einem Fussballspiel in einem Stadion dabei war, darf ich noch eines der beiden antiquarischen Exemplare meines eigenen Buchs „Am Ball“ signieren. Auf Germonds Homepage sind unendlich viele Bücher nach Sportarten  zu finden. Mein Buch „Am Ball“ wird auf der Homepage mit dem Satz „Ein schönes Buch“ bewertet. Schön! Das ist aber nicht mein Verdienst, sondern das Verdienst von Gestalter Kaspar Mühlemann, der aus dem Buch ein richtig grosses Daumenkino erstellt hat, in dem die besten Fussballer der Schweiz des Jahres 2001 zu sehen sind.

Sportantiquariat
Frankengasse 6
8001 Zürich
T: 044 252 79 82
http://www.sportantiquariat.ch/

 

 

Schwingerluft

Heinz Egger

Wir treffen uns beim Sportantiquariat an der Frankengasse 6. Sportantiquariat – was erwartet mich da? Sammlung von gebrauchten Sportlerkleidern, Sportgeräten und Sporttaschen? Oder vielleicht Zeitungen und Bücher über Sport?

Durchs Schaufenster kann ich nicht in den Laden schauen. Es ist mit Plakaten abgedeckt. Eines zeigt ein weisses Kreuz auf rotem Grund, ein Motorradfahrer braust auf den Betrachter zu. Es ist Werbung für ein Rennen in Genf 1948. An der Scheibe klebt ein welliges Blatt, Oben steht Sportantiquariat in zwei verschiedenen Schriftarten. Darunter folgt ein vignettenartiges Bild mit einem Basketball, einem Tennis- und einem Unihockey-Schläger über Büchern. An- und Verkauf steht in fetten Lettern unter dem Bild. Schliesslich folgen Name und Adresse des Geschäfts, vor dem ich stehe. Ein handgemaltes Schild lehnt neben der Eingangstüre an der Wand. Die erste Türe links im kurzen Flur führt zum Antiquariat.

Als ich in den Raum eintrete, schlägt mir muffige Luft entgegen. Kellerluft. Kühle Luft. Der Antiquar hat sich eine Jacke um die Taille gebunden. Da das Schaufenster abgedeckt ist, dringt kaum Tageslicht herein. Vielleicht würde dieses die Schätze im Raum beschädigen. Eine Neonröhre spendet ziemlich spärliches Licht. Den Wänden entlang laufen verzinkte Gestelle. Es sind vielleicht 12 Laufmeter. Vor dem Schaufenster hat sich der Antiquar eingerichtet. Er arbeitet an einem alten Grafikertisch, der hydraulisch verstellbar ist. Auf dem Tisch prangt ein grosser Bildschirm mit dem angebissenen Logo. Der Drucker steht auf einem schwarzen Schubladenkorpus. Vor dem Tisch liegen Bananenschachteln. Aus einer ragt ein Racket heraus, dessen Bespannung arg zerschlissen ist. Welcher Sandplatzheld damit wohl seine Siege errungen hat? Auf einem Tischchen mitten im Raum liegt ein Stapel Rothman’s Football Yearbooks. Ihn ziert eine oft getragene, hellblaue Fan-Mütze des Eishockey-Clubs Davos.

Ein Blick in die Gestelle zeigt, dass Fussball und Eishockey das Angebot dominieren. Natürlich gibt es auch Bücher über Golf, Tennis, Boxen, verschiedenste Winter- und Sommersportarten und Olympia. – Und übers Schwingen, diese urschweizerische Art des Zweikampfs.

Schwinger- und Hornusserzeitung von 1919

Ich halte ein Bündel Blätter in der Hand: die Nummern 1 bis 23 des 13. Jahrgangs der Schweizer Schwinger- und Hornusser-Zeitung. Die Nummer eins wurde am 15. Januar 1919 ausgegeben.

Schwingen – der spezielle Duft im Sportantiquariat erinnert mich an die Zeit der Primarschule. In unserem Schulhaus lag tief unter dem Boden ein fensterloser Raum. Die Wände waren bis auf halbe Höhe mit Holz verkleidet. An grossen Haken hingen die groben Zwilchhosen, in denen die Schwinger ins Sägemehl zu steigen pflegen. Hier durfte ich mich hin und wieder mit dem Sohn des Abwarts austoben. Das Sägemehl im Schwingkeller lag in einer Wanne, die in den Boden eingelassen und so gross wie ein Lehrschwimmbecken war. Und es war immer leicht feucht. Ein modriger Geruch mit Schweissnoten hing immer über der Grube.

 

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