Archiv für den Monat: Juni 2014

Tola’at Sfarim (Tel Aviv)

Gut essen im Bücherwurm

Michael Guggenheimer

In der Sommerferienzeit, in der so viele Menschen verreisen, verlässt „Buchort“ erstmals Zürich und unternimmt einen Ausflug. Heute zu Besuch in Tel Aviv.

Weit ist der Platz vor dem Rathaus von Tel Aviv. In der Mitte des Platzes ein Teich mit Seerosen und grossen Zierfischen, an der Seitenfront des breiten Verwaltungsgebäudes das Denkmal zu Ehren von Yitzchak Rabin, Israels Premierminister, der 1995 an diesem Platz ermordet wurde. Auf der Ostseite die breite und laute Ibn Gvirol Strasse mit ihrem pausenlosen Verkehr. Wenn die Sonne auf dem grossen Platz mittags und am Nachmittag unerträglich heiss wird, dann bietet sich an der Westseite des Platzes unter einer schattenspendenden Betondecke, die von den für Tel Avivs Häuser so typischen Pilotisäulen getragen wird, die Möglichkeit, einen Eiskaffee zu trinken, Salate und Kuchen zu bestellen. Es ist das Café der 1985 von Fanny Hirshezon und Eliana Yedov gegründeten Buchhandlung Tola’at Sfarim. Tola’at Sfarim bedeutet Bücherwurm, von dem es auf der Homepage der Buchhandlung heisst: „Unsere Gäste sind eingeladen, gemütliche Stunden bei uns zu verbringen“.

Es ist ein guter Ort zum Verweilen. Die Buchhandlung ist nicht gross. Und alle die „Zwei-Für-Drei-Aktionen“, mit denen die beiden Buchhandelsketten Steimatzky und Tsomet Sfarim laut werben und nerven, gibt es hier nicht. Wer hier ein gutes Buch kaufen will, der wird nicht dazu aufgefordert, noch einen amerikanischen Roman, den er gar nicht mitnehmen wollte, auch noch einpacken zu lassen. Endlich muss man nicht eine israelische Buchhandlung mit einem Gratisroman von Danielle Steele oder mit einem Buch von Paulo Coelo verlassen. Hier gibt es keine Dumpingpreise und keine Sonderaktionen. Dafür sind die beiden Buchhändlerinnen Fachfrauen mit guten Englisch- und Deutschkenntnissen, die ihre Bücher kennen, zu fast jedem Buch etwas sagen können, die einem kein X für ein U vormachen.

Tola’at Sfarim ist eine sympathisch spezialisierte Buchhandlung, wo ausgesuchte zeitgenössische israelische Belletristik ebenso angeboten wird, wie psychologische und psychoanalytische Literatur. Gedichtbände, literarische Zeitschriften, viele Bände Chaim Bialik und Shmuel Yosef Agnon warten hier in den Regalen. Und weil Tel Aviv eine Stadt ist, in der an jeder Strassenecke auch noch amerikanisches Englisch zu hören ist, verfügt die Buchhandlung auch über eine schöne Auswahl an Bildbänden und Monografien zur Architektur und zum Design aus Europa und den USA. Im Jahr 1999 gründeten die Eigentümerinnen von Tola’at Sfarim einen Verlag, der sich auf die Herausgabe psychoanalytischer Schriften spezialisiert hat. Vor der Buchhandlung und im hinteren, schmalen Teil des Geschäfts kann man wunderbare Salate und hausgemachte Cakes essen. Und die beiden Buchhändlerinnen schauen keinen Kunden schief an, der mit einem Buch an den Tisch geht, um sich dort beim Einlesen zu überlegen, ob er das Buch auch wirklich kaufen soll.

Hier kann man lange sitzen und plaudern, kann die Tageszeitung Ha’aretz lesen oder am Computer eine Kurzgeschichte schreiben und dann im eigenen Blog veröffentlichen. Tola’at Sfarim ist ein Stück echtes und pulsierendes, sympathisches Tel Aviv. Zu den treuen Gästen von Buchhandlung und Café gehört Judith Kimche, Mitbegründerin des Zürcher Verlags Nagel & Kimche, die seit vielen Jahren ganz in der Nähe mehrere Monate im Jahr verbringt. Gerne trifft sie hier ihre Gäste und Freunde. Der Lyriker Asher Reich, der hier regelmässig am Nachmittag nach einem Humus am Baselplatz hier vorbeischaut, trifft sich im Bücherwurm gerne zu Besprechungen.

Handschrift in Hebräisch im Bücherwurm an der Mazeh-Strasse

Wer nach einem noch grösseren Angebot an Kunstbücher Ausschau hält, der kann sich zur Filiale von Tola’at Sfarim an der Maze Street begeben, wo im Twin House nach demselben Prinzip eine weitere Buchhandlung mit Café eingerichtet wurde. Hier kann man sogar in einem wunderbaren Garten frühstücken, denn der zweite Sitz von Tola’at Sfarim verfügt über mehr Caféhausfläche. Und auch hier ist die Beratung hervorragend. Zudem finden hier regelmässig Buchpremieren und Lesungen statt, was im engen Mutterhaus am Rabinplatz nicht wirklich möglich ist. In einem Tel Aviv Führer heisst es: „Sitting in the store sipping a cappuccino or cold coffee while reading a story by Dickens, you might almost forget where and when you are; even the blazing heat outside might seem like a long lost memory.“ Dem ist nichts beizufügen.

Tola’at Sfarim
Rabin Square 9
und Mazeh Street 7
Tel Aviv
T: 00972 3 529 8490
www.bookworm.co.il

 

An bester Lage

Heinz Egger

Bücher kaufen, einen Kaffee trinken, arbeiten im Bücherwurm

Draussen sitzen sie im Schatten, einen Hafuch gadol – einen grossen Milchkaffee – vor sich oder ein Glas Tee mit frischer Minze. Man unterhält sich, raucht, fingert am Handy herum oder macht einfach Pause und schaut dem Treiben auf dem weiten Rabin-Platz zu. Drinnen sitzen sie dem Schaufenster entlang an kleinen Tischen vor ihren Laptops und Tablets. Oft steht eine leere Tasse oder ein leeres Glas daneben. Hier arbeiten Studierende oder erledigen Geschäftsleute ihre Korrespondenz. Der Internetzugang ist gratis, es braucht nicht einmal ein Passwort.

Der Ort ist aber nicht bloss ein Kaffeehaus. Schliesslich nennt er sich auf Deutsch Bücherwurm. Im kleinen, eher schlauchartigen Raum nehmen weisse Büchergestelle zwei Wände ein. Ein enger Bürobereich verengt die Wand gegenüber dem Schaufenster, sodass nur ein gut mannbreiter Durchgang zur Theke bleibt.

Ich schreite langsam die Gestelle ab, schaue in die Fächer, wo sich mir farbige Buchrücken zeigen. Ich kann zwar langsam die Titel Buchstaben für Buchstaben entziffern, aber einen Sinn ergibt das Gelesene nicht. Ich würde kaum ein Buch von Shalev, Nevo, Gundar-Goshen, Jehoshua oder Appelfeld finden, weil selbst die Transkription von Namen ihre Tücken hat. Und sobald ein Wort aus dem Ivrit stammt, entzieht sich mir die Bedeutung so oder so. Ein Taxifahrer hat nur schallend gelacht, als ich ihm auf die Frage, ob ich Hebräisch könne, geantwortet habe, das Alphabet sei mir bekannt. Man muss wohl mit einer Sprache, bei deren Verschriftlichung meist nur Konsonanten verwendet werden, aufgewachsen sein, um virtuos damit umzugehen, dass die Wortbedeutung markant ändert, je nachdem was für Vokale eingefügt werden.

Ich öffne trotzdem den einen und anderen Band, halte den Schnitt links und blättere. Dabei habe ich den Eindruck, ich öffne das Buch von hinten. Mir fällt der klare Druck auf. Die Seiten sind wie Kalligrafien. Tiefes Schwarz, viel mehr Weiss als mit der lateinischen Schrift. Die Buchstaben sind auch grösser. Wirklich schön!

Auch wenn ich das Geschriebene nicht entschlüsseln kann, ist klar, dass es eine Abteilung für Kunst und Architektur gibt – hier verraten die Bilder den Inhalt. Eine andere gehört sicher der Belletristik, hier verrät die Umschlaggestaltung den Inhalt. Und dann ist eine beachtliche Anzahl Bücher auf Englisch vorhanden. Ein grosser Teil widmet sich der Psychologie.

Diese sind, wie ich vom jüngeren Mann an der Kasse erfahre, auch die drei wichtigsten Bereiche der kleinen Buchhandlung. Sie seien immer noch unabhängige Buchhändler, betont er. Dies erlaube ihnen, das aufzulegen, was ihnen wichtig erscheine. Nur die neuesten Bücher seien da. Ich frage nach einem jiddischen Buch, wenn möglich für Kinder. Da winkt er ab. Das sei eine viel zu kleine Nische. Früher hätten sie den Kleinen Prinzen von St. Exupéry geführt, aber mangels Nachfrage wieder aus dem Sortiment genommen. Es gebe nur einen bedeutenden Verlag für solche Bücher, er sei in Amerika beheimatet. Sonst müsse ich in Jerusalem in Mea Shearim in einer Buchhandlung schauen, werde da aber sicherlich nur religiöse Geschichten finden. Für meinen Freund in Zürich frage ich nach zwei kürzlich erschienenen Büchern auf Hebräisch. Ha-Mikveh Ha-Acharon Be-Sibir – die letzte Mikweh in Sibirien – von Eshkol Nevo ist nicht vorrätig, „Shta’im Dubim“ – zwei Bärinnen – von Mei’ir Shalev hingegen schon. So werde ich denn doch noch stolzer Erwerber eines Buches im Tola’at Sfarim.

Ich kehre nach dem kurzen Gespräch an meinen Platz zurück und entdecke ein paar Kinderbücher. In diesen ist Geschriebenes mit Punkten und kleinen Strichen versehen. Die Zeichen geben an, was für Vokale einzufügen sind. Kinder lernen alle mit Hilfszeichen zu lesen, erfahre ich später in einem Gespräch. Wenn die Wortbilder sich gefestigt haben, können die Hilfen wegfallen.

Mein Minzentee ist inzwischen kalt geworden. Das macht nichts, denn draussen steigen die Temperaturen. Es ist Mitte Mai und das Thermometer klettert täglich höher. An diesem Tag zeigt es 29 Grad. Bücherwürmer verziehen sich da ins Innere ihres Hauses.

 

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