Archiv für den Monat: November 2014

Privatbibliothek der Exilliteratur von Martin Dreyfus

Von der Türkei bis Shanghai

Michael Guggenheimer

Blick in die grösste private Bibliothek mit Exilliteratur 1933-1950

Buchhändler und Verleger, Büchersammler und Ausbildner, Antiquar, Leiter literarischer Reisen und Spaziergänge, Herausgeber und Autor: Martin Dreyfus’ Leben ist voll von Büchern. In Thalwil steht seine 30 000 Bände umfassende Bibliothek, deren Kernbestand der Exilliteratur der Jahre 1933 bis 1950 bildet.

„Ich war schon immer ein Sammer. In einer Schnitzelbank in Basel machte sich Jurist Ignaz Herzfeld lustig über mich als Kind, das leidenschaftlich sammelt. Noch vor Beginn der Lehre habe ich damit begonnen, Bücher gezielt zu sammeln. Schon früh waren es Bücher zur Geschichte des Dritten Reichs und der Judenverfolgung, die mich interessierten.“ Bücher sammelt Dreyfus seit dem Jahr 1969, als er in einem Basler Antiquariat, damals noch als Schüler, aus seinem Taschengeld ein erstes besonderes Buch für Fr. 45.- erwarb, das den Grundstock für eine Sammlung legte, wie es sie in der Schweiz nicht nochmals gibt. „Der gelbe Fleck“ lautete der Titel dieses ersten Buchs, das im Jahr 1936 in Paris verlegt wurde und sich mit der Ausgrenzung der Juden im Dritten Reich befasste. Exilliteratur der Jahre 1933 bis 1950 in Originalausgaben bildet das Kerngebiet seiner Sammlung, die in einem Gewerberaum in Thalwil steht. Weitere Bücherräume stehen in Kilchberg und in Basel. Wie breit sein Horizont zum Thema Exilliteratur ist, wird deutlich, wenn man weiss, dass er sich mit der Türkei als Zufluchtort von Künstlern und Wissenschaftlern im Zweiten Weltkrieg ebenso befasst wie mit Shanghai und Lateinamerika, wohin deutsche und österreichische Autoren, Verleger und Buchhändler geflohen sind. Eine Jury des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegervereins ernannte Martin Dreyfus zum „Buchmensch des Jahres 2014“. An der Preisverleihung sagte Autor und Psychoanalytiker Jürg Acklin: „Keiner kennt sich so aus in der Zwischenkriegs- und Emigrantenliteratur wie er. Sein Überblick und gleichzeitig seine Detailgenauigkeit verblüffen einen immer wieder. Dabei versteht er es, einen für Autoren und Autorinnen zu begeistern, von denen man bis anhin kaum oder noch gar nichts gehört hat.“

Martin Dreyfus’ Bücherwelt ist mit den Jahren gewachsen. Immer wieder melden sich bei ihm Leute an, die über Exilliteratur forschen. Katalogisiert ist sein grosser Bücherbestand nicht. Ein Experte, der sich mit dem Bibliothekswesen in St.Gallen befasste, hat ausgerechnet, dass man für diese Aufgabe eine Fachperson anstellen müsste, die drei „Mannjahre“ Arbeit investieren müsste, um den Bestand der Privatbibliothek aufzunehmen. Dass Martin Dreyfus die Übersicht über sein Bücherreich auch ohne Katalog hat, erlebt, wer ihn in seinen Bibliotheksräumen aufsucht. Man muss nur den Namen eines Verlags, eines Autors oder einer Stadt nennen und schon steht er auf, um zielsicher zum Tablar zu schreiten, in dem die Bücher so wichtiger Exilverlage wie Allert de Lange und Querido in Amsterdam, Malik in London, Berman Fischer in Wien und Stockholm oder Dr. Oprecht in Zürich stehen. Nicht anders bei der Nennung von Namen von Exilautoren. Immer wieder veröffentlicht Martin Dreyfus Artikel über exilierte Autoren und über Verleger im Exil, sei es in Zeitschriften und in Büchern.

Ein zweites Thema bildet einen weiteren Grundstein von Martin Dreyfus’ Bücherreich: Es sind Bücher zum Thema Buchwesen und Buchhandel. Es ist die frühere Bibliothek des „Schweizerischen Buchhandlungsgehilfen- und Angestelltenvereins“, der im Jahr 1920 mit dem Aufbau einer eigenen Bibliothek begonnen hat. Dieser Bestand, bekannt unter dem Namen „Bibliothek des Schweizer Buchhandels“, reicht thematisch von der Schaufenstergestaltung von Buchhandlungen bis hin zur Verlagsgeschichte. In den 1970er Jahren ist die Bibliothek nach der Schliessung der Luzerner Buchhandelsschule zunächst heimatlos geworden, Martin Dreyfus hat ihr Asylrecht in seinem Bücherreich gewährt, wo auch Bücher des früheren Artemis Verlegers Bruno Mariacher zum Thema Buch stehen.

Zwei Literaturzirkel leitet der „Büchermensch des Jahres“ auch noch, in denen gemeinsam ausgewählte Bücher gelesen und besprochen werden. Zudem ist er im Auftrag einer Stiftung Nachlassverwalter des Schriftstellers Walter Mehring. Und wenn er Zeit findet, durchstreift er regelmässig mit seinen Bücherfreunden Manfred Papst von der NZZ am Sonntag, mit dem Literaturwissenschaftler Werner Morlang, mit Thomas Ehrsam, dem Leiter der Bibliothek der Museumsgesellschaft, mit Lektor Franz Cavigelli und mit dem Maler Kaspar Toggenburger Zürcher Buchantiquariate auf der Suche nach Büchern, die in seine 30 000 Bücher fassende Bibliothek noch passen könnten.

 

 

Exilliteratur-Kartograph

Heinz Egger
Thalwil, Berghaldenstrasse 1. Ein schwarzer Schlüsselbund baumelt am Schlüssel im Schloss der offenen Türe. Wie bei uns daheim. Und man tritt in einen grossen Raum. Wären da nicht die Deckenisolation und die Neonröhren mit ihrem kalten Licht, man wähnte sich in einem Wohnzimmer. Parkettboden und Teppiche verstärken den Eindruck. Im grossen Kellerraum finden bis 40 Personen Platz. Plexiglasvitrinen mit aufgeschlagenen Büchern weisen darauf hin, dass hier immer wieder Leute hereinschauen.

Bücher voller Zettel und Zeitungsausschnitten: Exilliteratur in der Privatbibliothek von Martin Dreyfus

Die Gäste strömen in den Raum, begrüssen sich, schauen sich scheu um, vielleicht auch etwas ehrfürchtig. Niemand zieht ein Buch aus den Gestellen. Warum wohl? Sind es die vielen Zettel und Zeitungsausschnitte, von denen manche ganz vergilbt sind? Oder ist es die makellose Ordnung, bei der jedes Buch genau an der Kante des Regalbretts steht? Oder ist es die unendliche Menge an Buchrücken, in denen sich das Auge verliert?

Man setzt sich und wartet auf das Gespräch. Wenige Fragen bringen Martin Dreyfus ins Reden. Sein Erzählstrang hat viele Verzweigungen, denen er gern folgen möchte. Er hält sich aber wörtlich selbst zurück und tönt vieles nur an. Türchen werden aufgestossen wie bei einem Adventskalender. Sie geben einen kleinen Einblick in das breite und tiefe Wissen von Martin Dreyfus.

Seine Sammlung weist grob drei Schwerpunkte auf. Im Raum, in dem wir sind, stehen die Bücher zur deutschsprachigen Exilliteratur. Es sind dies nicht nur die Werke der exilierten Autorinnen und Autoren aus der Zeit von 1933 bis 1945, sondern auch Sekundärliteratur, Judaika – nicht Hebraika, wie er betont – und Bücher über den Nationalsozialismus. Sogar „Mein Kampf“ ist dabei.

Martin Dreyfus besitzt schweizweit, ja im deutschsprachigen Raum die grösste Sammlung in Privatbesitz solcher Literatur. Dazu gehören unter anderem auch die fast vollständigen Ausgaben von deutschsprachigen Büchern zweier holländischer Verlage: Querido und Albert De Lange.
Ein zweiter Schwerpunkt sind die Bücher über die Geschichte des Buches, seiner Herstellung und die Fabrikation von Papier. Dieser Bestand lagert allerdings in Rüschlikon.

Der dritte Schwerpunkt bildet die Bibliothek mit den Büchern zu seinen literarischen Reisen: Davos, Sils im Bergell, Ascona, Prag, Vilnius, Riga, Meran, Bozen, Triest und Dresden.
Die Bibliothek ist privat, was heisst, dass die Bestände nicht einfach zugänglich sind. Auf Anmeldung ja. Bibliothek heisst auch Katalog. Den gibt es aber nicht. Alle Bücher – es sind mittlerweile über 30 000 – bilden im Kopf von Martin Dreyfus eine Landkarte. Er weiss genau was wo steht. Einen Katalog zu erstellen, bedeutete gut drei Mannjahre Arbeit. Bibliothek heisst auch Ausleihe. Nur selten leiht Martin Dreyfus ein Buch aus – und auch nur, wenn es in mehr als einem Exemplar vorhanden ist.

Nach dem Gespräch strömen die Besucher zwischen die Gestelle. Sie ziehen da und dort einen Band heraus, blättern und staunen.

Ich „entdecke“ zwei Ausgaben des Talmud. Ich nehme den Band 1 und schlage ihn an beliebiger Stelle auf. Da geht es darum, ob man am Sabbat Wein durch ein Tuch seihen dürfe. Eigentlich wäre das Arbeit, oder? Doch man darf. Allerdings ist es verboten, eine Vertiefung ins Tuch zu drücken …

Ein unermesslicher Schatz. Ob er versichert sei, bejaht Martin Dreyfus. Allerdings sei kein Versicherungsagent vorbeigekommen. Bücher aus dem 20. Jahrhundert sind eben nicht Kunst oder Edelmetall. Bloss einfacher Hausrat.

 

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