Archiv für den Monat: April 2015

Buchläden in Konstanz (D) – Konstanzer Bücherschiff

Büchereinkauf „nebenan“

Michael Guggenheimer

Konstanz am Bodensee zählt 82 000 Bewohner, 12 000 Studierende weist die Uni auf, knapp 5000 Studenten die „Hochschule Konstanz – Technik, Wirtschaft und Gestaltung“ (HTWG). Eine Stadt mit 17 000 Studenten muss auch gute Buchhandlungen haben. Anders als im gleich grossen St.Gallen sind die Studenten im städtischen Leben von Konstanz sichtbarer. Das mag mit den anders gerichteten Studienrichtungen in den beiden Städten zu tun haben oder auch mit den Studentenwohnhäusern, die in Konstanz in mehreren Stadtteilen verteilt sind. „Die heimliche Hauptstadt des Kantons Thurgau“ nennen manche die Stadt am See und Rhein. Wenn man die Anzahl der Fahrzeuge mit Schweizer Kennzeichen auf den Konstanzer Strassen sieht, wird einem klar: Konstanz ist heute noch mehr als früher ein Einkaufsmekka der Deutschschweizer. Das gilt auch für Buchkäufer. Seitdem der Schweizer Franken so stark ist erst recht. „Die Buchhandlungen in Konstanz wären am Ende, wenn es die Schweizer Kundschaft nicht gäbe“, sagt ein langjähriger Beobachter der Konstanzer Buchszene. „Aus dem Thurgau, aus St.Gallen und aus Zürich kommen die Buchkäufer hierher, um die Bücher abzuholen, die sie per Mail bestellt haben, weil die Bücher – sogar die Schweizer Bücher – in Deutschland deutlich preiswerter sind als in der Schweiz“.

Für eine Stadt ihrer Grösse ist Konstanz im Bereich des Buchhandels sehr gut ausgestattet. Das Münchner Buchhaus Hugendubel ist im grossen Einkaufszentrum Lago am Rand der Altstadt mit einer Filiale vertreten. Zwei grosszügig dimensionierte Buchläden unterhält die Osiandersche Buchhandlung aus Tübingen in der Konstanzer Altstadt. Die grössere Filiale an der Kanzleistrasse verfügt auf mehreren Stockwerken über eine Verkaufsfläche von 1000 m2 und ist sehr reich dotiert. Ein Café bietet bei gutem Wetter auch Sitzplätze unter freiem Himmel. Direkt am Münsterplatz gelegen ist die 1921 unter dem Namen Münsterplatz Buchhandlung gegründete und seit 1953 im Familienbesitz befindliche Buchhandlung Homburger & Hepp mit ihrem schönen Verkaufsraum. So gemütlich haben gute Buchhandlungen früher ausgesehen, die moderne Welt der Ladeneinrichtungen ist hier noch nicht eingezogen, was dem gut dotierten Geschäft eine schöne Ambiance verleiht. Klein und fein ist die Buchhandlung „Zur Schwarzen Geiss“ am Obermarkt: Hier ist das Angebot an politischen Titeln und an Büchern, die sich mit sozialen und zeitgeschichtlichen Themen befassen, konzentriert in einem vergleichweise kleinen Raum zu haben. Buchhändler Andreas Haane gilt unter passionierten Konstanzer Buchlesern als der belesenste unter den Buchhändlern der Stadt. Der Aufdruck auf der Quittung dieser Buchhandlung lautet: „Seit 37 Jahren ohne Chef“ und verweist auf die vier Eigentümer des Ladens. An der Münzgasse befindet sich Hille Cooks English Bookshop mit seinen 15 000 Lagertiteln. „Wir sprechen englisch und deutsch.“, heisst es auf der Homepage der Buchhandlung, die Buchbesprechungen zu Neuerscheinungen in englischer Sprache aufweist. Studierende der Universität beziehen hier regelmässig Bücher aus ihren Studiengebieten, die sie benötigen.

Bücher in der Konstanzer Altstadt auch bei Buchkultur Opitz am St. Stephans Platz. „Buchhandlung, Antiquariat, klassische Musik“ preist sich der Laden an, in dem auch anthroposophische Literatur erhältlich ist. Und damit klar ist, wer hier auch noch einkauft, heisst es: „Hier haben Sie die Möglichkeit unter 400.000 Notenausgaben auszusuchen. Für unsere Schweizer Kunden haben wir einen eigenen Notenshop eingerichtet, mit Versand ab Kreuzlingen. Selbstverständlich besteht auch für Schweizer Kunden die Möglichkeit, im Euro-Shop zu bestellen und die Noten bei uns im Geschäft abzuholen, mit Ausfuhrschein zur Mehrwertsteuer-Erstattung.“

Konstanzer Bücherschiff an der Paradiesgasse

Seit 1958 existiert an der Paradiesstraße in der Altstadt das Konstanzer Bücherschiff. Wie eine Wohnung voller Bücher wirkt das erste Stockwerk mit seinen drei ineinander übergehenden Räumen und mit der knarrenden Holztreppe. Eine gelbe Wand voller Reclambände, eine rote mit Büchern von Wagenbach. Reich dotiert die juristische Literatur im ersten Stockwerk, bunt und phantasievoll die vielen schönen Geschenkpapiere. Die Belletristik im Erdgeschoss ist wie anderswo alphabetisch geordnet. Damit man sich leicht bei den Autorennamen zurecht findet, heisst es dann F wie Fallada, K wie Kästner, L wie Levi, U wie Updike oder S wie Steinbeck. Das eine Schaufenster im Monat Mai thematisch sehr sorgfältig zum Thema Tod sortiert: Emmanuèle Bernheims „Alles ist gut gegangen“ über den Tod ihres Vaters, Julian Barnes „Lebensstufen“ über die Trauer nach dem Tod seiner Frau unter weiteren 25 Büchern wie „Leben dürfen – leben müssen: Argumente gegen die Sterbehilfe“, „Der Tod und das Leben danach“ oder „Wenn Kinder nach dem Sterben fragen“. Lange Jahre war die vom Verleger Thorbecke gegründete Buchhandlung die erste am Platz. Manche Kunden erzählen noch heute vom Buchhändler Ekkehard Faude, der lange Jahre hier gearbeitet hat, und den sie vermissen. Die Konkurrenz ist grösser geworden. Uni, Hochschule, Pensionäre aus dem Norden Deutschlands, die an den Bodensee gezogen sind, sind ebenso wie Buchkunden aus der Schweiz als Leser hinzugekommen. Mit ihnen sind auch neue Läden entstanden. Konstanz ist eine gute Buchstadt.

 

Ahoi!

Heinz Egger

„Wer will noch mit? Kommen Sie an Bord. Wir fahren direkt zum Bücherhimmel. Rasch, wir legen gleich ab“, ruft der Kapitän den auf der Paradiesstrasse vorbeiflanierenden Leuten zu. Dann erschallen ein paar Befehle. Das Segel wird gehisst, der Steg zum Ufer wird knarrend an Bord gezogen, die Leinen gelöst und schon bald bläht der Wind den starken Stoff. Das Bücherschiff nimmt Fahrt auf und schaukelt langsam durch die Hafeneinfahrt.

Eingang zum Bücherhimmel

Es ist nicht weit bis in den Bücherhimmel. Daher wird das Segel alsbald wieder gerefft. Langsam gleitet das Schiff unter dem Tor durch und legt an einer kleinen Insel an. Die Kinder jubeln und springen von Bord. Sie holen sich Pinocchio oder Peter Pan, die grösseren Rebecca Sarles Famous in Love oder Gabrielle Zevins Bitterzart oder Sjoera Kuypers Erst wirst du verrückt und dann ein Schmetterling. Einige schauen sich die umfangreiche Auslage an Hörbüchern an.

Der Kapitän muss laut rufen, wiederholt, bis alle sich losreissen können. Einige nehmen ihr Buch mit. Der Kapitän lächelt.

Weiter geht die Fahrt in nahe und ferne Länder. Die Reiselustigen gehen von Bord, schauen sich um: Sie finden eine grosse Auswahl zu England, Frankreich, Italien, Spanien, Schweiz, Bodensee und Deutschland. Gegen zehn Bücher handeln allein von Schottland – ein grosses Angebot.

Zwischen Inseln hindurch zu weiteren Welten, die sich in den Büchern eröffnen: Wo viele Autorinnen und Autoren stehen, sind sie alphabetisch geordnet. Die Schildchen mit den Buchstaben tragen Aufschriften, beispielsweise A wie Allende, D wie Dürrenmatt oder P wie Proust. Neuheiten liegen auf: Götz Aly, Volk ohne Mitte – die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus. Naomi Klein, Die Entstehung des Kapitalismus versus Klima. Jean Ziegler, Ändere die Welt. Thilo Bode, TTIP – die Freihandelslüge. Ayaan Hirsi Ali, Reformiert euch! – Warum der Islam sich ändern muss. Elizabeth Kolbert, Das Sterben – wie der Mensch Naturgeschichte schrieb. Genug Stoff, um zu verweilen, aber die Reise geht weiter.
An den schönen roten Büchern des Wagenbach-Verlags und den farbigen Insel-Taschenbüchern vorbei zu den zahlreichen Büchern der Juristen: Familienrecht, Baurecht, Handelsrecht und Arbeitsrecht. Die Reisenden stehen an der Reling, schauen den vorbeiziehenden dicken Büchern nach. Niemand ruft nach einem Halt. Unter einem hübschen aus Ziegelsteinen gemauerten Torbogen schwenkt das Bücherschiff in den Bereich der Wein-, Garten- ,Tier- und Koch-bücher ein. „Der Duft eines Pfannkuchens bindet mehr ans Leben als alle philosophischen Argumente“, sagte einst Georg Christoph Lichtenberg. Der Spruch prangt über den Gestellen. Ein längerer Halt soll allen Gelegenheit bieten, ihre Eroberungen durchzusehen. Der Kapitän geht zu den Philosophen, Soziologen, Theologen und Historikern. Er greift nach Michael Schumachers Nebelkindern und lässt sich in einem bequemen Fauteuil nieder. Es ist so ruhig.

Florentiner Papiere

Und weil er das Buch verschenken möchte, durchstöbert er das wunderschöne Angebot an künstlerischen Geschenkpapieren. Jene mit dem weissen Rand, die Florentiner Papiere, sind besonders geschmackvoll. Wer möchte, findet hier gar ein exquisites Schreibutensil. Sie liegen in einer kleinen Vitrine. Und dazu könnte es natürlich noch ein Notizbuch von Moleskine sein.

Die Zeit schreitet voran. Einige Kinder quengeln. Die Reise war lang und voller Eindrücke. Alle gehen an Bord. Gegen den Wind aufkreuzend führt die Reise zurück an den Ausgangspunkt. Sanft legt das Bücherschiff an und wird sorgfältig vertäut, während die Reisenden glücklich von Bord gehen. Der Kapitän steht am Steg und verabschiedet seine Gäste.

Während der Reise hat eine Frau immer wieder zur Kamera gegriffen. Als sie aussteigt, schaut der Kapitän sie freundlich an und fragt: „Wozu haben Sie all die Bilder gemacht?“ Die Frau reckt stolz ihren Kopf in die Höhe und sagt: Ich kaufe das Bücherschiff.“

Konstanzer Bücherschiff
Paradiesstrasse 3
78462 Konstanz
T: 0049 7531 26007
www.buecherschiff.de

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