Archiv für den Monat: September 2015

Bücherladen Marianne Sax, Frauenfeld

Lesen ohne Algorithmen

Michael Guggenheimer

Meistens lautet die Bezeichnung jener Läden, in denen man Bücher kaufen kann, „Buchhandlung“. Nicht so in Frauenfeld. „Bücherladen Marianne Sax“ lautet die Aufschrift über den Schaufenstern des an einer Strassenecke im Übergangsbereich zwischen Altstadt und Vorstadt gelegenen Buchortes. Auf der Homepage lautet die Unterzeile: „Wir bringen Menschen und Bücher zusammen“. Hört man im Bücherladen genau zu, fällt einem schnell auf, dass die vier Buchhändlerinnen immer wieder ihre Kunden duzen. „Wir kennen die meisten unserer Kunden“, sagt Marianne Sax, die im nahen Weinfelden aufgewachsen ist, in der früheren Wissenschaftsbuchhandlung Freihofer AG in Zürich den Beruf erlernt hat und seit 25 Jahren den Bücherladen führt. „Manche unserer Kundinnen haben früher ihre Eltern beim Bücherkauf begleitet, heute kommen sie als Studentinnen zu uns oder sind selbst bereits Mütter.“ Dass man in Frauenfeld die Besitzerin des Bücherladens kennt und häufig auch duzt, hat auch mit ihrer Teilnahme am Vereins- und Politleben zu tun: Zehn Jahre Gemeinderat, lange Zeit im Chor, in diesem Herbst Kandidatur als Nationalrätin. Und immer wieder taucht ihr Name in den Medien auf weil sie seit 2008 Präsidentin des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV) ist und sich regelmässig zu Fragen der Buchpreisbindung, zur Lage des Buchhandels, zum Urheberrecht oder zu E-Books äussert. Nach ihrer Tätigkeit im Verband befragt, meint Marianne Sax: „In meiner Zeit als SBVV-Präsidentin hat sich in der Buchbranche vieles getan. Wir lancierten 2008 den ersten ‚Schweizer Buchpreis’, initiierten und koordinierten den ‚Auftritt Schweiz’ an der Leipziger Buchmesse 2014 und setzten eine Verlagsförderung in der Kulturbotschaft des Bundes durch. Es waren auch Rückschläge einzustecken wie die verlorene Abstimmung zur Buchpreisbindung 2012 oder der nie richtig in Fahrt gekommene ‚Welttag des Buches’“.

Empfehlungen der Buchhändlerinnen

Man sieht die vier Buchhändlerinnen bei der Arbeit und kann sie mit Namen ansprechen, auch wenn man hier zum ersten Mal weilt: Auf einem Korpus gleich beim Eingang sind jene neuen Bücher ausgestellt, welche die vier Frauen empfehlen. In jedem der empfohlenen Bücher steckt ein Buchzeichen, auf dem die jeweilige Buchhändlerin mit Bild und Namen zu erkennen ist. „Wir haben diese Bücher gelesen und sie haben uns begeistert, deshalb möchten wir sie weiterempfehlen“, sagt Marianne Sax. Buchhändlerin Käthi Bloch empfiehlt in dieser Woche Jocelyne Sauciers „Ein Leben mehr“, Marianne Gasser hat Adelle Waldmans „Das Liebesleben des Nathaniel P.“ gelesen, Annina Hilty schlägt Peter Hoegs „Der Susan Effekt“ vor und die Chefin mochte Klaus Modicks Roman „Konzert ohne Dichter“. Und weil die vier Buchhändlerinnen mehr als ein Buch in der Woche in der Hand haben und wirkliche Leserinnen sind, empfiehlt jede auch mehr als nur ein Buch.

Marianne Sax meldet sich zudem bei den Empfängern der samstäglichen Bücherladen-Newsletter mit Zusammenfassungen von Büchern, die sie ihren Kunden zur Lektüre ans Herz legt. Und jede Woche können ihre 700 Facebook-Freundinnen und -freunde im Netz sehen, welches Buch sie in den letzten Tagen gelesen und für gut befunden hat. Als erste Buchhandlung in der Schweiz hat Marianne Sax ‚Büchernächte’ eingeführt. ‚Sax-Nights’ heissen diese Abende, an denen man sich mit einer Gruppe von Leserinnen und Lesern im Bücherladen einschliessen lassen kann, um bis spät in Büchern zu stöbern, sie anzuschauen, auszuwählen, über sie zu diskutieren. Seit vier Jahren besteht zudem eine Lesegruppe, die zehn Mal im Jahr im Bücherladen zusammenkommt, um über ein Buch zu diskutieren, das Marianne Sax für die Gruppe auswählt. Eine regelmässige Teilnehmerin dieser Gruppe hat zuhause ein Bücherregal stehen, in dem mehrheitlich die Bücher dieser Lese- und Diskussionsrunden zu sehen sind. Eine dritte Institution für Lesende ist der Strickclub: Frauen kommen in der Buchhandlung zusammen, um sich beim Stricken über neue Bücher zu unterhalten.

Betritt man den Bücherladen, so fällt einem zweierlei auf. Zunächst die Innenarchitektur: Wie zwei lange Bücherstrassen oder auch wie zwei Schiffsrumpfe stehen zwei Büchergestelle im Raum und betonen so die Länge des Grundrisses. A-Deck und B-Deck ist man versucht zu sagen, zwei Decks voller Bücher. Als zweites fallen der Reichtum und die Fülle des Bücherladens auf, sie werden dadurch unterstrichen, dass viele, sehr viele Bücher in drei oder vier Exemplaren aufeinander gestapelt sind, man keine Hemmung hat, ein Buch in die Hand zu nehmen, es zu öffnen und sich etwas einzulesen. Bequeme Stühle laden zum Sitzen ein. Die Architektur des Gebäudes, in dem der Bücherladen untergebracht ist, hat zur Folge, dass sich die gut ausgestattete Kinder- und Jugendbuchabteilung auf der anderen Seite eines Gangs befindet, was dem jungen Lesepublikum die Möglichkeit gibt, sich ungestört im eigenen Bücherreich zu bewegen. „Wir kennen unsere Kundinnen und Kunden mittlerweile so gut, dass wir ihnen Buchempfehlungen in einer Weise machen können, wie Amazon oder jedes andere System, das mit Algorithmen arbeitet, es niemals könnte. Während elektronische Systeme immer wieder nur Empfehlungen machen, die sich in ähnlichen Bereichen bewegen, können wir unsere Kunden auf neue Gebiete aufmerksam machen, neue Lesehorizonte eröffnen“, sagt Marianne Sax.

Bücherladen Marianne Sax
Zürcherstrasse 183
8500 Frauenfeld
T: 052 721 66 77
www.saxbooks.ch/

 

Lesefutter

Heinz Egger

Aussenansicht der Buchhandlung Marianne Sax

Der Buchladen von Marianne Sax ist schön. Ich komme aus der Zürcherstrasse und sehe die gebogene Fensterfront. Ich trete durch die Eingangstür und erlebe den Raum nun in seiner Grösse. Es ist angenehm, in den hellen Laden zu kommen: Holztablare, filigrane Büchergestelle mit Wangen aus Metallgitter. Die Möbel stammen vom gleichen Gestalter wie jene im Librium in Baden und in der Buchhandlung am Hottingerplatz in Zürich: Roland Eberle von der Werkstatt re.form. Es ist allerdings eine etwas ältere Arbeit. Und auch da sind die Einrichtungsgegenstände „Prototypen“. Auf den beiden Längskorpussen im Raum stehen Aufsätze aus Vierkanteisen. Sie bieten Raum für drei Tablare. Da habe sich der Gestalter wohl im Gewicht von Büchern getäuscht, erzählt Marianne Sax. Nicht, dass die Gestelle der Last nicht standhielten. Nein, sie sind einfach etwas elastisch und beginnen zu schwanken, wenn man ein Buch herauszieht. Möglicherweise kann man nicht alles haben: transparente Raumgestaltung und Steifigkeit der Ablagen.

Gleich beim Eingang steht ein mobiler Korpus – bei Marianne Sax finden auch Veranstaltungen statt. Zu nennen sind da die SaxNight, ein Abendangebot, das Marianne Sax in der Schweiz eingeführt hat. Man kann die Buchhandlung mit einer kleinen Gruppe mieten und sich nach Ladenschluss mit Aperitif einschliessen lassen. Dann hat man bis 22 Uhr Zeit, nach Herzenslust in den Büchern zu stöbern. Im Weiteren gibt es eine Strickgruppe, der Marianne Sax aus Büchern vorliest, und eine Lesegruppe: Die Teilnehmenden lesen und besprechen ein deutsch geschriebenes Buch. Marianne Sax „moderiert“ insofern, als sie Fragen in der Hinterhand hält, falls das Gespäch einmal stockt.

Auf dem Rollkorpus stehen empfohlene Bücher. In jedem Buch steckt ein etwas grösseres, farbiges Buchzeichen. Darauf prangt das Porträt der empfehlenden Buchhändlerin. Sehr attraktiv ist das präsentiert! Und, so betont Marianne Sax, diese Bücher hätten die Empfehlerinnen auch ganz gelesen.

Die Buchhandlung feiert dieses Jahr Jubiläum. Seit 25 Jahren gibt es Bücher von Marianne Sax. Vom Jubiläumsfest her stehen überall Blumen: Astern Sonnenblumen, und etwas Blaues, vielleicht Rittersporn? Wie das der Sitzgruppe im Eingangsbereich ein gemütliches Gepräge gibt! Es seien jetzt gerade etwas mehr Blumen da, aber auch sonst fügten sie dem Laden einige Farbtupfer hinzu, sagt Marianne Sax.
Hier lasse ich mich gern mit einem Buch in der Hand nieder. Tief versinke ich zwischen den hohen Armlehnen des schwarzen Ledersessels. Das ist praktisch,denn das Buch kommt auf eine angenehme Lesedistanz. Aber es könnte auch sehr anstrengend sein, wenn 500 und mehr Seiten zu halten sind.

Draussen zieht ein Trupp laut schreiender Erstgymeler auf ihrem Weg zwischen Schule und Bahnhof vorbei. Sie gehören auch zu den Kunden. Wohl am ehesten, wenn sie einen der Klassiker als Schulstoff lesen sollen. Die Kundschaft an diesem Nachmittag kommt und geht, es steht dauernd jemand im Laden. Ein Buch abholen, etwas stöbern, ein Geschenk aussuchen, sich beraten lassen – oder auch nur einen Schwatz mit einer Buchhändlerin halten. Ein lebendiger Laden ist es.

Und die Stimmung ist gut: Marianne Sax zischelt leise eine Melodie, während sie ein Buch für eine Kundin holt. Ein in der Nähe stehender Mann nimmt das auf und pfeift leise vor sich hin. Ich muss lächeln.

Zuhinterst im Laden auf einem Eckgestell lese ich: Kopfsache. Da steht ein Büchlein von Dr. Katharina Turecek „Gehirntraining mit dem Smartphone“. Daneben befielt Daniel Goleman „Konzentriert euch!“ Und auf dem Regalbrett darüber werde ich von Christiane Steger aufgefordert „Lassen Sie Ihr Hirn nicht unbeaufsichtigt!“ Genau dies missachtend streife ich weiter und entdecke unmittelbar neben einer Biografie von Goethe jene von Hitler. Und was haben die beiden gemeinsam? Sicher, dass der Anfangsbuchstabe ihres Namens im Alphabet nebeneinander liegt. Mir scheint die Bücherauswahl überhaupt nicht nahe zu anderen Buchhandlungen. Ist dies der eben gemachten Endteckung geschuldet oder liegt es an der mangelnden Hirnkontrolle beim Besuch anderer Buchläden?

Es ist leicht, sich in den Gestellen zurechtzufinden. Von der Decke hängen schwarze Tafeln mit weisser Schrift. Sie geben die grobe Orientieung. Auf den Tablaren schliesslich finden sich schwarz auf weiss die Feinangaben.

Bei den Krimis staune ich über die Anzahl Autoren. Zwei Gestelle und Korpusse von oben bis unten sind voll. Ich lese auf den Covern: Kemer, Lascaux, Wettstein, Mintejano, Nygaard, Bannnalec, Edwardson, Ivanov, Larsson, Bodenheimer, Bentow, Sund, Higashino, Beckett, Camilleri, Davidsen, George, Ahnhem, Cain, Buck. In den Korpussen darunter nochmals so viele Namen und wohl in den Gestellen obendran mehrfach! – Ich kenne dem Namen nach Bodenheimer und Camilleri von mehreren Büchern. – Wäre das etwa ein Thema für meine erste SaxNight?

 

Bitte verbreite buchort.ch: