Archiv für den Monat: Februar 2016

Buchhandlung Alter Ego, Luzern

Ort mit Übersicht

Michael Guggenheimer

Man muss sie etwas suchen, die Buchhandlung Alter Ego. Sie liegt zwar in der Luzerner Altstadt, in der Tag für Tag Tausende von Touristen unterwegs sind. Aber sie liegt etwas abseits an der steil aufsteigenden Mariahilfgasse. Das Haus trägt den schönen Namen „Zacharias’ Garten“. Eine Schaufensterfront hat die Buchhandlung nicht, es sind drei einzelne Doppelfenster, die eine grosszügige Präsentation des Angebots verhindern, vergleichbar mit den Schaufenstern der Buchhandlung „Zur Rose“ in St.Gallen. Schaufenster sagen aber bekanntlich nicht unbedingt etwas über die Qualität einer Buchhandlung. Alter Ego ist eine Buchort mit herausragenden Qualitäten eigener Art. Belletristik ist nicht Sache dieses Geschäfts, obschon es sie hier auch gibt. „Alter Ego“ ist eine Fach- und Sachbuchhandlung. Und sie ist eine zurückhaltend geschmackvoll eingerichtete Buchhandlung mit einer exzellenten Beratung.

Zacharias' Garten, Eingang Alter Ego

Doch fangen wir beim Eingang an. Auf der transportablen Tafel vor dem Eingang ist eine Weltkarte mit allen Kontinenten zu sehen. Aber etwas scheint mit dieser Weltkarte nicht zu stimmen. Ist sie spiegelverkehrt? Weshalb liegt der amerikanische Kontinent im Osten und Australien im Westen? Man bleibt stehen, ist verunsichert. Es ist, als würde Buchhändler Heinz Gérard uns davon überzeugen wollen, dass es auch stets den anderen Blickwinkel braucht, um Welt zu verstehen.

Im Innern der Buchhandlung fällt auf, wie grosszügig hier alles eingerichtet ist. Psychologie, Kulturgeschichte und Naturwissenschaften, geistes-wissenschaftliche Literatur mit den Schwerpunkten Philosophie und Soziologie sowie Bildbände aus den Gebieten Architektur, Kunst, Design und Fotografie sind die Stärken dieses Bücherladens. Ich stelle mir vor, dass der Luzerner Architekt und Architekturjournalist Otti Gmür hier seine Bücher gekauft haben könnte. „Übersichtlichkeit ist wichtig“, erläutert Buchhändler Heinz Gérard das Präsentationskonzept. Anders als bei Caligramme oder Sec 52 in Zürich kommt man hier nicht dazu, Bücher umzuschichten, um unterhalb eines Bergs von Büchern Entdeckungen zu machen. Hier zeigen sich die Bücher, weil sie schön geordnet sind. Und es ist auch eine Geldfrage: Hier häuft sich ein Buchhändler kein Lager an. Aber sein Wissen in den Kernbereichen seiner Buchhandlung ist so profund, dass er präzis beraten und gewünschte Titel schnell beschaffen kann. Eine Entdeckung sind hier die Publikationen des Luzerner Quartverlags: Architekturmonografien zeitgenössischer Schweizer Architekten. Publikationen, deren Cover verhalten und bildlos sind. Doch wenn man die kleinformatigen schwarzen Covers oder die grossformatigen hellbraunen öffnet, dann breiten sich Bauwelten aus und erlebt man, wie kreativ die Schweizer Architekturszene ist. Keine andere Buchhandlung der Zentralschweiz kann mit so vielen, so guten Publikationen zur gebauten Umwelt dienen wie Alter Ego. Kein Wunder, dass das Architekturforum Schweiz die Buchhandlung Alter Ego empfiehlt und zwar an erster Stelle einer Liste! Aber auch der Blog Philosophie-Luzern empfiehlt Alter Ego wegen des reichen Bestands an philosophischer Literatur. „In den schlichten Holzregalen reiht sich Kant neben Foucault, erotische Bildbände lassen den Blick vom aufwendig gearbeiteten Architekturbildband abschweifen. Es ist zu spüren: Bücher sind in diesem Laden Träger von Inhalten, nicht Gegenstände einer ökonomischen Wertschöpfungskette“, hat Aurel Jörg 2011 im Luzerner „Kulturmagazin“ geschrieben.

Philosophie, Soziologie, Foto im hinteren Raum

Sinn für das Einfach-Schöne ist auch in der Inneneinrichtung zu sehen. Aufgefrischte alte Holztische, die früher der Luzerner Stadtverwaltung gedient haben, bieten die Möglichkeit, Coffeetable Books aus einem der Büchergestelle zu nehmen und sie an einem Tisch auszubreiten und zu lesen. Gerade der hintere Raum der Buchhandlung, der über eine Art Gang zu erreichen ist, gleicht einer privaten Bibliothek. Hier sind die Bereiche Naturwissenschaften, Fotografie, Erotik, Soziologie, Literaturwissenschaften und eine ganze Wand Philosophie geordnet. Auf einem Nebentisch liegt eine helle Holzbox mit dem Titel „Dieter Roth und die Musik / and Music“ aus dem Luzerner Kunstbuchverlag Periferia, der für seine gepflegten Publikationen bekannt ist. Inhalt der Holzbox: Eine LP und vier Bücher zu Dieter Roths Verhältnis zur Musik. So gut die Disziplin der Fotografie hier vertreten ist, so sehr wünscht man sich für die Sparte Film etwas mehr als die bloss 13 Bücher und schmunzelt beim Anblick der frontal präsentierten Publikation mit dem Titel „Das Klo im Kino“. Und da erinnert man sich an den Satz des Buchhändlers, der sich nicht wegen eines zu grossen Lagers ruinieren will und der weiss, dass Filmfreaks, die regelmässig das Studiokino Bourbaki besuchen, ihre Bücher im Netz bestellen. Im Netz findet sich übrigens ein Bild des hinteren Raums von Alter Ego und man stellt fest, dass die Buchregale hier vor acht Jahren deutlich voller waren. Die Aufhebung der Buchpreisbindung, der starke Frankenkurs, die Bestellungen im Netz schaffen es, Bücherlöcher zu verursachen. Sinn für Aesthetik beweist auch der Boden der Buchhandlug: winzige graue Steinchen gespritzt und gepresst, die einen Kontrast zum Holzmobiliar bilden. Eine sehr grosse Fotografie von Stefan Banz hinter dem Arbeitsplatz von Buchhändler Gérard zeigt eine lesende Frau, die auf einem Rasen liegt und die Sonntags Zeitung liest. Hoffentlich ist’s eine Buchbesprechung, denkt man, ist aber angesichts des etwas mässigen Kulturteils der Zeitung eher unsicher.

Buchhandlung Alter Ego GmbH
Mariahilfgasse 3
6004 Luzern
T: 041 412 00 99
www.alterego.ch/

Sachlich, kühl, klar

Heinz Egger

Es zeugt von alter Weisheit: Vom Musegggeister-Platz zweigt die Mariahilfgasse ab. Wenn die Geister einen verfolgen, ist wohl der Hilferuf an Maria eine gute Wahl in katholischen Orten. Vor der Nummer drei weist ein grosser scharzer Steller auf eine Buchhandlung hin. Alter Ego mit den Spezialgebieten: Architektur, Psychologie, Fotografie.

Alter Ego – das andere Ich – verleitet mich zu einem Spiel. Eine elegante Frau, vielleicht vierzig Jahre alt, betritt den Laden. Sie trägt fast ausschliesslich Schwarz. Ein stark über den Kopf gezogenes Béret, wallendes dunkles Haar mit feinen grauen Fäden darin, Daffle-Coat, scharze Stiefeletten. Einzig die warmen Strümpfe sind dunkelbraun. Sie holt Bücher ab. Man kennt sich. Herrn Gérard, dem Buchhandlungsbesitzer, ist auch bekannt, dass eines der Bücher ein Geschenk werden wird. Die Frau möchte keine Umstände machen und daher das Buch nicht einpacken lassen. Herr Gérard zaubert aber in kürzester Zeit ein wunderbar trükisblaues Geschenk mit goldenen Zierbändchen hervor. Die Frau bezahlt, packt die Bücher in ihre grosse schwarze Tasche, legt diese aber auf einen der vielen Holzstühle und verschwindet in die Tiefen des Buchladends.

Langer Gang mit Psychologieund Bild bänden

Das ist der Moment. Ich hefte mich an ihre Fersen, nicht physisch, sondern mit modernster Technik. Mein portabler Hirnscanner meldet mir die Gedankengänge der Frau zurück. Die Rückmeldungen sind nicht immer akkurat zu entziffern. Ich habe aus dem Datenbrei folgendes herausgefischt:

Die Frau heisst Maria. Auf ihrem Weg kommt sie an der Belletristik vorbei. Sie nimmt zwar wahr, dass in den beiden Gestellen die neuesten Bücher liegen, doch sie eilt weiter. Im Gang allerdings zieht sie ein schweres Buch an: das 125-Jahrbuch des P.Z. Photoglob Co. Zürich mit dem in Gold aufgedruckten Untertitel: Innovation Photochrom. Sie nimmt das Buch aus dem Schuber und blättert darin. Offenbar kennt sie Zürich, Erinnerungen von verliebten Spaziergängen der Limmat entlang, über die Quaibrücke mit dem grandiosen Blick über den See hinweg in die Berge kommen hoch. Aber da ist auch etwas Gram drin. Sie unterdrückt etwas und stellt das Buch wieder auf das schmale Tablar. Weitere grosse Fotobände stehen dort: Grey matter(s), Venedig von oben, Killer Heels, Marilyn Monroe. Alle zeigen ihr Cover und werben mit ihrem Bild um die Gunst der Vorbeigehenden. Aber ihre Augen gehen weiter. Ganz gezielt strebt sie auf ein Gestell mit Philosophen zu. Sie neigt den Kopf, um die Buchrücken lesen zu können. Kant, Heidegger, Hegel, Habermas, Freud, Foucault, Descartes, Derrida. Vor Hanna Arendt bleibt sie stehen. Ihr geht durch den Kopf, was sie von ihr schon alles gelesen hat. Dann taucht das Wort Gedicht auf. Hat sie nicht auch gedichtet? Doch, ja. Gibt es auch ein Buch davon? Mit dieser Frage im Kopf wendet sie sich um. Ein Lächeln husch über ihr Gesicht. Ah, auf diesem Barstuhl, der eingeklemmt zwischen zwei Büchergestellen in einem Durchgang steht, der gerade für einen Menschen breit genug ist, sitzen sie jeweils, wenn sie einen der zahlreichen Fotobände mit künstlerischen, aber klar erotischen Aufnahmen durchblättern. Ja, solches will keiner auf dem grossen Tisch mit den vielen Stühlen darum quasi öffentlich machen. Nun, was ist der Unterschied? An beiden Orten entdeckt jeder den durchgeblätterten Inhalt. Und doch, der Raum mit dem besagten Gestell ist ein wunderbarer. Fensterlos zwar, aber hell erleuchtet. Philosophiebücher, ein kleines Antiquariat, ein Gestell, das den Naturwissenschaften gewidmet ist und viele prachtvolle Fotobücher. Jede der Gestellaufschriften in grossen Lettern einer Serifenschrift weiss auf schwarzem Grund lies sie. Die klaren Aufschriften gefallen ihr offenbar.

Gedichtbuch Hanna Arendt geht ihr wieder durch den Kopf und damit kehrt sie zur Kasse zurück.

Ich klinke mein Gerät aus dem Datenstrom aus. Das Buch wird bestellt.

Schwerpunkt Architektur: Architekturführer

Der Tisch, an dem ich meine Notizen in den Computer tippe, steht in einem kleinen Raum mit schönen grossen Sprossenfenstern, die oben flach gerundet sind. Bücher stehen unten zwischen den Sprossen und zeigen draussen an, dass hier eine Buchhandlung ist. Mich umgeben lauter Architekturbücher, beispielsweise: Japanese Houses, Architectural Guide Turin, Architekturführer Basel, Monographien von Herzog & Demeron, Jean Nouvel, Renzo Piano, Alvaro Siza, Norman Forster, Toyo Ito, dann Grundrissfiebeln für Schulbauten, Alterszentren und Wohnbauten. Das ist ein Eldorado für Architekten oder Architekturinteressierte.

Durchblick zwischen den vorderen Räumen

Die Einrichtung mit den einfachen Gestellen, die oben eine milchige Blende mit Neonbeleuchtung tragen, und die grossen Anschriften der Bereiche wirken nüchtern. Sie geben dem Buch aber eine besondere Präsenz. Kein Büchertisch verstellt den Raum. Alles ist klar, kühl, sachlich. Die verwinkelte Anlage, die Durchblicke zwischen den Räumen des alten Hauses geben einen Hauch Verspieltheit. Eben, einen Blick in Zacharias‘ Garten, wie das Haus heisst.

 

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