Archiv für den Monat: März 2016

Bücher von Matt – Buchhandlung und Antiquariat, Stans

Plusminus 300 000

Michael Guggenheimer

Stans. Hauptort des Kantons Nidwalden. 8100 Einwohner. Gymnasium. Kantonsspital. Zwei Autobahnanschlüsse, vier Züge in der Stunde nach Luzern, bloss 13 Minuten Bahnfahrt in die grösste Stadt der Zentralschweiz, eine Schul- und Gemeindebibliothek, eine Kantonsbibliothek, ein Literaturhaus Zentralschweiz, eine Buchhandlung, die vor 180 Jahren gegründet wurde und heute in sechster Generation geführt wird und ein Buchantiquariat, das den Vergleich mit keinem anderen Antiquariat in der Schweiz scheuen muss.

Stans. Ankommen von Luzern aus mit der Bahn. Noch bevor ich mein Smartphone zur Hand habe, um die Adresse der Buchhandlung von Matt zu suchen, sehe ich sie: Dem Bahnsteig entlanggehen, immer geradeaus, die Strasse überqueren, hier befindet sich neben der Bahnschranke die Buchhandlung mit Bahnanschluss. Buchhandlung und Antiquariat. Die Buchhandlung im Vorderhaus an der Tellenmattstrasse, das Antiquariat im hinteren Bau am Hans-von-Matt-Weg in einem stattlichen Backsteingebäude im neugotischen Stil, das heute unter Denkmalschutz steht, ein Bau, in dem es Bücher gibt, Bücher und nochmals Bücher, knapp 300 000 Titel sollen es heute sein. Mehr als einmal im Jahr erscheint ein Antiquariatskatalog, der 276. ist derzeit in Vorbereitung, „Helvetica, Theologie, Schulbücher, Geschichte, Literatur“ steht auf dem Cover des 121 seitigen Katalogs Nummer 275.

Antiquariatshaus, Verbindungsbau und Buchhandlung von aussen

Von Matt, Caspar, Buchbinder, Buchhändler und Papeterist, erwarb 1836 die Bibliothek eines Giswiler Pfarrers und legte damit den Grundstock für sein Antiquariat. „Numquam retrorsum“ (Niemals zurück !) lautete sein Wahlspruch, den er im Wappen führte. 1854 erschien der erste Antiquariatskatalog, seit 1998 lenkt Martin von Matt in der sechsten Generation als Inhaber die Geschicke der Firma. Die Leitung des Antiquariats hat seit 1989 sein Geschäftspartner Gerhard Becker.

Von Matt, Celia. Die Buchhandlung. Ein niedriger Raum, ein runder Tisch am Eingang mit den Novitäten. Belletristik gleich in den Regalen zur Linken, auf der rechten Seite Geschichte, Psychologie, Ratgeber, Esoterik, Theologie, Kinder und Jugendbücher, sehr grosszügig die Abteilung mit den Reisebüchern. Im Laden für einige Monate mit dabei als Beraterin und Verkäuferin ist heute Celia, siebente Generation von Matt. Sie ist keine gelernte Buchhändlerin, hat aber seit früher Kindheit Buchluft geatmet, demnächst nimmt sie ein Studium der Umweltwissenschaften auf, jetzt hilft sie im väterlichen Laden aus, weder sie noch ihre Geschwister haben die Absicht, in die Fussstapfen ihrer Buchhändler-Vorfahren zu treten.

Nachschub an antiquarischen Büchern

Gerhard Becker. Sein Reich beginnt hinter einer Doppeltür, die den Besucher von der Buchhandlung in eine andere Bücherwelt versetzt. Holzboden. Büchergestelle aus hellem Holz vom Boden bis zur Decke, Vitrinen mit Büchern als Schauobjekte, der Präsentationsraum des Antiquariats, das seit bald 30 Jahren von Becker geführt wird. Er kam über die Kantonsbibliothek Luzern nach Stans, er ist Herr über vier Stockwerke eines Bücherbaus. Ich gehe den Bücherregalen entlang und notiere mir die Bezeichnungen der Abteile: Innerschweizer Orte und Regionen wie Einsiedeln, Luzern, Engelberg, Nidwalden, Obwalden, Uri, Zug. Und dann unter dem Begriff Helvetica antiquarische Bücher zu Ortschaften von Aarau bis Zürich. Die ganze Deutschschweiz ist hier versammelt. Und daneben Begriffe wie Alpinistik, Militaria, Pädagogik, Belletristik. Reich der Bereich Theologie mit den Seitenästen Hagiographie, Mystik, Spiritualität, Mariologie, Homiletik und Aszetik. Antiquariatsleiter Becker muss nicht zum ersten Mal erklären, dass Aszetik die wissenschaftliche Erforschung der Askese ist.

Gerhard Beckers „Handbibliothek“: Einzig die Bücher zweier Regale darf ich nicht zur Hand nehmen: „Handbibliothek“ heisst der Bereich mit seinen Arbeitsinstrumenten. Es sind Bücher zur Buchkunst, Typografie, zum Papierwesen, zur Buchmalerei und zur Buchgestaltung. Ein Raum, der etwas museales hat, in dem man erstaunliche Entdeckungen machen kann. Wohl 95 Prozent der Bücher, die das Antiquariat verlassen, tun dies in Postpaketen, die Suche nach antiquarischen Büchern erfolge heute ebenso wie die Bestellung übers Internet und über die Homepage des Antiquariats, die Kunden melden sich sogar von Japan und aus Kalifornien, die verschickten Bücher sind nicht nur solche in deutscher Sprache, Latein und Griechisch sind die Sprachen der Theologie, die hier den Schwerpunkt bildet. Es gibt nämlich kein grösseres Antiquariat für theologische Literatur in der Schweiz als dasjenige an der Bahnschranke in Stans.

Eine Tür trennt diesen Schau- und Verkaufsraum vom riesigen Magazin des Antiquariats. Drei Stockwerke, in denen sich wohl einzig der Herr über die fast 300 000 Bücher eines der grössten Antiquariate Europas wirklich auskennt. Becker bietet Privatpersonen, Vereinen, interessierten Institutionen und Firmen Führungen durch sein unglaubliches Bücherreich. Man steigt eine steile Treppe von Stockwerk zu Stockwerk hinauf. Bücher ohne Ende in Gestellen aus Tannenholz. In einem Gang zwischen zwei Regalen stehen farbige Normkisten aus Kunststoff, die Klosterbibliothek Mels wurde verkleinert, die aussortierten Bücher sind in Stans ebenso gelandet wie die Bücher der Jesuitenbibliothek von Brig. Unglaublich die Masse der hier gelagerten Bücher und Broschüren: Breviere, Laudatur-Gesangbücher, Gebetbücher, Appenzellerkalender ebenso wie Bauernkalender aus dem Freiamt, der Berner Hinkend Bot und Commentarii aus Lyon, Venedig, Bamberg, Antwerpen, Köln und München aus den Jahren 1654 bis 1715.

So umfassend ist mittlerweile das in Stans angesammelte Buchwissen, dass Gerhard Becker, der auch Dozent für Buchgeschichte und Dozent am Nachdiplomstudium zum Papierkurator ist, für Privatpersonen, Erbengemeinschaften, Firmen und Institutionen Expertisen auf dem Gebiet antiquarischer Bücher, Stiche und Nachlässe durchführt. Annähernd 300 000 Titel in beiden Häusern. So ganz genau weiss es niemand.

Bücher von Matt
Tellenmattstrasse 1
6370 Stans
T: 041 619 77 77
www.vonmatt.ch
www.antiquariat-vonmatt.ch

 

 

Weitherum bekannt

Heinz Egger

Moderner Eingang ins alte Haus, Stele sagt, was zu haben ist: Buchhandlung und Antiquariat

Barbara ist regelmässige Kundin bei von Matt, obwohl sie in Luzern wohnt. Sie geht die kurze Strecke vom Bahnhof bis zum Laden, während heulend eine Turbopropmaschine zur Landung auf dem Stanser Flugplatz ansetzt. Vor der Ladentür kündet eine hohe Stele an, was in den Häusern steckt. Es ist eine Buchhandlung und ein Antiquariat. Barbara liebt die Buchhandlung. Sie ist hell und geräumig. Der Bogen im Geschäft verleiht dem L-förmigen Raum etwas Modernes, obwohl die Buchhandlung in einem alten Wohnhaus eingebaut ist. Ein Neubau verbindet das Wohnhaus mit dem Antiquariat. Die Buchhandlung ist eine Sortimentsbuchhandlung. Sie bietet aus allen Bereichen etwas an. Barara liebt die schnörkellose Präsentation der Bücher in hellen Holzgestellen mit Aluminiumtablaren.

Hell, grosszügig, übersichtlich und ein sehr grosses Angebot

Gern sitzt sie vor dem Durchgang ins Antiquariat auf dem Sofa und betrachtet den Laden. Sie hat dann Blick auf die automatische Schiebetüre beim Eingang, die oft lautlos aufgeht und jemanden herein- oder hinauslässt. Es herrschen fast familiäre Verhältnisse. Man kennt sich. Oft fällt das Du.
Alle Gestelle sind oben deutlich beschriftet. Sie weiss genau, wo was zu finden http://www.gutenberg-shop.deist. Die Gliederung gefällt ihr. Sie folgt mit den Augen den Aufschriften in ihrer Nähe und ergänzt aus der Erinnerung den Wänden folgend: Links von ihr steht Kunst und Kultur, Nidwalden, Reisen. Das sind 5 Gestelle in der Rundung des Hauses. Nach der Kassatheke folgen Wissen, Sprachen, Kinder (6 Gestelle), Theologie (2 Gestelle), Esoterik (2 Gestelle – dies erstaunt sie immer in diesem katholischen Ort), Kochen, Geniessen, Ratgeber (3 Gestelle), Psychologie, Geschichte und Politik , Geschenke (2 Gestelle), Taschenbücher (4 Gestelle), Belletristik (4 Gestelle).
Im grosszügigen Raum stehen 2 lange Korpusse mit den Themen Tiere, Natur, Garten, Alpinismus, Fliegen, Wasser- und Motorsport, Fitness und Wellness. Ein kurzer Korpus steht neben einem kleinen Bildschirmarbeitssplatz mit Wohnen, Architektur und Kreativ, daneben 2 längere Korpusse mit Junge Welt, Kinder. Auf zwei runden Inseln mit zwei Etagen werden die Neuheiten präsentiert. Gerade vor ihr stehen zwei schlanke Korpussse mit Cartoons, Wirtschaft und Management, Biografien. Von Matt bietet ein wunderbares, breites Angebot, stellt Barbara immer fest.

Verkaufsraum des Antiquariats mit den Tannenholzgestellen, der Deckenheizung und den Vitrinen

Ins Antiquariat zieht es Barbara nicht. Sie weiss mit alten Büchern nichts anzufangen. Sie sammelt nicht. Im Gegenteil, sie muss sich immer wehren, damit ihre Bücherschränke nicht überquellen. Und doch hegt sie eine schöne Erinnerung, als sie einst durch die Türe ins Nachbarhaus eingetreten ist. Herr Becker, der Antiquar, hat sie begrüsst und in ein Gespräch verwickelt. Das Haus, in dem sie stehen ist am Anfang des 20. Jahrhunderts als Bücherlager erbaut worden. Dicke Backsteinmauern stellen sicher, dass die Temperatur ohne Heizung nicht zu tief sinkt. Die Innenausstattung besteht komplett aus Tannenholz. Die Gestelle den Wänden nach und die beiden doppelseitigen Regale in der Raummitte mit den hell beleuchteten Vitrinen sind aus dicken Brettern gefertigt. Das Holz reguliert die Feuchtigkeit, damit die alten Bücher nicht Schaden nehmen. Weil der Raum auch ein Arbeitsraum ist, hilft eine Deckenheizung, ein angenehmes Klima einzurichten. Sonst ist das riesige Haus unbeheizt. Und es ist voll bis unters Dach. 250 000 Bücher lagern darin. Es ist europaweit das grösste Antiquariat mit einer speziellen Ausrichtung. Vier Fünftel des Bestandes sind theologische Schriften, ein Fünftel Helvetica. Barbara staunt. Und viele Bücher sind alt, sehr alt. Antike Bücher müssen vor 1750 hergestellt worden sein. Was nachher produziert worden ist, gehört in die Neuzeit. Das Antiquariat von Matt besteht schon 180 Jahre und ist weltbekannt. Gar aus Japan kommen Kunden nach Stans.

In einer Vitrine liegt offen ein Buch. Es ist eine Handschrift, die aber mit einer Schrifthöhe von 1 bis 1.8 Millimetern nur mit einer Lupe gelesen werden kann. Verzierungen schmücken die Seiten. Herr Becker führt dazu aus: „Das Buch stammt aus dem 13. Jahrhundert. Der Einband besteht aus rot eingefärbtem Ziegenleder, die Buchdeckel sind aus Holz. Geschrieben haben die Mönche auf Jungfernpergament. Dieses gewann man von ungeborenen oder tot geborenen Kälbern. Nur dank der winzigen Schrift und dem hauchdünnen Pergament hat der ganze Text der lateinischen Bibel in einem Band Platz gefunden.“

Zum Abschied zeigt er Barbara noch eine Rarität: Das kleinste in einer grösseren Auflage hergestellte Buch der Welt. Es ist von Hand, mit Faden geheftet, in Leder gebunden und hat eine Goldprägung. In sieben Sprachen ist darin das Vater unser abgedruckt. Dabei misst das Werklein bloss 3.5 auf 3.5 Zentimeter! Erhältlich ist es (noch) im Gutenberg-Museum in Mainz oder im Online-Shop des Museums.

 

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