Archiv für den Monat: August 2016

Wynabuchhandlung, Reinach (AG)

Risikofreudig

Michael Guggenheimer

Es gibt sie noch: Junge Buchbegeisterte, die bereit sind, ein Risiko einzugehen. Zum Beispiel Anina und Dominik Dössegger in Reinach (AG). Die Gedichtzeile der deutschen Schriftstellerin Hilde Domin könnte ihnen als Motiv gedient haben: „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“. Während die einzige Buchhandlung im Puschlav vor kurzem dicht gemacht hat und die Buchhandlung Schmidgasse in Zug die Schliessung ankündigt, haben die beiden sich dazu entschlossen, ein Wagnis einzugehen. Mit Erfolg. Anina Dössegger, noch nicht einmal dreissig Jahre alt, hat im Oktober 2014 gemeinsam mit ihrem Mann, er erst 30jährig, die Wyna Buchhandlung vom Ehepaar Kurt und Esther Suter, die während mehreren Jahrzehnten die etwas versteckt liegende Buchhandlung am Postplatz von Reinach geführt haben, übernommen. Anina Dössegger hatte bei Suters die Lehre als Buchhändlerin absolviert, sie war einige Jahre lang andernorts im kaufmännischen Bereich tätig und wollte als leidenschaftliche Leserin wieder zurück zum Buchhandel. Ihr Mann, ein Finanzfachmann, arbeitet mit, allerdings eher im Hintergrund. Er ist für die Finanzen zuständig, die Homepage, die Werbung und der Bereich digitale Bücher sind sein Betätigungsfeld. Dorothée van Spyk, die früher in Wohlen eine Kinderbuchhandlung geführt hat und heute in Beinwil am See die Volks- und Schulbibliothek leitet, ist in jenen Zeiten, da sie nicht als Bibliothekarin tätig ist, ebenfalls in der Wyna Buchhandlung anwesend. Und last but not least ist noch Anita Baumann da, Auszubildende im zweiten Lehrjahr. „Wir freuen uns, dass es noch junge Leute gibt, welche diesen schönen Beruf erlernen wollen.“, meinen die beiden jungen Besitzer der Buchhandlung.

Wyna. Der Name ist Auswärtigen nicht vertraut und bedarf einer Erklärung. Wyna ist ein 32 Kilometer langer Fluss in den Kantonen Aargau und Luzern. Die Ortschaften Reinach, Menziken und Gränichen liegen an der Wyna. Es gibt eine Autogarage mit dem Namen Wyna, ein Baugeschäft, ein Optikergeschaft und eine Apotheke. Entlang der Wyna ist die Buchhandlung, die nach dem Fluss benannt ist, die einzige Sortiments-Buchhandlung im Wynental zwischen Aarau und Beromünster. Die Bücher von Schriftsteller Klaus Merz, der unweit im selben Tal in Unterkulm lebt, sind in der Buchhandlung ebenso zu haben wie diejenigen von Hermann Burger, der im benachbarten Menziken aufgewachsen ist. Aber auch die Bücher von Martin R. Dean, auch er in Menziken aufgewachsen oder jene des Lyrikers und Übersetzers Markus Hediger, der seine Kindheit und Jugend in Reinach verbrachte, lassen sich von der Wyna-Buchhandlung besorgen.

In der Wynabuchhandlung gibt es sehr viel Reiseliteratur

Das Angebot der kleinen Buchhandlung lässt sich zeigen: Schaut man sich etwa das sehr reiche Angebot an Reisebüchern in der Buchhandlung an, das auch etwas weniger frequentierte Reiseziele wie Algerien, Georgien, China, Chile, Namibia und Laos aufweist, dann gelangt man zur Überzeugung, dass die Wynentaler sehr reisefreudig sein müssen. Die drei Räume der Buchhandlung sind gut gegliedert: Im dritten Raum die Kinder- und Jugendbücher, im zweiten die Belletristik, im ersten Raum, in dem die Kassentheke steht, reicht die Spannweite der Themen von den aktuellen Büchern bis zu den Bereichen Spiritualität und Sport. Mitunter stösst man in den Büchergestellen auch auf Unerwartetes: Tomer Gardis Buch „Stein, Papier“ ist da neben Jafari Peymans „Der andere Iran“ zu finden. Wetten, dass die beiden Autoren aus Nahost, die keine Ahnung haben, wo Reinach und die Wyna sind, Freude hätten, wüssten sie, dass sie im Wynental präsent sind.

Ein Plakat der Volkshochschule Wynental in der Buchhandlung kündigt für die Monate September und Oktober 2016 „Abende in der Buchhandlung“ an. Anina Dössegger führt durch diese Abende, die nach dem offiziellen Ladenschluss beginnen und an denen man bis spät in der Buchhandlung in den Büchern schmökern darf und die Buchhändlerin über Bücher spricht. Dass da gute Schweizer Literatur und ausländische Autoren vertreten sind, zeigt ein Blick in die Büchergestelle: Bücher von Arno Camenisch, Hugo Loetscher, Urs Augsburger, Joel Dicker, Lisa Esässer, Adolf Muschg, Charles Lewinsky liegen hier ebenso auf wie solche von Sofi Oxsanen, Philipp Blom, Irène Nemirovsky, Margriet de Moor, Benedict Wells, Eva Menasse, Antonio Lobo Antunes, Thea Dorn und Sasa Stanisic.

Ins Staunen kommt man aber, wenn man sieht, dass da unter den Schweizern nicht wenige vertreten sind, deren Bücher als Books on Demand oder als Bücher, die in Selbstverlagen erschienen sind, in den Gestellen stehen, darunter Bücher, die kein wirklich strenges Verlagslektorat durchlaufen haben, Bücher, die zum Teil von Menschen geschrieben wurden, die in der näheren Umgebung aufgewachsen sind oder wieder ins Wynental, in ihre frühere Heimat, zurückgekehrt sind. A.T. Fischers „Schweizer Tobak“ etwa spielt in der Gegend, die früher mit Menziken und Reinach die Schweizer Tabakhochburg war. Dazu heisst es in der Beschreibung des Buchs: „Bis sie selbst eine Familie gründete, war die Mutter des Autors Kindermädchen der Zigarrenfabrikanten Villiger. Sie wiegte den heutigen Konzernherren in den Schlaf.“ T.S.Peters „Der schwarze Persianer“ steht als Book on Demand unter den deutschsprachigen Romanen. Dazu die Verlagswerbung: „Nur widerwillig eröffnet der urchige Louis Anna seine Leidensgeschichte, denn um seinem Unstern der Eheschliessung zu entrinnen, bereiste er um die Jahrhundertwende die ganze Welt. Noch ahnt Anna nicht wo sie die Antworten auf ihr fragwürdiges Dasein finden wird, denn Louis verheimlicht, dass ihre Zukunft eng mit dem Persianer verknüpft ist, der ihr bald eine aufregende Zeitreise in Louis‘ Vergangenheit ermöglicht.“ Peter Hirt-Wirz ist der Autor eines Krimis mit dem Titel „Der Ferien Alb-Traum“, der in einem Self-Publishing Verlag erschienen ist. Madlen Schaffhausers erotische Liebesromane „Tödliches Verlangen“, „Damian“ oder „Gesucht.Gefunden“ sind allesamt in den USA gedruckt worden und können auch „direkt bei der Autorin“, die „das Licht der Welt in Wil erblickt“ hat, bestellt werden. Hans Schaub, Autor von „Schuldig geboren. Eine Familiensaga aus dem Jura“ und „Das blonde Zigeunermädchen – ein Sittenbild aus der Welt der fahrenden Roma“ lebt seit 2009 wieder in Menziken.

Die Buchhandlung Wyna gibt selbstverlegenden Autorinnen und Autoren, die mit ihrem Schreiben ebenso Risiken eingehen wie die jungen Buchhändler, mehr als manche andere Buchhandlungen Chancen. Das lässt sich gewiss sagen, auch wenn man als Leser ein kritisches und gutes Lektorat zu schätzen weiss.

Wynabuchhandlung GmbH
Postplatz 1
5734 Reinach AG
T: 062 771 79 71
www.wynabuchhandlung.ch

 

Lesespezereien

Heinz Egger

Zuerst kommen mir Erinnerungen hoch. Die Fahrt von Aarau mit der Wynental- Suhrentalbahn (WSB), heute steht A-Welle Aar auf den modernen Zügen, erinnert mich an Modellraketenwettbewerbe, an denen ich mit Schülerinnen und Schülern in Unterkulm teilgenommen habe. Nach Gontenschwil wechselt die Bahn die Talseite nach Zetzwil. Diese Querung gibt kurz den Blick ins obere Wynental frei, gegen Reinach und Luzern zu. Ein weites Tal zeigt sich, flankiert von weich geschwungenen, bewaldeten Hügeln. Die Ruhe ist fast physisch spürbar. Meine Mutter wuchs im Dreieck Reinach – Burg – Menziken auf.

Postplatz 1, die Wynabuchhandlung und rechts das Havanna-Haus

In Reinach steigen wir aus. Gegenüber dem riesigen, alten Centralschulhaus liegt der Postplatz. Natürlich ist eine modern gestaltete Poststelle da, aber auch das Havanna-Haus, in dem seit Urzeiten Zigarren und andere Raucherwaren angeboten werden, und gleich daneben die Buchhandlung Wyna.

Zuerst fallen drei Ständer auf. Karten. Zwei enthalten Landkarten für Wanderer wie für Leute auf zwei oder mehr Rädern. Der dritte, rechts der Eingangstür, Postkarten verschiedenster Art. Das Schaufenster ist klein. Ein papiernes Modell eines Heissluftballons schwebt darin. Auf der Fenstersimse gäbe es eine aufklappbare Ablage aus Holz. Hier könnte bei trockenem Wetter die Buchauslage erweitert werden. Die Klappe ist im Moment aber geschlossen.

Seit fast 40 Jahren gibt es in diesem Haus eine Buchhandlung. Erst vor zwei Jahren ist sie in junge Hände übergegangen. Anina und Dominik Dössegger zeichnen verantwortlich für das Unternehmen. Hilfe erhalten sie von Dorothée van Spyk und Anita Baumann, die gerade ihr zweites Lehrjahr als Buchhändlerin begonnen hat.

Helle Räume der Wynabuchhandlung; grosses Sortiment; Lernende A. Baumann

Die Ladentür klingelt oft. Da werden Bücher abgeholt, eine nicht richtig notierte Bestellung korrigiert, geschnuppert in der grossen Auslage, Paperblanks in Grösse und Dicke begutachtet für ein Projekt und immer findet ein freundliches Gespräch mit den Angestellten statt.
Eine junge Frau tritt ein und verlangt „The Picture of Dorian Gray“ von Oscar Wilde, natürlich die englische Version. Dass so ein „exotischer“ Titel nicht einfach in einer Schublade steckt ist wohl verzeihlich. Aber binnen 24 Stunden kann die Frau, wohl eine Kantonsschülerin, die Lektüre des überaus spannenden Romans, der unglaublich vielschichtig ist, beginnen. Auch da Erinnerungen – eine Schulfreundin gab mir diesen Roman zum Lesen, als ich vielleicht 15 war. Ich las die deutsche Version und habe das innere Bild des alternden Dorian Gray vor mit, dem der jung gebliebene Dorian Gray gegenüber steht. Wenn es so einfach wäre, sein Alter zu delegieren? Das psychische Krankheitsbild, das eigene Altern und Reifen nicht akzeptieren zu können, wurde im Jahr 2000 nach dem Roman benannt (Quelle: Wiokipedia – Dorian-Gray-SyndromDas Bildnis des Dorian Gray). Und wenn ich unterwegs um mich schaue, so scheint mir dieses Syndrom ziemlich verbreitet zu sein. Der Jugendwahn hält seit längerer Zeit ungebrochen an.

Die Buchhandlung hat vier Räume. Sie sind alle recht klein. Der Raum mit der Eingangstüre ist besetzt durch die Empfangstheke mit Kasse. Geradeaus dahinter liegt das Büro. Ein grosser Waschtisch mit keramischem Schüttstein ist zu sehen. Hier, so sagt Buchhändlerin und Bibliothekarin Dorothée van Spyk, sei die Küche und das Badezimmer der Leute gewesen, die bis in die Siebzigerjahre in den Räumen ein Spezereigeschäft betrieben und auch dort gewohnt haben. An diese Zeiten erinnert ein langes Möbel im Raum rechts vom Eingang: massives Eichenholz, Schubladen mit Griffen aus Messing, in der Mitte zwei Ausziehladen, auf denen vielleicht einst die Papiere und Papiersäcke zum Einpacken der Kostbarkeiten lagen.

Auch Wyna bietet „Spezereien“ an. Nicht Gewürze, Öle und andere Lebensmittel – aber doch lebensnotwendiges Lesefutter. Scharf gewürzte Kriminalgeschichten, lieblich duftende Liebesgeschichten, nach altem Leder riechende Klassiker, eine Nase voll Leimdämpfe, Leinöl und Farbe wabert bei den Hobbybüchern, Bände zur Mobilität mit dem Geruch nach Öl, Benzin und Wagenschmiere, frische Kräuter verströmen ein betörendes Parfüm bei den Garten- und Kochbüchern, Reiseführer verbreiten den Duft der weiten Welt. Und im vierten Raum mit der Kinder- und Jugendliteratur herrscht wahrer Frühling mit all seinen Gerüchen, die auf Entdeckungsfahrt locken.

Die Rubriken der Buchhandlung sind klar angeschrieben. Schwarze Tafeln mit Kreideaufschrift verkünden, wo welche Art Buch zu finden ist. Und wo auf dem Gestell kein Raum für die Tafel ist, steckt sie zwischen Büchern oder versteckt sich hinter einer offenen Schublade mit Reklambändchen auf einem Tablar.

"Krimi in Dosen" - ein Puzzle

Wer Krimis nicht gut verträgt, fragt hier nach „Krimis in Dosen“. Lesehungrige fragen nach „Lesefutter“ in einer Dose. Letzteres ist allerdings eine Sparbüchse, mit der man leicht Vorrat zum Kauf von weiteren Lesespezereien schafft.

 

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