Archiv für den Monat: Mai 2017

Buchhandlung LibRomania, Bern

 

Der Profi-Rechercheur

Michael Guggenheimer

Thomas Liechti findet, wo andere nicht mal suchen. „Au bonheur des fautes. Confessions d’une dompteuse de mots“, ein in diesem Jahr bei der Librairie Vuibert in Paris erschienenes Buch von Muriel Gilbert, wollte ich dem Schweizer Autor Dieter Zwicky schenken, der an drei Tagen die Woche als Zeitungskorrektor arbeitet. Muriel Gilbert ist ebenfalls Korrektorin von Beruf, ihr Buch eine amüsante und kluge Auseinandersetzung mit ihrer Tätigkeit. Erster Versuch bei einer Grossbuchhandlung in Zürich. Nein, leider können sie mir das Buch nicht besorgen, das sei zu kompliziert. Ich solle es doch lieber bei einer anderen Buchhandlung probieren. Zweiter Versuch, eine kleinere, inhabergeführte Buchhandlung in Zürich: „Leider ist die Besorgung dieses Buchs zu kompliziert. Wir sagen es ungerne, aber wenn wir es richtig sehen, so hat die Edition Vuibert Konkurs gemacht. Darum kommen Sie via Amazon am schnellsten zu einem Exemplar. Ausnahmsweise“. Dritter Versuch in Bern bei der Buchhandlung LibRomania. Keine drei Minuten dauert es bis Buchhändler Thomas Liechti Bescheid weiss: „Wer sagt, dass der Verlag konkurs ist? Das Buch ist spätestens in sieben Tagen bei Ihnen“. Und wirklich: auf den Tag genau sieben Tage nach der Bestellung wird das Buch geliefert!

Thomas Liechtis LibRomania in Bern existiert seit 1986. Weil der Romanist Liechti nicht als Gymnasiallehrer alle zwei Jahre denselben Inhalt mit stets neuen Schülern neu durchkauen will, entscheidet er sich für eine andere Tätigkeit, in der er sein sprachliches Wissen einbringen kann. Er beginnt als Untermieter und Buchhändler mit Büchern in spanischer Sprache bei der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz in Bern. Sechs Jahre später mietet er ein Kellerlokal an der Münstergasse, wo er eine spanischsprachige Buchhandlung eröffnet. 1994 erfolgt der Umzug an die Länggasse und noch weitere vier Jahre später findet der Bezug der jetzigen Räume im selben Haus.

Blick in die Tiefe der Buchhandlung

Grosse Schaufenster, ein grosser und heller Ladenraum. Beim Betreten fallen einem zuerst deutschsprachige Bücher auf. „Wir sind ja auch eine Quartierbuchhandlung und wollen deshalb die Leseinteressen der Quartierbewohner abdecken“, sagt Thomas Liechti und weist gleich auf die vielen deutschsprachigen Übersetzungen spanischer und lateinamerikanischer Romane hin, die hinter dem Schaufenster stehen. Gleich links von der Ladentür sind die Büchergestelle mit „España“ angeschrieben, die Tablare tragen die Aufschriften Poesia, Autores españoles, Autores de Suiza, Traducciones, Tebeos / Comics, Leteratura juvenil, Autores latinoamericanos“. Auf der gegenüberliegenden Seite Büchergestelle mit der Aufschrift „Italia“, es folgen weiter hinten im Geschäftsraum Regale mit der Bezeichnung „France“, wiederum nach Sachgebieten unterteilt. Seitdem sich die Librairie Payot aus Bern zurückgezogen hat, ist LibRomania DER Ort für französischsprachige Bücher in der Bundeshauptstadt. Und weil hier die romanischen Sprachen gepflegt werden, finden sich auch noch etwas kleinere Abteilungen mit katalanischen, portugiesischen, rumänischen und rätoromanischen Publikationen. Weil sich die portugiesische Sprache in Brasilien doch in nicht wenigen Details von der Sprache Portugals unterscheidet, warten hier auch Bücher aus Brasilien auf Leserinnen und Leser. „Zugegeben, der Absatz rätoromanischer Bücher bewegt sich in einem sehr niedrigen Bereich“, sagt Liechti. „Aber es ist schön, diese Bücher in der vierten Landessprache vorrätig zu haben“. Im hintersten Bereich der Buchhandlung dann die vielen Sprachlehrmittel. So an keinem anderen Ort bis jetzt gesehen: die spanischen Lehrmittel zur Erlernung der spanischen Sprache unterscheiden sich in der Methodik von denjenigen, die in Deutschland verlegt werden. Nicht anders die Lehrbücher für Italienisch und Französisch, didaktische Methoden sind von Land zu Land verschieden.

Thomas Liechti: „Der Name LibRomania soll beide Schwerpunkte des Unternehmens widerspiegeln: Die Manie für die Bücher aber auch das thematische Zentrum der Tätigkeit: Die Verbreitung der Literatur aus den Kulturen der romanischen Sprachen.“ Als die Zürcher Buchhandlung Romanica an der Schifflände 2013 schliessen musste, macht Buchhändler Fredi Barth seine Kunden auf die Berner LibRomania aufmerksam. Die grösste Stadt der Schweiz besitzt seit der Schliesung der Romanica nicht mehr über eine Buchhandlung, die spezialisiert ist auf die Literatur der romanischen Sprachwelt. Dazu Thomas Liechti: „Wir übernahmen Kundenstamm und Kontaktdaten der Romanica und bieten seither den Kundinnen und Kunden aus Zürich eine neue Heimat. Noch häufiger als bisher können wir heute Kunden aus der Ostschweiz bei uns begrüssen. Als unterdessen einzige Buchhandlung in der Deutschschweiz mit einem Akzent auf mehreren romanischen Sprachen wird ein Besuch in Bern häufig mit einem Besuch der LibRomania verbunden oder sogar umgekehrt.“

Dass die LibRomania mittlerweile Kunden in der ganzen Deutschschweiz mit Literatur aus Frankreich, Italien, Spanien und Portugal versorgt, wird klar, wenn man länger in der Buchhandlung an der Länggasse verweilt: Im rückwärtigen Ladenteil stehen fünf Arbeitstische hintereinander aufgereiht , auf jedem Tisch ein Computer. An drei Computern arbeiten während unseres Besuchs der Chef sowie die beiden Buchhändlerinnen Madeleine Sturni und Michelle Popp. Und alle drei sind an der Entgegennahme von Bestellungen sowie an deren Verarbeitung. „Umsatzmässig stehen die Verkäufe auswärts zu denen im Laden im Verhältnis 1 zu 5“, erzählt Liechti und bestätigt gerade die eingangs geschilderte Erfahrung: Die Mitarbeiter grosser Buchhandlungen hätten keine Zeit, um etwas komplizierteren Bibliografierarbeiten nachzugehen. Und für die Mitarbeiter kleinerer Buchhandlungen, die die Buchmärkte und bibliografischen Instrumente Frankreichs, Spaniens oder Italiens nicht kennen, sei es ebenso mühsam, nach Titeln zu suchen, die nicht gerade Klassiker oder Bestseller sind. So beliefert LibRomania Universitätsinstitute nicht nur in Bern sowie die Zentralbibliothek in Zürich und Gymnasien auch ausserhalb der Stadt Bern. Liechti kennt die Buchhandlung El Condor in Zürich, die auf Bücher aus Lateinamerika spezialisiert ist. Deren Besitzerin reise immer wieder nach Südamerika und bringe kofferweise neue Bücher mit. Liechti muss nicht zu den Büchern reisen. Als Rechercheur im Netz findet er jedes gewünschte Buch. Auch eines, das erst vor wenigen Monaten in einem Verlag erschienen ist, der angeblich aus finanziellen Gründen dicht gemacht hat.

LibRomania
Länggasse-Strasse 12
3012 Bern
T: 031 305 30 30
www.libromania.ch

 

Aus Liebe zum Buch

Heinz Egger

Logo der LobRomania

Einfaches Logo: Schriftzug mit rotem Balken. Aber der Schriftzug hat seine Komplexität: Das R von Libromania ist grossgeschrieben und eben mit Rot hinterlegt. Eine Wortkombination. Libro – mania, vielleicht mit Büchermanie zu übersetzen. Lib – Romania. Lib als Abkürzung fürs Buch, Romania für die Bezeichnung des römischen Reichs und der zugehörigen Kultur aus der Spätantike. Oder Romania auf Englisch für Rumänien. Dies sind sicher Hinweise genug, was in der Buchhandlung im Angebot steht. Es sind Bücher in Sprachen, die aus dem Lateinischen hervorgegangen sind: Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Rätoromanisch. Und tatsächlich auch auf Rumänisch. Im Jahr vielleicht einmal komme ein rumänischer Kunde und kaufe sich ein Buch von dem einen Tablar mit Literatur auf Rumänisch, sagt sichtlich stolz aber auch schmunzelnd Thomas Liechti, der Geschäftsführer und Gründer der Buchhandlung. Diese kleine Auswahl an rumänischen Büchern ist wohl eher ein Tribut an den Namen der Buchhandlung und natürlich Liebhaberei.

Thomas Liechti ist Quereinsteiger. Er hat Romanistik studiert, amtete als Lehrer, wollte aber mehr, nämlich eine eigene Romanistikabteilung in einer Buchhandlung. Da dies nicht möglich war, gründete er eine eigene Buchhandlung. Starthilfe erhielt er vom Haupt-Verlag, der ganz in der Nähe seine Räume hat. Dort durfte er die Infrastruktur nutzen und so seinen eigenen Buchhandel starten. Das ist 31 Jahre her. Inzwischen ist Libromania ein schweizweit bekannter Name geworden. Seit die bekannte Buchhandlung Romanica in Zürich 2013 ihre Tore geschlossen hat, bietet Libromania als einzige Buchhandlung der Deutschschweiz mit einem Angebot in mehreren romanischen Sprachen den Kundinnen und Kunden einen vortrefflichen Service. Thomas Liechti hat ein dichtes Netz zu Verlagen im Ausland gesponnen. Hinter jeder Sprache stehe eine eigene Welt, sag er. Versuche, in Kolumbien auf einer Reise neue Beziehungen zu knüpfen, waren allerdings nicht erfolgreich. Es gibt zwar noch eine Person, die er noch kontaktieren will, es scheint aber, als sei den Buchhändlern dort der Aufwand für eine Lieferung in die Schweiz zu gross. Dank den vielfältigen Beziehungen und den breiten Kenntnissen in den Märkten ist es heute gar so, dass grosse Buchhandelsketten die Kunden in die Libromania schicken, wenn ein spezielles Buch zu besorgen ist. Das dauert wegen dem Transportweg und den Formalitäten zwar meist bis zu zehn Tagen, aber da die Kunden sonst nicht an die Ware kämen, sind sie gern bereit, so lange zu warten. Bücher Bestellen und Versenden ist vom Umsatz her fünfmal wichtiger als der Verkauf im Laden selbst. Das bezeugen auch die fünf PC-Arbeitsplätze im hinteren Teil des Buchhandlung. Dort wird eifrig getippt. Das Klappern der Tastaturen erfüllt den Raum.

Auslage beim Schaufenster

Aber ohne das physische Buch in den Gestellen geht es nicht. Viele Kunden stammen aus dem Quartier. Sie kommen, schmökern und kaufen. Für ein breiteres Angebot in der Länggass ist auch ein grosser Teil der Auslage Deutsch. Studenten kommen trotz der Nähe zur Universität wenige, ausser für spanische Bücher. Spanisch ist denn auch ein Schwerpunkt der Buchhandlung.

Der Raum der Buchhandlung ist vorne breit und verjüngt sich gegen die Tiefe hin. Er ist hell. Der hellgraue Boden ist mit einem gegossenen Belag aus feinen Steinchen belegt. Zur Linken enthält eine lange Wand bis zur Theke spanische Literatur, rechts die deutsche, dann nach dem Gestell der Lieblingsbücher der Buchhändlerinnen und des Buchhändlers, die italienische, französische und portugiesische.

Thomas Liechti bei den Lehrmitteln

Ganz zuhinterst hat der Patron seinen Arbeitsplatz – so hat er immer alles im Blick. Eine Fensterfront den Arbeitsplätzen entlang flutet den Bereich mit Tageslicht. Hier, quasi in Sichtweite des ehemaligen Lehrers, stehen auch alle Lehrmittel zu den Sprachen. Die Abteilungen in den Gestellen sind mit metallisch glänzenden Winkeln angeschrieben. Der Abteilungsname ist mit Schwarz aufgedruckt: klar, übersichtlich, feingliedrig. So gibt es in den Gestellen mit den spanischen Lehrmitteln die „Métodos ed. alemanas“ und die „Métodos españoles“, also Lehrmittel deutscher oder spanischer Herkunft. Erstere, so Thomas Liechti, werden von deutsch sprechenden Lernenden bevorzugt, die Zweiten von jenen, die Französisch oder Italienisch sprechen. Weiter sind da Sprachübungen, Diplomvorbereitungen, Bücher für die Geschäftswelt, Bücher für den Spracherwerb der Kinder, leichte Lektüren. Es geht aber auch um die Schweiz und die spanische und lateinamerikanische Geschichte.

Bei den portugiesischen Lehrmitteln wird zwischen Portugiesisch und Brasilianisch unterschieden. Das Angebot an Lehrmitteln ist so gross, weil viele Lehrerinnen und Lehrer wieder und wieder auf der Suche nach Unterrichtsmitteln sind. Und sie schätzen es, dass sie bei Libromania die Bücher in die Hand nehmen und so besser beurteilen können, ob etwas in Frage kommt oder nicht.

Heute ist Irène Stalder für den Bereich der Lehrmittel zuständig. Alle sieben Angestellten haben so einen Schwerpunkt. Alle sprechen mindestens Französisch. Eine lernt gerade Spanisch. Thomas Liechti hat immer Lernende ausgebildet. Da er sich auch mit einem altershalben Rückzug aus dem Geschäft befasst, wollte er keine Lernenden mehr aufnehmen. Die Angestellten haben sich aber dafür eingesetzt, diese wichtige Aufgabe fortzuführen. Sie haben nun die Ausbildung der Lernenden übernommen. Bestimmt werden die jungen Leute aber vom breiten Wissen und der patronalen Präsenz von Thomas Liechti sehr viel profitieren können.

 

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