Archiv für den Monat: Juli 2017

Boekhandel de Vries, Haarlem (NL)

 

Kammerspiel

Michael Guggenheimer

Daan van der Valk mit der "Bibel", dem Gästebuch der Buchhandlung H. de Vries

Einem Buchhändler wie Daan van der Valk kann man nur in einer sehr guten Buchhandlung begegnen. Der Mann schaut sich Buchhandlungen nämlich sehr genau an. Einmal im Jahr kehrt der Leiter der Buchhandlung de Vries im holländischen Haarlem dem Laden den Rücken und arbeitet in einer anderen Buchhandlung im Ausland. Auf diese Weise lernt er neue Buchorte kennen, schaut sich um in neuen literarischen Landschaften und sieht, wie andere einen Buchladen führen. „Da kann man viel lernen“, sagt van der Valk. Einen Arbeitsaufenthalt in Berlin und einen in Tokyo wünscht er sich. Von der Arbeit in New York in der renommierten Buchhandlung Rizzoli schwärmt er noch heute. Dabei ist Rizzoli so anders als van der Valks Arbeitsort. „Die Mitarbeiter bei Rizzoli konnten es kaum fassen, dass ich in einem Laden arbeite, der mehr als hundert Jahre alt ist“.

Der Buchladen H. de Vries Boeken am Rande der Altstadt von Haarlem ist mit einem Kammerspiel zu vergleichen. Wer sich hier Bücher anschauen will, der bewegt sich von einer Kammer zur nächsten, von einem Kapitel zum nächsten. Kleinräumig ist der Laden, er setzt sich zusammen aus fünf niederen Räumen, die manchmal an gemütliche bürgerliche Wohnzimmer erinnern. Alle fünf Kammern zusammen ergeben einen stattlich grossen Buchort. „Hier war mal der Laden eines Gemüsehändlers“, erläutert van der Valk beim Rundgang. „Und dort befand sich der Stall eines Fuhrhalters. Hier sehen Sie noch ein Stück von der alten Stadtmauer.“ De Vries Boeken hat sich mit den Jahrzehnten von Raum zu Raum langsam vergrössert. Jeweils dann kam wieder ein Raum hinzu, wenn ein benachbartes Geschäft geschlossen wurde. Ein zentraler Raum, dessen Decke höher als jene der anderen Räume ist, war bis zur Überdachung ein Garten-Innenhof. Heute finden hier die Lesungen und Autorenbegegnungen statt. Und es sind viele Veranstaltungen, die bei de Vries stattfinden. Daan van der Valk holt ein dickes Buch herbei, in dem alle berühmten niederländischen Autoren ihren Namen und einige Zeilen mit einer Widmung eingetragen haben.

„Der Besuch eines Ladens muss ein Erlebnis sein, der Laden sollte ein Ort sein, den du gerne aufsuchst, weil es dort etwas zu sehen und zu erleben gibt“, sagt van der Valk, der im Jahr 2012 als bester Buchverkäufer der Niederlande gewählt wurde. „Wenn ein neues Kochbuch bei uns vorgestellt wird, dann decken wir einen grossen Tisch und können beschriebene Gerichte sogar gekostet werden“. Der Laden, der durch seine Inneneinrichtung Tradition ausstrahlt, wurde im Jahr 1905 gegründet und ist noch immer in Familienbesitz.

Tradition strahlt auch das grosse Wappen an einem der beiden Eingänge: Es ist jenes Wappen, das besondere Läden in den Niederlanden als Hoflieferanten des Königshauses auszeichnet. „Bij koninklijke beschikking“ – „Kraft königlicher Verfügung“ wurde der Buchladen de Vries zum hundertjährigen Jubiläum als Hoflieferant bestimmt. Das bedeutet zwar nicht, dass König Willem-Alexander der Niederlanden jedes seiner Bücher in Haarlem besorgen würde. Traditionsreiche, familiengeführte Unternehmen in Holland, die über hundert Jahre bestehen, können auf Antrag diese Vignette verliehen bekommen, auch wenn sie nicht unbedingt den Hof beliefern.

Von der früher wichtigen Sparte Schulbücher hat sich das Unternehmen de Vries ebenso getrennt wie vom Antiquariat. Karin de Vries’ ist die heutige Besitzerin des Buchladens. Als ihr Ehemann noch lebte, gab es wohl keine andere Buchhandlung in den Niederlanden, die so viele Sportbücher hatte. Belletristik, Kochbücher und Kinderbücher sind heute die drei Spezialitäten des verwinkelten Ladens. Jeder Raum ist einer besonderen Sparte gewidmet. Poesie und Biografien in einem Raum, die Kochbücher in einem anderen, die Kinder- und Jugendbücher wiederum in einem weiteren. Pädagogik, Psychologie, Esoterik, Gottesdienst, Photo, Geschichte, Ökonomie, Informatik und Wörterbücher sind alle beisammen in einem Raum. „Dwarsliggers“ heisst das Format einer Reihe von Romanen im Belletristikraum. In Deutsch müssten sie „Querlieger“ heissen. Es sind Bücher in der Grösse eines Mobiltelefons wie es sie im deutschsprachigen Bereich nicht gibt: Integrale Romane auf Dünndruckpapier in einem Format, welches in jede Jackentasche passt, noch kompakter als herkömmliche Taschenbücher.

Als sei der Laden einem niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts Modell gestanden, meint man beim Anblick eines Cheminées in einem der Räume. Schräg gegenüber an der Strasse mit dem Namen „Gedempte oude gracht“ befindet sich die Konkurrenz, die Haarlemer Filiale des Amsterdamer Buchladens „Athaeneum Boekhandel“. Ein grosser, tiefer Raum, der in manchem so anders ist als de Vries, weil hier mehr Politik, mehr Zeitgeschehen in den Tablaren geführt wird. „Wir haben beste Beziehungen zu Athaenaeum sagt van der Valk, der einen hinüberschickt, weil der letzte Band des Erfolgromans der Saison „Het smelt“der flämischen Autorin Lize Spits, bei de Vries gerade verkauft wurde.

Bertram Koeleman, Autor und Buchhändler

Wo Athaeneum nicht mithalten kann, ist die erlebbare Nähe der Buchhändler zur Literatur. Gleich zwei niederländischen Autoren kann man bei de Vries als Buchverkäufer begegnen. Da ist Bertram Koeleman, Autor von einem Band mit Kurzgeschichten und von einem Roman, letzterer beim renommierten Verlag Atlas Contact erschienen.

Lucas Hirsch, Poet und Buchhändler

Lucas Hirsch, der zweite Autor, der bei de Vries als Buchhändler arbeitet, ist Lyriker. Von ihm sind vier Buchpublikationen im Laden erhältlich sind. „Bertram Koeleman ist der bedeutendere von uns beiden, erwähnen Sie ihn“, sagt Hirsch. „Familie gebiedt“ hiess der Titel von Hirschs erstem Band, in dem er auch der Geschichte seiner eigenen Familie nachging. Derzeit sitzt er abends nach der Arbeit an seinem ersten Roman, der gewiss auch bei de Vries erhältlich sein wird.

Boekhandel de Vries
Gedempte Oude Gracht 27
2011 GK Haarlem, Niederlande
T: +31 23 531 9458
www.devriesboeken.nl

 

Erinnerungen

Sehr geehrte Frau de Vries,

Ende Juni 2017 besuchte buchort.ch Ihre Buchhandlung in Haarlem. Und es ist mir eine Ehre, dass Sie zu mir gekommen sind und ich Ihnen unser Projekt mit Buchorten vorstellen durfte. buchort.ch hat sich in Ihren Geschäftsräumen sehr wohl gefühlt und dank Ihrem Manager, Herrn Daan van der Valk, haben wir sehr viel über Ihre Buchhandlung erfahren.

Seit über 100 Jahren: Buchhandlung H. de Vries

Daan van der Valk hat mich immer wieder angeschaut und zugesehen, wie ich Notizen machte und auch Fotos aufnahm. Sehr vorsichtig kam er dann zu mir und fragte, ob er mir irgendwie helfen könne. Ich habe ihm darauf erklärt, was ich mache. Er hat die Idee von buchort.ch spannend gefunden und liess später im Gespräch durchblicken, dass er uns um die Reisen zu Buchhandlungen und anderen Orten mit Büchern beneide. Er leistete gleich einen wunderbaren Beitrag zu diesem Bericht, indem er von der Geschichte des Hauses zu erzählen begann.

Unterschiedlichste Räume stossen aus fünf Gebäuden aneinander

Mir ist schon beim Betreten Ihres Buchladens aufgefallen, dass er sich über mehrere Häuser erstreckt und dadurch eine schöne Zahl von verschiedenen Räumen aufweist. Ein Besuch lohne sich auch nur wegen der Bausubstanz, sagte Daan van der Valk. Nicht nur gebe es originale Holzdecken, sondern auch ein Stück Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert. Die Gestalt der Räume ist so verschieden wie die ehemalige Nutzung. Die Böden sprechen Bände – diseser aus schwarzen und weissen Fliesen, jener aus Tonziegeln, ein weiterer aus Holz. Täfelchen an den Durchgängen weisen darauf hin, dass der Besucher auf die Höhenunterschiede beim Übergang von einem zum nächsten Boden achten solle. Und der erste Raum, in dem ich mich sofort wohl fühlte und eigentlich gern länger verweilt hätte, war just jener, der die Keimzelle der Buchhandlung darstellt. Ein schmaler, heimeliger Raum mit hellen Deckenbalken, hohen, hellen Büchergestellen und einem offenen Kamin, der gemäss Daan van der Valk immer noch in Betrieb sei. Er erwähnte auch, dass die Koks dafür extra aus Rotterdam herbeigeschafft würden, weil sonst kein Brennstoffhändler sie mehr im Angebot habe. Zwei Kohleeimer stehen neben der Feuerstelle bereit, die Kohlen glühen und der Wasserkessel singt. Ein schönes Bild in der Vorstellung. Wie behaglich wäre es, dort an einem trüben Wintertag im Fauteuil oder auf der kleinen Bank zu sitzen und in der Wärme des Kohlenfeuers ein Buch zu lesen!

Offener Feuerplatz

Die Geschichte des Ladens und seiner Erweiterung ist spannend. Und das Geschäft wusste sich der Zeit anzupassen. Mir war gar nicht bekannt, dass am Anfang des letzten Jahrhunderts Buchhandlungen Orte waren, an denen man sich anmelden musste, mindestens indem man an der Hausglocke zog, um Einlass zu verlangen. Der Gründer der Buchhandlung brach mit dieser Tradition und öffnete die Türen für alle Besucherinnen und Besucher. Ihre Buchhandlung ist mit der Zeit gegangen. So wurden die Sparten Antiquariat und Schulbuchhandel – beide sind auf der grossen Tafel im Eingang zum Hof noch zu sehen – aufgegeben. Dafür gibt es heute eine Website mit Online-Handel, der immer wichtiger wird und über den 20 Millionen Titel von Büchern, E-Books, Print-on-Demand- und Hörbüchern erreichbar sind. Und im Laden sind neue Schwergewichte entstanden. Dazu gehört die wunderbare, sehr breit ausgerüstete Abteilung mit Kochbüchern. Ein Eldorado für alle, die gern gut essen, deshalb selber kochen und der Vielfalt der Küche unserer Welt mit Interesse nachspüren möchten!

Kinder- und Jugendlichenabteilung

Ein grosser Raum ist ganz für die jungen Leserinnen und Leser reserviert. Den dritten Schwerpunkt bildet die Literatur. Und kein Kunde wird es verachten, dass über 30‘000 Bücher ab Lager erhältlich sind. Was für ein Angebot! Da ist bestimmt für jeden etwas dabei.

Ich habe viele Titel gelesen, Autorennamen notiert, von denen ich noch nie gehört habe. Nicht jedes Buch ist auf Deutsch übersetzt worden, stelle ich fest. Da tut es mir fast Leid, dass ich der niederländischen Sprache nicht mächtig bin. Die schön ausgestellten Bücher, sei es auf den Haltern an den Wänden, die mit Licht schön inszeniert sind, oder sei es dass sie zu hohen Türmen geschichtet mich anlachen, sind trotzdem eine grosse Versuchung.

Wie spannend ist es, zu hören, dass die erste Ladenerweiterung durch Übernahme der Räumlichkeiten eines Gemüsehändlers geschah und das Ladeninventar an einen gewissen Albert Heijn ging, dessen riesige Supermarktkette heute in den ganzen Niederlanden bekannt ist.

Das Haus ist, wie eine schön gestaltete Wand beim einen Eingang zeigt, seit 2005 „Hofleverancier“. Dies ist eine ehrenvolle Auszeichnung, da die Buchhandlung seit mehr als 100 Jahren existiert und immer noch als gesundes Unternehmen wirtschaftet. Es scheint, dass die Erfolgsgeschichte weitergeht. Wie Daan van der Valk ausführte, werde bald Ihre Tochter das Ruder übernehmen. Das ist vielversprechend. Denn auch wir sind der Meinung von Daan van der Valk: Die Leute wollen immer noch Bücher lesen.

Es war ein sehr eindrücklicher Besuch in Ihrem Boekwinkel. Und das englische Buch mit goldenem Leineneinband „No Two Persons Ever Read the Same Book – Quotes on books, reading and writing“ von Bart Van Aken, das ich bei Ihnen erstanden habe, wird mich immer an die schöne Begegnung mit Ihnen erinnern.

Alles Gute und freundliche Grüsse
Heinz Egger

 

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