Archiv für den Monat: August 2017

Literaturmuseum der Moderne, Marbach (D)

 

Literaturtempel

Michael Guggenheimer

Bilder anschauen in einem Museum: Sie hängen an der Wand, sind grossformatig oder klein, man kann sich ihnen nähern, um sich Details anzuschauen, sieht Landschaften, Personen, Gegenstände, kann einige Schritte zurückgehen, um das Bild als Komposition besser zu überblicken. Nicht anders in einem Natur- oder einem Technikmuseum. Und in einem Literaturmuseum? Wie lassen sich Romane, Gedichte, Erzählungen in einer Ausstellung präsentieren? Was kann man in einem Literaturmuseum mehr zeigen als Buchdeckel oder eine Doppelseite eines geöffneten Buches? Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach zeigt es.

Chipperfield Architects bauten das Literaturmuseum in Marbach

Ein moderner Bau aus dem Jahr 2006, entworfen hat es der berühmte englische Architekt David Chipperfield, steht auf einem Hügel, nebenan das Schiller-Nationalmuseum aus dem Jahr 1903. Schillerhöhe heisst der Ortsteil. Neben dem Schillermuseum das Deutsche Literaturarchiv in einem grauen bunkerartigen Bau aus den 60er Jahren. Man steht auf einer Vorterrasse und blickt hinunter auf den Fluss Neckar. Marbach. Eine Kleinstadt unweit von Stuttgart, ist ein Ort der Literatur, ein Ort der Bücher. Hier forschen Literaturwissenschaftler, sichten sie Nachlässe deutscher Schriftsteller, hier finden Tagungen zur Literaturgeschichte statt. Drei Gebäude, die mit Büchern, mit Literatur zu tun haben.

Das Literaturmuseum der Moderne. Beim Herannahen erinnert der mit den Jahren etwas angegraute Bau mit seinen Säulen an einen griechischen Tempel. Die Eingangshalle mit Kasse und Infotheke sowie der Vortragsraum befinden sich über den Ausstellungsräumen. Das Gebäudeinnere strahlt eine distanzierte Kühle aus, überhaupt ist’s in den Räumen auch an heissen Sommertagen kühl. Konservatorische Gründe sind es, die das Raumklima bestimmen. Gemusterte Decken liegen in Kunststoffbehältern bereit, man kann sie sich beim Besuch der Ausstellungsräume über die Schultern legen. Und wirklich, einige Besucher haben sich bedient.

Man steigt die Treppe hinab, hört eine Art wiederholtes längeres Rattern und erinnert sich an die Anzeigetafeln von Bahnhöfen und Flughäfen aus der Zeit vor der Installation digitaler Anzeigetafeln. Im ersten Raum, von dem aus es in die verschiedenen Ausstellungsbereiche geht, hängt eine breite, grossformatige Faltblatt-Anzeigetafel. Ja, so heisst das Ding. Es ist Hans-Magnus Enzensbergers berühmter Poesieautomat, eine dichtende Maschine. Man steht staunend vor dieser Maschine, schaut zu, wie da auf Knopfdruck nach und nach lange Gedichtzeilen entstehen. Es sind computergenerierte Zeilen, mal sinnreich, mal seltsam unverständlich, stets aber ein Lesespass.

Jahrzahlen an den Gestellen weisen den Weg durch das 20. Jahrhundert der Literatur

Die Dauerausstellung des Museums auf der einen Seite, die Wechselausstellungen auf der anderen. Im gedämpften Halbdunkel liegen die lichtscheuen Exponate des Museums der Dauerausstellung in grossen Glasvitrinen. Die ausgestellten Objekte der 2015 eingerichteten Ausstellung, befinden sich auf Glasplatten auf mehreren Niveaus. 280 Exponate, die aus über 1 400 Schriftstellernachlässen mit Büchern und Gegenständen ausgewählt wurden, geben Einblick in Aspekte und Entstehung der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die Vorgängerausstellung war um einiges grösser, für Besucher kaum bewältigbar, an möglichen Exponaten fehlt es der Institution nämlich nicht. Die Vitrinen sind nach Jahren geordnet, sodass man anhand der Exponate einen Querschnitt durch das jeweilige literarische Jahr erhält. Das Museum zeigt auf rund 1000 m² Exponate vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Entgegen der Ausrichtung vieler Dichterhäuser, die einen Autor oder eine einzelne Epoche zum Zentrum ihrer Ausstellungen machen, zeichnet das Literaturmuseum der Moderne die Entwicklung der deutschsprachigen Literatur der letzten 100 Jahre in seiner Dauer- und den Wechselausstellungen nach.

Man muss sich an die Lichtverhältnisse im grossen Ausstellungsraum gewöhnen, muss sich zudem von der Vorstellung lösen, alle Exponate während eines einzigen Besuchs sehen zu können. Denn zu jedem Objekt gibt es ab ausleihbaren Tabletcomputern oder ab Smartphones weiterführende Erläuterungen. Handgeschriebenes, Briefe, Telegramme, Originaltexte, Fotografien, Ansichtskarten, aufgeschlagene Bücher liegen da auf. Zum Beispiel Else Lasker-Schülers handgeschriebenes Gedicht Heimweh und Hermann Hesses Todesmaske. Dann Enzensbergers Textstimmenbilder, Max Frischs Roman Stiller in der Originalversion mit einer Erläuterung, wann Frisch jeweils den Anfangssatz eines Romans schrieb (nämlich am Schluss). In einer anderen Vitrine Nina Hagens Song New York /N.Y auf Papier, Judith Schalanskys Spickzettel auf rosaroten und grünen Zetteln, Albert Einsteins Brief an den Autor Paul Mühsam mit dem Satz „Ich mag Ihr Buch nicht“, weil er als Leser gelitten habe. Und auch noch Paul Celans Kritik an Rilkes Verlaine Übersetzung, in der er von einer „Rilkerei“ schreibt und Ernst Jüngers persönlicher Kalender, in dem unter dem 3. Februar 1951 verklausuliert zu finden ist, dass er mit Albert Hofmann LSD ausprobiert hätte: „¾ Hofmann + Prof. Konzett 0.00005 gr“. Wunderbar Siegfried Kracauers Haufen ausgeschnittener Zeitungstexte: Jeden Tag hat er Joseph Roths Fortsetzungsroman „Radezkymarsch“ im Jahr 1932 in der Frankfurter Zeitung gelesen und dann ausgeschnitten und aufbewahrt. Noch mehr? Marlene Dietrichs Telegram an Erich Kästner vom 25.4. 1932: „haben himmlischen abend mit puenktchen und anton. stopp. ich wuensche sie koennten mein kind lachen hoeren. stopp. tausend gruesse und dank. marlene dietrich“. Noch mehr? Da sind Enzensbergers Pläne für seinen Poesieautomaten für „Falzblattanzeigentafel und einem Computer“: 6 Zeilen zu jeweils 100 Buchstabenfeldern. Auf Blättern die Worte, die Enzensberger für die Maschine gesammelt hat. Alle Objekte wunderbar ausgeleuchtet und präsentiert. Ein Einblick in die Entstehung von Literatur, in Schreibthemen, in Lebensstationen, Freundschaften und Krisen von Schreibenden. Spannend dann, wenn Namen einem vertraut sind. Wenigstens die Namen und Buchtitel.

Zusätzlich zur Dauerausstellung finden im Literaturmuseum der Moderne Wechselausstellungen statt. Wer eine dieser Ausstellungen gesehen hat, den zieht es wieder nach Marbach. Unvergesslich die Ausstellung „August 1914. Literatur und Krieg“. „Nie zuvor in der Geschichte wurde so viel geschrieben wie im August 1914, nichts scheint (ausser vielleicht die Liebe) das Schreiben so notwendig zu machen wie der Krieg. Der Elsässer Dichter Ernst Stadler und Franz Kafka sind nur zwei der Autoren, deren Tagebücher oder tagebuchähnlichen Briefwechsel in der Ausstellung wiederholt aufgeschlagen werden“, hiess es in der Einleitung zur Ausstellung, die erschütternde Schicksale deutscher, französischer und österreichischer Künstler zeigte. Ein Jahr zuvor war es die Ausstellung „LSD. Der Briefwechsel zwischen Albert Hofmann und Ernst Jünger.“ Die beiden, der Dichter und der Pharmazeut, telefonierten miteinander, besuchten sich regelmässig und verreisten zusammen – nach Ceylon und Kreta, aber auch mit Hilfe gemeinsam unternommener Drogenexperimente“. Und jetzt die Ausstellung „Die Familie. Ein Archiv“: 3000 Exponate, kaum zu bewältigen in einem halben Tag! Gut, dass man Faltstühle im Museum benutzen kann, denn stehend schafft man die Ausstellungen im Haus nicht.

Deutsches Literaturarchiv Marbach
Literaturmuseum der Moderne
Schillerhöhe 8-10
71672 Marbach
T: +49 7144 / 848-601
www.dla-marbach.de/museen

 

Was bleibt?

Heinz Egger

Auf einem hohen Podest steht Schiller zwischen alten Bäumen. Er schaut hinab, zur Rechten auf den bunkerartigen Waschbetonbau des Literaturarchivs, geradeaus auf den schönen, alten Bau des Schiller-Nationalmuseums und zur Linken auf den filigranen Betonbau des englischen Architekten Chipperfield. In diesem kubischen Bau, dessen Dach von unzähligen quadratischen Betonsäulen getragen wird, befindet sich das Literaturmuseum der Moderne.

Zur Ausrüstung des Museumsbesuchs gehört ein Tablet. Das macht den Eintritt schon spannend. Die Museumsräume befinden sich im Untergeschoss. Nach der Treppe steht man in einem grösseren Raum: hellgrauer Boden, eine lange Wand aus hellem Beton, Licht fällt zwischen den Betonträgern herab, warmes Licht von Lampen färbt das Grau. Zuerst ist man irritiert. Was hat eine riesige Anzeigetafel, wie sie früher auf Flugplätzen zur Anzeige der Flüge gedient haben, im Literaturmuseum zu tun? – Es ist ein Kunstwerk von Hans Magnus Enzensberger: der Landsberger Poesieautomat.

Der Landsberger Posesieautomat von H.M. Enzensberger

Vor der Tafel auf einer kleinen Säule ist der grosse, rote Knopf, den es zu drücken gilt, um einen neuen Text komponieren zu lassen. Es braucht etwas Geduld, bis die Maschine über die neuen Wörter „nachgedacht“ und zu Gedichtzeilen arrangiert hat. Dann rattert sie los. Die Kläppchen fallen mit metallischem Klickern eins nach dem andern, Zeile für Zeile entsteht. Mein Text:

„Brühwarme Bekenntnisse in den Gremien. Dieser bleierne Frohsinn der Hochfinanz.
Und diese langatmigen Fluchtversuche: Meinetwegen! Dabei verhindern wir einfach zu viel.
Danach auf Antrag einsame Geräusche. Schon als Baby sparen!
Innenleben. (‚Deine Freunde sind doch so gierig.‘) Im Überbau Ausweichmanöver.
Der stumme Zahnersatz ist so zählebig wie die Natur. Unter uns gesagt schwimmen wir nur noch.
Ausbrüche. Restrisiken. Zierliche Wundermale. Vorläufig tut es nicht weh.“

Hans Magnus Enzensberger hat den Automaten schon 1974 entworfen, verwirklicht wurde die Maschine aber erst 2000.

Auf dieser Ebene des Museums finden regelmässig Wechselausstellungen statt. Gerade läuft eine sehr umfangreiche Ausstellung zu Rilke in Russland. Exponate aller Art vom Brief über Zeitungsartikel, Karten und Fotos machen die Ausstellung zu einem Ort, an dem man Stunden verbringen könnte. Am Schluss des Rundgangs stehen Fauteuils, liegen Kataloge auf und Kopfhörer mit einer Steuerung laden ein, Rilkes Texte auf Russisch zu hören oder in Vertonungen der Gedichte einzutauchen.

Noch einen Stock tiefer liegt der Raum mit der Literaturgeschichte ab 1899 bis in die jüngste Vergangenheit. Dort befindet sich die Dauerausstellung des Museums. Der lange, hohe Raum mit der von Querträgern gehaltenen Betondecke hat zwar einen hellen Holzboden, die Wände sind hingegen mit sehr dunklem Holz bedeckt. Es ist ein dunkler, fast düsterer Raum und es ist empfindlich kühl darin – aus konservatorischen Gründen vielleicht?

Aus konservatorischen Gründen: Es ist kühl im Ausstellungsraum, eine Decke tut da wohl.

280 Dinge sind ausgestellt. Das ist wenig, denn das Archiv besitzt über 1400 Nachlässe von Schriftstellern und Gelehrten, etwa 50 Millionen Blätter, Bücher und Gegenstände. Und trotz des kleinen Ausschnitts will das Museum nichts weniger als die Seele der deutschen Literatur zeigen. Beim Überschreiten der Schwelle in den Raum stehen Fragen: Was kann die Literatur? Was soll die Literatur? Was bleibt von ihr? Die Antworten können Exponate geben, deren Zusammenstellung immer wieder leicht wechselt. Was ausgestellt ist, ist sorgfältig mit Licht in Szene gesetzt. Spiegelungen, Lichtreflexe und Schatten lassen einen wie in ein Labyrinth eintauchen. Orientierung bieten einerseits die grossen Jahrzahlen auf den grauen Stirnseiten der Glasvitrinen und andererseits das Tablet. Zu jedem Objekt gibt es einen QR-Code, der mit dem Tablet fotografiert werden kann. So kann man „Briefe umdrehen, in Manuskripten und Büchern blättern, Dinge ins Archiv zurückverfolgen, sich Geschichten erzählen lassen und Exponate mit Freunden teilen“ (zitiert nach: www.dla-marbach.de/museen/museums-app). Die Informationen helfen, das Buch, die Handschrift, die Foto, die Zeichnung oder den Zettelkasten einzuordnen und zu verstehen. Die App, die auf dem Tablet läuft, kann auch heruntergeladen und daheim verwendet werden. Das ist gut für die Vorbereitung des Besuchs oder eben zum Nachschlagen nach dem Ausstellungsbesuch.

Und immer wieder stehen da Wörter auf den Glasscheiben, die zum Denken anregen, die einen Hinweis auf den Vitrineninhalt geben und sehr oft zum Schmunzeln anregen: Männerspiel, Regenwurmtechnik, Zauberbergschweine, Windundwolken, Ausixen.

Morgensterns Galgenlieder - aufgeschrieben auf einer "Streitaxt"

Nicht jedes Buch kommt daher wie wir uns ein Buch vorstellen: rechteckig mit einer gewissen Dicke, weisser Schnitt, Buchdeckel und Rücken. In der Vitrine mit dem Stichwort Männerspiel liegt eines in Form einer Streitaxt, die Buchdeckel sind mit metallenen Scharnieren verbunden. Eine schwungvolle Handschrift und Malereien sind auf den Seiten. Es sind Galgenlieder von Christian Morgenstern.

Zum Stichwort Zeilenglück gehört das Exponat 197. Es stammt aus dem Jahr 1967: „Die Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Die App liefert dazu Folgendes: Zuerst ein recht hoch auflösendes Foto der ausgestellten, von Hand geschriebenen Seite mit dem Titel „Die Strafarbeit“. Dann eine kurze Zusammenfassung des Buches und schliesslich die Würdigung von Siegfried Lenz zu seinem Tod 2014 durch Jürg J. Raddatz in der Zeit. Darin zitiert Raddatz Siegfried Lenz mehrmals. Unter anderem steht da: „Was sind Geschichten? Man kann sagen, zierliche Nötigungen der Wirklichkeit, Farbe zu bekennen. Man kann aber auch sagen: Versuche, die Wirklichkeit da zu verstehen, wo sie nichts preisgeben möchte.“ (zitiert aus der Museumsapp).

Unentbehrlich wird die App schliesslich im kleinen Raum mit dem Museum des 21. Jahrhunderts. An den Wänden sind grosse QR-Codes angebracht, sonst ist der Platz leer. In deren Mitte stehen in einem grauen Feld Autor und Werktitel. Beispielsweise: Alissa Walsers „Sammelkasten für Fundstücke“ aus dem Jahr 2011 oder Lutz Seilers „Bleistifte“ aus dem Jahr 2015.

Man wird dieses Museum bereichert, wohl auch bewegt verlassen, gewiss. Ob man Antworten auf die Fragen der Eintrittsschwelle wirklich gefunden hat? Ansätze vielleicht. Es braucht Zeit, viel Lektüre. Es wird ein längerer Prozess werden.

 

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