Archiv für den Monat: September 2017

Biblioteca Rumauntscha Chesa Planta, Samedan

Kleinod im Hochtal

Michael Guggenheimer

Rätoromanisch, die vierte Landessprache der Schweiz. Vier Bibliotheken im Kanton Graubünden sind es, in deren Fokus das Rätoromanische steht: Die Kantonsbibliothek Graubünden in Chur, die Bibliothek des Klosters Disentis, die Biblioteca Jaura in Valchava sowie die Bibliothek in der Chesa Planta in Samedan im Engadin. Der stattliche barocke Doppelbau im Dorfzentrum von Samedan, ursprünglich Stammsitz der Familie von Salis-Samedan, ist ein eindrucksvolles Beispiel für ein Engadiner Aristokratenhaus. Vor dem Gebäude eine ausgedehnte Freifläche. Genau hier ist im Zweiten Weltkrieg eine Bombe gefallen. Ein amerikanisches Militärflugzeug hatte sie nach einem Bombardement in Italien fallen gelassen, wohl um Treibstoff auf dem Rückflug zu sparen. Wäre die Bombe eine Stunde zuvor gefallen, eine grosse Anzahl von Soldaten, die sich hier versammelt hatten, wäre umgekommen. Das durch die Explosion beschädigte Haus wurde restauriert und beherbergt heute ein Kulturzentrum, ein Wohnmuseum, eine Bibliothek sowie das Engadiner Kulturarchiv, das mit einer stattlichen Anzahl von Fotografien, Büchern, Plänen, Herbarblättern und Kunst von der reichen Oberengadiner Kulturgeschichte kündet.

Bei unserem Gang durch das Haus leuchten uns die Bilder einer Ausstellung entgegen. Erica Pedretti und Gian Pedretti, die lange am Bieler See gewohnt haben, leben seit einigen Jahren wieder im Engadin und stellen auf Einladung von Kurator Chasper Pult Bilder und Objekte aus, grossformatig, viel kraftvolle Natur, eine Kunstausstellung mit Bergbildern, die dem Gebäude mit seinem historischen Mobiliar ein modernes Gepräge verleiht. Man geht von einem Raum zum nächsten, findet sich wieder im Treppenhaus und staunt: Ganz oben im Haus gleich zwei Bibliotheksräume mit einer warmen Ausstrahlung. Holzdecken, Holzböden, Büchergestelle in Holz. Die Bibliotheksmoderne ist hier noch nicht eingezogen. Und das verleiht den beiden Räumen ihren besonderen Charme. Doch das Computerzeitalter ist hier schon längst angelangt, auch wenn noch Teile der zweiten Bibliothek noch nicht erfasst sind.

Biblioteca Rumauntscha, Lesesaal

Die Biblioteca Rumauntscha der Chesa Planta gilt mit ihren Beständen als eine der wichtigsten und umfassendsten rätoromanischen Bibliotheken überhaupt. Vom Beginn romanischen Schrifttums im 16. Jahrhundert bis auf den heutigen Tag ist in diesen Räumen eine fast vollständige Sammlung all dessen, was in romanischer Sprache und in den verschiedenen bündnerischen Idiomen publiziert worden ist. Eine besondere Abteilung umfasst romanisches Schrifttum aus dem Friaul und den Dolomiten, eine weitere anderssprachige Publikationen über das Romanische. Die kostbarsten und ältesten Stücke stammen aus den Beständen der Familie Planta und aus der Sammlung des romanischen Dichters Peider Lansel. Der Schriftsteller, Essayist, Sprachenforscher und Sammler Lansel (1863 – 1943) hat sich während seines ganzen Lebens für die Erhaltung und Anerkennung der romanischen Sprache engagiert. Lansel, geboren im italienischen Pisa, lebte später in Sent im Unterengadin und in Genf. Er hatte zeigen wollen, wie reich die rätoromanische Kultur ist. Lansel hat alle Publikationen in rätoromanischer Sprache gesammelt, die er erwerben konnte, und konnte eine private Bibliothek aufbauen, die er der Chesa Planta schenkte. Seine Sammlung bildete den Grundstock der heutigen Bibliothek.

Welche Bedeutung die in der Chesa Planta aufbewahrten Schriften haben, realisiert man, wenn man vernimmt, dass im Haus so kostbare Dokumente aufbewahrt werden, wie die Originalpartitur des Calvenfestspiels 1899 von Otto Barblan, der „Chiantun verd“ von Martin Schmid de Grüneg von Ftan und die erste ladinische Bibel, gedruckt 1679 in Scuol. In der Vitrine der Bibliothek sind das „Nouv Testamaint“ von Giachem Bifrun von Samedan (1506 –1572), das erste im Druck erschienene Dokument rätoromanischer Literatur aus dem Jahre 1560  und „Il cudesch da Psalms“ von Durich Chiampell (1510 – 1582). Auf der Homepage der Chesa Planta werden sechs klassische Werke aus den Jahren 1560 bis 1668 in Wort und Bild vorgestellt.

Chasper Pult, Präsident des Stiftungsrats, in der Von-Planta-Bibliothek

Genau genommen beherbergt die Chesa Planta zwei Bibliotheken. Ein architektonisches Kleinod ist die Bibliothek Salis-Planta, die in einem eigenen Bibliotheksraum untergebracht ist und sich immer noch so präsentiert wie sie Ende des 19. Jahrhunderts von Nationalrat Andreas Rudolf von Planta-Samedan (1819-1889) eingerichtet wurde. Der Aufbau der Bibliothek ist thematisch, wobei jedes Thema aufgeteilt ist in ältere und neuere Werke, d.h. älteren oder jüngeren Druckdatums. Am umfangreichsten vertreten sind die Bereiche Theologie, Jurisprudenz, Philosophie, Philologie, Naturkunde, Geographie und Geschichte. Aus dem 18. Jahrhundert liegen zudem viele französische Literaturwerke vor. In einem grossen Buch sind die Bücher der Bibliothek aufgeführt, mehr an Katalog gibt es noch nicht, ein moderner digitaler Katalog dürfte erst dann erstellt werden, wenn Geldmittel für diese umfangreiche Arbeit beisammen sind.

Immer wieder finden interessierte Touristen den Weg in den Bibliotheksstockwerk der Chesa Planta. Manche unter ihnen besuchen im Sommer die rätoromanischen Sprachkurse der Chesa Planta und erweitern bei der Lektüre der Bibliotheksbücher ihr Wissen über die Raetoromania. Immer wieder finden aber auch Forscher aus dem In- und Ausland ihren Weg in die Bibliothek, wo sie mehrere Tage oder gar Wochen einem Thema aus der Bündner Geschichte nachgehen. Weil die Beheizung des Gebäudes – Samedan liegt auf 1700 Metern über Meer – während der Wintermonate mit einem bescheidenen Elektrospeicherofen nicht wirklich möglich ist, ist die Bibliothek vom Oktober an bis Juni jeweils für Besucher geschlossen. Bibliothekarin Monica Rota arbeitet dann stundenweise im dicken Pullover weiter, mutet aber Besuchern die Kälte nicht zu.

Ein ehrenamtlich tätiger Stiftungsrat befasst sich mit den Aufgaben der Chesa Planta. Der Rat besteht aus Vertretern des Engadins und der Gemeinde Samedan, der Familie von Planta und der Nachkommen der Stifter des Hauses. Die Mehrheit des Stiftungsrats spricht Romanisch und alle Mitglieder haben einen Bezug zum Engadin. So auch der aus Sent stammende Stiftungspräsident, der Romanist und Linguist Chasper Pult, früherer Leiter des Schweizer Kulturinstituts in Mailand und Lehrbeauftragter für die rätoromanische Sprache, Kulturvermittler und Übersetzer.

Chesa Planta
Mulins 2
7503 Samedan
T: 081 852 52 68
www.chesaplanta.ch

 

Geschichtsträchtig

Heinz Egger

Würde der ehemalige Nationalrat Andreas Rudolf von Planta-Samedan, der von 1819 bis 1889 lebte, heute vor dem Haus am Plazzet von seinem Reitpferd steigen, er würde sein Patrizierhaus nicht wieder erkennen.

Chesa Planta

1943 hatte eine Kompanie Soldaten eben Hauptverlesen und zerstreute sich, als eine Bombe auf der Plazzet einschlug. Viel Schaden entstand nicht, ausser an der dem Platz zugewandten Fassade der Chesa Planta. Bei der Restaurierung wurde sie überarbeitet in barockisierendem Stil den Engadiner Häusern angeglichen. Die letzten Von Plantas im Haus überführten den Besitz 1943 in eine Stiftung. Sie stimmten auch dem Einbau einer Bibliothek zu. Als erster Bibliothekar habe sein Vater gewirkt, sagt Chasper Pult, der Präsident der „Fundaziun de Planta Samedan“. Die Familie Pult sei denn auch die letzte Familie gewesen, die in diesem Haus gewohnt habe. Die Vermieter waren der Wichtigkeit ihres Hauses und seiner Stellung bewusst. Als Kinder kamen, habe man die Pults angewiesen, ja keine Windeln im Garten aufzuhängen. Der Umschwung des Hauses ist riesig. Er war einst ein englischer Garten und reichte bis hinab zum Bahnhof. Noch um 1855 wurde für den Nationalrat Andreas Rudolf von Planta ein Gartenpavillon gebaut.

Das Haus hat eine lange Geschichte. Es wurde 1595 von der Familie Von Salis gebaut. An der Ostfassade prangt heute noch ihr Wappen. 1760 wurde das Haus zum Doppelhaus erweitert. Die letzte Generation der Besitzerfamilie Von Salis hatte vier Mädchen. Eine der jungen Frauen heiratete 1817 einen Von Planta-Samedan. So kam das Patrizierhaus in den Besitz der Von Planta.

Heute ist die Chesa Planta, wie auf der Tafel beim linken Eingang zu lesen ist, ein Kulturarchiv, ein Wohnmuseum und eine Bibliothek. Als Kulturarchiv beherbergt das Haus eine grössere Anzahl von Dokumenten, Bildern, Tondokumenten, Nachlässen und Autographen aus dem Engadiner Kulturleben. Das Wohnmuseum zeigt das Leben in einem Patrizierhaus des 18. und 19. Jahrhunderts. Hierzu gehört auch eine Bibliothek, deren zahlreichen Bände aus verschiedenen Jahrhunderten durch die Bewohner des Hauses zusammengetragen wurden. Die Von Salis und die VonPlanta waren berühmte Familien, politisch sehr aktiv mit Beziehungen zu Italien, Frankreich, Deutschland und Österreich. Es erstaunt daher nicht, dass in der Bibliothek Bücher in Deutsch, Französisch und Italienisch zu finden sind.

Gestelle in der Von-Planta-Bibliothek

Die Bibliothek ist noch nicht katalogisiert. Es gibt allerdings auf dem kleinen Tisch in der Bibliothek ein wunderschönes, von Hand geschriebenes Buch, das den Titel „Katalog – Verzeichnis“ trägt. Darin sind die Bücher des Raums aufgeführt. Die Bücher sind in den Gestellen alphabetisch eingeordnet. Zettel ragen oben aus dem Schnitt. Darauf ist der Ort des Buches vermerkt. Buchstaben auf der Tapete oberhalb der Gestelle oder auf den Gestellen selbst und Tablarnummern weisen den Weg zum entsprechenden Buch. Dieses Verzeichnis ist sicher die Grundlage eines elektronischen Systems. Es wird nach Geld gesucht, um die Katalogisierungsarbeiten ausführen zu können. Die Bibliothek wird Museumsbesuchern gezeigt, sie ist aber nicht nutzbar.

Ganz im Gegensatz dazu steht die Biblioteca Rumauntscha. Sie hat ihren Platz unter dem Dach des linken Hausteils und wurde 1946 eröffnet. Die Räume sind hell und wegen des vielen Holzes heimelig. Ein eiserner Ofen steht da, die Wände sind mit Tapete beklebt, Decke und Boden bestehen aus rohem Holz. Grosse Tisch und Stühle stehen da und laden all jene ein, Platz zu nehmen, die hier etwas einsehen möchten. Die Bibliothek ist eher eine Studienbibliothek. Ihr Grundstock sammelte Peider Lansel. Er lebte von 1863 bis 1943. Seinen Büchern ist denn auch im Zettelkasten eine eigene Schublade gewidmet. Weitere belegen das Archiv und die Periodika. Ein separater Kasten mit grösseren Katalogblättern ist mit „Manuscrits da Musica“ beschriftet. Von weit her kommen die Leute, um seltene Dokumente einzusehen. Sogar ein Japaner sei regelmässig zu Gast, sagt Chasper Pult. Die Bibliothek ist im Umfang und der Vollständigkeit bezüglich Romanica und Raetica vergleichbar mit jener in Disentis und der entsprechenden Abteilung der Kantonsbibliothek in Chur. Gesammelt wird eigentlich alles, was auf Romanisch erscheint. Dazu auch auf Deutsch verfasste Werke über Graubünden, zur Kultur, zur Geografie und Wirtschaft. Zurückgehend auf die Familie Von Planta entstanden unter Andrea Schorta zwei Bände Flurnamen Graubündens mit etwa 80‘000 Einträgen und Erklärungen. Damit ist der Kanton Graubünden einer der toponomastisch am besten beschriebenen.

Chasper Pult, Präsident des Stiftungsrats, mit der Bibel von Giachem Bifrun

In einer Vitrine steht ein ganz zentrales Werk, sozusagen der Funke für die Produktion von romanischen Drucken. Giachem Bifrun, ein Jurist, übersetzte nicht nur den Kathechismus auf Romanisch, sondern auch die Bibel. Das wunderschöne Exemplar von 1560 gilt als eines der ersten Druckerzeugnisse auf Romanisch. Wie Nachforschungen ergeben haben, dürfte das Buch in Basel gedruckt worden sein. Es enthält leider keine Angaben dazu.

Gut lässt sich im Sommer in der Bibliothek arbeiten, dann ist es dank den dicken Mauern kühl. Im Winter steht zwar eine speziell von der Gemeinde erlaubte Elektroheizung zur Verfügung, doch ist deren Betrieb sehr teuer und die Temperatur in den Räumen doch nicht so hoch, wie man das möglicherweise wünschte. Die neue Bibliothekarin Monica Rota wird sich also sehr warm anziehen müssen. Die vorhandenen Bücher sind weitgehend katalogisiert. Aber es sind da noch Nachlässe und Schenkungen nicht zugänglich gemacht. Das Material lagert in verschiedenen Archivräumen. – Die Arbeit geht also nicht so schnell aus in der Chesa Planta.

 

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