Archiv für den Monat: Dezember 2017

Buchsalon Kosmos, Zürich

 

Erststock-Buchsalon

Michael Guggenheimer

In St.Gallen heissen die Esslokale in der Altstadt, die sich im ersten Stockwerk eines Hauses befinden „Erststockbeiz“. Im Erdgeschoss befanden sich früher in jenen Häusern Wein- oder Lebensmittelläden. In Zürich müsste die Buchhandlung Kosmos „Erststockbuchhandlung“ heissen. Im Erdgeschoss befindet sich ein grosses Bistro, auf die Idee, dass sich im ersten Stockwerk eine Buchhandlung befinden könnte, kommen Ortsunkundige kaum. Buchhandlung und Café in einem ist hier das Prinzip, das sich in der Konsequenz und Grösse in keinem anderen Buchladen in Zürich antreffen lässt. „Buchsalon“ lautet die offizielle Bezeichnung. Und in der Eigenwerbung heisst es spielerisch“: „Der Ort, wo der Wein gelesen, im Kaffee geschmökert und das Buch getrunken wird“.

Im September 2017 eröffnet, ist Kosmos die jüngste Buchhandlung Zürichs. Das Konzept Café, Buchhandlung und Treffpunkt wurde bereits in der Buchhandlung Sphères in Zürich erprobt, wo sich im Erdgeschoss und auf einer Galerie ein Café befindet und auf einer Bühne eine Buchhandlung. Dort heisst das Konzept „buch bar bühne“ und ist im Kleinen mit der neuen Buchhandlung vergleichbar. Ob sich da ein neues Verständnis, ein neues Konzept von Buchhandlungen ankündigt? Bruno Deckert, Gründer der Buchhandlung Kosmos, war bereits Gründer der Buchhandlung Sphères, die er mittlerweile verkauft hat. Nur ist Kosmos viel grösser, viel ambitionierter. Klar, es gibt auch andere Buchhandlungen in Zürich, in denen sich in einer Ecke des Geschäfts Kaffee trinken lässt. Nirgendwo aber ist die Caféhausatmosphäre in einer Buchhandlung in Zürich so eindeutig durchgesetzt worden wie bei Kosmos. Mit Kosmos wird der Versuch gemacht, ein neues Kulturzentrum zu betreiben: Im Kellergeschoss sechs Kinos, im Erdgeschoss ein grosses Bistro und eine Bühne, im ersten Stockwerk die sehr grosszügig eingerichtete Buchhandlung mit Café.

Lag die Buchhandlung Sphères einst am Stadtrand, so hat sie sich mit den Jahren dank den vielen Veranstaltungen und Kooperationen mit anderen Kulturinstitutionen in der Vorstellung der Kunden ins Zentrum der Stadt bewegt. Was einem einst so weit weg vorkam, scheint näher gerückt zu sein. Ob sich die Wahrnehmung des Ortes bei der Buchhandlung Kosmos auch ändern wird? Sie liegt, vom Hauptbahnhof aus gesehen, in einer Distanz von nur wenigen Gehminuten entfernt, am Ende der neuen Europalllee. Noch ist die Allee, eine Art Mix aus klobigen Neubauten mit Boutiquen und Esslokalen, nicht fertig gestellt, noch ist jenes grossstädtische Erlebnis, das die Architekten einem versprechen, nicht erlebbar. Aber bereits in einem Jahr könnte die Gegend frequentierter sein, urbaner wirken. Gleich neben Kosmos befindet sich die Langstrasse mit ihren vielen Bars. Kosmos liegt im Übergangsbereich zwischen moderner Architektur und lautem Strassengewimmel des Stadtkreises 4 mit seinen vielen Szenenlokalen.

Sehr breites und reichhaltiges Sortiment

Die Buchhandlung im ersten Stockwerk bildet ein U um eine breite Treppenkonstruktion, die gleichzeitig als Zuschauerrampe verstanden werden kann. Bunte Kissen liegen auf den breiten Stufen, hier finden Lesungen und Debatten statt. In den Maueröffnungen des U, das eine Art Galerie ist, können schwere Vorhänge gezogen werden, die eine gleichzeitige Nutzung der Buchhandlung oben sowie des unten liegenden, Forum genannten, Vortragraumes möglich macht. Schalldicht ist diese Konstruktion allerdings nicht. Als wir in den Büchergestellen stöberten, hörte man deutlich wie das Personal des nebenan gelegenen Hotels in englischer Sprache über die Verwendung von Visitenkarten instruiert wurde.

Bücher, Papeterieartikel, Arbeitsplätze

Die Buchhandlung ist ein Café, ein Bistro, ein Arbeits- und Sitzungsort, ein Treffpunkt. Runde und rechteckige Tische stehen bereit, den strassenseitigen Fenstern entlang befinden sich Non-Books als Geschenkartikel und Arbeitsplätze. Steckdosen für Laptops sind reichlich vorhanden, das Codewort für den WLAN ist im Café gut sichtbar angebracht. Und es wird rege benutzt. Die Buchhandlung könnte gut Teil einer Hochschule sein. Ein Treffpunkt auch für Leute, die keine Bücher suchen, die arbeiten, Sitzungen abhalten oder einfach Andere treffen wollen: Sofas sind da, auf einem hat sich ein junger Mann hingelegt und schläft. Ein Pärchen küsst sich in einer Ecke intensiv, Architekturflaneure und Touristen schauen neugierig vorbei und an mehreren Tischen sind junge Leute mit ihren Laptops intensiv an der Arbeit. Die wenigsten kommen zum Bücherkaufen. Es geht ums Sitzen, Arbeiten, Schauen, Kaffeetrinken, um das Treffen anderer Leute. Die Bücherauswahl ist gross, die Themengebiete gehen ineinander über, die Büchergestelle in hellem Sperrholz sind gut beladen. Hinter Glas ist ein ausgestopftes Stachelschwein zu sehen, gefragt wird nach einem Roman, in dem dieses Tier vorkommt. Alle drei Monate wird ein neues literarisches Rätsel präsentiert.

Noch ist offen, wohin sich der Kosmos bewegen wird. Verschiebbare, thematische Bücherinseln auf Rädern stehen im Raum, sie erinnern an Nierentische aus den 50er Jahren. Das Bücherangebot ist breit, es reicht von Belletristik über Graphic Design zu Titeln aus Politik und Geschichte, Kunstbücher sind ebenso im Angebot wie Kochbücher. Noch kann die Buchhandlung kaum allein von Bücherverkäufen leben, Kaffee, Tee, kalte Getränke, Snacks, Kuchen und Desserts werden an einer Theke verkauft, wo auch die Bücher zu bezahlen sind. Die beiden jungen Damen an der Theke sind eindeutig keine Buchhändlerinnen, aber sie geben sich Mühe bei der Suche nach Büchern von Margriet de Moor. Kosmos ist ein Treffpunkt, der sich nach 11 Uhr füllt. Und es ist eine Buchhandlung, die an sieben Tagen der Woche geöffnet ist. Kosmos jedenfalls ist eine Buchhandlung die anders ist als andere Buchhandlungen. Hier kann man sich lange aufhalten, sehr lange sogar, ohne ein Buch anschauen oder gar kaufen zu müssen.

Buchsalon Kosmos
Lagerstrasse 104
8004 Zürich
T: 044 299 30 50
kosmos.ch

 

Kosmische Stille

Heinz Egger

Hoch oben auf einer orangfarbenen Säule steht der Kosmonaut. Er hat den Überblick über den Buchsalon. Der Himmel über ihm ist grau, schwarz und silbern: Zementholzplatten, Beleuchtungskörper und Lüftungsrohre. Der Boden glänzt schwarz mit hellgrauen Tupfen: geschliffener, dunkler Beton. Er sieht in die Weite, denn grosse Fenster geben den Blick frei auf die Lagerstrasse, den Platz vor dem Haus und die Langstrasse. Viel Holz gibt dem Raum eine warme Note. Die Wände und die Fensternischen sind mit dicken Schichtholzplatten belegt. Auch die Bücherinseln und -gestelle sind aus dem gleichen Holz gefertigt. Die Arbeitstische stehen auf einem Sockel aus dem gleichen Material wie der Boden. Stühle verschiedener Bauart aus Holz, Metall oder Kunststoff, niedere farbige Fauteuils und Clubtische. Dazu ein Hocker aus Zeitschriften, der auf hölzernen Füssen steht, ein Kissen trägt und mit Lederriemen zusammengehalten wird. Dies sind verlockende Einladungen, sich niederzulassen.

Bequeme Arbeitsplätze und Sitzgelegenheiten

Überall Menschen. Sie sitzen an den Tischen vor ihren Computern, schlürfen Café, geben ein Interview oder diskutieren. Ein junger Mann liegt für ein kleines Schläfchen auf dem grossen Ecksofa, während sein Essen auf einem niederen Tischchen davor erkaltet. Nur am alten Schreibtisch in der Ecke, von zwei Seiten mit Tageslicht geflutet, sitzt niemand.

Dabei scheinen die Bücher und die zahlreichen Schreibkarten in den Gestellen, die Bände auf den sieben Inseln bloss farbige Staffage zu sein. Genauso wie die Angebote zu Weihnachten: Handyhüllen, eingebaut in ein Reclam-Bändchen (garantierte, nummerierte Unikate), Patchwork-Kissen, handgemachte Tassen mit goldenen Henkeln, Zwei-Etagen-Guetzli-Teller mit vergoldetem Mittelstab, Kalender, Videos, Tee, Holztabletts, wie sie auch im Café eingesetzt werden in drei Grössen, dunkle Flaschen mit weisser Aufschrift – Wein oder Öl oder Sirup? Ich habe nicht genau geschaut. Dann Bücher, die zur Zeit des Schenkens passen.

Es ist still. Nur die englischen Vorträge einer Veranstaltung, die im Parterre stattfindet, sind hörbar. Die schweren grauen Vorhänge, welche die breite Treppe mit Sitzkissen hinunter in den Vortragsraum vom Buchsalon trennen, vermögen den Schall nicht zu schlucken.

Eine Buchhandlung also am falschen Ort? Sicher nicht, denn sie ist in ein ganzes Kulturzentrum mit Kinosälen, Veranstaltungsräumen, Bar, Restaurant und Café eingebettet. Genügend Leute frequentieren das Haus und das Angebot lässt sich ebenfalls sehen. Eigentlich wird das Angebot dem Wort Kosmos sehr gerecht.

Eine Bücherinsel wie ein Bücherberg

Die grösste der sieben Inseln sieht aus wie ein Gebirge und ist voll beladen. Zu oberst schreit es „Don‘t eat the yellow snow“ von einem schwarzen Cover. Ist der Schnee in den Bergen so schmutzig, dass ihn die Kinder nicht mehr schlecken dürfen? Nein, es ist ein Buch voller Weisheiten aus Popsongs und es soll Trost in dunklen Stunden spenden. Daneben leuchtet dunkel mit orangen Flächen „Die Not hat ein Ende – the Swiss art of rock“.

Darunter breitet sich der Kosmos der Düfte und Geschmäcker der Küchen aus aller Welt aus: Kaffee, Kräuter, Spice, Wood food, A casa, Hüttenzauber, Craft Drinks, Der Geschmack Europas, japanische und orientalische Küche.

Weiter um den Berg herum folgen Bücher über die Vielfalt der Blütenpflanzen und der Insekten, die Vermassung der Welt und „Kosmos, Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ von Alexander Humboldt, erschienen in der Anderen Bibliothek. Auf der Rückseite des Bergs die Welt der Fotografie: Sofortbilder von Wim Wenders und Porträts von Annie Leibowitz 2005 bis 2016. Schliesslich auf die ganze Berghöhe verteilt angesagte Belletristik von Jonas Lüscher bis Robert Menasse, von Florian Illies bis Orham Pamuk. Und auf der Schmalseite schliesslich die wunderschönen Bücher aus dem Hermann- Schmidt-Verlag, Mainz, beispielsweise: neun Taschenbücher zur Schule des Sehens von Peter Jenny, Typojis, An apple a day 2018. Und „In unserer Küche wird gedruckt“ von Laura Sofie Hantke und Lucas Grassmann. Die beiden Designer erklären in Bild und Text ein einfaches Flachdruckverfahren, das auch daheim in der Küche angewendet werden kann, da es eigentlich kaum etwas braucht, das nicht im Haushalt vorhanden ist. Das Verfahren ähnelt jenem der Lithografie und braucht als „Druckstein“ bloss Alufolie und zum Ätzen Cola. Das wäre doch etwas für Kinder in der Ferienzeit!

A propos Kinder: Es ist nicht sicher, ob sie willkommen sind, auch wenn am einen Ende der grossen Sitzecke hinter einem Vorhang eine kleine hölzerne Höhle mit Kissen liegt – ein wunderbarer Rückzugsort, um in Ruhe zu blättern. In den Gestellen steht eine ganze Reihe schöner Bilderbücher. Zugänglich sind sie aber nur in Begleitung einer erwachsenen Person, denn alle stehen so hoch oben, dass sie nur mit ausgestrecktem Arm, vielleicht gar mit der Verlängerung durch den Kinderarm erreicht werden können. Dafür finden sich bemerkenswerte Bücher für grosse Leute ab zehn Zentimeter über Boden, beispielsweise jene über Zürich, oder jene auf dem Titelbild typografisch frech gestalteten Philosophie-Bücher aus dem Matthes-und-Seitz-Verlag, Berlin.

Als ich mein Buch an der Café-Theke bezahle, frage ich, wie viele Bücher pro Tag über den Ladentisch gingen. Die junge Frau, die mich spontan duzt, zuckt mit den Achseln. Sie wisse es nicht, denn in den Wochen seit der Eröffnung des Geschäfts sei das Buchhandlungssystem nicht funktionstüchtig gewesen. Nun hätten sie ein neues, die Datenlage sei allerdings noch nicht aussagekräftig.

Es ist doch ein schöner Ort, ein Umfeld, in das Bücher perfekt passen, zudem ein Ort mit wachsendem Besucherstrom, denke ich. So bleibt denn die berechtigte Hoffnung, dass auch der Umsatz des Buchsalons anziehen wird.

 

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