Archiv für den Monat: Juni 2018

Biblioteca Linard Chasa Bastiann, Lavin (GR)

Schönes Durcheinandertal

Michael Guggenheimer

Bei einer psychologischen Eignungsuntersuchung könnte ein Proband diese Folge von Ortschaften mit der Frage erhalten, welche Ortschaft denn hier aus der Reihe tanze: Leipzig, Zürich. Lavin, Frankfurt, Basel, Lausanne, Wien. Es ist das Dorf Lavin im Unterengadin mit seinen 230 Einwohnern. Eindeutig. Bleibt die Frage: Weshalb findet sich der Name des Dorfes inmitten von Namen viel grösserer Ortschaften? Lavin ist der zweite Halt einer Wanderausstellung des Bundesamts für Kultur (BAK). „Schönste Schweizer Bücher“ heisst die Ausstellung, in der im Jahr 2017 hergestellte und im Jahr 2018 prämierte Bücher zu sehen sind.

Hotel Piz Linard

Weshalb Lavin? Lavin hat weder ein Museum, noch eine Hochschule für Design. Ein Hotel und seine Bibliothek, ein kunstaffiner Hotelier und ein befreundeter Buchgestalter sind es, welche die Schau der schönsten Bücher vom 7. bis und mit 9. September 2018 ins Hochtal des Inn bringen. „Biblioteca Linard“ heisst die Bibliothek, die zum Hotel Piz Linard gehört. Das Hotel, eine architektonische Schönheit aus dem Jahr 1870, wurde auf Initiative von Hans Schmid, Gaby Schmid und Julian Karrer mit finanzieller Hilfe von 400 Freunden und Mäzenen saniert, umgebaut, neu eingerichtet und regelrecht wachgeküsst. Am Dorfplatz leuchtet das Gebäude in Rosa, auf der gegenüber liegenden Seite des Platzes befindet sich das Haus mit dem Namen Chasa Bastiann mit Künstleratelier, Workshopräumen und einer Bibliothek, die anders ist als andere.

Gross ist die Bibliothek nicht. Ein Tonnengewölbe, ein länglicher Raum, ein Büchergestell an einer Wand. Bequeme Sessel, eine Art Sofa, gutes Licht. Und eben die Bücher. Der in Zürich lebende Buchgestalter Valentin Hindermann wird im Jahresprogramm des Hotels als „Initiant“ genannt. Er wird die Schau der schönsten Schweizer Bücher kommentieren.

Doch zurück zur Bibliothek. An heissen Sommertagen bietet sie ein wunderbar kühles Refugium, an kalten Wintertagen ist sie dank eines grossen Ofens ein behaglicher Rückzugsort. Hier stehen Bücher zu Design und Fotografie, zur Architektur, zur Landeskunde des Kantons Graubünden und zum Engadin zur Auswahl. „Die Biblioteca Linard“, heisst es in einem Beschrieb, „beherbergt Bücher unterschiedlichster Art und Herkunft. Die Themen reichen von Alltag, Architektur, Bergen, Bräuchen und Geschichte, über Handwerk, Kunst, Küche und Landwirtschaft bis hin zu Musik, Pflanzen, Sprache und Tiere. Die Bibliothek steht den Hotelgästen des Hotels Piz Linard als Ort der Entspannung und Entdeckung zur Verfügung“. Ein digitaler Katalog kann im Bibliotheksraum konsultiert werden. Das Besondere am Katalog sind die Empfehlungen. Einzelne Personen, Gäste des Hauses oder Buchschenker empfehlen einzelne Bücher zur Lektüre. Der Zürcher Antiquar Dr. Peter Bichsel empfiehlt etwa das Buch „Aus den Anfängen der Rhätischen Bahn“, das Buch „Verkehrswege im alten Rätien“ sowie die vier Bände „Mythologische Landeskunde von Graubünden“. Roland Früh, Bibliothekar am Sitterwerk St.Gallen legt den Bibliotheksbenützern Ludwig Hohls „Alles ist Werk“ und „Bergfahrt“ sowie Bücher von Gerhard Meier ans Herz. Köbi Gantenbein von hochparterre empfiehlt u.a. Jon Mathieus „Bauern und Bären – Eine Geschichte des Unterengadins von 1650 bis 1800“ und Christoph Schifferli vom Zürcher Buchort UC Books & Archive schlägt gleich neun Bücher zur Lektüre vor, nebst Büchern zur Kunst auch noch den Roman Austerlitz von W. G. Sebald. „Die Menschen, die wir ansprechen, sind auch sonst an schönen Dingen interessiert“, sagt Hotelier Hans Schmid, was eine Erklärung für die Auswahl sein könnte.

Buchhändlerin Cristiana Fliri von der Buchhandlung Chantinet da Cudeschs im nahen Scuol wundert sich, dass die Biblioteca Linard keine Bücher bei ihr bestellt. Alles leicht erklärbar: Die Bücher der Biblioteca sind Geschenke, sie werden von Gästen und Freunden des Hauses, von Autoren, die im Hotel auftreten, mitgebracht. Manch Mitgebrachtes liegt noch unsortiert auf einem Haufen, noch ist nicht klar, ob es einen Platz in der Bibliothek finden wird. Von Irma Egler liegen zur Zeit unseres Besuchs drei Bücherhaufen, der Name der Besitzerin steht handgeschrieben im Buch, manche dieser Bücher weisen eine Widmung auf, so etwa diese: „Liebe Irma, zur Erinnerung an unsere schöne Chile-Reise, Deine Rosmarie“. Irma Egler ist dem Ort sehr verbunden: Als 15-jähriges Mädchen stand sie zum ersten Mal auf dem höchsten Berg im Unterengadin, dem 3410 Meter hohen Piz Linard. Seither hat die 85-Jährige diesen markanten Berg 52 Mal bestiegen. 28 Jahre lang war sie Hüttenwartin auf dem Berg.

Etwas ungeordnet und unübersichtlich ist die Bibliothek in der Chasa Bastiann. Da hilft das Verzeichnis im iPad nicht viel, wenn die Bücher keine Signaturen aufweisen. Robert Walser mit drei Bänden steht neben „Alpschermen und Maiensässe in Graubünden 1825 – 1904“. Was im Katalog beisammen ist, ist es im Büchergestell nicht. Ob das damit zu tun hat, dass die Gäste einzelne Bücher aus den Bücherregalen holen, sie im Bibliotheksraum oder im schönen Garten lesen und dann einfach irgendwo hinlegen? Oder hat es damit zu tun, dass das Hotelpersonal keine Zeit hat, um die Bücher thematisch zu ordnen?

Hans Schmid, Hotelier Piz Linard

Hotelier Hans Schmid, früherer Vorsteher des Amtes für Kultur des Kantons St.Gallen, ist anlässlich unseres Besuchs in Lavin zu sehr mit einem Umbauvorhaben in der Chasa Bastiann beschäftigt, als dass er uns Auskunft geben könnte. Folge davon ist, dass man den Bücherregalen entlang schreitet, überraschende Entdeckungen macht, wenn da ein Bildband von Boris Mikhailov neben dem Band „Die Jägerprüfung“ von Dr. Richard Blase in der Auflage von 301.-330. Tausend steht, ein Werk mit 1800 Fragen und Antworten und 580 Abbildungen. Man könnte mehrere Wochen lang im Hotel bleiben, wollte man die Jägerprüfung mit dem Buch in der Hand absolvieren. So oder so, ob geordnet oder nicht: Die Biblioteca Piz Linard ist um einiges anspruchsvoller als viele andere Hotelbibliotheken, in denen Bücher der längst aufgelösten Neuen Schweizer Bibliothek NSB, des ehemals stolzen Migros-Kulturunternehmens Ex Libris und des katholischen Verlags Weltbild neben Büchern von Das Beste aus Reader’s Digest mit Lederrücken und Goldprägung vergeblich auf lesende Hotelgäste warten.

Biblioteca Linard
Chasa Bastiann, Hotel Piz Linard
Plazza Gronda 2
7543 Lavin
T: 081 862 26 26
www.pizlinard.ch / www.bibliotecalinard.ch

 

Wintermärchen

Heinz Egger

Zur späten Abendstunde nochmals hinaus. Das ist nicht jedermanns Sache. Peter zieht sich nochmals die Daunenjacke über, steigt in die Moonboots, drückt sich den grossen Hut auf den Kopf und schreitet eilenden Schritts trotz Wind und Schneefall zum Nachbarhaus hinüber.

Eingang ins Haus mit der Bibliothek

Er weiss, es lohnt sich. Er klopft sich den Schnee von den Schuhen und tritt durch das zweiflüglige Tor in den langen Gang. Er lächelt. Ganz hinten im Gang gibt es endlich eine Toilette, so dass der Abend noch lang werden kann. Er drückt die schwere Falle der Tür zum seitlichen Raum und drückt die Tür auf. Wärme wallt ihm entgegen. Im eisernen Ofen prasselt ein Feuer und wirft ein rötliches Licht auf den rohen Holzboden. Rasch durchquert Peter den Raum und noch während der letzten Schritte zieht er seine Jacke aus. Er hängt sie wie seinen Hut auch an einen der rinderhornförmigen eisernen Haken, die aus einem metallenden Stab ragen, der links und rechts in die Wände der Ecke eingemauert ist.

Starke Lampen erhellen den weiss gestrichenen Raum indirekt via das Tonnengewölbe mit einem diffusen Licht. Ringe an der Decke werfen lange Schatten. Peter fragt sich schon lange, was es mit den eisernen Haken und den Ringen auf sich hat. Am ehesten kann er sich einen Vorratsraum vorstellen. Heute jedenfalls ist es ein Vorratsraum. Ein Vorratsraum an Lesestoff, denn er beherbergt die Biblioteca Linard. Das ist auch der Grund, dass es Peter auch bei Kälte und Schnee nochmals hinausgezogen hat. Er weiss, dass er einen schönen Abend vor sich hat.

Im Tonnengewölbe der Bibliothek, Sessel, Bücherregal

Im Raum stehen fünf Lesefauteuils, zwei mit Stoff bezogene und drei lederne. Auf einem liegt ein Schaffell. Peter freut sich schon, auch am Rücken warm zu haben, während er den Sessel etwas näher zum Ofen schiebt. Aber zuerst möchte er im Bibliotheksbestand etwas schmökern. Die Bücher stehen Rücken neben Rücken in einem langen Gestell dem Ofen gegenüber. Oben auf dem Gestell sind Bücher auf Präsentierständern ausgestellt und auch eine Beige nicht eingeordneter Bücher liegt da.

Die Bücher tragen keine Signatur. Sie sind eher nach der Grösse oder ganz einfach, wie es kommt, in den Fächern des Gestells eingeschoben. So stehen zwei Bände über Pilze neben „Findings on Light“. H.R. Gigers „Alien Diaries 7/8“ neben einem Fotoband von Eduard Spelterini. Aber jedes Buch zeigt auf dem Vorsatz einen Prägestempel. Es ist ein grosses, auf dem Rücken liegendes B in einem Kreis. Unter dem B steht Biblioteca Linard. Weiter ist wohl als Inventarangabe eine Nummer eingestempelt.

Ganz links aussen auf dem Bücherregal steht ein Tablet-Computer. Die ganze Biblitothek ist über eine Website einsehbar. Jedes Buch ist aufgeführt. Sehr viele davon sind auf Empfehlung aufgenommen worden. Die Liste der Empfehlenden ist auf der Website verfügbar. Weil da eine illustre Schar von Buchhändlern, Künstlern, Literaten, Leserinnen und Lesern mitgewirkt hat, steht ein sehr breites Angebot zur Verfügung. „Die Biblioteca Linard beherbergt Bücher unterschiedlichster Art und Herkunft. Die Themen reichen von Alltag, Architektur, Bergen, Bräuchen und Geschichte, über Handwerk, Kunst, Küche und Landwirtschaft bis hin zu Musik, Pflanzen, Sprache und Tieren. Sie birgt Antiquarisches, Bildbände, Exotika und Lexika, Kuriosa, Literatur, Poesie, Raritäten, Sachbücher und Unikate“ (zitiert nach der Website der Bibliothek. ). Entstanden ist die Bibliothek 2013 in einem Projekt. Sie konnte dank Mäzenen, Spenderinnen und Spendern realisiert werden. Gestaltet haben den Raum die Designer Valentin Hindermann und Jeannine Herrmann.

Viele Bücher sind als „Schönste Bücher der Schweiz“ ausgezeichnet worden.

Die Jägerprüfung, ein Buch zur Vorbereitung

Und was wären da für Kuriosa? – Peter sucht das Gestell ab und stösst auf „Die Jägerprüfung“ von Dr. Richard Blase. Es ist ein Exemplar aus dem 301. bis 330. Tausend, erschienen im Verlag J. Neumann-Neudamm, 1979. Das Buch gibt es heute noch, allerdings in der 32. Auflage, erweitert auf über 900 Seiten plus CD. Es erscheint bei Quelle & Meyer in der Edition Jafona. Auch ein Exemplar „Der Lehrprinz – Ein Führer für angehende Jäger mit besonderer Berücksichtigung der Interessen des Revierinhabers und Jagdverwalters“ von Oberländer, erschienen im Verlag J. Neumann, 1900 könnte einen Jägersmann interessieren.

Schliesslich setzt sich Peter mit einem anderen kuriosen Buch hin. Es stammt aus dem Jahr 1779 und trägt den Titel „De l’homme et de la femme considérés physiquement dans l’état du mariage“, geschrieben von M. de Lignac. Die Wärme macht Peter müde und er schläft über der Lektüre ein. Und er träumt von einem Aufenthalt im Frühsommer in Lavin. Kuhglocken läuten, alles blüht, Flieder und Holunder duften. Erst als das Feuer zusammengefallen ist und langsam Kälte an ihm hochkriecht, wacht er auf. Er steckt das Buch wieder ins Gestell, greift zu Jacke und Hut und macht sich eilends auf, um ins Bett zu kommen. Draussen haben sich die Wolken verzogen. Sterne glitzern über der verzuckerten Landschaft. Die einzigen Spuren zum Hotel sind die flachen Abdrücke seiner Moonboots.

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