Archiv für den Monat: August 2018

Buchhandlung Benziger AG, Einsiedeln

 

Religion bis Unterhaltung

Michael Guggenheimer

Buchhandlung von aussen

Die Buchhandlung Benziger in Einsiedeln gehört zu den ältesten noch bestehenden Buchhandlungen der Schweiz. 1792 bekam Johann Baptist Carl Benziger durch das Kloster Einsiedeln das Recht, Devotionalien und Bücher zu vertreiben. Kloster und Buchhandlung sind seit jener Zeit Nachbarn geblieben. „Mit Blick auf das grandiose barocke Kloster können Sie Ihre Bücher auswählen“, heisst es in der Werbung der traditionsreichen Buchhandlung, die heute nicht mehr im Besitz der Gründerfamilie ist.

Die Buchhandlung am Klosterplatz kann mit ihrem Angebot durchaus Einblick in Herkunft und Interessensgebieten ihrer Kunden bieten. Hat man nämlich die runde Verkaufstheke der Buchhandlung passiert, entdeckt man schnell einen Bereich, den man ohne despektierlich zu sein, als eine „religiöse Kuschelgrotte“ bezeichnen könnte: Drei Stufen führen zu einem Raum mit Tonnengewölbe. Unterschiedlich grosse Engelfiguren stehen auf den Büchergestellen oder blicken von dort niedlich herab, viel religiöse Literatur, Bücherregale mit den Aufschriften Meditation, Heilige Mystik, Klösterliches, Gottesdienst lassen vermuten, dass sich hier Pfarrer, Religionslehrer, Ordensleute, Gläubige nach Büchern und Objekten umschauen. Gottesdienstliche Bücher, theologische Nachschlagewerke, Bibelauslegungen und Bibeln werden hier angeboten. Auch die ausgestellten CD’s weisen in dieselbe Richtung: Gospel und Meditation. Den Verkauf von Devotionalien, die zu jeder katholischen Pilgerstätte gehören, überlässt man seit langem den Verkaufsständen unter den Arkaden beim Aufgang zum grossen barocken Kloster.

Zurück zum grossen Hauptraum der Buchhandlung. Ein Gestell trägt hier die Aufschrift Regionalia. Hier fallen zunächst Bücher auf wie „Volksmusik. Einsiedeln-Alpthal-Ybrig“, in denen lokale Volksmusikgruppen vorgestellt werden. Oder der Band „Einsiedeln Elsewhere – Immigrants and their Descendants in Louisville, Kentucky“, herausgegeben von der Swiss American Historical Society. Lauter Einsiedler Familiennamen finden sich da in den USA wieder: Kaelins, Oechslins, Haeberlins, Schoenbaechlers.

Mit Paracelsus sind jene Tablare bei der Regionalliteratur bezeichnet, in denen Bücher über Leben und Wirken des aus der Region stammenden Arztes, Alchimisten, Astrologen und Mystikers aus dem 15. Jahrhundert stehen. Klar, dass da auch Bücher über das Kloster und zu den Themenbereichen Pilgerwege und Jakobswege angeboten werden, wo Einsiedeln ein Pilgerort am Jakobsweg ist. Bei den Regionalia auch die zwanzig aufeinander gestapelten reclamgelben zweisprachigen Exemplare des Spaniers Pedro Calderón de la Barca „Das grosse Welttheater“. Bereits zum 16. Mal soll im Jahr 2020 «Das Einsiedler Welttheater» aufgeführt werden. Das Freilichtspiel vor der Fassade der Klosterkirche geht zurück auf ein geistliches Schauspiel des spanischen Barockdichters Calderón de la Barca. Ab 1924 zeigten Laiendarstellerinnen und -darsteller aus Einsiedeln dieses «Gran teatro del mundo». Einen Richtungswechsel brachte die Spielperiode im Jahr 2000, als Autor Thomas Hürlimann und Regisseur Volker Hesse das Publikum mit einer Neufassung des Stücks in ihren Bann zogen. Die wurden 2013 von Schriftsteller Tim Krohn und Beat Fäh abgelöst, die abermals mit einer neuen Interpretation aufwarteten. Zum Ort und zur Buchhandlung gehört auch Martin Werlen, Benediktinermönch und von 2001 bis 2013 der 58. Abt des Klosters Einsiedeln, dessen Bücher in der Buchhandlung aufliegen. Und wessen Bücher auch nicht fehlen: Benediktiner Anselm Grün, Autor von mehr als 300 Büchern aus dem Themenbereich Glauben, ist bei Benziger unübersehbar.

Auch wenn Religiöses und Regionales sowie Esoterica stark vertreten sind, ist das Angebot der Buchhandlung Benziger umfangreich, richtet es sich an ein breites Lesepublikum. Gleich beim Eingang ein Gestell mit Bestsellern, dann drei Regale mit der Aufschrift Unterhaltung. Und dann die Reiseführer, die Sprachbücher, weitere Gestelle mit den Aufschriften Wirtschaft, Kunst, Natur, Lifestyle sowie Gestelle, auf denen Geschenkbuch, Essen und Trinken, Gesundheit, Familie, Frau und Mann steht. „100 Sprituelle Tankstellen. Reisen zu christlichen Zielen“ heisst ein ausgestelltes Buch. Die Vielzahl der religiösen Bücher im Buchladen versperrt aber nicht den Blick auf politisch und gesellschaftlich engagierte Literatur bei Benziger: Bücher zur aktuellen Politik, zur Lage der Flüchtlinge, zur Lage im Süden Afrikas und Umweltthemen finden sich auf den Tischen und in den Gestellen. Einzig die Ordnung der Bücher verwirrt hier manchmal, wenn etwa „Die grosse Otto-Biografie“ neben Nelson Mandelas „Briefe aus dem Gefängnis“ oder Constantin Schreibers „Marhaba, Flüchtling. Im Gespräch mit arabischen Flüchtlingen“ neben dem Buch „Waschen, Schneiden, Föhnen. Eine Kulturgeschichte des Haars“ steht. Wohl auch weil viele Passanten, Feriengäste und Besucherinnen und Besucher des Klosters die Buchhandlung aufsuchen, führt Benziger auch zahlreiche Nonbooks. Von der Teetasse bis zum Taschenmesser, von der Ansichtskarte bis hin zur Gratulationskarte, von der Duftkerze bis zu farbigen Figurinen, vom Schraubenzieher und Schweizer Taschenmesser bis zum Tischset oder Flaschenöffner reicht die Palette der Objekte. Und selbstverständlich auch noch Kinderbücher, von denen nicht wenige religiös sind.

Und auf einmal entdeckt man in einem der Büchergestelle Walter Matthias Diggelmanns Buch „Der Tag erzählt seine eigene Geschichte – Ein Lesebuch“, erschienen vor mehr als 25 Jahren im Jahr 1992 im Einsiedler Benziger Verlag. Man sieht dieses Buch, das gewiss nicht zu den Neuerscheinungen gehört und nimmt Heinz Nauers Buch „Fromme Industrie. Der Benziger Verlag Einsiedeln“ in die Hand und realisiert, dass Benziger früher viel mehr als nur eine Buchhandlung war. Dazu steht bei Wikipedia: „Seit dem 19. Jahrhundert publizierte der Benziger Verlag vor allem theologische Werke, Belletristik und Jugendbücher. Über Jahrzehnte war Benziger nicht nur eines der führenden katholischen Verlagshäuser im deutschsprachigen Raum mit einer Filiale in den USA, sondern auch ab etwa 1883 «Typographen des heiligen Apostolischen Stuhles», das heisst Drucker des Papstes und ab 1888 der grösste Druckereibetrieb der Schweiz. Auf dem Höhepunkt der Expansion, in den 1890er Jahren, zählte Benziger allein in der Schweiz mehr als 1.000 Beschäftigte und war damit damals eines der größten Schweizer Unternehmen.“ Nach einer Wechselvollen Geschichte wurde die Verlagstätigkeit im Jahr 2003 eingestellt, sechs Jahre vorher ist die Buchhandlung Benziger in den Besitz von Joe Fuchs übergegangen. Seit 39 Jahren arbeitet er in der Buchhandlung Benziger AG, deren Eigentümer er vor 31 Jahren geworden ist. Daneben ist er seit 20 Jahren freier Verlagsvertreter; unter anderem als Generalagent Schweiz für den deutschen Herder Verlag, dessen Spezialität theologische Publikationen sind.

Buchhandlung Benziger AG
Hauptstrasse 85
8840 Einsiedeln
T: 055 418 30 50
www.benziger.ch

 

Für jeden etwas

Heinz Egger

Die Luft flimmert über dem grossen Platz vor dem Kloster. Die Krone auf dem schwarzen Frauenbrunnen mit seinen vierzehn Röhren, die von der Meinradquelle gespiesen wird, glänzt. Es ist still. In der Buchhandlung summen leise die Ventilatoren an der Decke und schaufeln laue Luft den Büchern entlang.

Blick vom eingang in den langen Raum

Benziger – Viele denken wohl an den Verlag, wenige an die Druckerei. Beide Teile des Unternehmens, das einst allein in der Schweiz 1000 Mitarbeitende zählte und somit zu den grössten im Lande gehörte, gibt es nicht mehr. Trotz einer Geschichte, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Die Buchhandlung mit dem Namen ist geblieben, auch wenn seit 1987 Joe Fuchs im Hause das Sagen hat.

Was bietet eine Buchhandlung an einer so speziellen Lage mit direktem Blick auf den Klosterplatz? Grosse Schilder auf den Gestellen geben einen schnellen Überblick: Bestseller, Unterhaltung, Reiseführer, Sprache, Wirtschaft, Kunst, Lifestyle, Geschenkbuch, Frau+Mann, Essen+Trinken und weitere lese ich.

Überraschendes: Die Schilder haben mich quasi mit dem Blick rundum geführt. Überraschend sind die Räume. Von der Eingangstüre könnte ich nach links gleich hinter den Schaufenstern entlang gehen oder geradeaus durch eine weitere Türe in einen langgezogenen Raum. Als ich diesen langen Raum betrete, erkenne ich gleich nach der Türe, dass er sich nach links zu einem grösseren Platz weitet. An seiner hinteren linken Ecke ist ein Torbogen, der zu einem lichterfüllten Raum führt.

Dann das Angebot an Non-Books. Schon vor der Türe machen Angebote auf weitere Dinge im Laden aufmerksam. Da stehen zwei geflochtene Körbe mit Spielsachen und eine hölzerne Harasse mit farbenfrohen Rucksäcken darin. An einer Wand nach der ersten Eingangstüre eine Auswahl an Stofftaschen und Schals. Und verteilt im Geschäft einige Karten-Karussells. Das Angebot deckt jede Schreibgelegenheit vom Feriengruss bis zur Geburtstagsgratulation ab.

Ich wende mich dem erleuchteten Torbogen zu. Um dorthin zu gelangen, quere ich den Raum, passiere die als Rund eingerichtete Kassatheke und bleibe schliesslich bei einem Gestell und einer Insel hängen. In dieser Grösse hätte ich die Abteilung der Esoterik nicht erwartet: Engelskarten, Heilsteinorakel, Pendel, Duftkerzen, kleine Buddhastatuen, Mondkalender. Dazu gibt es die entsprechenden Bücher übers Pendeln, Tarot-Karten-Legen, die Anwendung von Düften oder Steinen für die Heilung der Seele. Auch Werke über die Numerologie und Astrologie liegen auf. Daneben stehen Bücher, die zwischen Wissenschaft und Esoterik anzusiedeln sind, etwa Traumdeutung, Anleitungen zur positiven Gestaltung des Lebens. Auch finde ich Bücher, die zwischen Esoterik und Religion stehen, etwa über „Die heilige Geometrie“, Maria Magdalena, „Gebete für die Seele“ oder „Wenn dein Kind über Gott sprechen will“.

Badenixen, Kerzen, Bücher

Als ich mich wieder dem Torbogen zuwende, streift mein Blick eine Wand mit farbigen Boxen, es sind parfümierte Kerzen für jede Gelegenheit darin, beispielsweise Cloud Nine, Tranquility, Pappillon, Berry Patch. Und dazwischen räkeln sich elegante Badenixen in Badeanzügen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts – klar tragen sie auch eine kecke Badehaube.

Kellergewölbe mit den religiösen Schriften

Erwartetes: Durch den Torbogen hindurch führen drei Treppenstufen hinab in einen hell erleuchteten Gewölbekeller. Die Engel und Kerzenständer auf den Büchergestellen zeigen es an: Hier ist, was im Umfeld des Klosters wohl ein Muss ist: Der Bereich der Religion. Es ist ein ruhiger Ort, zwei Fauteuils und ein kleines Tischchen laden ein, sich hier zurückzuziehen und in der grossen Auswahl zu stöbern, zu blättern, zu lesen und zu sinnieren. Es gibt eine überraschende Vielfalt in diesem Raum. Schilder auf den Gestellen weisen einem die Bereiche an: Klösterliches Leben, Heilige / Mystik, Meditation, Theologie A – Z, Gottesdienst. Auf den Tablaren unterteilen kleine Schilder die Bereiche weiter. Es lohnt sich sehr, hier genauer hinzuschauen. Ich entdecke Bücher, die ich so noch nie gesehen habe und von denen ich immer dachte, dass die für die Allgemeinheit nicht verfügbar seien, da sie wohl eher für den Theologen oder Diakon gedacht sind: Stundenbuch, Messbücher, Lektionare, in denen die biblischen Lesungen im Ablauf des Kirchenjahres zum Vortrag beim Gottesdienst zusammengeführt sind. Bücher zum Wortgottesdienst, zur Taufe, zum Familiengottesdienst und zum Frauengottesdienst stehen da. Unübersehbar in einem Eckgestell, auf das alles andere zuläuft, stehen Bibeln in verschiedenen Ausgaben: die „Bielefelder Bibel“, die „Bibel in den Worten von Dichtern“, die Bibel in der Einheitsübersetzung, die Bibel als Prachtexemplar mit Aquarellen und Skizzen von Andreas Felger. Werke zur Auslegung der Bibel, theologische Lexika, beispielsweise noch in einer Kartonschachtel verpackt oben auf einem der Gestelle das Herder Lexikon für Theologie und Kirche in einer 11-bändigen Sonderausgabe.

„Salve“ lese ich auf der Fussmatte, als ich die Stufen wieder hinaufsteige.

Die Buchhandlung ist klar auf das vielschichtige Publikum ausgerichtet: Sei es ein Wallfahrer, Tourist, Klosterkirchenbesucher, oder theologisch Interessierter, der nach Einsiedeln kommt, er wird eine passende Lektüre finden.

 

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