Analph, Zürich

Zack! Bumm! Peng!

Michael Guggenheimer

Es ist verwegen, einen Text über eine Comics-Buchhandlung zu schreiben, wenn man selber keine Comics liest, sich in der Welt der Comics nicht auskennt. Ich zitiere daher eine Person, deren Name ich nicht kenne, deren Text ich aber im Netz gefunden habe: „Zack! Bumm! Peng! – Seit 20 Jahren ist Analph ein Reisebüro für Abenteuer in fantastischen Welten. Mittlerweile auf 250m2 gewachsen ist der Laden am Stauffacher ein Paradies für gezeichnete Literatur und Zubehör aller Art: Von Manga, Science Fiction und Graphic Novels bis hin zu Graffitti-Comics, Street Art und Tattoo Büchern, aber auch Figürchen, viel Schnickschnack, die jedes Sammlerherz höher schlagen lassen. Ein cooles Weihnachtsgeschenk ist auch der Aboservice für besonders eingefleischte Fans, damit sie die Neu-Veröffentlichungen ihrer Lieblingscomics in Zukunft nie mehr verpassen.“

Analph ist für mich eine Art Reisebüro in fremde Welten geworden. Ein sehr sympathisches Reisebüro. Die mittelalterlichen Herren an der Kasse am Eingang sind wirklich sehr kompetente Kenner der Welt der Graphic Novels, die ich am liebsten für einen mehrteiligen Abendkurs über eine Literatursparte engagieren würde, die mir kaum vertraut ist. Ich gebe zu, dass ich mich während zwei Besuchen bei Analph lange an einem und demselben Büchergestell aufgehalten habe. Politische, sozialkritische und eher literarische Graphic Novels waren das. Bücher zweier Verlage haben meine Aufmerksamkeit gefunden: Die „Edition Moderne“ und „Reprodukt“. Wunderbare Zeichnungen bei der Edition Moderne, eine unglaubliche Vielzahl an zeichnenden Autoren, Erzählungen, die zum Teil in der politischen Realität spielen, die man als Zeitungsleser kennt. Ich erinnere mich an den ersten Besuch bei Analph: Ich habe mich hingesetzt, ich war am Bilder- und Textlesen, war versunken in Bilderwelten, kam mir vor wie im Kino. Nur dass die Leinwand auf meinen Knien lag. Der Comicsladen hatte mich erwischt, was ich beim Betreten des Ladens nicht für möglich gehalten hätte. Und ich entdeckte, dass die Edition Moderne kein deutscher, italienischer oder französischer Verlag ist, sondern in Zürich beheimatet ist. Ich entdeckte zudem, dass zwei Personen, die ich auch schon gesprochen habe, zu den Gründern dieses einzigen Comicsverlags der Schweiz gehören: Richard Bhend und Wolfgang Bortlik.

Mangas - japanische Comic-Kunst

Bildungslücken auch beim zweiten Besuch bei der Lektüre der Bücher des Berliner Reprodukt Verlags. Beim Herausnehmen der Bücher wird mir klar: In Graphic Novels oder Comicromanen wird eine abgeschlossene Geschichte erzählt, meist deutlich umfangreicher als in einem klassischen Comic-Album. Die Themen sind ebenso vielfältig wie in der Literatur. Ich muss Vorurteile abbauen, höchste Zeit, denn die Zeichnungen sind so gekonnt, dass ich nicht anders kann als jetzt von Künstlern zu sprechen. Ich bewege mich weiter durch Analph und begegne dem Verlag Carlsen mit seinen Mangas, die mir fremd bleiben. Aber ich weiss, wie beliebt Mangas sind. An der Leipziger Buchmesse bevölkern als Mangas Figuren verkleidete Besucher die Stände, an denen Mangas zu kaufen sind. Mein bisheriges Wissen über Comics reichte nicht weiter als Donald Duck, Tim und Struppi, Lucky Luke, Asterix, Yakari und Onkel Dagobert. Ich gebe es zu. Ich lerne Namen kennen wie Vampirella, Batman Special, Hunter Killer, blättere in Druidenheften, die mir ebenso fremd bleiben wie Strygen, ich begegne fremd gebliebenen Figuren wie Spiderman, Superman Rächer. Und spätestens als ich in einem anderen Gestell Art Spiegelmans und Joe Saccos Büchern in die Hand nehme, weiss ich: Analphabet bin ich, ich sollte wieder zu Analph, um über eine Sparte der Literatur mehr zu erfahren.

Übrigens: Mich hat ein Buch bei Analph so sehr angesprochen, dass ich es bereits beim ersten Besuch gekauft habe. Gipi heisst der Zeichner, mit vollem Namen Gian Alfonso Pacinotti, der Titel des Buchs heisst S. Wunderbare Aquarelle, ich würde sogar einige als Originalbilder kaufen und aufhängen.

Analph Comic Shop
Strassburgstrasse 10
8004 Zürich
T:044 241 96 95
www.analph.ch

 

Blut im Rinnstein

Heinz Egger

Blick in den Comic-Shop Analph

Ich stehe an der Tür und es ist wie an einer Grenze. In so einem Buchladen war ich noch nie: in einem Comics-Shop. ANALPH nennt er sich. In Grossbuchstaben geschrieben, schwarz umrandete weisse Buchstaben auf den Schaufenstern. Der Schriftzug irritiert nicht nur mit dem gespiegelten N. Richtet er sich an Analphabeten?

Comics gehörten bis anhin nicht in mein Leben. Klar kannten wir in der Jugend von Kameraden die Heftchen mit Fix und Foxi, Mickey Mouse oder Dagobert Duck. Auch der eine oder andere Asterix-Band gehört zum Erfahrungsschatz. Aber in der Familie gab es diese Art Unterhaltung nicht. Sie galt offen als minderwertig.

Gleich links vom Eingang ist die Theke mit der Kasse und einem bescheidenen Bürobereich. Dort ist auch der Rucksack abzugeben. Wird oft gestohlen? Die Spiegelhalbkugel an der Decke und weitere Spiegel, über die leicht die ganze Ladenfläche von der Ecke der Administration aus zu überblicken ist, deuten unmissverständlich darauf hin.

Langsam dringe ich in dieses unbekannte Land ein. Ich schaue auf farbige Umschläge mit Titeln, die ich teilweise auf die Schnelle nicht lesen kann, weil sie in Fantasieschriften gedruckt sind. Immer starren mir grimmige, zu allem entschlossene, martialische Figuren an. Da wird mit eisernen Fäusten geschlagen, mit Waffen aufeinander eingedroschen, Gegner durch Explosionen durch die Luft geschleudert, gestorben und gezeugt …

Auf einem Tisch liegen Mangas, japanische Comics. Ich nehme eines, halte es so wie üblich und merke, dass ich das Ende der Geschichte sehe: zierliche Figuren, die einen mit grossen, dunklen Augen und kindlichem Ausdruck anschauen. Also drehe ich den Schnitt nach links und beginne von vorne. Und auch da gilt es, wieder etwas zu lernen. Eine Manga-Geschichte liest sich von rechts nach links. Ich blättere im Büchlein und staune, wie erotisch die Bilder sind.

Der Kassentheke gegenüber bedeckt ein Regal die ganze Wand. Es stehen dicke Bücher darin. Einige sind mehr als 500 Seiten stark und nennen sich „Graphic Novel“. Dieser Ausdruck aus Amerika will wohl die gezeichnete Geschichte von ihrem Schmuddel-Image befreien.

Ich nehme einige Bücher in die Hand, blättere und lese in den Sprechblasen. Ob die Bilder farbig, oder wie in den meisten Fällen schwarz-weiss sind, berührt mich nicht. Ich finde keinen Zugang. Woran liegt das? Sicher gefallen nicht alle Zeichnungen und Stile gleich gut, das allein kann es aber nicht sein.

Die „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ von Guy Delisle aus dem Verlag Reprodukt, Berlin ist ein Reisebericht. Und da dämmert es mir plötzlich: Ich lese nur, anstatt die Bilder als gleichberechtigten Informationsträger zu brauchen. Ich kann nicht „leseschauen“ oder „schaulesen“! Ich bin ein Analph!

Etwas traurig lege ich die Bücher zurück. Ich gehe, um den Rundgang durch den Laden abzuschliessen, noch zur Wand mit den US-Comics. Ich bin etwas müde und scanne dort die Auslage rasch mit den Augen, rechts aussen beginnend. Ich entdecke da Titel, die jene interessieren, die selbst Comics zeichnen wollen. Unter anderen steht hier das Buch von Scott McCloud „Comics richtig lesen; die unsichtbare Kunst“. Ich öffne das Buch und weiss sofort, dieses Buch muss ich als Einstiegshilfe haben! Selbstverständlich ist das ganze Buch als Comic gestaltet. Selbst das Vorwort ist in Bildern dargestellt. McCloud ist selbst Comic-Zeichner und doziert an verschiedenen amerikanischen Universitäten. Er lehrt dort über Themen wie Geschichte und Definition des Comics, die Sprache, die Zeit, die Emotion im Comic oder das Blut im Rinnstein:

Grauslig, grauslig ist die Vorstellung, das Blut in einem Rinnstein fliessen zu sehen. Das muss eine grössere Menge sein, da wird etwas Schreckliches geschehen sein … Und doch ist kein Comic-Zeichner gezwungen, genau diese Szene zu zeichnen. Es reicht, wenn entsprechende Andeutungen, beispielsweise ein niedersausendes Schwert oder das Wegschleudern einer Person vorhanden ist. „Unsere Vorstellung von der ‚Wirklichkeit‘ beruht auf einem Akt des Glaubens, der sich auf blosse Fragmente stützt“, sagt McCloud an einer Stelle. Wir schliessen aufgrund von Teilen immer aufs Ganze. Er nennt dieses Phänomen Induktion. Und genau diese tägliche Lebenserfahrung ist beim Lesen eines Comics so wichtig: Entscheidendes passiert im Weissraum zwischen den einzelnen Bildern. Im Jargon der Comics-Zeichner ist das der Rinnstein, wo des „Schaulesers“ Erfahrungen und Empfindungen einfliessen können und sich seine Fantasie entfalten kann. „Der Comic-Künstler fordert uns zu einem stummen Tanz mit dem Realen und Imaginären auf“, folgert McCloud.

Ja, ich sehe, es steckt mehr hinter den gezeichneten Geschichten. Es hat sich gelohnt, in das neue Land einzutreten. Comics sind eine Kunstform, die viel verlangt, um sie aufzuschlüsseln, aber auch sehr viel gibt! Und wer kein Analph bleiben will, der muss sich ganz schön anstrengen.

 

 

Bitte verbreite buchort.ch:

Ein Gedanke zu „Analph, Zürich

  1. Peter Gruber

    So schön, dass Sie auch eine Comixbuchhandlung aufgesucht haben und beschreiben. Das sind die „Vergessenen“ im Literaturkomplex, über die Studierte (zu Unrecht) häufig die Nase rümpfen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sind Sie ein Mensch? * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.