autorenbuchhandlung berlin, Berlin

Schöner geht’s nimmer

Michael Guggenheimer

Ein Café, in dem abends immer wieder Autorenlesungen stattfinden, ein Durchgang zu einer Buchhandlung nebenan. Und beide Café und Buchhandlung gehören zueinander. Es ist die Autorenbuchhandlung in Berlin. Vor den Schaufenstern eine Fussgängerstrasse, gleich nebenan eine weitere Buchhandlung und all das neben dem Savignyplatz. Schon die Adresse ist ein Stück Literatur: Else-Ury-Bogen 599 – 601. Else Ury war eine deutsche Schriftstellerin und Kinderbuchautorin. Ihre bekannteste Figur ist die blonde Arzttochter Annemarie Braun, deren Leben sie in den insgesamt zehn Bänden der Reihe Nesthäkchen erzählt. Gewohnt hat sie um die Ecke, als Jüdin unter dem Regime der Nazis entrechtet wurde sie in Auschwitz 1943 ermordet.

Aber fangen wir im Literaturcafé mit dem Süssen an. Zum Frühstück gibt es die Lokalzeitungen, die Süddeutsche und die ZEIT, dazu Croissants mit Marmelade und einen grossen Milchkaffee. Und nachmittags? Hier das Angebot: Zitronentorte mit Baiserhaube, Apfel-Karamelltorte, Weisse Trüffeltorte, Schokotorte mit karamelisierten Nüssen und Birnentorte. Keine Lust auf Zeitungen? Im Durchgang zwischen Café und Buchhandlung steht ein Bücherregal mit 70 Titeln. Jennifer Clements „Gebete für die Vermissten“ und Jan Brokkens „Die Vergeltung“ fallen auf. Es sind Bücher, die nebenan zum Kauf angeboten werden. Damit niemand auf den Gedanken kommt, ein Exemplar, das noch verkauft werden könnte, beim Kuchenessen aus Versehen zu bekleckern, warten hier ausgesuchte Exemplare zur kuchenbegleitenden Lektüre auf.

Und die Buchhandlung? Welch’ ein Erlebnis. Das Grundstück gehört der Deutschen Bahn. Man kann’s hören. Denn über der Buchhandlung , die in den Bögen eines Viadukts domiziliert ist, rollen die S-Bahn Züge. Als die Architekturgalerie, die früher hier war, auszog, entschied sich die Bahn gegen ein Hamburgerlokal und für Bücher. Buch und Bahn passen gut zusammen, nicht nur weil es sich beim Bahnfahren gut liest: „Bahnhof Shop des Jahres 2015 (Region Ost)“ steht auf einer Tafel in einem der Schaufenster. Und in einem Bilderrahmen gleich nebenan noch die Auszeichnung „Deutscher Buchhandlungspreis 2015. Ausgezeichneter Ort der Kultur“. Verliehen wurde diese Auszeichnung vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. All das ist den beiden Hündinnen Tilda (die ältere) und Emily, zwei Beagles, die einer Buchhändlerin und einem Buchhändler gehören, nicht wichtig. Tilda und Emily sind jeden Tag in der Autorenbuchhandlung. Ob sie bemerkt haben, dass zahlreich wichtige Autorinnen und Autoren im Buchhandlungscafé schon zu einer Lesung eingeladen waren? Eine Spezialität der belesenen Buchhändler ist, dass nur sie die Moderationen an die Hand nehmen. Und noch Wochen und Monate nach einer Lesung sind hier signierte Exemplare zu haben. Namen gefällig? Joachim Sartorius, Durs Grünbein, Jan Wagner, Antje Ravic Strubel, Sacha Bathyany, Johanna Bator, Etgar Keret, David Grossman und viele andere.

Welch’ ein Vergnügen, wenn man von einem der Mitarbeitenden beraten wird. Es sind Buchmenschen, wie man sie sich anderswo auch wünscht. Zum Beispiel Christian Dunker. Er berichtet so engagiert von Thomas Medicus’ Buch „Heimat. Eine Suche“, dass ich zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes das Buch lese und ebenso begeistert bin. Und was mir besonders gefällt: Das Buch ist bereits vor zwei Jahren erschienen und der Buchhändler empfiehlt es immer noch. Als nächstes wird dann die zweite Buchempfehlung drankommen: „Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12“ von Naomi Schenck.
Der Novitätendruck der grossflächigen Buchhandlungen ist hier nicht zu spüren. Es fällt einem auf, dass hier nicht nur Neuerscheinungen ausgestellt sind: Wo finde ich sonst noch Wolfgang Hildesheimer? Ganze Jahrgänge der Zeitschrift „Sinn und Form“ sind auf zwei langen Tablaren ausgestellt. Was auch noch auffällt: Die schönen Plakate, mit denen auf die eigenen Veranstaltungen aufmerksam gemacht wird. Es sind nicht nur Textträger wie an so vielen anderen Orten. Sie sind mehrfarbig, ein Bild des jeweiligen Autors oder der Autorin ist zu sehen und das Buchcover, alles hausintern von den drei Buchhändlern Marc Iven, Joachim Fürst und Christian Dunker sowie von Buchhändlerin Katharina Schwarze in die Wege geleitet und inhouse gestaltet. Darf man dieses neumodisch-englische Wort in einem Text über die Autorenbuchhandlung verwenden? Gewiss. Denn die Crew hier ist nach vielen Seiten offen. Nur nicht für Ramsch. Die Non-Books jedenfalls sind ausgesuchte Notizhefte, schöne Schreibstifte, Bleistiftspitzer und Tintenpatronen. Mir fällt ein, wie ich in Québec verzweifelt auf der Suche nach Tintenpatronen war. Kanadier scheinen das Schreiben mit der Füllfeder nicht mehr zu praktizieren.

Es ist nicht lange her, da hat die Autorenbuchhandlung zum illustren Kreis der „5 plus“-Buchhandlungen gehört. Dass sie da nicht mehr mit von der Partie ist, hat keinesfalls mit einem Rausschmiss zu tun! Weil ihnen der für eigene Texte eingeräumte Platz in der Zeitschrift der 5 zu eng war, haben sie ihre eigene Zeitschrift „Geistesblüten“ gegründet. 70 Seiten dick ist die Zeitschrift, die zweimal im Jahr erscheint. Und sie führen die Interviews selber durch, stellen Bücher und Autoren vor, die in der Buchhandlung auftreten oder präsentiert werden. Schon nur wegen dieser Zeitschrift müsste man jedes Jahr zweimal am Else-Ury-Bogen vorbeischauen.

Autor Peter Esterhzy im Gespräch mit Christian Dunker

„Am Wochenende ist hier Wirbelwind“, charakterisiert Marc Iven den Besucherstrom in der Buchhandlung, in der es nur wenig herkömmliche leichte „Unterhaltungsliteratur“ gibt. Und kaum hat er das gesagt, betritt der ungarische Autor Peter Esterházy die Buchhandlung, um sich in einem langen Gespräch mit Christian Dunker über Neuerscheinungen, über die Lage in Ungarn und über die Lesug am Vorabend zu unterhalten. Noch etwas vergessen? Jawohl. Die Ambiance, die schöne Inneneinrichtung, das Gefühl, hier nicht unter Kaufdruck zu stehen.

PS Die Geschichte der Autorenbuchhandlung kann im Innenteil der Getränkekarte des Literaturcafés nachgelesen werden. Nichts wie hin, Kuchen und Kaffee bestellen und lesen, wie eine Gruppe illustrer Autoren 1976 eine Buchhandlung gegründet hat.

autorenbuchhandlung berlin
Else-Ury-Bogen 599-801
10623 Berlin
T: 0049 30 3130151
www.autorenbuchhandlung.com

 

Kundennähe

Heinz Egger

Auszeichnung: Bahnhofs-Shop des Jahres 2015

Wir haben Kaffee und Kuchen im grosszügig eingerichteten dritten Bogen der Autorenbuchhandlung Berlin genossen. Auf dem Weg zurück in den mittleren Bogen, dem Eingangsbereich zur Buchhandlung, kommen wir an drei Tablaren Bücher vorbei. Diese Bücher dürfen an den Tisch genommen werden, wenn man sich bei einer kleinen Stärkung auch noch geistige Nahrung zuführen möchte. Bücher aus der Buchhandlung, die man nicht gekauft hat, so sagt ein Text in einem Bilderrahmen, sind im Café nicht erlaubt. Verständlich. Wie leicht bekommt doch ein neues Buch einen kleinen Fettfleck von der feinen Apfeltarte mit Sahnehaube … Oder das Öffnen des Buches allein schon fügt dem Buchrücken Gebrauchsspuren zu.

Blick vom Literaturcafé in die Buchhandlung, rechts die frei verfügbaren Bücher

Wir schauen die Buchrücken an und sehen dieses und jenes bekannte Buch. Mein Mitautor dieses Blogs greift eines heraus: Jan Brokken: – Die Vergeltung. Er lese es gerade auf Holländisch, es heisse dort „De vergelding“. Es sei schwierig, vielschichtig. Der Romancier Jan Brokken rekonstruiert mit schmerzlicher Genauigkeit aus verschiedenen Perspektiven ein Kriegsverbrechen, das am 10. Oktober 1944 in Rhoon, einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Rotterdam, geschah. Die Gräueltat wurde in den Niederlanden nie vollständig aufgeklärt. Natürlich fällt dann auch der Name von Sacha Batthyany, der in seinem Buch „Und was hat das mit mir zu tun?“ ebenfalls ein Verbrechen bezogen auf seine Familie aufarbeitet. Es fand 1945 im österreichischen Rechnitz statt.

Anscheinend werden wir aufmerksam beobachtet, auch ein wenig belauscht. Denn als wir zur Kassatheke um die Ecke gehen, werden wir auf das Buch von Batthyany angesprochen. Der Schweizer Autor hat kürzlich in der Buchhandlung gelesen. Buchhändler Christian Dunker ist begeistert von diesem Abend mit dem Schweizer. ER sagt: „Mich fasziniert Sacha Batthyany, da er sich nicht wegduckt. Mutig macht er bei seiner Recherche über die Familie auch nicht bei sich Halt und frage sich schliesslich: ‚Was hat das mit mir zu tun?‘, Wie hätte er sich 1945 verhalten?“ Christian Dunker weist aber ebenso engagiert auf ein weiteres Buch hin, das sich einem ähnlichen Thema widmet: Thomas Medicus‘ „Heimat“. Wie Batthyany ist Medicus Journalist und Autor. Er geht ebenfalls einem Verbrechen nach, das 1934 geschah, als in Gunzenhausen, einem kleinen Dorf in Franken, die erste Judenverfolgung unter der SA und der Beteiligung grosser Teile der Bevölkerung stattfand. Zwei Juden wurden getötet. Der Grossvater des Autors deckte die Morde.

Wie wir sofort in ein Gespräch mit dem Buchhändler kamen, begeistert uns. Diese Aufmerksamkeit bietet Christian Dunker allen Kundinnen und Kunden in der Autorenbuchhandlung. Und die Besucherinnen und Besucher sind zahlreich. Wohl sind es nicht Passanten, sondern Leute, welche die Vorzüge des Buchortes kennen. Christian Dunkers Wissen ist sehr, sehr umfangreich. Er weiss zu jedem Buch etwas, so scheint es mir. Natürlich weiss er mehr, als bloss das, was in den Klappentexten und den Kurzrezensionen der Verlage zu lesen ist. Er ist belesen, und wie.

Ann Patchett: Aus Liebe zum Buch

Auf meinem Rundgang durch die Buchhandlung stehe ich erst vor einem Plakat und dann vor dem Büchlein selbst. Sein Titel ist wie geschaffen für unsere Serie von Buchorten: „Aus Liebe zum Buch“ von Ann Patchett. Auf dem Cover prangt ein Büchergestell mit farbigen Büchern darin. Einige sind eng beieinander, andere lehnen schräg an anderen. Und plötzlich steht Christian Dunker neben mir und erklärt kurz, aber sehr prägnant, worum es im Buch geht und warum Ann Patchett das Buch geschrieben hat. – Es ist ein Lob auf den unabhängigen Buchhandel. Aus Liebe zum Buch gründete die amerikanische Autorin selbst eine Buchhandlung, nachdem der letzte Buchladen in Nashville seine Türen geschlossen hatte.

Der Bogen im Eingangsbereich

Die Buchhandlung und das Café befinden sich in drei Bögen unter dem S-Bahnhof am Savigny-Platz. Es ist angenehm darin. Hölzerne Büchergestelle, endlos viele Bücher, sorgfältig ausgesuchte Literatur, laden zum Stöbern ein.

Die farbige Wand mit den Reclam-Bändchen

Im Durchbruch der dicken Mauer zwischen dem zweiten und dritten Bogen präsentieren sich Hunderte Bände des Suhrkamp Verlags mit ihren farbigen Rücken wie ein Gemälde. Seit kurzem sind auch englische Bücher im Angebot. Die Queen selber lädt dazu ein, sich den Bestand anzusehen.

Und immer wieder donnert ein Zug über die Gewölbe und erinnert daran, wie schnell die Zeit vergeht.

Bitte verbreite buchort.ch: