Basler Afrika Bibliographien, Basel

Namibia entdecken

Michael Guggenheimer

Hätten meine Eltern bei der Flucht aus Europa ihr Visum für Südafrika benutzt, wäre ich in Johannesburg oder Kapstadt aufgewachsen, hätte vielleicht auch Namibia besucht. Jetzt kenne ich Namibia bloss aus drei Büchern. Im Roman „Tirza“ von Arnon Grunberg kommt die Wüste Namib vor, „Durstland“ der Schweizerin Monika Slamanig konnte nur von einer Autorin geschrieben werden, die Namibia schon besucht hat. Und schliesslich noch das Buch „Kind Nr. 95“ der Namibierin Lucia Engombe über die Kinder, die Namibia im Jahr 1979 in die DDR verlassen mussten, um nach dem Mauerfall wieder in ihre ihnen fremd gewordene Heimat zurückzukehren. Weil immer mehr Schweizer und Deutsche das Land besuchen, habe ich schon beeindruckende Fotografien von Nambia gesehen.

Deutsche Titel aus Namibia

Ich habe jene fünf Personen, von denen mir spontan einfiel, dass sie sich in Nambia und in der Republik Südafrika aufgehalten haben, gefragt, ob sie die Basler Afrika Bibliothek kennen, deren Schwerpunkte Namibia und Südafrika sind. Nicht wenig gestaunt habe ich darüber, dass keine dieser Bekannten diese Bibliothek kannten. „Ist es möglich, dass es in der Schweiz eine solche Bibliothek gibt?“, fragte eine Bekannte, die schon dreimal in Namibia unterwegs war. „Ich war mehrmals über mehrere Monate in Namibia.“, schrieb mir eine andere Bekannte. „Zur Basler Bibliothek kann ich nichts sagen, ich kenne sie nicht, unglaublich. Ich habe jetzt im Netz nachgeschaut, sie scheint mir einzigartig auf diesem Gebiet, ich weiss von keiner vergleichbaren, nicht mal in Windhoek.“ Ein Freund, der schon vielfach in Afrika Reisen unternommen hat, schrieb mir: „Habe zwar schon von der Bibliothek gehört, sie aber nie besucht oder benutzt, obwohl die namibische Skelettküste schon lange eines meiner Fernwehreiseziele ist.“

Schild der Basler Afrika Bibliographien am Tscheggenbürlins Hus

Ich kontaktierte einen weiteren Afrikakenner, der die Bibliothek zwar noch nie benutzt hatte, sie dennoch von Kontakten her kennt. Er mir schrieb: „Durch Carl Schlettwein gegründet und stark an das ehemals deutsche, weisse Namibia gebunden, hatten die Publikationsreihen der Basler Bibliothek lange den Geruch von Deutschtümelei, und ich nehme an, dass die Bibliothek gerade in den älteren Beständen noch davon geprägt ist. In den letzten Jahren, jetzt von den Schlettweins in zweiter Generation geführt, hat die aufgebaute Schlettwein-Stiftung ein eindeutig offeneres Profil entwickelt, was sich in ihrem Veranstaltungs- wie Publikationsprogramm zeigt. Die offenere Ausrichtung zeigt sich an immer wieder gelungenen, kleinen Ausstellungsprojekten oder Veranstaltungen wie vor einiger Zeit mit der bekannten südafrikanisch-deutschen Publizistin Ruth Weiss. Die Bibliothek und die Schlettwein-Stiftung haben sich Verdienste in den Beziehungen zwischen dem Südlichen Afrika und der Schweiz erworben, sie finanzieren u.a. einen Lehrstuhl zur Geschichte Afrikas an der Uni Basel.“

Wie sehr sich die Basler Afrika Bibliothek gewandelt hat, zeigt ein Besuch in den beiden Häusern in unmittelbarer Nachbarschaft der Basler Elisabethenkirche und des Schauspielhauses. „Basler Afrika Bibliographien“ heisst die Trägerinstitution der Bibliothek. „Namibia Resource Center – Southern Africa Library“ steht auf der Tafel am Hauseingang. Die Basler Afrika Bibliographien (BAB) sind ein Dokumentations- und Kompetenzzentrum zu Namibia und dem südlichen Afrika. International bekannt sind die Bücher und Dokumente zu Namibia, die in Fachkreisen als umfassendste Dokumentation ausserhalb Namibias gelten.

Etwas zurückhaltend umständlich ist der Zutritt: Man muss läuten, um das Haus betreten zu können. Mit Ausnahme eines Seminar- und Arbeitsraums lassen sich die einzelnen Räume der Bibliothek nicht ohne Begleitung betreten. In einem denkmalgerecht eingerichteten Raum befinden sich die älteren Bestände der Bibliothek: Viel ältere deutschsprachige Literatur über den Süden Afrikas, der ja bis in den Ersten Weltkrieg in deutschen Besitz war. Doch gleichzeitig bietet die Bibliothek zahlreiche wissenschaftliche Publikationen der letzten Jahrzehente und Jahre an, nicht wenige dieser Publikationen sind im hauseigenen Verlag erschienen. Dass sie in englischer Sprache vorliegen, ist verständlich, wenn man bedenkt, dass sie sich auch an Leser im südlichen Afrika richten. Ein Band über Musik aus Namibia, ein Buch über Naturschutz in Namibia, ein Werk über die Archivbestände, ein Bericht über Südafrika-Reisende in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein Vergleich urbaner Veränderungen in Afrika und Asien, die Geschichte des Tourismus in Namibia.

Blick in einen Kartenschrank

Dass die Aktivitäten des Hauses nicht in der Geschichte der Mandatszeit stehengeblieben sind, zeigt etwa das Zambia Filmfestival vom November 2016 oder eine Ausstellung über afrikanische Comics. Aber auch die intensive Sammeltätigkeit der Bibliothek der letzten Jahre. Eine namibische Einkäuferin in Windhoek sorgt dafür, dass stets die neusten Publikationen in Basel ankommen. Plakate, DVD’s, Flugblätter, Pamphlete aller Art, fast 2000 Landkarten, die Zeitungen Nambias und sogar das Telefonbuch des Landes und Plastik-Einkaufstüten werden hier gesammelt. „Den inhaltlichen Kern der Bibliothek“, heisst es in der Selbstdarstellung des Hauses, „bildet ein umfangreicher Bestand an Namibiana, der interdisziplinär ausgerichtet und thematisch weit gestreut ist. Berücksichtigt werden alle namibischen Sprachen sowie historische als auch sozial- und naturwissenschaftliche Einzelwerke und Zeitschriften, die so vollständig und aktuell wie möglich gesammelt werden. Zu den Neuanschaffungen gehörten im vergangenen Jahr Publikation zu Namibia aus Finnland, Polen, China, Indien, Argentinien und Kuba. Der Bestand enthält ebenfalls Belletristik, die in Namibia entsteht oder sich auf Namibia bezieht, und eine ungewöhnliche Sammlung an Grauer Literatur, Schulbüchern und Veröffentlichungen namibischer Behörden. Unter den aus Namibia stammenden Periodika befinden sich allgemeine politische sowie populäre Zeitschriften, Nachrichtenblätter und Veröffentlichungen namibischer Organisationen, Regierungsstellen und Firmen.“ Und auch wenn ein Hauptaugenmerk Namibia ist, werden Publikationen über und aus den benachbarten Ländern wie Angola und Botswana oder auch Mosambik gesammelt.

„Namibia lässt sich nicht ohne die Geschichte der Nachbarstaaten erzählen. Unsere Bibliothek ist eine klassische Forschungsbibliothek, sie ist die grösste Bibliothek zum Land ausserhalb Namibias “ sagt Afrikanist und Bibliothekar Reto Ulrich. Der Bestand an Publikationen zu Namibia in Basel lasse sich mit demjenigen der Nationalbibliothek in Windhoek durchaus vergleichen und sei sogar noch grösser. „Vieles gibt es hier, das es in Windhoek nicht gibt“, sagt Ulrich. 50 000 Bände und 600 laufende Zeitschriften zählt die Basler Afrika Bibliothek.

Basler Afrika Bibliothek
Basler Afrika Bibliographien
Klosterberg 23
4001 Basel
T: 061 228 93 33
www.baslerafrika.ch

 

Gern ein paar mehr

Heinz Egger

Zebras, Giraffen, Elefanten, Geparden Nashörner, Büffel – Safari in Namibia, beispielsweise im Etoscha-Nationalpark oder in der Kalahari- und Namibwüste. Namibia ist ein begehrtes Reiseland mit seinen Naturschönheiten und 300 Tagen Sonne im Jahr.

Und wer mehr über den Süden Afrikas wissen möchte, sich in gewisse Bereiche, wie den Bergbau, die Kolonialgeschichte oder die Politik einlesen möchte, wo findet er die Information? – Am besten wendet er sich an die Basler Afrika-Monographien (BAB). Sie liegen am Klosterberg 23 in Basel. Eingerichtet ist die öffentliche Bibliothek und das öffentliche Archiv in zwei sehr schön renovierten Häusern.

Der Eingang unter dem Schild „Basler Afrika-Bibliographien“ im Tscheggenbürlins Hus ist allerdings geschlossen. Der nächste, modern gestaltete Eingang führt hinein, nachdem man geläutet hat und wohl über das Kameraauge als ungefährlicher Besucher erkannt worden ist.

Im Erdgeschoss liegt zur Linken ein grosser Vortragsraum, in dem Buchvernissagen, Lesungen und Filmpräsentationen stattfinden. Und zur Rechten ist ein Ausstellungsraum. Per Lift oder Treppe gelangt man in den ersten Stock, zur Empfangstheke. Wer auf jemanden warten muss, findet eine kleine Sitzecke. Dort leistet ihm der Gründer der Afrika-Monographien in Form eines Bronzekopfs, der von Naomi Jacobsen geschaffen wurde, Gesellschaft. Es ist Carl Schlettwein, der von 1925 bis 2005 lebte und in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Namibia lebte. Er legte den Grundstein für eine umfangreiche Bibliothek. Den Grund dazu nennt er als Gegner der Apartheid selbst (Zitat aus der Website ((http://baslerafrika.ch/ueber-uns/geschichte/))): „Die Berichterstattung über das Land [Namibia] erschien mir einseitig, und [meine] Sammlertätigkeit ergab sich aus einem persönlichen Bedürfnis nach unabhängigen Informationen.” 1965 kamen die Bestände nach Basel, 1971 erhielten sie einen institutionellen Rahmen: Basler Afrika Monographien (BAB). 1995 wurde die Carl-Schlettheim-Stiftung gegründet.

Heute versteht sich die Institution quasi als Pendant zur Nationalbibliothek von Namibia in Windhoek. Und es ist so, dass in Basel Dokumente lagern, die sonst nicht verfügbar sind. Deshalb kommen auch regelmässig Anfragen aus Namibia. Um die Bestände zugänglich zu machen, wird ein via Web zugänglicher Katalog geführt. Ein Anschluss des Katalogs an einen grösseren Bibliotheksverbund wie NEBIS oder IDS Basel Bern kommt für die Stiftung nicht in Frage, wie Reto Ulrich, einer der Bibliothekare sagt. – Aber die Online-Recherche lässt keine Wünsche offen. Und man spürt, dass die Katalogisierungsarbeit in professionellen Händen liegt.

Periodika in Archivrollgestellen im Keller

Die Bibliothek umfasst über 43’000 Bücher und an die 600 laufende Zeitschriften zum südlichen Afrika. Der Kern bildet Namibia. Aber Namibia ist nicht zu verstehen, wenn man nicht seinen Blick auch auf die umliegenden Länder Südafrika, Botswana, Simbabwe, Sambia und Angola richtet. Der grösste Teil der Bücher ist auf Englisch, insgesamt sind aber fast 50 Sprachen vertreten. Etwa 13 allein aus Namibia. Diese Bestände lagern in hellgrauen Archivrollgestellen im Keller. Die einen Gestelle sind gross mit Monografien beschriftet, die anderen mit Periodika.

Man könne nicht wissen, was künftige Forscher für Dokumente brauchten, sagt Reto Ulrich. Daher sammelt man alles, was einen Bezug zu Namibia und dem Süden Afrikas hat: Fotos, Filme, Tondokumente, aber auch Plastiksäcke, Pamphlete, Kalender und Telefonbücher. Zwei Tageszeitungen treffen regelmässig aus Namibia ein: „The Namibian“, die bedeutendste namibische Zeitung, und die „Allgemeine Zeitung“, eine Publikation für all jene, die noch Deutsch sprechen in der ehemaligen deutschen Kolonie, sowie die Wochenzeitung „Namibian Economist“. Im Keller mit den Zeitungen wird der Platz knapp, denn dort lagern auch die Plakatsammlung und eine sehr bedeutende Kollektion von etwa 1900 Landkarten und Stadtplänen. Auch zu diesen gibt es aus Namibia regelmässig Anfragen, weil darin beispielsweise Ortsnamen verzeichnet sind, die Auskunft über Wasserstellen und Rechte daran geben können.

Da die gesamten Bestände auch für Studierende an der UNAM, der Universität von Namibia in Windhoek, von grossem Interesse sind, soll eine Plattform für den Abruf von digitalen Dokumenten geschaffen werden.

Ein wichtiger Bestand sind die rund 1100 Bibliographien, die sich auf ganz Afrika beziehen. Reto Ulrich empfiehlt Studierenden immer, diese zu konsultieren, denn sie enthielten weit mehr Information als gemeinhin angenommen. Teilweise ist nur über diese die Existenz einer Publikation nachweisbar.

Neben der Bibliothek besteht ein umfangreiches Archiv mit vorwiegend nicht publizierten Medien – Schriften, Ton-, Bild- und Fimdokumenten. Diese Bestände sind ebenfalls im Online-Katalog findbar. Seit 2010 läuft die Arbeit, diese Bestände im Katalog zugänglich zu machen.

Rara - einige sind neu gebunden nach einem Brand; Büste von Nelson Mandela, geschaffen von Naomi Jacobsen

Carl Schlettwein war bibliophil. Daher ist im Tscheggenbürlins Hus in zwei Räumen seine Sammlung von Rara ausgestellt. Was als rares Werk gilt, wurde etwas willkürlich festgelegt. In diesem Teil der Bibliothek stehen nur Bücher, die vor 1918 erschienen sind. Ein Brand hat 2000 einen Teil des Bestandes stark beschädigt. Viele Bücher konnten gerettet werden. Einige davon mussten aber neu gebunden werden, nachdem das Löschwasser extrahiert worden war. So leuchten denn einige neue Leinenbuchrücken im hinteren Raum. Was verdorben war, wurde so weit wie möglich ersetzt.

Die Bestände von Archiv und Bibliothek wachsen ständig durch Nachlässe, aber auch Neuanschaffungen, die zum Teil durch eine Einkäuferin in Namibia getätigt werden. Aus den Nachlässen gibt es oft Doubletten. Diese werden antiquarisch verkauft. Ein ganzes Zimmer voller solcher Bücher steht dem Interessierten zur Verfügung. Und die Bibliothekare können auf Nachfrage sogar sagen, welches Buch als Doublette vorhanden ist.

Die BAB sind eng mit der Universität Basel und deren Afrikaforschung verknüpft. Man kann in Basel einen Master in African Studies erwerben.

Vorwiegend Studierende und Forschende suchen die Bibliothek auf. Es sind vielleicht zwei Personen pro Tag. Es dürften ruhig einige mehr sein, merkt Reto Ulrich an. Die Nutzung der Bibliothek ist vielleicht für viele etwas umständlich: Nur die Bibliothekare steigen in den Keller und holen über den Katalog bestellte Dokumente. Diese dürfen normalerweise nur in den Räumen der Bibliothek genutzt werden. Man denkt aber über eine reguläre Ausleihe nach. Bereits möglich ist die Ausleihe übers Wochenende von bis zu fünf Titeln.

Wer Interesse an dieser einmaligen Institution hat, kann sich für eine Führung anmelden. Das Thema kann auch eines der verschiedenen Tätigkeitsfelder der BAB sein. Und wer weiss, vielleicht wird dann der nächste Urlaub im südlichen Afrika noch ein grösseres Erlebnis.

 

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