bubu AG, Buchbinderei Burkhardt, Mönchaltorf

In der Kreativbibliothek

Michael Guggenheimer

bubu - Logo vor dem Firmengebäude in Mönchaltorf

«Ich mach’ Bubu, was machst du?» ist ein Songtext der deutschen Gruppe Trio. An die beliebte Schlagermelodie und an den Text muss ich immer dann denken, wenn ich den Namen bubu sehe. Und den sehe ich oft. Nicht etwa, weil ich den Text des Weihnachtssongs im Netz lese. bubu – im Logo des Unternehmens mit kleinen Buchstaben geschrieben -, ist jene grosse Schweizer Buchbinderei, die für ihre originellen und kreativen Buchbindelösungen immer wieder Design- und Qualitätspreise holt. Im Kolophon dieser prämierten Bücher ist der Name der Buchbinderei immer wieder anzutreffen. Der grosse Fabrikationskomplex von bubu, in dem 120 Mitarbeiter tätig sind, befindet sich in Mönchaltorf im Zürcher Oberland. bubu, der kurze Firmenname steht für Buchbinderei Burkhardt.

Was mir bereits vor der Besichtigung der Buchbinderei klar war: Eine Buchbinderei ist ein Betrieb, in dem das Buch nach Satz und Druck entsprechend den Wünschen des Auftraggebers seine endgültige Form bekommt. Und weil ich handwerkliche Buchbindereien, meistens Ein- oder Zweipersonenbetriebe, schon besucht hatte, war angesichts der Grösse des Betriebs auch klar: Hier wird sowohl Handwerk im traditionellen Sinn betrieben als auch industrielle Bindearbeit für Grossauflagen. Wer, so wie ich, der Bücher liebt, besonders auch schöne Bücher, aber die technischen Abläufe und die Fachausdrücke der Bindereibranche nicht kennt, bleibt beim Betreten des Betriebs zunächst und lange im grosszügig eingerichteten Showroom, der hier Bindorama heisst, stecken. Dicht an dicht stehen hier über 2000 Bücher mit vielfältigen Gestaltungsideen in allen Formaten, geordnet nach Bindearten. Und es sind durchgehend schöne Bücher, nicht wenige preisgekrönt im Rahmen des Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher» oder beim internationalen Wettbewerb «Schönste Bücher aus aller Welt» an der Leipziger Buchmesse. Ich nehme in der Bindorama einzelne Bücher in die Hand, lege sie auf eines der Tische, öffne sie und versuche, die graphische Gestaltung zu ignorieren und auf die Bindung zu achten, was nicht leicht fällt, weil Druck, Gestaltung und Bindung eine ästhetische und haptische Einheit bilden, auf die Auge und Tastsinn beim Blättern reagieren.

Die Bindorama nennen die Leute von bubu auch ihre «Kreativbibliothek». Sie soll Inspirationsquelle für Auftraggeber sein. An einem hohen Tisch stehen zwei Mitarbeiter der Firma bubu und besprechen mit einem Kunden Möglichkeiten der Buchbindung für ein neues Buch. Bildbände, Fachbücher, Schulbücher, Belletristik werden hier zur Schau gestellt. Kreative, schöne Bindearbeiten, das wird beim Blättern schnell klar, sind weitaus mehr als Hüllenarbeit für Coffeetable Books. Und schnell wird auch klar: es gibt so viele unterschiedliche Arten des Buchbindens. Die Tablare der Buchgestelle im Showroom tragen verwirrend viele Bezeichnungen für Bindetechniken: Einrückenbroschur, Kantenbroschur, Schweizer Broschur, Chinesische Bindung, Japanische Bindung, Knotenfadenheftung, Mantelbroschur, Fadenheftung, Flexibler Gewebeband, Freirückenbroschur, Wire- und Spriralbindung, Flatbook. Ich lese die Bezeichnungen, versuche mir anhand der einzelnen Bücher klar zu werden, weshalb einzelne Bindearten ihren Namen tragen.

Box mit Beispielen von Bindungen

Im Bindorama fällt mein Blick auf zwei Schuber mit Namen Spectrum-Boxen. Sie sind Behältnisse dünner Broschuren, dienen mit ihren Beschreibungen als Beratungsinstrument und zeigen auf handliche Weise verschiedene kreative Bindelösungen auf. Sie sind eine Ideenquelle zum Anfassen! Was beim Vergleichen der diversen Bindearten schnell klar wird: Die Bindeart hat einen grossen Einfluss auf das Öffnungsverhalten eines Buches. Faszinierend etwa das von bubu entwickelte Flatbook mit einem Buchblock, der sich völlig flach öffnen lässt und durchgehende Doppelseiten ohne Übergang bietet. Das wunderschöne Buch «Brandnacht» hat es mir besonders angetan: Die Bilder zu Urner Sagen von Hans-Jörg Leu illustrieren in expressiver Weise Landschaften und alte Schweizer Sagen. Jede Doppelseite wirkt dank der Bindetechnik wie ein durchgehendes Bild, lässt sich aufstellen wie ein Gemälde.

Zwei Geschäftsführer kennt der Betrieb. Christian Burkhardt ist für die wirtschaftlichen Belange, für Finanzen und Personal zuständig, Thomas Freitag, gelernter Buchbinder, ist für das operative Geschäft und für die Technik verantwortlich. Ein heller Büroraum ist dem langjährigen Geschäftsführer und heutigen Verwaltungsratspräsidenten Hans Burkhard vorbehalten. Albert Burkhardt, sein Vater, war Buchbinder in Zürich. Er startete im Jahr 1941 mit 3 Mitarbeitenden in der Innenstadt. Schnell fasste die Firma Fuss. Weil der Betrieb nach einem Umzug im Zürcher Stadtteil Balgrist aus allen Nähten platzte, wagte Hans Burkhard in den 80er Jahren den Schritt aufs Land, wo vom Handwerk bis zur industriellen Produktion Bücher vom Flatbook bis zum Fotobuch hergestellt und gebunden werden. «Ich glaube an das Überleben des Buches», gibt sich Hans Burkhardt überzeugt und fügt an: «Es ist die Haptik, das Fühlen und die Beständigkeit des Buches, welche der flüchtigen Elektronik überlegen sind.»

automatisches Zusammentragen für die Rückenleimung

Die industrielle Buchfertigung wird einem bei einem Rundgang durch den Betrieb vom Zuschneiden, über das Falzen, Zusammentragen, Heften, Kleben, Trocknen, Pressen bis zum Verschweissen sichtbar. Zwar wird der grösste Teil der Arbeit maschinell erledigt, dennoch ist zwischendurch immer wieder Handarbeit gefragt. Sei es zum Stanzen der Umschläge, zum Ausrüsten bei Spezialausführungen oder zur Qualitätskontrolle. Hans Burkhardt, der bei der Führung durch den Betrieb Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim Namen begrüsst und ihnen die Hand gibt, verwendet beim Rundgang für die Arbeit des Unternehmens den Begriff «Bucharchitekten».

Industrielle Fertigung von Büchern: Buchbindehalle

Wir schreiten grossen Maschinen entlang, deren Arbeitsprozesse hoch automatisiert sind, Geräusche begleiten uns, die an Maschinenmusik erinnern, ein regelmässiges Hallen, Klopfen und Zischen im grossen Fabrikationsraum.

Als Pioniertrieb wagte die Firma mit dem Start der Bookfactory 2004 den Einstieg in den Fotobuchmarkt. Bookfactory ist ein Online Portal, bei dem jeder, der fotografiert mit den eigenen Fotos ein Buch zusammenstellen kann, das bei bubu gedruckt und gebunden wird. Die Bookfactory zählt heute zu den führenden Anbietern von individuell gestalteten Fotobüchern. bubu ist somit nicht nur eine Buchbinderei, sondern auch eine leistungsfähige Druckerei. Zudem bietet bubu seit kurzem anderen Unternehmen und Institutionen unter dem Namen archivsuisse Archivmöglichkeiten an. Mitarbeiter von archivsuisse scannen Unterlagen, betreiben für andere Unternehmen und Institutionen das Archiv und archivieren physische Akten und digitale Daten wie Akten, Unterlagen, Pläne und Bücher.

bubu AG
Isenrietstrasse 21
8617 Mönchaltorf
T: 044 949 44 44
www.bubu.ch

Ganz vorne dabei

Heinz Egger

Hans Burkhardt mit Beispielen aus der Produktion

„Print wird zum Genussmittel”, sagt Hans Burkardt, der Verwaltungsratspräsident der Bubu AG schon früh in unserem Gespräch. Dazu gehört natürlich nicht nur der Druck an sich, sondern besonders auch die Verarbeitung des Gedruckten zu einer Broschüre oder einem Buch. Die Buchherstellung ist die Domäne der Bubu AG.

Schon beim Betreten des modernen Fabrikations- und Verwaltungsgebäudes ruht der Blick sofort auf einem mit Glasschiebetür abgetrennten Raum: das „Bindorama”, wie es auf dem geätzten Glas heisst. Darin finden wohl am einfachsten Verkaufsgespräche statt, denn alles, was bei Bubu je maschinell gefertigt worden ist, ist darin ausgestellt und ist im Gespräch jederzeit greifbar. Die Buchbeispiele stehen in den schwarzen Gestellen der Wand entlang. Die Raummitte besetzen Korpusse, um die man stehen und auf die man die Exemplare zur Ansicht und zur haptischen Erfahrung auflegen kann. Über 2000 Beispiele stehen zur Verfügung. Sie zeigen verschiedene Bindearten, Formate, Cover-Gestaltungen mit Papieren und Stoffen, Prägungen oder Aufdrucken. Da das Buch als „Genussmittel” ansprechend präsentiert werden soll, fehlen auch Schachteln, Schuber, Klappfutterale, Mappen und Verpackungen nicht.

Die Gestelle tragen zwei Grossbuchstaben und eine Zahl, zum Beispiel RA 4 für rechte Gestellreihe, Tablar A – das oberste –, Gestell 4. Darauf folgen Aufschriften, die den Tablarinhalt in Worte fassen, beispielsweise asiatische Bindearten, kleine Formate, bemusterte Ideen, spezielle Prägung, originelle Einbände, Bücher mit Schildern, Mappen mit CD, Gewebe / Karton bedruckt, Vorzugsausgaben. Es ist sehr lustvoll, die Bände herauszuziehen und zu sehen, wie sie hergestellt und gestaltet sind.

Auf einem Tablar lese ich „traditionelles Handwerk”: Auch das gibt es bei Bubu: Handbuchbinder und Handbuchbinderinnen. Selbst Hans Burkhardt hat nach der Matur in der Westschweiz das Handwerk des Buchbindens gelernt. Und es ist sein Mut, der auf den Weg geführt hat, über das traditionelle Handbuchbinden hinaus, wie es sein Vater noch ausübte, in die industrielle und später in die digitale Produktion einzusteigen und den Firmensitz aus der Stadt Zürich aufs Land zu verlegen. Der Umzug in den Neubau in Mönchaltorf fand 1985 statt.

Die Führung durch den Betrieb beginnt Hans Burkhardt im Keller des Gebäudes. Dort lagert nicht nur die ganze Unternehmensgeschichte, sondern auch eine Bibliothek mit Büchern zur Buchherstellung und eine wunderschöne Sammlung von Fileten – eine Art Stempel und Rollen aus Messing oder Bronze, die fürs Aufbringen von Verzierungen mit Blattgold verwendet werden. Jeder Buchbinder darf sich diese Werkzeuge unentgeltlich ausleihen. Das geschehe aber kaum mehr, denn das Handvergolden beherrschen nur noch wenige und es ist heute einfacher, ein Cliché zu ätzen oder zu fräsen und damit Folien mittels Maschine aufzubringen, als freihand die Verzierungen auf dem fertig gebundenen Buch anzubringen.

Im unterirdischen Lager stapeln sich Materialien, die zur Buchherstellung nötig sind: Karton verschiedener Dicken, Papier für Vorsätze, Leim, Faden, Stoffe für den Einband. Hier stehen auch Stapel von fertigen Büchern, bereit für den Versand, und mannshohe Türme mit bedrucktem Papier, das aus Druckereien angeliefert worden ist und zu Büchern verarbeitet werden wird.

Der ganze erste Stock ist für die industrielle Buchproduktion reserviert. Nach dem Warenlift rechts, der uns in den ersten Stock gebracht hat, starrt uns der aufgerissene Schlund der Schneidmaschine an. Mit dieser Maschine werden dicke Stapel grosser Bogen geschnitten, wenn sie nicht schon in der Druckerei auf das Format für das Falten zugeschnitten worden sind.

Industrielle Buchfertigung: Falzabteilung

Im Gegenuhrzeigersinn durch den langen Raum gehend, kann man Schritt für Schritt erleben, wie Bücher in Serie entstehen. Es ist laut, denn viele Arbeitsgänge erfordern viel Mechanik. Faszinierend ist es zuzusehen, wie in der Falzmaschine Bogen um Bogen eingezogen und mehrfach gefaltet wird. Damit die dabei entstehende Lage absolut flach liegt, schneidet am Anfang des Prozesses ein Rad eine Perforierung in den Bogen. So kann die Luft zwischen den Seiten beim Falzen und Pressen austreten. Um uns das zu zeigen, wird die Maschine extra angehalten. Hans Burkhardt hebt die Sicherheitshaube und erklärt den Vorgang. Das Engagement und die Freude am Entstehen des Buches ist ihm förmlich anzuhören. Nach der Faltung werden die Lagen eine auf die andere maschinell genäht. So wächst ein Buchblock in Windeseile.

An einer weiteren Station entsteht der Einband. In diesem Fall aus einem Stück Leinen, das zugeschnitten ist wie ein Umschlag für ein Schulheft, dickerem Karton für den Deckel und dünnerem für den später gerundeten Rücken.

An einer Wand leuchtet ein farbenfrohes Bild. Dort stecken auf Dornen die Folienrollen für das Beschriften und Verzieren der Buchdeckel. Eine Frau ist dabei, die Maschine für das Bedrucken einzurichten. Natürlich kennt Hans Burkhardt sie und wechselt wie mit allen anderen im Raum kurz ein paar Worte.

Die wohl grösste, oder vielleicht besser längste Maschine stellt dann das Buch fertig. Zuerst wird der Rücken des Buchblocks geleimt, verstärkt und beschnitten. Dann wird das Kapitalband befestigt und der Einband um den Buchblock geschlagen. Ein Saugnapf fasst am Ausgang der Maschine jedes zweite Buch und dreht es, so dass beim anschliessenden Stapeln jeweils ein Rücken links und der nächste rechts liegt.

Natürlich produziert Bubu auch einfachere, rückengeleimte Bücher. Hier ist dem Unternehmen auch etwas Einmaliges gelungen: Dank entsprechender Leimung kann ein sogenanntes „Flatbook” stets völlig flach geöffnet werden. Das ermöglicht beispielsweise doppelseitige Bilder im Buch, bei denen der Falz in der Mitte kaum noch auffällt.

Schon früh hat sich Bubu auch mit dem Digitaldruck befasst und gehörte zu den ersten Unternehmen in der Schweiz, die „Book on demand” anboten. Heute ist es möglich, auch via Druckerei ein einzelnes Buch herstellen zu lassen. Oft nutzen natürlich Private dieses Angebot, wenn sie Fotobücher online oder offline gestalten und fertigen lassen. Dafür hat Bubu extra die „Book-Factory” eingerichtet. Dieser Unternehmensteil hat im Erdgeschoss ihre Vielfarben-Druckmaschinen und die Apparaturen zur automatisierten Herstellung der Bücher.

Angrenzend an diese hoch moderne Abteilung arbeiten Handbuchbinderinnen und Handbuchbinder im traditionellen Handwerk. Bubu bildet immer noch bis vier Handbuchbinder aus, bietet Lehrstellen für vier Printmedienverarbeiter (früher Maschinenbuchbinder genannt) und drei Drucker.

Auch wenn bei Bubu vieles automatisiert ist, so geht doch nichts ohne Mitarbeitende. Gut 120 Personen arbeiten im Betrieb. Dazu gehört auch ein eigenes Informatikteam, das die ausgeklügelte Software für die Herstellung von Fotobüchern (online und zum Download) betreut, und viel an den Maschinen im Betrieb selbst optimiert.

Nach dem Rundgang schaue ich mir einige Beispiele im „Bindorama” nochmals an. Vieles sehe ich mit anderen Augen. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt auch bei industrieller Produktion möglich ist.

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