Buchhandlung Helen Keller, Pfäffikon (ZH)

Die „Dorfbuchhandlung“

Michael Guggenheimer

Pfäffikon im Kanton Zürich. Etwas mehr als 11 000 Einwohner. „Die Perle am Pfäffikersee“ heisst es auf der Homepage der Gemeinde. Von der Einwohnerzahl her eine kleine Stadt. Begeben sich die Bewohner ins Zentrum, sagen sie dennoch, sie würden „ins Dorf“ gehen. Ein Wanderweg führt rund um den See. An sonnigen Nachmittagen und Abenden ist der schön ausgebaute Seequai der Treffpunkt von Müttern mit Kinderwagen und von Senioren. Im Chesselhus, einem auffällig grossen umgebauten Industriebau, finden die kulturellen Veranstaltungen statt, hier zeigt der Verein „Kultur im Rex“ regelmässig Filme. 30 Minuten dauert die Bahnfahrt nach Zürich, viermal in der Stunde fährt die Bahn in die grössere Stadt oder umgekehrt. Begehrt ist die Wohnlage am kleinen See, in der in den letzten Jahren viel gebaut wurde und die Mieten durchaus mit denjenigen in der grösseren Stadt konkurrieren können.

Buchhandlung Helen Keller mitten im Dorf

Weshalb in die grössere Stadt fahren? Zum Beispiel zur Arbeit. Oder auch für manche Einkäufe. Wer Lektüren sucht, muss sich allerdings nicht in die grosse Stadt begeben. Denn in Pfäffikon gibt es eine Gemeindebibliothek, die an sechs Tagen pro Woche geöffnet ist. Wer Bücher kaufen will, dem bietet sich unübersehbar im Dorfzentrum die Buchhandlung Helen Keller an. Dort wo die Kemptalstrasse, die Seestrasse und die Hochstrasse aufeinander treffen, wo der Durchgangsverkehr in Pfäffikon am lautesten ist, da befindet sich die Buchhandlung in einem Eckhaus. Ein Haus, das etwas vorgelagert ist im Treffpunkt der drei Strassen, die Aufschrift an der Fassade verkündet, dass hier Bücher zu haben sind. Betritt man die Buchhandlung, hat man den Lärm des manchmal unaufhörlichen Autostroms hinter sich gelassen und befindet sich in einer schönen Bücherwelt. Ein Raum in L-Form, eigentlich zwei Räume, die ineinander übergehen. Gleich neben der Eingangstüre ein breites Anschlagbrett mit Kleinplakaten und Hinweiszetteln von Veranstaltern, eine Infowand in den Bereichen Kultur, Bildung, Freizeit. Eine reiche Auswahl an Kinder- und Jugendbüchern gleich nebenan. Buchtitel von Autoren aus der Schweiz sind hier gut vertreten, ebenso Sachbücher zur Politik und Geschichte sowie ein schönes Angebot an Belletristik.

Eigentümerin Helen Keller verwendet durchaus liebevoll den Ausdruck „Dorfbuchhandlung“ und weist darauf hin, dass es im grösseren Uster keine Sortimentsbuchhandlung gibt und dass in Wetzikon vor kurzem eine Buchhandlung geschlossen wurde. Ich schaue mich in den Büchergestellen um und treffe Namen von Autorinnen und Autoren an, die ich schätze und in einer „Dorfbuchhandlung“ nicht unbedingt erwarte: Olga Tokarczuk aus Polen mit dem Buch „Der Gesang der Fledermäuse“, Träger des Bremer Literaturpreises Michael Roes mit „Die Legende von der weissen Schlange“, Ulrike Draesner mit ihren voluminösen „Sieben Sprüngen vom Rand der Welt“ und den Holländer Maarten’ T Hart mit seiner Mutterbiografie „Magdalena“. Michael Krüger ist ebenso da wie Tomas Tranströmer und PEN-International Präsidentin Jennifer Clement mit „Gebet für die Vermissten“, ihrem beunruhigenden Politroman über die verschwundenen Frauen von Mexiko. Und noch bevor Pierre Jarawan auf Schweizer Lesereise mit seinem grossen Libanonroman „Am Ende bleiben die Zedern“ unterwegs ist, ist das Buch bereits in der Dorfbuchhandlung vorrätig. Die Bücherauswahl nimmt Helen Keller nach der Lektüre von Zeitungsbesprechungen vor, manchmal auch nach dem Besuch eines Verlagsvertreters. Aber auch die Lesungen in der Stadt Zürich bieten ihr Hinweise für den Ankauf: Bettina Spoerris Roman Herzvirus wurde gerade wenige Tage zuvor in Zürich präsentiert, in Pfäffikon ist das Buch zur Zürcher Buchpremiere gleich in mehreren Exemplaren vorhanden, auch wenn noch keine Besprechungen erschienen sind. Mehrere Exemplare des NZZ-Magazins „Bücher am Sonntag“ , die die Kunden mitnehmen dürfen, liegen in einem Zeitschriftenfach bereit.

Helen Keller war früher Bibliothekarin. Sie wollte etwas Neues wagen und doch den Büchern verbunden bleiben, weshalb sie während dreieinhalb Jahren bei Susanne Giger in der Buchhandlung an der Schmidgasse in Zug arbeitete, um das Funktionieren des Buchhandels kennenzulernen. Nach Pfäffikon kam sie eher zufällig, als sie erfuhr, dass hier ein Ladenlokal frei wurde und am Ort keine Buchhandlung vorhanden sei. „Pfäffikon ist als Wohnort begehrt, in den letzten Jahren sind viele junge Familien nach Pfäffikon gezogen. Und die Leute wollen auch am Ort einkaufen, weshalb auch der Buchladen treue Kunden hat“, sagt Helen Keller. Ob sie wieder den Mut aufbringen würde, einen Buchladen zu gründen, ist sie nicht ganz sicher. Natürlich sei ihre Buchhandlung kleiner als manche Buchhandlung in der grossen Stadt. Aber jedes Buch, das bei den Auslieferern in der Schweiz vorrätig sei, könne man in ihrer Buchhandlung bis 17 Uhr bestellen und am nächsten Tag ab 10 Uhr holen. Da kann Pfäffikon durchaus mit Buchhandlungen in grösseren Ortschaften gleichhalten! Und in Sachen Geschenkpackungen muss man weit suchen, bis man eine so schöne Auswahl an Geschenkbändern antrifft wie in Pfäffikon!

Grosse Auswahl an Geschenkbändern

Sollte sich übrigens ein Schriftsteller nach Pfäffikon verirren, der immer noch die klassische Schreibmaschine dem Computer beim Dichten vorzieht, so ist er in Pfäffikon am richtigen Ort: Das Beck Schreib− und Büromaschinenmuseum in Pfäffikon ist eine exklusive Privatsammlung historischer Schreib- und Rechenmaschinen sowie Büroliteratur. Im 150m2 grossen Museum werden 250 antike, skurrile, bewundernswerte Schreibmaschinen ausgestellt.

Buchhandlung Helen Keller
Kempttalstrasse 1
8330 Pfäffikon
T: 044 951 25 02
www.buchkeller.ch/

 

Perlen am See

Heinz Egger

Vor dem Laden steht ein E-Bike mit Kinderanhänger. Zwei Kinder stürmen durch die Türe ins Freie. Mama folgt ihnen, nachdem sie sich von Helen Keller, der Besitzerin der Buchhandlung verabschiedet hat. Natürlich haben beide Kinder ein neues Buch in den Händen. Sie klettern in den kleinen Anhänger, die Mutter schiebt ihr Gefährt über den Vorplatz, steigt auf und radelt Richtung See.

Kinder- und Jugendbücher nehmen einen wichtigen Platz in der Buchhandlung ein. Sie stehen im hellen, strassenseitigen Teil der Buchhandlung. Die Auswahl ist wunderbar. Ich fühle mich zurückversetzt in meine Jugendzeit: Jim Knopf, Rösslein Hü, Das kleine Gespenst, Globi – da entdecke ich gar einen Band auf Französisch und einen auf Englisch – , Papa Moll, Guet-Nacht-Gschichtli von Sylvia Sempert. Natürlich sind da auch viele moderne Bücher. Darauf stehen oft lautmalerische Titel wie Spotz, Dork, Tafiri oder Lua. Viele Titel enthalten auch englische Wörter: Die Robotwars, Miles & Niles, Fox Craft. Für jedes Lesealter gibt es etwas, sei es ein Bilderbuch mit wenig Text fürs erste Lesealter oder Pony- und Rennfahrergeschichten für Leseratten etwa im dritten Schuljahr oder Schatzjägergeschichten für Lesepiraten fürs vierte Schuljahr.

Wer so früh mit dem Buch in Kontakt kommt und in die erholsame und bereichernde Zeit mit einem Buch eingeführt ist, dessen Lesehunger ist sicher geweckt. Auch für Jugendliche stehen zahlreiche Bücher da. Vom Krimi bis zur Fantasy-Geschichte, Geschichten zu Liebe, Selbstwerdung und -bewährung.

Während ich zwischen den Gestellen die Auslage betrachte, knarrt der Boden häufig. Nicht von meinen Füssen ausgelöst, sondern von den Schritten der eintretenden Kundinnen und Kunden. Die Türe geht lautlos, die Schritte verraten das Leben im Laden. Ein Mann ist so gross, dass sein Kopf fast an die Decke stösst. Nun, die Buchhandlung befindet sich in zwei Räumen eines alten Hauses. Den beiden Eingängen entsprechend, wurden die Räume früher anders genutzt. Die Angeln und Halter für Fensterläden an den mit Stein umrandeten Fensteröffnungen deuten wohl darauf hin, dass die Buchhandlung sich in ehemaligen Wohnräumen eingenistet hat.

Gleich beim Eingang links liegen zwei Ausgaben von „Buch am Sonntag“, der Literaturbeilage der „NZZ am Sonntag“ auf. Das Buchjournal, das Kundenmagazin der Buchhändler, ist da und a tempo, das Lebensmagazin der Verlage Freies Geistesleben und Urachhaus GmbH.

Blick durch den L-förmigen Laden

Gegenüber dem Eingang steht die Kassatheke. sie ist schwer mit Büchern beladen. Auch Bettina Spoerris kürzlich erschienener zweiter Roman liegt bereit. Links neben der Kasse steht in der Ecke ein Tisch. Darauf entstehen im Handumdrehen die schönsten Geschenke. 12 Rollen mit verschiedenen Geschenkbändern leuchten über dem Tisch. Damit erzielt man bestimmt immer ein stimmiges Beieinander von Band und Geschenkpapier!

Neben dem Tisch entdecke ich zwei Tablare mit fremdsprachiger Literatur: Französisch und Englisch.
Ich gehe den Gestellen entlang und nehme auf, wie sie angeschrieben sind: Geo/Reisen, Natur/Garten/Kochen. Letztere ist eine sehr gut bestückte Abteilung. Liegt dies daran, dass in Pfäffikon, quasi auf dem Land, noch mehr gegärtnert und mit eigenem Gemüse feine Gerichte gekocht werden? Weiter sehe ich Kunst/Musik/Fotografie. Hier wird fündig, wer jemanden mit einem berühmten Namen beglücken möchte, beispielsweise mit Eduard Spelterini, dem Ballonfotografen, Cézanne oder Picasso, The Rolling Stones, The Beatles, Miles Davis oder einem Dirigenten wie Riccardo Chailly. Dann Philosophie/Religion/Esoterik, Gesundheit/Erziehung/Psychologie, Belletristik/Lyrik.
Die Belletristik ist wohl die grösste Abteilung. Hier sind Klassiker ebenso zu finden wie neue Bücher, die vielleicht einmal Klassiker werden.

3 Buchcover

Auf einem Tablar vereint sind, ihre Cover zeigend, Hildegard Baumgarts „Bettine und Achim von Arnim, Geschichte einer Ehe“, Hanna Johansens „Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte“ und Friedrich Dürrenmatts „Stücke“. Die Autorinnen und Autoren der Belletristik sind unzählig. Ich finde auch solche aus anderen Kulturkreisen, zum Beispiel Gabriela Adamesteanu aus Rumänien, Nadeem Aslam mit pakistanischen Wurzeln, Leopoldo Brizuela aus Argentinien, Mahmud Doulatabadi aus dem Iran .Auch eine gezielte Auswahl an Schweizer Autoren ist vorrätig: Lukas Bärfuss, Peter Bichsel, S. Corinna Bille, Arno Camensich, Blaise Cendrars, Maurice Chappaz, Anne Cuneo – und dies sind nur die ersten des Alphabets.
Wer eine kleine Auswahl an Büchern in den Händen hält, kann sich bei der Teigtruhe, die als Tisch dient, hinsetzen und in Ruhe blättern. Die Buchhandlung wird auf dem Internet als Ort zum Verweilen dargestellt. Deshalb findet sich im hellen vorderen Raum auch ein Tisch mit Stuhl. Beides sind gemütliche Plätze.

Pfäffikon, die Perle am See. So wirbt der Ort in Stadtgrösse für sich. Eigentlich aber ist es nicht eine Perle, sonder eine ganze Kette davon. Der See natürlich, die Flarzhäuser in Seenähe, der noch erhaltene Teil des Dorfkerns mit dem Dorfbrunnen. Und ganz sicher die Buchhandlung. Man muss weit gehen, um die nächste zu finden. Die Städte Wetzikon und Uster bieten nichts Vergleichbares.

 

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