Buchhandlung Hirslanden

Preisgekrönter Buchort

Michael Guggenheimer

Schriftsteller Hugo Ramnek wohnt nicht im Quartier. Und dennoch schwärmt er für die Buchhandlung Hirslanden. Er vergleicht sie mit einem Kleinkunstlokal. Ein sozialer Treffpunkt sei die Buchhandlung, ein Treffpunkt auch von Leuten mit sehr unterschiedlichen Leserichtungen. Der Ort strahlt Nähe aus. Es beginnt mit der Eingangstür, an der die Namen der beiden Buchhändler zu lesen sind, denen die Buchhandlung gehört. Eva und Walter Reimann persönlich bedienen ihre Kunden. Und dann steht noch an der Eingangstüre: „Buchhandlung des Jahres 2013“. Reimanns sind so bescheiden, dass die Begründung der Jury nicht einmal auf der Homepage der Buchhandlung zu finden ist, weshalb sie hier publik gemacht werden soll: „Die Buchhandlung Hirslanden ist eine klassische Quartierbuchhandlung und für die Versorgung der Bevölkerung so wichtig wie Bäcker, Metzger und Apotheker. Eva und Walter Reimann sind nicht nur Buchhändler mit Leib und Seele mit einer umsichtigen, interessanten Sortimentsgestaltung, sondern sie sind durch ihre zahlreichen Veranstaltungen seit 29 Jahren auch aktive Literaturvermittler, in ihrer Buchhandlung haben unzählige, hochkarätige Autorinnen und Autoren gelesen. Das kulturelle Leben in Zürich wäre ohne die Buchhandlung Hirslanden um ein gewichtiges Stück ärmer.“

Eva und Walter Reiman leiten die Buchhandlung Hirslanden seit 30 Jahren

Im September sind es dreissig Jahre seit der Gründung der Buchhandlung. Wie rege die beiden Eigentümer seit Anbeginn als Literaturvermittler tätig sind, zeigt ein Blick in die drei Gästebücher: Wer ein erstes Mal hier vorgelesen hat, der kommt wieder. Urs Widmer hat hier während drei Jahrzehnten wiederholt aus seinen neuen Büchern vorgelesen. Als allererster Autor im ersten Gästebuch vor dreissig Jahren Arthur Honegger, gefolgt von Hugo Loetscher und Walter Vogt. Und immer wieder Gerold Späth, Peter Weber, Lukas Bärfuss, Peter Stamm und Donna Leon. Letztere hat Walter Reimann nebenan vor einem Lebensmittelladen auf der Strasse angesprochen und für einen Auftritt gewonnen können. Seither ist sie den beiden Reimanns treu geblieben.

Was beim Betreten der Buchhandlung sofort auffällt: Der lange und mit Büchern schwer beladene Balken hoch über den Köpfen der Kunden. Dazu Walter Reimann: „Der Grundriss unserer Buchhandlung ist ein Dreieck, wir haben auch den Ladentisch nach einem Dreieck gestaltet. Der Bücher-Balken dient vor allem für Nachschlagewerke und Klassiker, wir möchten diese Bücher nicht missen, verkaufen sie aber nicht tagtäglich“. Und wirklich Ludwig Tieck, Eduard Mörike, Gontscharow, Theodor Fontane, Victor Hugo, Goethe, Schiller und Joyce sind inmitten anderer Klassiker da. Es dürfte nicht leicht fallen, in einer anderen Quartierbuchhandlung Zürichs so viele Klassikerausgaben anzutreffen. Und was auch auffällt: Die Bilder. Bei unserem Besuch Kohlezeichnungen von Barbara Diethelm zu Texten von Werner Schmidt. „Wir haben die Buchhandlung so gestalten lassen, dass wir eine Freifläche für  Bilderausstellungen haben, wir wechseln alle zwei Monate die Bilder – so haben zum Beispiel Max Bill oder Gottfried Honegger bei uns ausgestellt.“, erläutert Walter Reimann.

Für Expats und für Einheimische, die gerne englische Bücher lesen, bietet die Buchhandlung eine schöne Auswahl englischsprachiger Romane an. Auf dem dreieckigen Tisch die Novitäten gut ausgestattet mit Autorinnen und Autoren aus der Schweiz sowie mit Büchern, die man nicht in einer Quartierbuchhandlung erwartet. Reimanns sind Leser, sehr engagierte Leser, das merkt, wer sich hier nach Neuem erkundigt, wer sich hier ein Buch empfehlen lässt. Auf einem anderen Tisch eine Menge Taschenbücher, die darauf hinweisen, dass sich hier nicht nur ausgewiesene Kenner der zeitgenössischen Belletristik einfinden, sondern auch Leser, die Abenteuerromane und Krimis suchen. Von Dan Brown und Shades of Grey bis hin zu so wunderbaren und zu wenig bekannten Autoren wie Gaito Gasdanow und Ulrike Draesner: Hier sind so unterschiedliche Literaturen beisammen, die Lesen ausmachen. Dicht und reich ist das Angebot der Buchhandlung. Kleine Büchertürme fordern zum Umschichten auf, man hebt ein Buch nach dem anderen auf und macht Entdeckungen. Gut dotiert auch das Angebot an Jugend- und Kinderbüchern. Und was besonders erstaunt: Die farbigen Badetücher in einem der Gestelle zu je Fr. 40.- Ist’s der nahe See? Brauchen Leser dort eine Abkühlung, weshalb hier auch noch Badertücher geführt werden? Eva Reimann: „Unsere Tochter Lea hat eine Buchhändlerlehre in Winterthur gemacht, danach hat sie 4 Jahre bei uns gearbeitet, jetzt ist sie Flight Attendant und bringt aus Mombasa die Badetücher mit, die dort einheimische Frauen weben und so Geld verdienen“.

Auf die Auszeichnung als „beste Buchhandlung des Jahres 2013 angesprochen, sagt Walter Reimann lachend: „Als Preis gab es eine gravierte Bücherstütze. Als Folge hatten wir einige neue Kundinnen und Kunden gewonnen – unsere bestehenden hatten Wein, Champagner, Schokolade und Blumen gebracht, sie hatten sich riesig über den Preis gefreut, also auch einen Gütesiegel, denn Sie wussten schon immer, dass sie in der ‚richtigen’ Buchhandlung einkaufen würden.“

Buchhandlung Hirslanden
Freiestrasse 221 / Ecke Forchstrasse
8032 Zürich
T: 044 381 06 66
www.buchhandlung-hirslanden.ch

 

Wohl sein

Heinz Egger

Die Dame geniesst Bad und Leküre

Endlich Feierabend! Sie lässt ihr Hemd zu Boden gleiten und nimmt vom kleinen Tischchen mit den Badeessenzen ihr Buch. Sie geht zur Wanne und dreht die Wasserhahnen zu. Vorsichtig prüft sie die Wassertemperatur, indem sie ihren rechten Fuss durch den Schaumberg ins Wasser streckt. Prima! Und kurz drauf ist sie schon wohlig eingerichtet, umhüllt von Wasser, Schaum und Duft. Und natürlich vertieft in ihren Roman.

Etwa so empfindet Martha das Eintauchen in die Buchhandlung Hirslanden. Von der Arbeit kommend, streift sie den Alltag ab, wenn sie durch die Türe tritt. Sofort umgibt sie eine schöne Atmosphäre. Bücher den Schaufenstern entlang und auf einem grossen Tisch, hinten der Wand entlang bis an die Decke, sogar auf einem von der Decke hängenden Regal. Links vom Eingang sind die Wände weiss, Bilder hängen daran und erinnern Martha an eine Buchvernissage: Katzen, mit Kohle gezeichnet von Barbara Diethelm. Das Buch trägt den Titel Tamangur und enthält neben den Zeichnungen Gedichte von Werner Schmidt.

Hier kann sie eintauchen in den Schaum der Träume. Sie greift nach einem Bildband, streift ihr rotes Rucksäcklein ab und setzt sich in den Holzsessel, der den Rücken so gut stützt und erlaubt, die Arme auf den Seitenlehen aufzulegen und so bequem zu blättern. Ein Hundebuch: Shake – Hunde geschüttelt. Darin stellt Carli Davidson Hunde fotografisch dar, die sich schütteln. Da fliegen die Lefzen, stellen sich lange Haare zu Löwenmähnen auf, schlagen Ohren um den Kopf. Erfrischend und urkomisch. Martha muss lachen. Sie kann es sich nicht verkneifen, eines der Bilder Frau Reimann zu zeigen, die an ihrem kleinen Bürotisch hinter der Kasse sitzt. Natürlich gibt sie dazu eine Geschichte von den Hunden ihrer verstorbenen Tante Greta zum Besten. Sie hatte zwei Spanielrüden, lebendige und wendige Jagdhunde. Natürlich führte sie diese regelmässig spazieren. Sie ging nicht so gern in den Wald mit ihren Lieblingen. Denn wenn sie einmal Witterung aufgenommen hatten, waren sie nicht mehr zu halten. Da nützte weder das sonst wirksame Pfeifen, noch das Rufen. Oft kehrte sie dann vor den Hunden heim. Irgendwann schlichen sie sich heran, wohl wissend, dass es ein Donnerwetter absetzen werde. Sie verzogen sich auf ihre Schlafplätze. Sie fanden da aber keine Ruhe, weil sie die Kletten, sie sich im Unterholz in ihren langen Ohren verfangen hatten, abschütteln wollten. Das war ein Flattern und Schlagen und schliesslich ein Winseln, bis Greta Hand anlegte und grünes Kügelchen für grünes Kügelchen aus den Haaren herauszog.

Martha legt darauf das Buch auf den rechteckigen Tisch zurück, auf dem die Krimis liegen. Etwas deplatziert wirkt Shake zwischen den Markaris, Camilleris, Leons und Mankells. Sicher wird es Frau Reimann mit anderen Büchern nach Ladenschluss einsammeln und versorgen. Vielleicht braucht sie dazu die brusthohe Treppe, die auf Rollen steht. Vom obersten Tritt führt eine lose Stoffbahn zu einer Haltestange und bildet so eine zur Seite offene Tasche. Ein cleveres „Beuteltier“.

Martha kehrt zurück zum Tisch beim Eingang. Er ist nicht nur ein Tisch, sondern ein Möbel auf Rollen mit zwei Etagen und angebautem Korpus. Allerdings lässt es sich wegen des Gewichts der darauf gestapelten Bücher nicht mehr bewegen. Seine Form ist faszinierend: Sie ist gleich wie der Grundriss der Buchhandlung. Ein weisser, rechteckiger Korpus ist der Ort der Kasse. Er entspricht dem Eingangsbereich. Eine trapezförmige, von breit nach sehr schmal zulaufende Tischplatte entspricht dem Rest des Lokals.

Martha findet dort „Sommer in Brandenburg“ von Urs Faes. Sie liest den Klappentext und ist schon mitten in der Geschichte der Liebenden, die auseinandergerissen werden und deren Spuren sich in der Judenverfolgung des Zweiten Weltkriegs verlieren. – Sie kauft den Roman und freut sich auf die Lektüre, daheim, umhüllt von Wasser, Schaum und Düften.

 

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