Buchhandlung Schmidgasse, Zug

Die Kundenwünsche kennen

Michael Guggenheimer

Mit der Stadt Zug verbinden sich auswärts Vorurteile: Briefkastenfirmen, der Handel mit Bodenschätzen, tiefe Steuern, wohlhabende Einwohner, Wohnungsknappheit und teure Wohnungen sowie die berühmte Kirschtorte. Von Kultur ist dabei selten die Rede.

Dabei hat Zug ein Kunstmuseum, dessen Ausstellungen sich zeigen lassen. Die Zuger Landis & Gyr Stiftung unterhält nicht nur im Ausland, sondern auch im ehemaligen Kloster Maria Opferung in Zug Atelierwohnungen, in denen Künstler während mehreren Monaten ungestört ihrer Arbeit nachgehen können. Alle zwei Jahre vergibt der Verein Dialog-Werkstatt Zug das Zuger-Übersetzer-Stipendium, den höchst dotierten Preis in Europa für literarische Übersetzer. Jeden Herbst führt der Verein zudem die Zuger Übersetzergespräche durch, wo Übersetzer vor Publikum über ihre Arbeit sprechen. Immer am 11. des Monats führen Michael van Orsouw und Judith Stadlin ihr „Oswalds Eleven“ durch, das sind Vorleseshows auf einer Lesebühne, an denen die beiden und Gäste auftreten. Ein literarisch ambitioniertes literarisches Programm mit etwa sieben Lesungen im Jahr führt die Literarische Gesellschaft Zug durch: Heinz Helle, Ruth Schweikert, Eleonore Frey, Olga Grjasnowa, Reto Hänny und Lukas Bärfuss gehören zu den Gästen der letzten Monate. „In Berlin schreiben – in Zug lesen“, lautete ein Zuger Austauschprogramm mit Lesungen von Autoren aus Berlin im Jahr 2013. Am Zuger Literaturfestival „Höhenflug“ treten alle drei Jahre im Frühling junge Autoren auf und werden neue Bücher vorgestellt. Und nicht zu vergessen Abraxas: Alle zwei Jahre ein Kinder- und Jugendliteraturfestival im Burgbachareal.

Blick durch die Eingangstür

Dafür dass literarisch interessiertes Publikum auch zu seinen Büchern kommt, sorgt seit 36 Jahren die Buchhandlung Schmidgasse in Zug. In der 1979 von Buchhändlerin Fanny Notz eröffneten Buchhandlung hat die jetzige Besitzerin Susanne Giger ihre Ausbildung als Buchhändlerin absolviert. Nach dem Ableben der Gründerin im Jahr 1990 übernahm sie die Geschäftsleitung. Fanny Notz war eine der bekanntesten Buchhändlerinnen der Schweiz. Man erzählt sich, dass es nicht wenige Leserinnen und Leser gegeben haben soll, die sogar aus Zürich nach Zug gefahren seien, um sich von ihr beraten zu lassen.

Die Pflege der guten Literatur und der Gespräche über Literatur setzt Susanne Giger mit ihren beiden Mitarbeiterinnen fort. Auf einer vergleichsweise kleinen Fläche sind die Bücher in ihrer Buchhandlung in mehreren übersichtlichen Nischen geordnet. Von der Nische Reisen und Wandern, wo sich auch Bücher zu Stadt und Kanton Zug finden, geht es zur Nische mit den Koch- und Gartenbüchern, wobei das breite Angebot an vegetarischen Kochbüchern auffällt. In einer dritten Nische stehen die Kinderbücher, in einer vierten reicht die Themenbreite vom Leben zwischen Liebe und Tod, über Bibeln zu Yoga, Geschichte und Politik. In einer breiten fünften Nische finden sich Kunstbände, Bücher zur Fotografie, zum Design und zur Kultur während in der Verlängerung zur sechsten Nische auf einem runden Tisch belletristische Neuerscheinungen liegen und in der sechsten Nische ein sehr gut sortiertes Angebot an Belletristik zu finden ist. „Literatur und Unterhaltung“ heisst dieser Bereich. Und wirklich: die beiden Sparten tun sich nicht weh. Auffallend die schmalen, eleganten Büchergestelle in Weiss, die fast filigran wirken. Eine Abteilung mit all den unnötigen kleinen Geschenken, die in manchen grossen Häusern vergessen lässt, dass es sich dort jeweils um eine Buchhandlung handelt, führt Susanne Giger nicht. Dafür bietet sie eine Auswahl an ausgesucht schönen Geschenkpapieren und überbreite Ansichtskarten von Zug, welche die im Jura wohnhafte Grafikerin und Fotografin Desirée Lübke aufgenommen hat. Es sind Ansichtskarten, die nur hier zu haben sind, über 30 Motive hat sie in den vergangenen Jahren für die Buchhandlung aufgenommen, Bilder von der Altstadt, vom See und von einzelnen Gebäuden.

Was die Qualität der Buchhandlung ausmacht? Es ist die belesene Leiterin der Buchhandlung. Es ist die sorgfältige Auswahl der Bücher. Es sind die Gespräche und die Empfehlungen nach gehabter Lektüre. Es ist die persönliche Beziehung zu den lesenden Kunden, zu den treuen Kunden, die es sich zur Gewohnheit oder auch zur Pflicht gemacht haben, alle ihre Bücher in einer unabhängigen Buchhandlung einzukaufen, die keiner der grossen Ketten angehört. Ein literarischer Zirkel, geleitet von Susanne Giger und von der Autorin Theres Roth-Hunkeler trifft sich alle sechs Wochen in der Buchhandlung, um über ein Buch, das alle Teilnehmer gelesen haben, nach Ladenschluss bei einem Glas Wasser oder ein Glas Wein zu diskutieren und Eindrücke auszutauschen. „Sie selber liest unglaublich viel und verfolgt die literarische Produktion sehr aufmerksam“, sagt eine Kundin im Laden. „Und sie weiss genau, wofür sich ihre Stammkunden interessieren“. „Die Leute kommen zu mir, weil sie nicht einfach irgendein Buch kaufen möchten, sondern sie wissen genau, was sie wollen. Und sie wollen mit mir darüber reden können. Ich habe ein Gespür für meine Kundschaft, und das macht meinen Beruf für mich besonders interessant und spannend.“, zitierte die örtliche Zeitung Susanne Giger anlässlich des 35 jährigen Jubiläums. Dass sie nicht nur literarische, sondern auch politisch interessiert ist, zeigt ihr Engagement im Grossen Gemeinderat der Stadt Zug, dem sie seit 2007 angehört und als Mitglied der Bau- und Planungskommission in der Fraktion der Alternative- die Grünen und CSP politisiert.

(Im September 2016 wurde die Buchhandlung Schmidgasse geschlossen. Im Mai 2017 eröffnete Susanne Giger ihre neue Buchhandlung an der St.Oswaldgasse 14 in Zug).

Buchhandlung Schmidgasse
Schmidgasse 4
6300 Zug
T: 041 711 88 83
www.schmidgasse.ch/

 

„Mu ichi butsu“

Heinz Egger

Aushängeschild: Buchhandlung zur Schmidgasse

Unten an der Schmidgasse glitzert der See. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, während ich die wenigen Meter bis zur Buchhandlung hinuntergehe. Schnell schlüpfe ich in den kurzen Gang des Eingangsbereichs, wo das Licht weniger gleissend ist.

In der Vitrine des Gangs steht zwischen Büchern ein Schild: Antiquarische Raritäten, pro Band 20 Franken. – Nein, an der Schmidgasse ist eine moderne Buchhandlung, kein Antiquariat.

In der Buchhandlung empfängt mich diffuses, angenehmes Licht. Leuchtstoffröhren strahlen in einem Leuchtband unter der tiefer gesetzten Decke an die Wände und aus verspiegelten Trägern aus der Decke.

Ein langer Raum. Bücherregale aus weiss gestrichenem Holz ragen wie die Zähne eines groben Kamms von der langen Wand in den Raum. Die Holzstangen haben viele Löcher, so dass sich die Tablarhöhe fast beliebig einrichten lässt.

Die breite Stirnfläche des Gestells des ersten Kammzahns präsentiert, was es nur an der Schmidgasse zu kaufen gibt: langformatige Postkarten mit Sujets von Zug. Sie sind Produkt einer Zusammenarbeit einer Fotografin mit der Besitzerin der Buchhandlung, Susanne Giger. Es ist schon die zweite Auflage mit erneuerten Sujets. Die erste Nische zwischen Schaufenster und erstem Zahn gehört dem Thema Reisen. Ein Stuhl steht dort, der einlädt, ein Buch in die Hand zu nehmen und sich entführen zu lassen. Aus der Handvoll Reiseführer zu europäischen Ländern pflücke ich den recht umfangreichen über Schottland von Dumont heraus. Daneben stehen Langenscheidt-Taschenwörterbücher in Arabisch, Englisch, Französisch, Serbisch, Spanisch, Türkisch und Rätoromanisch. Über der Tablaranschrift „Duden“ ist es leer. Dafür liegen einige schöne Reisebücher auf. Mir hat es ein schwarz-weisses Coverbild angetan: Ich bleibe im Valle Maira – Lebensperspektiven in einem rauen Land. Darin finden sich neben zahlreiche Fotos die Lebensgeschichten von Bewohnerinnen und Bewohnern des Tals. „Ziegen auf der Weide, Hunde, Kinder, Hunger nach frischem Grün im Frühjahr, Weiden zwischen den Felsen, neben Thymian und Lavendel. Sommer heisst Arbeit, immer nur Arbeit! Rotes und gelbes Laub, Kastanien im Herbst, im Winter ein Feuer im Holzofen des Hauses und das schwarze Pferd draussen im Schnee. Nachts sind die Sterne ganz nah. Wir bleiben, um den Berg nicht den Wölfen zu überlassen, weder denen mit zwei noch denen mit vier Pfoten.“

Passend zum zweiten Kammzahn, wo es um Geschenke und Musik geht, hängen an der Stirnseite des Gestells schöne Geschenkpapiere aus der Druckerei Tassotti in Bassano, Italien. In der Nische finden sich Bücher, die sich als Geschenk eignen, Werken und Basteln, die Kinderbücher und Kochbücher. Natürlich fehlt dort das bereits legendäre Kochbuch Jerusalem von Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi nicht. Zahlreich sind auch die Titel, die sich mit vegetarischer und veganer Küche auseinandersetzen.

Am nächsten Kammzahn hängen wieder Karten unter dem Titel „Mu ichi butsu“ – Alles vorhanden. Postkarten, hergestellt mit dem Inkjet-Drucker. Als Photograph wird Hans-Jörg Riwar angegeben. Ist er wirklich Pfarrer in Zug-Süd-Oberwil? Passen würde es wenigstens zum Inhalt der Nische: Bibeln, Weltreligionen, Christliche Spiritualität, Philosophie, Alter, Tod.

In der letzten Nische stehen Kunst- und Architekturbürcher. Prominent ein leuchtendes Cover mit einem Bild von Gaughin. Ein mächtiges Buch über die Maltechnik und die Farbmittel der Semper-Zeit. Bosna Quilt, eine Werkstatt in vier Heften. Keep it simple – a guide to happy, relaxed home.

Anschliessend in einem U und auf Tischen findet sich Literatur und Unterhaltung, geordnet nach Autoren. Während ich auf dem bisherigen Rundgang so manches entdeckte, was ich anderswo nicht gesehen habe, liegen da viele Titel, die ich kenne, ja selber gelesen habe.

Ich kehre zurück zu meinem Ausgangspunkt und setze mich nochmals nieder. Da fällt mir von Gideon Lewis-Kraus „Die irgendwie richtige Richtung – Eine Pilgerreise“ auf. So kam ich mir auf dem Rundgang durch die schöne Buchhandlung vor. Auf einer Reise mit Stopps, um zu schauen und zu verweilen. Und wenn hier auch nicht ganz alles vorhanden ist, so ist doch die Auswahl sehr gezielt und steht über dem Gewöhnlichen. Und was nicht vorrätig ist, das wird bestellt. Eben doch „Mu ichi butsu“.

 

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