Buchhandlung sec52

Unter dem Kronleuchter

Michael Guggenheimer

Welch ein Gegensatz! Wählt man die Homepage der Buchhandlung sec 52 in Zürich, findet man ausser einer angeschnittenen Fotografie von Büchergestellen und einer Meldung, wonach sec52 im Jahr 2012 vom Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverband zur „Buchhandlung des Jahres“ ernannt wurde, kaum Informationen über die Buchhandlung: Der Name des Eigentümers fehlt ebenso wie der Name seiner Buchhändlerin. Unerwähnt bleibt die Geschichte der Buchhandlung. Und auch was der Name sec 52 bedeutet, bleibt unklar. Über einer kompassartigen Grafik ist immerhin angegeben, dass die Buchhandlung im Jahr 1983 eröffnet wurde. Und die Zahl 52 findet sich in der Adressangabe, es ist die Hausnummer der Buchhandlung an der Josefstrasse im Stadtkreis 5. Und die drei Buchstaben sec?

Ricco Bilger in seinem Reich

Dabei ist Buchhändler Ricco Bilger ein unglaublicher Erzähler. Wer das Privileg hat, ihm in die hinteren Räume der Buchhandlung in den Verlagsbereich zu folgen, der geht das schöne Risiko ein, in lange Gespräche über Literatur, Bücher, Autoren, Verlage, über den Buchhandel sowie über Bildende Kunst und Künstler zu geraten. Man sitzt ihm gegenüber und ein Thema führt zum nächsten. Man schaut sich um in Bilgers rückwärtigem Raum und sieht viel Kunst an den Wänden: Der Buchhandlung angeschlossen war einst eine Galerie, eine Plattform junger Schweizer Kunst. In den Räumen, in denen sich heute die Buchhandlung befindet, soll sich vor einem Jahrhundert eine Suppenstube befunden haben, in der auch Lenin während seiner Schweizer Zeit verkehrt haben soll.

Ricco Bilger ist ein Mensch, der begeisterungsfähig ist und dessen Leidenschaft für Bücher in hohem Mass ansteckend sein kann. Das erlebt auch, wer seine Buchbesprechungen im Netz liest, die manchmal vor Begeisterung und Sprachbildern überquellen: „Dieses Buch ist ein Geschenk, einem lang anhaltenden Landregen nach Monaten der Dürre gleich.“, schreibt er zu Harper Lees Roman „Gehe hin, stelle einen Wächter“. Oder auch: „Dieses Buch ist ein Juwel. Voll Schmerz, voll Kraft, voll Leben“, meint er zu Edouard Louis’ Buch „Das Ende von Eddy“. Und : “Ein überwältigendes Buch. Für mich auf jeden Fall schon einer der bemerkenswerten Romane in diesem Jahr, egal was da noch kommt“ zu Cynan Jones’ Roman „Graben“. Und zu zu Yotam Ottolenghis Kochbuch „Vegetarische Köstlichkeiten“ Bilgers begeisterte Bemerkung: „Lecker, lecker! Da läuft auch mir als Carnivore das Wasser im Mund zusammen.“

Bilgers sec52 ist ein Bücherreich, ein Bücherparadies für Leser, die Belletristik, Theater, Kunst lieben und politisch interessiert sind. Sec 52 ist ein Ort, der vor Büchern überquillt. Die Bücher stehen nicht nur wohlgeordnet in den Büchergestellen, sie stehen auch wie kleine Häuser, manchmal unsicher wackelig aufgetürmt. Bilgers Bücherort hat auch etwas von einer privaten Bibliothek. Man begegnet hier Titeln, die man sonst selten antrifft, man bewegt sich in einem Raum, der reich, sehr reich, an Büchern ist. Und es wird schnell klar: Hier wählt einer Bücher für seine Kunden aus, der neugierig ist und einen breiten Interessenhorizont hat. Wer Bücher leidenschaftlich mag, wer seinen suchenden Blick in einer Buchhandlung gerne umherschweifen lässt, der ist bei Bilger am richtigen Ort. Leise erklingt die Hintergrundmusik, majetätisch thront der Kronleuchter über einen breiten Korpus voller Bücher, er setzt einen Gegenakzent zu den modernen Büchergestellen: Architekt Martin Hsu hat den Laden gestaltet. Seine so wandelbar starke Handschrift ist auch im exquisiten Modeladen von Designerin Ida Gut, Ricco Bilgers Ehefrau, in einem Innenhof an der Ankerstrasse im Stadtkreis 4 zu erkennen. Anders als anderswo steht an Bilgers Bücherregalen nirgendwo angeschrieben, dass hier die Romane, dort Theaterbücher, hier die Krimis, dort Bücher zu Politik und Zeitgeschichte, da die Kochbücher und hier Kinderbücher stehen. Wer sich etwas Zeit nimmt – und Zeit ist ein Begriff, der in Bilgers Leben eine wichtige Rolle spielt – , der findet sich bei sec 52 auch ohne Wegschilder zurecht.

Ricco Bilger hat in Brig am Kollegium Spiritus Sanctus die Matur gemacht. Der Französischlehrer hat bei ihm die Leidenschaft für Literatur entfacht. Rimbaud, Mallarmé, Voltaire standen am Anfang. Geblieben ist die Begeisterung für französische Literatur, hinzugekommen sind die Amerikaner und die Underground Literatur. In Zürich hat er in der Buchhandlung zum Elsässer die Lehre als Buchhändler absolviert, 13 Jahre lang hat er in Leukerbad eine eigene Buchhandlung geführt und dort das Literaturfestival begründet, das er während zehn Jahren geleitet hat. Seit 32 Jahren betreibt er Jahr für Jahr während des Zürcher Theaterspektakels auf der Landiwiese eine Buchhandlung, die er gemeinsam mit Buchhändler und Verleger Thomas Howeg betreut. Dort ist er denn auch während des Theaterfestivals Abend für Abend zu sehen, manchmal bis nachts um 1 Uhr, wenn die letzten Besucher das Spektakelgelände verlassen.

Ricco Bilger ist mehr als Buchhändler. In den 80er Jahren begann er Bücher von Schweizer Autorinnen und Autoren herauszugeben. 2001 gründete er zusammen mit Kurt Heimann aus Sursee die bilgerverlag GmbH, ein von der Buchhandlung sec52 losgelöstes Unternehmen. Seit 2005 führt er den Verlag zusammen mit Dario Benassa, dem Gestalter, der den Büchern des Verlags das Gesicht gibt. Das Logo, ein sechsfingriges Händchen, erfand der Grafiker Pongo Zimmermann. Ebenso wie der Name der Buchhandlung bleibt die sechsfingrige Hand ein Rätsel. Es sei denn, man komme mit dem Büchermenschen Bilger ins Gespräch. Jährlich bringt Bilger sechs bis acht Bücher heraus, heute auch solche ausländischer Autoren. In der Buchhandlung ist den Büchern des Verlags gleich vor der Verkaufstheke ein besonderer Platz reserviert, hier sollen sie auffallen und Leser finden. Dafür dass Verleger und Buchhändler Bilger Zeit für seine Verlagsarbeit findet, sorgt seit acht Jahren Nora Schwyn, die an dreieinhalb Tagen die Woche alleine im Laden steht, derweil der Chef Manuskripte liest, beurteilt, mit Autoren verhandelt und sich für die Herausgabe eines neuen Buchs entscheidet.

Buchhandlung sec52
Josefstrasse 51
8005 Zürich
T: 044 271 18 18
sec52.ch

Löse und binde

Heinz Egger

Die Buchhandlung im Kreis 5: sec52

Ich stehe am Limmatplatz. Bis zur Buchhandlung sec52 in der Josefstrasse ist es ein Katzensprung. Schon von Weitem erkennbar leuchtet in der Abenddämmerung eine orange Schrift. Es steht bloss Buchhandlung auf dem Aushängeschild bei der Eingangstüre. Ich trete an die Schaufenster und sehe da erst den Namen. Es ist die gesuchte Buchhandlung sec52. Meine Augen tasten die vielen Bücher in der Auslage ab. Es ist vielleicht despektierlich, es so auszudrücken, aber ich finde keine Ordnung, keinen Zusammenhang zwischen den vielen Titeln. Vielleicht mangelt es mir einfach an Wissen.

Unter der Leuchtreklame „Buchhandlung“ sind zwei Hausnummern angebracht. 54 und 52. Letztere könnte Teil des Namens dieses Buchorts sein. Ich trete durch die Tür und bin überrascht. Rechts, noch in der Türlaibung empfängt mich das strahlende Gelb der Reclam-Bändchen. Geradeaus, nach links und rechts ein wahres Büchermeer. Vom Boden bis zu Decke reiht sich Buchrücken an Buchrücken. Unzählige Fächer tragen die Bände. Die Theke mit der Kasse verschwindet vor dieser Kulisse, weil auch dort Buch neben Buch steht. So schön ist es in dem Raum, so warm. Ich fühle mich wie in einer Privatbibliothek. Es fehlt eigentlich nur der schwere Lesesessel, ein Lesetischchen und eine Leselampe. Nun, dafür gibt es keinen Platz. Die Bodenfläche ist von grossen Tischen bedeckt, darauf türmen sich natürlich Bücher.

Man kann sich aber trotzdem hinsetzen. Ein paar alte, schöne Gartenstühle stehen bereit. Ich lege die Jacke ab und hänge sie über die Lehne und setze mich hin. Woher kommt diese Wohnlichkeit? Die Buchhandlung befindet sich in einem alten Haus. Die Räume sind entsprechend hoch. Von der Deckenmitte hängt ein filigraner antiker Kronleuchter. Seine Kristallteile glänzen und funkeln im Licht der Kerzenglühbirnen. Die Decke fällt in einer Rundung gegen die Wände ab. Dort hinein, in diese Kehle werfen Leuchtstoffröhren auf den Büchergestellen ihr Licht. Die Wölbung wirkt wie ein Reflektor und verstreut das Licht im ganzen Raum, so dass eine angenehme Helligkeit herrscht.

Blick in die Tiefen der Buchhandlung und auf den Kronleuchter

Aber, was ist wo in diesen Gestellen aus edlem, hellem Holz? Keine von der Decke hängende Tafel, keine Aufschrift auf den Gestellen gibt da Auskunft – wie ja in den Privatbibliotheken auch nicht. In einer der Fensternischen türmen sich Kassetten von Autoren, beispielsweise Gorge Taboris Romane, die jüngste Gesamtausgabe von Hermann Burgers Werken, eine Gesamtausgabe Gerhard Meier, Platons Werke in drei Bänden, die detebe Klassiker 22880, Cervantes Don Quijote. Dazwischen oder obendrauf, um das Mosaik zu vervollständigen stehen zwei Bände mit Erzählungen und Romanen von Franz Kafka, Martin Bubers Erzählungen der Chassidim und Homers Odyssee in einer Neuübersetzung von Kurt Steinmann. Daneben leuchtet behäbig in roten Lettern Ulysses von James Joyce.

Warum die Buchhanldung so wunderbar aussieht, das eröffnet ein Gespräch mit dem Besitzer, Ricco Bilger. Er ist eigentlich Leukerbader. Aber seit bald 40 Jahren in Zürich, so dass man das nicht mehr hört, ausser er telefoniert mit jemandem im Wallis. Er ist ein liebenswürdig querer Mensch. Er gehört nicht zum Mainstream. Er hat etwas von einem Philosophen. Das belegen vielleicht die folgenden Erzählungssplitter: Angesprochen auf den schönen Kronleuchter, sagt er, die Buchhandlung sei um den Kronleuchter herum gebaut worden. Der Name der Buchhandlung, sec52, ist ursprünglich aus einer Bier-, respektive Sektlaune heraus entstanden. Auf der Suche nach einem „programmatischen“ Namen sass man zusammen und brütete. Auf der Flasche stand nicht wie üblich brut, sondern sec. Mit der Hausnummer zusammen ergab sich der Name. Aber wenig später füllten sich die drei Buchstaben mit Sinn. Ein Buch über Alchemie war es. Das alchemistische Grundprinzip lautet: Solve et coagula – löse und binde. Und das ist ein wenig das Lebensmotto von Ricco Bilger: Zusammenbringen und wieder loslassen. Das praktizierte er auch in Leukerbad, als er dort das Literaturfestival gründete. Ihm ging es damals nicht darum, Topshots zu präsentieren, sondern unbekannten Autorinnen und Autoren, deren Bücher er für stark erachtete, eine Bühne zu bieten.

Die Bücherauswahl für die Buchhandlung geschieht durch Begegnungen mit Büchern. Viele werden auch durch Kunden vorgeschlagen. Ein Buch, das nicht in den Laden passt, fällt nach zwei Tagen auf. Die Bücher reden. Sie fügen sich. 33 Jahre lang ist Ricco Bilger im Buchhandel und er weiss immer noch nicht, wie er sein Sortiment zusammenstellt. Offenheit sei alles, denn nur so kommen die richtigen Sachen auf einen zu, sagt er.

Er hat sehr viel erlebt, schliesslich war er auch Galerist und arbeitet heute auch als erfahrener Verleger. Etwas aus seiner Biografie hat mich sehr berührt und ich lege allen Vätern und Müttern ans Herz, ihren Kindern Gleiches zu offerieren: ein offenes Bücherkonto. Ricco Bilgers Vater richtete ihm schon zur Gymizeit ein solches in einer Briger Buchhandlung ein – und später wieder in Zürich fürs Studium.

 

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