Buchhandlung Zum Bücherparadies, Zürich

Bücher und Anderes

Michael Guggenheimer

Spricht man mit Freunden über den Zürcher Stadtteil Seefeld, dann fällt häufig der Begriff „Gentrification“: Gut verdienende jüngere Menschen, häufig Expats oder Schweizer Mitarbeiter internationaler Konzerne, würden Mieter verdrängen, die lange im Seefeld gewohnt hätten. Immobilienhaie würden Häuser so sanieren, dass sich nur noch wohlhabende Angestellte Wohnungen im Stadtteil am See leisten könnten.

Blick ins Bücherparadies. Kassatheke mit Frau Meyer-Heinimann

Der englischsprachige Begriff passt gewiss nicht zur die Buchhandlung „Zum Bücherparadies“. Dafür ist die seit 17 Jahren an der Seefeldstrasse domizilierte Buchhandlung zu wenig gestylt, zu wenig designt, dafür strahlt sie nicht genügend kühle Distanz aus. Und das ist gut so. Betritt man die Buchhandlung, ist man zwar kurz nicht sicher, ob man sich wirklich in einer guten Buchhandlung befindet. Es sei aber sofort gesagt: Man ist in einer guten, in einer sehr speziellen Buchhandlung.

Zwei Standbeine hat die Buchhandlung, die Claudia Meyer-Heinimann und ihr Gatte, Rolf Meyer-Heinimann, betreiben. Da ist einerseits der gut dotierte Bücherbereich mit viel Belletristik sowie Kunstbänden und andererseits ein nicht minder reich ausgestatteter Bereich von Geschenkartikeln aller Art. Claudia Meyer-Heinimann, die ihre Buchhändlerinnen-Ausbildung in Basel in der einst so schönen Buchhandlung Wepf absolviert hat, ist seit Jahren eine regelmässige Besucherin der jeweils im Januar stattfindenden Messe Ornaris, der grössten Schweizer Fachmesse im Bereich Geschenkartikel. Und Claudia Meyer-Heinimann ist eine Frau mit Geschmack, die ihre Kundschaft gut kennt.

Bloss eine einzige Buchhandlung existiert im Seefeldquartier. Und weil sich direkt vor dem Laden eine Strassenbahnhaltestelle und zwischen zwei Schaufenstern der Buchhandlung ein Geldautomat befindet, kennen viele Quartierbewohner und Passanten den Laden. „Vom ‚Ramsch und Kitsch’, der auf einzelnen Tischen ausliegt, darf man sich nicht ablenken lassen – als Quartierladen erfüllt das Bücherparadies sicherlich auch die Funktion eines ‚Geschenk-Lädelis’“, schreibt eine Bewohnerin des Seefelds im Netz. Das muss erläutert werden. Schöne Geschenkpapiere, Kartonschachteln in zahlreichen Formaten, eine besonders ausgesuchte Auswahl an Ansichtskarten, Gratulationskarten, Spielsachen, Gegenstände vom Kinderregenschirm mit Kunstpelzbesatz bis zu einer breiten Auswahl von Teesorten und nordischen Pantoffeln, Kinderrucksäcken, Kindermützen und Wanduhren für Kinderzimmer oder warmen Schals, Kerzen, Teetassen und Weingläsern finden sich im Bücherparadies.

Wer den Laden aber wegen des Bücherangebots betritt, wird nicht enttäuscht. Claudia Meyer-Heinimann und ihre Mitarbeiterinnen sind engagierte Leserinnen. „Es ist nicht immer leicht, die Balance zu finden, dass ein anspruchsvoller Buchkäufer nicht meint, es sei ein Ramschladen“, sagt die Besitzerin. Sie sagt es und wenn man sich umschaut, erkennt man, dass die Balance durchaus da ist. Da fällt die Bücherwand mit den vielen Klassikern von Alfred Andersch bis Stefan Zweig auf, wobei hier günstige Taschenbuchausgaben neben Hardcover-Editionen beisammen stehen. Bücher von Alice Munro sind mit 14 verschiedenen Bänden vorrätig, Jane Austen mit 7 Titeln, James Baldwins mit „Giovannis Zimmer“ und Henry Roths grossartiger Roman „Nenne es Schlaf“ warten auf die nächste Leserin, den nächsten Kunden. Ein Regal sowie ein Büchertisch sind den Autoren aus der Schweiz vorbehalten. Darunter finden sich auch Werke von guten Schweizer Autorinnen, die beim breiten Publikum weniger bekannt sind wie die beiden Ostschweizerinnen Erica Engeler und Lisa Elsässer. Im gleichen Gestell Klaus Petzolds wegweisende „Schweizer Literaturgeschichte“, ein Band, der gemäss Auslieferungsetikette auf der Buchhülle seit dem Jahr 2007 auf einen Käufer wartet. Ein Tisch trägt den Titel „Unsere Lieblingsautoren“. Hier sind die Zürcher Autorin Viola Rohner, der Aargauer Schriftsteller und Maler Silvio Blatter, der Amerikaner Richard Ford, Zsuzsa Bank, Antonio Tabucchi, Monika Maron und Jenny Erpenbeck vertreten, alles Autoren, die man gewiss nicht unter dem Begriff ‚Ramsch und Kitsch’ ordnen würde.

Moser-Möbel aus den 1920er-Jahren

Claudia Meyer-Heinimann ist im Buchhandel gross geworden. Ihre Eltern hatten eine wissenschaftliche Buchhandlung an der Kirchgasse in Zürich. Nach der altersbedingten Schliessung der elterlichen Buchhandlung machte eine Tochter von Rolf und Claudia Meyer-Heinimann ihre Eltern auf ein leerstehende Bankfiliale an der Seefeldstrasse aufnerksam. Vor die Wahl gestellt, das Lokal einem Fastfoodunternehmen oder einer Buchhandlung zu vermieten, entschied sich der Hausbesitzer für die Buchhandlung. Als Zeugen der Bankfiliale geblieben sind der Geldautomat an der Aussenmauer, die Wendeltreppe im Ladeninnern, der kleine Warenaufzug und der Personenlift vom Erdgeschoss zu den Büroräumen im ersten Stock. Neu hinzugekommen ist ein heller Bodenbelag, sind die weissen Büchergestelle, die der Buchhandlung eine Helligkeit verleihen sowie mehrere Präsentationsmöbel, die Max Ernst Haefeli vom Zürcher Architekturbüro Haefeli-Moser-Steiger 1926 für die Buchhandlung seines Freundes Hans Girsberger entworfen hatte.

Was noch auffällt? Ein Büchergestell mit vielen Krimis, ein sehr reich ausgestatteter Nebenraum mit Kinder- und Jugendbüchern, Wanderbücher vom Rother Verlag, Bücher über die Kunst des Reisens neben den herkömmlichen Reiseführern. Einem Fries gleich reihen sich grossformatige Kunst- Foto- und Architekturbücher über den Büchergestellen durchs ganze Geschäft. Schön ist die Auswahl der Hörbücher, unter denen man auch einem Hörbuch von Mariella Mehr oder der witzigen deutschsprachigen Hörfassung von Jill Alexander Essbaums Buch „Hausfrau“ begegnet. Auffallend die Veranstaltungen mit lokalen Autoren wie dem Psychologen Alan Guggenbühl, Piero Schäfer, Anne Broger. Dass die Leute vom Bücherparadies auch dann mitmachen, wenn es nicht leicht ist, davon zeugt eine Lesung von Andrei Mihallescu, eines Schweizer Autors mit rumänischen Wurzeln, vor bloss 6 Zuhörern. Kein Grund für Claudia Meyer-Heinimann in Zukunft auf Lesungen zu verzichten.

Buchhandldung Zum Bücherparadies
Seefeldstrasse 83
8008 Zürich
T: 044 380 60 70
www.buecherparadies.ch

 

Verspieltes Reich

Heinz Egger

Es regnet und schneit durcheinander. Die Leute stehen dicht gedrängt an der Haltestelle Fröhlichstrasse. Aber niemand braucht einen Schirm auf dem Trottoir vor der Buchhandlung „Zum Bücherparadies“. Die weit ausladenden Sonnenstoren schützen die Leute auch, wenn die Sonne nicht scheint. Für ein Tramhäuschen ist hier kein Platz. Ob die Stadt sich an dem netten Service beteiligt? Ob die Leute auch die thematisch schön gestalteten Fenster beachten? Ob die eine oder andere Leserin noch schnell in den Laden schlüpft, um die Lektürereserven zu ergänzen?

Blick von den Tiefen zu den Schaufenstern

Als ich den Laden betrete, bin ich nicht ganz sicher, ob ich mich nun in einer Buchhandlung oder einem Geschäft für stimmungsvolle Dekorationen befinde. Jedenfalls liessen sich die beiden Auslagen nicht sofort voneinander trennen. Einen etwas verträumten Eindruck konnte ich nicht so schnell abwehren.

Der Eingangstüre gegenüber, ganz hinten im Raum unter einem Fenster stehen drei einladende Fauteuils, ein Tischchen mit Lektüre darauf. Eine Leseecke wie in einem Wohnzimmer. Allerdings liegen säuberlich gefaltete Decken über den Rückenlehnen. Und ja, als ich mich da installiere, um den Raum auf mich wirken zu lassen, spüre ich die Kälte an mir hochkriechen. Mit der Heizung stimme etwas nicht, sagt Frau Meyer-Heinimann, die Ladenbesitzerin, zu mir, als sie mir aus der kleinen Espressomaschine einen feinen Kaffee serviert. Schon zweimal habe sie angerufen. Aber eben, die Installation sei schon alt …

Auf dem Tischchen liegen angesagte Bücher. Beispielsweise von Richard David Precht der erste Band der Philosophie-Trilogie. „Erkenne die Welt“. Darin beschreibt der Philosoph die Entwicklung des abendländischen Denkens von der Antike bis zum Mittelalter. Ein anspruchsvolles Buch, das vom Goldmannverlag gar als „Das Buchgeschenk des Jahres“ mit einem entsprechenden Sigel versehen angepriesen wird.

Genau so anspruchsvoll und durch die Buchhändlerinnen gezielt ausgesucht, zeigt sich das Angebot in den hellen Gestellen. Blaue, grosse und gut lesbare, wie Email-Schilder gestaltete Aufschriften auf den Gestellen bezeichnen die Abteilungen. Darüber zeigen Bücher gewichtige Bände ihre Cover mit Titeln wie Stillleben, Amsterdam, Edward Streichen, Gold, Eros, Golf, Entdecker im ewigen Eis.

Während ich im bequemen Fauteil sitze, geht die Türe mehrmals. Ich höre aus der Ferne, dass es Deutsche Kundinnen sind. Herr Meyer sagt rund heraus dazu, dass die Deutschen halt noch lesen könnten. Sicher profitiert das Bücherparadies von der Lage im Seefeldquartier. Da lebt eine intellektuelle Oberschicht, wie Frau Meyer-Heinimann bestätigt.

Gleich neben mir in einer Nische steht ein sehr schönes Möbel. Es steht auf golden schimmernden Speichenrädchen. Der fahrbare Büchertisch, dessen Tafeln für die Auslage mehrstufig verstellt werden können ist aus massivem Holz. Die einfache Mechanik aus schwerem Metall. Und doch ist das Möbelchen sehr elegant, ja zierlich. Konstruiert haben es die Architekten Max Ernst Haefeli, Werner Max Moser und Rudolf Steiger. Die drei gründeten das Schweizer Architekturbüro, das von 1937 bis 1975 existierte. Es stehen noch weitere Möbel und Lampen von diesen drei Architekten im Laden. Sie stammen aus der Buchhandlung der Eltern von Frau Meyer-Heinimann.

Ich begebe mich auf Erkundungstour durch den Laden. Bei den Fauteuils ist die Jugendliteratur eingerichtet. Darauf folgt eine geschlossene Glasvitrine mit süssen Dingen: Servietten mit zarten Mustern in schönen Etuis, Glaskugeln mit Blumen. Vögeln oder Blasen darin, Lesezeichen aus Metall von Räder, Bochum. Daran schliesst sich die Abteilung der Klassiker an. Es ist eine Sammlung, die sich sehen lässt bezüglich Auswahl und Anzahl Bände. Darauf folgt ein Fenster, das den Winter und mit den Kerzen und Kerzenständern, den pastellfarbenen Schachteln in unterschiedlichen Grössen auch noch Weihnachten thematisiert. Allerdings ist das Fenster nicht einfach ein Ort mit Dekorationselementen. Da liegen natürlich auch Bücher zum Winter auf, beispielsweise „Wieder alles weich und weiss – Gedichte vom Schnee“ aus dem DTV Verlag. Vor dem Fenster steht ein Stuhl, ebenfalls mit gefalteter Decke, mehreren Schals und einer gestrickten, pelzverbrämten Tasche darauf. Alles ist aufeinander abgestimmt. Da steckt eine sichere gestalterische Hand dahinter.

Solche Themeninseln gibt es immer wieder an wechselnden Orten im Raum. Ich entdecke links vom Eingang einen Schirm an der Wand, davor ein Paar weiss gepunktete Kinderstiefel mit roter Sohle. Darüber eine Wand mit Ansichtskarten, auch mit Wettersujets. Nach der Kassatheke steht ein mächtiger, eiserner Herd. Er ist schwer mit Kochbüchern beladen.

Rechts vom Eingang befinden sich die Krimis. Beispielsweise finde ich dort die ganze Sammlung „Durch die Woche mit Rabbi Small“. – Für jedem Wochentag hat Harry Kemelman einen Band geschrieben. Unterhalb der Krimis liegen die Hörbücher.

Auf einem Büchertisch fällt mir ein Titel auf: „Das Schiff des Theseus“ von V. M. Straka, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. ֚In einem Schuber steckt ein Buch voller handschriftlicher Randnotizen, die von zwei verschiedenen Schreibenden stammen, Zetteln und Postkarten. Es ist ein wunderbares Buch nur schon zum Anschauen, in der Hand zu halten und aus dem Schuber zu schütteln.

Ein Paradies für Kinder mit Lesesesselchen

Nach der Theke rechts befindet sich ein Paradies für alle kleinen Leserinnen und Leser. In einer Ecke steht ein niedriger, mit rot-weiss kariertem Stoff bezogener Fauteuil. Darum herum unzählige farbige Bücher, aber auch kleine Stofftiere und ein Stapel Nastücherpäckchen. Sinnigerweise zeigen die Nastücher Jungen und Mädchen, die mit Armen und Beinen im Schnee einen Engel zeichnen.

 

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