Buchhandlung zum Zytglogge, Bern

Neue Farbakzente

Michael Guggenheimer

Wenige Minuten vor der vollen Stunde stehen die Touristen schon da, ihre Kameras und Smartphones sind bereit. Blicke und Objektive richten sich nach oben zum Figurenspiel, der Berner Zytgloggeturm wird wieder fotografiert: Kaum hat der Hahn gekräht, dreht der Bärenzug, der die Stadtwache darstellt, seine stündlichen Runden und klickt und surrt es von unten her, heisst es laut und entzückt Ah und Oh. Nachdem die Stundenglocke verstummt ist, und der Hahn zum dritten Mal gekräht hat, kommt Bewegung in die Gruppe der Touristen, die es weiter zum nächsten Highlight, zum Bärengraben, zieht.

Schaufenster und Tür im Sandsteinbogen, Auslage davor

Gleich neben dem Turm in der Hotelgasse befindet sich die Buchhandlung Zytglogge. Vor achtzig Jahren wurde sie eröffnet, ursprünglich an der gegenüberliegenden Strassenseite. Mehrere Besitzerwechsel hat die Buchhandlung erlebt, einst war sogar ein Berner Troubadour Besitzer des Ladens, der letzte Wechsel hat am ersten Tag im Jahr 2016 stattgefunden, als Gabriela Bader die Buchhandlung von Gurli Jensen übernommen hat.

Bloss zwei Räume klein ist die Buchhandlung, bloss ein Schaufenster breit. Dafür verfügt sie aber noch über eine Vitrine, die nach zwei Seiten hin bespielt werden kann. Ein Drehgestell mit ausgesuchten Ansichts- und Kunstkarten steht neben der Vitrine, ein weiteres Gestell mit Karten neben der Eingangstür. Passanten bleiben stehen, suchen sich Karten aus, betreten die Buchhandlung, schauen sich um. Die Stammkunden sind nach dem Besitzerwechsel geblieben. Die gemütliche Atmosphäre des Ladens mag ebenso ein Grund dafür sein wie die Tatsache, dass Gabriela Bader zwei Mitarbeiterinnen von ihrer Vorgängerin übernommen hat. Dass diese Stammkunden weiterhin kommen, dürfte aber auch mit der neuen Besitzerin zusammenhängen, die sich intensiv mit den Neuerscheinungen befasst, die mit Begeisterung von Büchern berichten kann, die sie in den letzten Wochen gelesen hat. Ihre Leseneugierde beschränkt sich keineswegs auf Schweizer Autoren, deren Bücher in den Gestellen gut vertreten sind. Bücher aus Asien, Literatur aus Südamerika faszinieren sie nicht minder.

Gabriela Bader bedient Kunden

Hat man die Buchhandlung von früher in Erinnerung, meint man auf den ersten Blick keine Veränderungen zu erkennen. Alles wie gehabt. Schaut man sich aber genau um, fallen kleine Veränderungen auf. Da sind etwa die neuen farbigen Stühle. Jeder Vitra-Stuhl in einer anderen Farbe, eine neue Leichtigkeit ist hier eingezogen. Eine Veränderung auch im Schaufenster, wo an sieben Tagen die Woche in einer Blumenvase Blumen stecken. Regelmässig dürfen belesene Kunden während einer Woche pro Monat das Schaufenster bespielen, indem sie dort ihre Lieblingsbücher präsentieren. Und jeden Monat wird einer Künstlerin oder einem Künstler die Möglichkeit geboten, ein Bild oder ein Objekt im Schaufenster zu präsentieren. Zu jedem dieser Bilder oder Objekte wird eine Ansichtskarte hergestellt, die anschliessend in den Verkauf gelangt und exklusiv in der Buchhandlung Zytglogge zu haben ist.

Und das Bücherangebot? Es wird ebenso sorgfältig ausgewählt wie in den letzten Jahren: Ausgesuchte Belletristik, keine Trivialliteratur, anspruchsvolle Romane, Bücher zur aktuellen Politik und zu Zeitfragen sowie Biografien und Lyrik im vorderen Raum. Im kleineren Hinterraum, wo sich auch etwas eingezwängt die Verwaltung der Buchhandlung befindet, sind die Kinderbücher, zudem deutlich mehr Kunst- und Architekturbücher als unter der Vorgängerin. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Gabriela Bader in der Kommunikation der Berner Hochschule der Künste gearbeitet hat, manche Dozenten von dort jetzt ihre Kunden sind und bei ihr Bücher über Künstler suchen. Den sprachlich-gestalterischen Rucksack der Neubuchhändlerin merkt man auch im unkomplizierten Umgang mit den Social Media sowie in der Gestaltung der Homepage. Ob das Interesse für aktuelle Zeitfragen, das sich im Gestell gleich hinter der Theke manifestiert, mit der langjährigen Arbeit im Generalsekretariat der Grünen Schweiz wohl zusammenhängt?

Einen Traum hat sich die Besitzerin erfüllt, die den Buchhandel erst im Alter von über 50 Jahren als Arbeitsfeld gefunden hat. In Leipzig an der Buchmesse im Jahr 2014 hatte sie am Stand des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV) ausgeholfen, am letzten Tag der Messe kam sie mit Zytglogge-Besitzerin Gurli Jensen ins Gespräch, worauf sich eine erste Form der Mitarbeit ergab, die zu einer Handänderung führte. „A poem a day keeps the doctor away“ heisst es auf einer Tafel im Schaufenster, in dessen Mitte ein Lyrikband von Ann Cotten zu sehen ist. Und in der Mitte der Lyrikbände im Laden ist es Jan Wagners Gedichtband „Selbstporträt mit Bienenschwarm“, der auffällt. Zwei Bände, die darauf hinweisen, dass hier gute Literatur geführt wird, keine Angst vor anspruchsvoller Lyrik herrscht. Sobald sie wieder mehr Zeit findet, will Gabriela Bader der Geschichte der eigenen Buchhandlung nachgehen. Eine Kiste voller Dokumente hat sie von ihrer Vorgängerin bekommen. Dass sie noch nicht dazu gekommen ist, den Inhalt zu sichten, hat einen ganz einfachen Grund: Die Buchhandlung wird gut besucht, die Lage in der Altstadt in der Nähe der Unibibliothek und der Kornhausbibliothek bringt Leserinnen und Leser in den Laden. Zuerst gilt es, deren Neugierde nach Lesestoff zu berücksichtigen.

Auf der Homepage zeigen sich die vier Buchhändlerinnen mit einem Lieblingsbuch. Ganz sympathisch eine Notiz an der Eingangstür des Ladens: „Sie sind interessiert, in einem Lesezirkel mitzumachen? Wenn das der Fall ist, melden Sie sich im laden.“ Man schaut sich die Bücher auf dem Neuheitentisch an und denkt: „Da würd’ ich mitmachen!“.

Buchhandlung zum Zytglogge
Hotelgasse 1
3001 Bern
T: 031 311 30 80
zytglogge-buchhandlung.ch

 

Erfüllter Traum

Heinz Egger

Blick vom Café hinüber zur Buchhandlung zum Zytglogge

Vom Café gegenüber der Buchhandlung zum Zytglogge lässt sich gut beobachten, was in der Umgebung passiert. Ströme von Leuten marschieren die Kramgasse hinunter oder durch die Münstergasse. Zur quer verbindenden Hotelgasse finden nur wenige den Weg. Ja, klar, nur zwanzig Schritte von der Buchhandlung entfernt liegt der Zytglogge-Turm, von dem die Buchhandlung auch den Namen hat.

Wer aber durch die Hotelgasse spaziert, der wirft bestimmt einen Blick in die grosse, quer zum Trottoir installierte Vitrine. Und gar mancher dreht sich um und schaut noch ins Schaufenster, das in einen Torbogen eingebaut ist. Die Auslage wechselt stetig. Eine Woche im Monat darf eine Person ihre Lieblingsbücher ausstellen. Der nächste Buchliebhaber wird ein 12-jähriger Junge sein!

„A poem a day keeps the doctor away“ steht auf einem Schild im Schaufenster. Eine wunderschöne Anpassung der sonst üblichen Aussage mit dem Apfel. Sicher, Poesie kann ein gutes Heilmittel sein. Im Angebot des Schaufensters stehen gerade von Adonis „Verwandlungen eines Liebenden“ – Gedichte auf Arabisch und Deutsch oder von Francesco Chiesa „Hören in finsterer Nacht / Udire a notte buia“, 30 Sonette eines weitgehend vergessenen Lyrikers aus dem Tessin. Er lebte von 1871 bis 1973, also über 100 Jahre!

Innen, an der Laibung des Schaufensters hängt ein Kunstwerk, eine Photomontage von Salomé Bäumlin. Regelmässig stellen Künstler hier ein Werk aus. Später entsteht daraus eine Kunstkarte, die nur in der Buchhandlung zum Zytglogge erhältlich ist.

Buchhandlung zum Zytglogge Bern, offene Tür

Einige Leute treten schliesslich durch die grüne, oben gerundete Türe ein. Sie kommen in einen kleinen Raum. Die Wände sind bis weit über Mannshöhe hinaus mit Büchergestellen bedeckt. Bis zehn und mehr Tablare weisen die dunklen Holzgestelle auf. Und sie sind schwer beladen, denn es drängt sich Buchrücken an Buchrücken. Viel Platz für das Zeigen von Covers gibt es nicht bei den beengten Platzverhältnissen. Die Bücher sind nach Alphabet geordnet. Schwarze oben und unten gerundete Einstecker mit Buchstaben trennen die Autorinnen und Autoren. Oben auf einem Gestell steht in zinnfarbenen Versalien Lyrik. Die Buchstaben sind auf einen dicken, gerippten Stoff aufgebracht.

Trotzdem ist Fläche genug da für einen Büchertisch, zwei sehr bequeme Designerstühle und eine kleine Kassatheke, die auch der Präsentation von Büchern dient. Hinter der Theke ein schmaler Durchgang zum zweiten Raum, in dem sich rechts auch das winzige Büro mit Computer, Gestellen für Bestelltes, ein abschliessbarer Kasten für Persönliches der Mitarbeitenden und eine kleine Garderobe befindet. In einem kleinen Fach hat auch der Staubsauger seinen Platz.

Buchandlung und Büro, Eingang neuer Bücher

Eben sind Bücherkisten eingetroffen. Das Lesetischchen, der rote Designerstuhl, der Bürotisch – alles ist belegt mit neuen Büchern. Da wird es sehr eng, ein Teil der Büchergestelle ist nicht mehr zugänglich. Aber mit flinken Händen werden die Bücher aus den Kisten geholt und dem Lager oder den Bestellungen zugewiesen. Die Besitzerin der Buchhandlung, Gabriela Bader, nimmt Buch für Buch in die Hand und gibt es mit entsprechender Anweisung an die Buchhändlerin Fleur Loosli weiter, die an diesem sonnigen Tag ihren ersten Arbeitstag in der Buchhandlung hat. Ein Kunde ist im Gespräch mit Gabriela Bader und schaut zu. Plötzlich schnellt seine Hand vor. „Bitte dieses Buch einpacken“, sagt er. So geht es hier zu und her: Bücher werden gleich aus der Hand weggekauft.

Gabriela Bader ist Quereinsteigerin im Buchhandel. Sie hat Romanistik studiert und viele Jahre in der Kommunikation von Unternehmen gearbeitet. Die Bücherliebe trieb sie dazu, als freiwillige Helferin an der Buchmesse in Leipzig anzuheuern. Dort traf sie auch auf Gurli Jensen, die frühere Besitzerin der Buchhandlung zum Zytglogge. Gurli Jensen lud Gabriela Bader zu einem Praktikum in der Buchhandlung ein. Gabriela Bader besuchte Kurse beim Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband und im Oktober 2015 wurden die beiden Frauen handelseinig: Gabriela Bader führt seit Januar 2016 die Buchhandlung und setzt so deren 80-jährige Geschichte fort. Wer früher in diesem Buchladen waltete, ist zwar dokumentiert, aber alles lagert in einer Kiste im Keller. So kurz nach dem Start fand Gabriela Bader noch nicht Zeit, diese zu öffnen und den Inhalt durchzusehen.

Was sie aber fast abgeschlossen hat, ist das Durchforsten ihres Bestandes. Einiges hat sie entfernt und Neues hinzugenommen. Aber das Profil der Buchhandlung hat sie damit nicht grundlegend verändert. Das haben Gurli Jensen und Gabriela Bader ihrer Kundschaft in einer Karte zur Übergabe des Ladens auch versprochen.

Ein Ziel bleibt noch bezüglich Bestand: Bern hat keine Kunstbuchhandlung. Diese Nische möchte Gabriela Bader nutzen und ihr Angebot ausbauen.

 

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