Buchhandlung zur Rose, St.Gallen

Cave littéraire

Michael Guggenheimer

Der Stiftsbezirk St.Gallen, ein Ensemble barocker kirchlicher Bauten, das den Siegel eines UNESCO – Weltkulturerbes trägt, ist seit Jahrhunderten ein Buchort von grosser Ausstrahlung: Die Stiftsbibliothek mit ihren Buchschätzen ist ein Publikumsmagnet und ein Ort wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Schrifttum vergangener Jahrhunderte. Gleich nebenan mit Blick auf Stiftskirche und Klosterplatz befindet sich in einem 500 Jahre alten Haus die Buchhandung zur Rose, eine der beiden markanten Buchhandlungen der Stadt St.Gallen. Sie dürfte wohl eine der wenigen Buchhandlungen der Schweiz sein, die keine wirklichen Schaufenster besitzt. Damit das Gebäude seine Ausstrahlung behalten kann, wurden hier nämlich die alten vergitterten Fenster nicht ersetzt. Leonie Schwendimann, Besitzerin der Buchhandlung, kann sich die Kosten für eine aufwendige Schaufenstergestaltung sparen. Ohnehin rechnet sie weniger mit den zahlreichen Klostertouristen als mit den treuen Kunden ihrer Buchhandlung. So spricht sie denn auch von ihren „Stammkunden“. Sie und ihre Kollegin Alexandra Elias sowie Isabelle Husistein sind echte Buchleserinnen: Wenn sie ein Buch empfehlen, dann stützen sie sich nicht auf die Buchwerbung eines Verlags oder auf Waschzettel, sondern haben die empfohlenen Bücher auch wirklich gelesen. Im Gespräch ist ihnen anzumerken, wie wichtig ihnen Bücher sind, wie sehr sie engagierte Leserinnen sind.

Leonie Schwendimann kennt die Buchszene in St. Gallen aus eigener Erfahrung wie wenig andere. Sie hat ihre Berufslehre bei Buchhändler Louis Ribaux absolviert, der damals als einer der ‚grossen’ Buchhändler der Schweiz galt. Sie hat in der früheren grossen Buchhandlung Rösslitor gearbeitet, als diese noch nicht die Ausstrahlung eines Buchhauses für Bestseller war. Sie war Mitglied im Team der in ihrem Programm gesellschaftlich engagierten Buchhandlung Comedia und ist nach einem neunjährigen „Ausflug“ von der Buchhandlung Appenzell über die Bibliothek der Kunstgiesserei im Sittertobel und einen Auslandsaufenthalt wieder in die Stadt zurückgekehrt mit der Absicht, eine eigene Buchhandlung zu führen.

Heller Raum mit Raumteiler, handwerklich gearbeiteten Gestellen

Eine glückliche Fügung war es, dass sie im Jahr 2005 gleich neben dem Klosterbezirk auf den Medienschaffenden Felix Metzler gestossen ist, einen buchaffinen Hausbesitzer , der ihr zu günstigeren Konditionen als andere Hausbesitzer ein Ladenlokal in seinem Haus zur Miete angeboten hat. Wo früher Bergkristalle verkauft wurden, hat sie ihren Buchladen eingerichtet. Stil hat die Buchhandlung. Nachdem sie sich in diversen Möbelgeschäften nach Regalen umgeschaut hatte, war Leonie Schwendimann klar geworden, dass für den nicht sehr grossen Hauptraum, in dem Böden und Wände leicht schräg sind, keine Möbel ab Stange angeschafft werden konnten. Andi Gut und Manuel Gmür haben ihr die stabile und elegante Büchergestelle auf Mass und als Raumteiler hergestellt. Auffallend wie viele Bücher die Besucher der Buchhandlung mit ihrem Cover anschauen. Und bemerkenswert, dass die Buchhandlung trotz der grossen Anzahl der präsentierten Bücher nicht überladen wirkt.

Aus einem aufgelösten Coiffeursalon stammen die schönen 50er-Jahre-Lampen bei der Kasse. In einem Nebenraum befinden sich die Kinder- und Jugendbücher, in einem anderen ist das Büro untergebracht, in dem auch Bücher darauf warten, aus Kartons und Kunststoffboxen ausgepackt und präsentiert zu werden. Ein Regal mit St.Gallensia befindet sich gleich neben dem Eingang. Die vielen Tagestouristen, die nebenan im Weltkulturgut vorbeischauen, machen sich in der Rose nicht bemerkbar. Es ist wohl das Handy-Knipszeitalter, das den Verkauf von Ansichtskarten hat drastisch sinken lassen. Wer Ostschweizer Autorinnen und Autoren kennenlernen will, der kommt hier auf seine Rechnung: Peter Liechti, Ralph Hug, Verena Kast, Keller & Kuhn, Hildegard Elisabeth Keller, Helen Meier, Rebecca C. Schnyder, Dorothee Elmiger, Andrea Gerster, Erica Engeler sind hier vertreten. Dabei ist aber die Buchhandlung zur Rose keinesfalls ein Ort, in dem literarisches Schaffen aus der Region im Zentrum steht. Belletristik aus dem deutschsprachigen Raum, übersetzte Literatur, Sachbücher aus mehreren Gebieten werden hier angeboten. Die Stammkunden der Rose sind eindeutig Liebhaber guter Literatur, Gerneleser, intensive Leserinnen. Die Wahl der gezeigten Bücher bei der Rose folgt eindeutig dem Geschmack und den Wünschen der treuen Kundinnen und Kunden sowie demjenigen der Buchhändlerinnen und nicht dem Druck der Verlage oder Auslieferer. Jeder ‚absichtslose’ Kundenbesuch in der Rose, das bestätigen Lesende in St.Gallen, führt zu Entdeckungen in der Buchhandlung an der Gallusstrasse.  Mehrmals im Jahr finden im stimmungsvollen historischen Gewölbekeller des Hauses gleich unter der Buchhandlung literarische Veranstaltungen statt. Eintritt wird bei diesen Veranstaltungen nicht erhoben, an der Theke im Nebenraum des Kellers gibt es nach der Lesung jeweils gute Weine und Häppchen. „Cave littéraire“ heisst eine Veranstaltung gegen Jahresende, an der die Buchhändlerinnen Bücher vorstellen, die ihnen aufgefallen sind und gefallen haben.

Im Frühling 2017 wurde die Buchhandlung zur Rose im Rahmen eines Wettbewerbs des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV) zur „Buchhandlung des Jahres“ gewählt.

Buchhandlung zur Rose
Gallusstrasse 18
9000 St. Gallen
T. 071 230 04 04
www.buchhandlungzurrose.ch

 

Klein und fein!

Heinz Egger

Wer von der Schmiedgasse in die Rosengasse einbiegt, kann ein „Wow!“ kaum unterdrücken. Denn er sieht gleich auf die monumentale Barockfassade der Klosterkirche. Beim Durchschreiten der Gasse wird immer mehr sichtbar, beispielsweise die wunderschönen Holztüren, und zieht einen magisch näher. – Doch halt, was liegt denn rechterhand kurz vor dem Ausgang auf die Gallusstrasse? Metallene Fensterläden, vergitterte Fenster, dahinter Bücher. Ein schwarzer runder Gartentisch mit zwei Spaghetti-Stühlen, einem leuchtend grünen Sonnenschirm darüber. Und auf dem Tisch ein grosses Glas mit Pfingstrosen, ein paar Bücher.

Willkommen - ein Tisch mit Pfingstrosen, Büchern und Stühlen

Neben dem Eingang zum Haus steht ein Ständer mit Postkarten: alte Schwarz-Weiss-Fotos, ein Segelboot auf spiegelglattem blauem Wasser, ein tanzendes Hochzeitspaar, umgeben von flatternden Tauben, ein Rosenbild. Über dem Portal prangt ein Wappen und vor dem Fensterstreifen über dem Tor schmiedeiserne Zier mit der Schrift „Zur Rose“. Neben der steinernen Umrandung des breiten Eingangs ragt ein dezentes Schild aus der Mauer, das auf die Buchhandlung gleichen Namens hinweist.

Ein Schritt durch das Portal des Hauses aus dem 16. Jahrhundert führt noch nicht zu den Büchern. Vorerst steht der Besucher in einer Vorhalle, von der verschiedene Türen wegführen und eine Treppe zu den oberen Geschossen. Rechterhand ragt eine schwere Holztüre in die Halle und weist den Weg in die Buchhandlung.

Der Raum ist hell. Das Licht stammt aus einer filigranen Röhrenreihe, die den handwerklich schön gebauten Regalen entlang läuft. Ein grosser Korpus teilt den Raum in ein Links und Rechts. Rechts steht die Kassentheke. Etwas weiter hinten unter einem der Fenster, die erst über Brusthöhe beginnen, steht ein Tisch mit zwei Stühlen, eine kleine Leseecke. Zur Linken führen zwei Stufen hinunter und auch da, fast in der entferntesten Ecke ein Fauteuil und ein Tischchen.

Zwei Türen führen in kleinere Räume. Vorne liegt das Büro, das auch einem kleinen Lager Raum bietet, hinten, mit einem leuchtend gelben Pfeil darauf hinweisend, die Abteilung für Kinder- und Jugendbücher. Während der Hauptraum kubische Formen hat, sind die Kinderbücher unter einem Tonnengewölbe in einfache Holzregale eingeordnet. Dafür ist der Türsturz von auserlesener Schnitzarbeit verziert. Holztäfer und eine Holzbank geben dem Raum ein warmes Ambiente.

Hier lässt sich gut schmökern im Angebot. Es ist ruhig. Es gibt kaum Laufkundschaft. Dafür ist das Angebot zu fokussiert. Es richtet sich eher an ein gebildetes, literarisch und kulturell bewandertes, ja anspruchsvolles Publikum. Die Aufschriften auf den Schichtholzplatten, die die schwere Last von Tausenden Seiten tragen, zeigen das schon. So steht da beispielsweise Denken, Poetisches oder San Gallensia. Die Scheizer Belletristik nimmt viel Raum ein: Nicht nur die neuen Schriftsteller wie Capus oder Camenisch sind da vertreten, sondern auch die Klassiker Dürrenmatt oder Cendrars.

Die Beratung durch die Buchhändlerinnen, Frau Schwendimann und Frau Elias, ist sehr gut – beide haben ihr Handwerk während Jahren ausgeübt und ausgebaut. Aber nicht immer ist Hilfe möglich. Da betritt ein älterer Herr den Raum und verlangt nach einem Buch, das er vage beschreibt. Obwohl die Buchhändlerinnen in alle Richtungen nach mehr Details suchend den Herrn befragen, bleibt zum Schluss ein Achselzucken. Und der Herr weiss nicht mehr, ob es nun ein Buch oder ein Heft war. Er will nochmals selber nachforschen und wiederkommen.

 

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