Bücher Brocky

Namen von früher

Michael Guggenheimer

Orte, in denen man gebrauchte Bücher kaufen kann, mag ich nicht sonderlich. Mit einer spät entdeckten Ausnahme. 100 000 Bücher soll es in den Kellerräumen von Bücher Brocky an der Gutenbergstrasse in Zürich geben. Beim Betreten dieses Bücherreichs habe ich Tränen in den Augen: Da liegen in einem ersten Raum endlos viele Ausgaben der Zeitschrift Psyche, der „Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, herausgegeben von Alexander Mitscherlich“. Lauter einzelne Hefte mit weissem Cover, die vertrauten Autorennamen in blauer Schrift, die Themen in schwarzer. Ich weiss zunächst gar nicht, weshalb ich so gerührt bin. Daneben alte DU Hefte  aus den 70er Jahren und im Büchergestell gegenüber die gelben Hefte von National Geographic Magazine zurückreichend bis zum Jahr 1984.

Wer sucht, der findet: grosses Angebot an National Geographic

Mir kommt vor, ich sei endlos lange in diesem Zeitschriftenraum geblieben. Ich habe einzelne Nummern der drei Zeitschriften in die Hand genommen, ich bin bei Psyche Namen von früher begegnet: Paul Parin, Fritz Morgentaler, Ulrich Moser, Helm Stierlin, Ilka von Zeppelin. Namen aus einer Zeit, in der ich psychologische Literatur verschlungen habe, manache dieser Autoren kannte ich von Vorlesungen und Seminaren. Und dann im Zeitschriftenraum die vielen Hefte von National Geographic mit ihrem gelben Umschlag in diesem Bücherkeller. Mein Vater hatte das amerikanische Magazin bereits in den Jahren des Zweiten Weltkriegs abonniert. Und er hat die Hefte binden lassen. Als die Bibliothek meiner Eltern das Schlafzimmer der beiden zu ersticken drohte, hat meine Mutter eines Tages im Jahr alle Bände des National Geographic von einem Antiquar abholen lassen. Ich weiss noch, wie enttäuscht ich war: Jetzt waren alle diese wunderbaren Bilder aus aller Welt verschwunden. Es war zu spät. Die verschleppten Zeitschriftenbände kamen nie mehr zurück. War das der Grund für meine Tränen im Zeitschriftenraum von Bücher Brocky gewesen? Das plötzliche Auftauchen von Namen und Bildern vergangener Zeiten? Ich bin fast nicht losgekommen von diesem Zeitschriftenraum, in dem alte Ausgaben der Zeitschrift Merkur ebenso zum Verkauf angeboten werden wie die längst vergriffene Zeitschrift Atlantis.

Bücher Brocky ist mir ein Ort der wiederkehrenden Erinnerungen geworden. Der Gang zwischen den Büchergestellen gleicht einem Spaziergang durch vergangene Lesezeiten. Hier sind die Bücher in einer erfrischend naiven und so sympathischen Weise nicht nach einem Autorenalphabet geordnet. Die Fischer Taschenbücher, Rowohlts Rotations Romane, die Bände von dtv oder Goldmann und Knaur: Sie stehen als Reihen beisammen, auch sie nicht alphabetisch geordnet. Ich wandere langsam an ihnen vorbei und erkenne alte Freunde wieder: Graham Greene, Albert Camus, Kurt Tucholsky, Ernst Hemingway, Friederich Dürrenmatt, Wolfgang Borchert. Oder die Bände der Fischer Weltgeschichte: Wie viele solcher Bände habe ich doch besessen?  Das waren während des Studiums meine ersten Geschichtsbücher, die mich über Europa hinausblicken liessen. Irgendwann habe ich sie viele Jahre später in ein Bücherantiquariat gebracht, sie vor der Ladentür stehen gelassen. Und dann entdecke ich noch den Fischer Weltalmanach: In den Jahren vor Google und Internet waren mir die Weltalmanach Bände wichtige Begleiter bei der Zeitungslektüre. Ich habe sie gesammelt. Und ich habe keinen dieser Bände mehr. Aber auch Kafka und Tennessee Wiliams, Arthur Miller und Boris Pasternak stehen da. Namen von früher, Bücher bei Fischer, die ich hatte. Gegenüber den Fischer Taschenbüchern Goldmanns Gelbe. Ich weiss, dass ich den Koran in Gelb hatte. Und ich weiss auch, dass ich Goldmann gegenüber meine Vorurteile hatte. Weshalb? Ich weiss es nicht mehr. Ich muss aufhören. Es wird zu viel. Die farbigen Suhrkamp Taschenbücher spare ich mir für den nächsten Besuch auf.

100 000 Bücher. Ich werde wieder beim Bücher Brocky vorbeischauen. Ich habe beim ersten Besuch einzig die Zeitschriften und einen Teil der Taschenbücher geschafft. Mehr konnte ich nicht aufnehmen. Aber ich habe gesehen, dass es hier englische und französische Bücher gibt. Und Geschichtsbücher und Reiseführer. Und die Preise sind unerhört niedrig. Ein Heft der Vontobel Schriftenreihe über die Zeit habe ich gekauft. Fr. 2.50. Mehr nicht dieses Mal. Und dann habe ich mich gefragt, ob Bücher Brocky mit Bedacht an der Gutenbergstrasse domiziliert ist.

Bücher Brocky
Bederstrasse 4
Hofeingang Gutenbergstrasse
8002 Zürich
T: 044 201 01 20
www.buecher-brocky.ch

 

Trouvaille

Heinz Egger

Hier landet, was andere nicht mehr wollen: Tausende Bücher

Das Erste, was ich von ihr erfasse, war ein tiefer Ausschnitt mit einem noch tieferen Einblick auf zwei wohlgeformte Brüste. Ich überraschte sie, als ich in die schmale Gasse zwischen den Gestellen mit den Koch- und den Hobby-Büchern einbog. Sie sah wohl meine blauen Schuhe mit den Einzelfächern für jede Zehe in ihr Blickfeld rücken und richtete sich abrupt auf. Sie lächelte mich kurz verlegen an, schaute wieder auf meine Schuhe, hob dann den Kopf und sagte: „Oh, was für lustige Schuhe, solche habe ich noch nie gesehen.” Ich war mehr überrascht als sie und stammelte eine Entschuldigung, statt den Türöffner mit den Schuhen gleich zu packen. Ich kenne mich wohl aus hier, meinte sie freundlich. Wie sie wohl darauf kam? Erst jetzt war ich wirklich angekommen und entgegnete: „Nein, ich bin zum ersten Mal hier. Und ich bin platt. Was es hier alles gibt! Wie viele Bücher stehen in diesem Keller, Hunderttausend, eine Million?” Ich schaute dabei in ihr sonnengebräuntes Gesicht mit dunklen Augen. Wirklich eine aparte Frau schoss es mir durch den Kopf, als sie sagte: „Oh, ich bin auch nicht Stammgast. Ich habe meine Ernährung umstellen müssen und bin auf der Suche nach Rezepten. Artischockenrezepte.” Mit einer Handbewegung auf das grosse Gestell weisend, meinte sie, das sei gar nicht so leicht, hier etwas zu finden. Ich pflichtete ihr bei. Denn da standen wohl mehr als 15 Laufmeter Kochbücher. Leider Kraut und Rüben durcheinander, nach keinem Kriterium geordnet, nur unter dem Stichwort Kochen vereint. „Selbst bei den Sammlungen nach Verlag, beispielsweise Diogenes, Reclam oder Suhrkamp, gibt es keine weitere Ordnung”, ergänzte ich. Sie seufzte, drehte sich von mir weg und bückte sich wieder. Meine Augen wanderten weiter. Hinter ihr entdeckte ich ein Stillleben: Neben ein paar dicken, aufrecht stehenden Büchern stand eine grosse,lederne Handtasche, deren Reissverschluss offen stand, und die so den Blick auf weibliche Accessoires freigab. Auf den Schmökern lagen drei dünne Bücher, eines davon aufgeschlagen, eine Sonnenbrille darauf und daneben wie eine farbige Schlange ein seidenes Tuch. Ich ging an ihr vorbei darauf zu. Die grossen Bücher waren Weinbücher. „Wein und Artischocken, das passt gut zusammen”, sagte ich, während ich mich noch einmal umwandte. Sie lachte und sagte: „Ja, aber die waren schon vorher da!”

 

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