Burgerbibliothek Bern

Wie aus dem Bilderbuch

Michael Guggenheimer

Welcher Bibliotheksbenützer kennt das nicht? Konzentriertes Arbeiten in der Bibliothek kann ermüden. Spätestens nach zweieinhalb Arbeitsstunden muss Pause sein, gehört ein Kaffee eingenommen. In vielen Bibliotheken steht irgendwo an einer Ecke im Gang ein Getränkeautomat. Der Kaffee ist fad, der Tee ist schwach, die Bouillon erinnert daran, dass das Wasser kalkhaltig ist. Nicht so im Haus gleich neben dem Casino, der Burgerbibliothek in Bern.

Café der Bergerbibliothek und Uni Bern

Im Erdgeschoss befindet sich die „Lesbar“, ein wunderbares Café, ein ruhiger Treffpunkt für Gespräche, ein Ort, in dem schweizerische und portugiesische Speisen und Getränke angeboten werden, ein Ort zum Regenerieren, wo man auch draussen sitzen kann, bevor man die Treppe wieder hinaufsteigt, um weiterzuarbeiten.

Oben im ersten Stockwerk der Haller-Saal, ein Lese- und Arbeitsraum wie aus einem Bilderbuch über die schönsten Leseorte. Gerade sitzt da der Gatte der Bundesrätin, er ist Schriftsteller und geht wohl einem regionalen Thema nach, das in seinem nächsten Roman aufgerollt werden wird?

Einige wenige Studenten sitzen auf den geschmackvoll gepolsterten Stühlen an den beiden Arbeitstischen. Zwei weitere Tische für je einen Einzelplatz, beide mit Aussicht auf die gegenüberliegenden Häuser, ein hoher Raum mit einer Galerie, ein eleganter Parkettboden, konzentrierte Arbeitsatmosphäre, nur die Tastatur eines Laptops ist zu hören. In der einen Raumecke sitzt ein Mitarbeiter der Bibliothek, sein Arbeitsplatz steht schräg, er überblickt den Raum, ist selber aber eindeutig auch an einer Recherche. Hier strahlt Vornehmheit und Zurückhaltung, dabei sind die Mitarbeitenden des Hauses ausserordentlich hilfreich, nehmen sich Zeit für den Besucher, geben breitwillig Auskunft über Bestände und Ziele der Bibliothek. Wer hier forscht, ist kein Anonymus unter vielen.

Die Berner Burgerbibliothek, untergebracht in einem renovierten Gebäude aus dem Jahr 1755, ist kein üblicher Ort der Bücherausleihe, sondern vielmehr ein Spezialinstitut, Archiv und Handschriftenbibliothek, wo mehrheitlich über Themen der Stadtgeschichte Berns sowie über einige weitere Spezialthemen gearbeitet wird, zu denen die Institution wertvolle Buch- und Handschriftenbestände besitzt. Eine Arbeit über Reisen in den Nahen Osten? Eine Dissertation über die Geschichte der Besiedlung des amerikanischen Westens im 18. Jahrhundert? Nein, solche Arbeiten werden hier nicht geschrieben. Es sei denn, sie hätten Bezug zu Bern, zur Burgergemeinde. Ein Berner Reisender durch Ägypten Mitte des 19. Jahrhundert, der Zeichnungen und Pläne hinterlassen hat? Sollte es einen solchen gegeben haben, dessen Briefe und Zeichnungen erhalten geblieben sind, die Arbeit über ihn könnte hier geschrieben werden. Eine Familie aus der Stadt Bern, die im amerikanischen Westen ihr Glück versucht und Briefe in die Heimat geschickt hat? Auch dies ein Thema, das man sich hier vorstellen könnte. Eine Arbeit über Stadtwandel und öffentliche Plätze in Bern? Das reiche Bilder- und Fotomaterial, das hier verwahrt wird, machen auch Arbeiten zu diesem stadtgeschichtlichen Thema möglich.

1951 gegründet, dokumentiert die Bibliothek die Geschichte von Stadt und Region, der Burgergemeinde Bern, ihrer Institutionen sowie der burgerlichen Zünfte und Gesellschaften. Als bernisches Kompetenzzentrum für Archive privater Herkunft und Handschriftenbibliothek ist ein wichtiger Ort in der schweizerischen Archivlandschaft. Da gibt es Firmenarchive, die auf junge Forscher warten. Die Burgerbibliothek sammelt, erschliesst und verwahrt Unterlagen vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart und archiviert digitale Daten langfristig.

Der Bestand der Burgerbibliothek wächst durch Neuzugänge von Einzelpersonen und Familien, von Firmen und Vereinen sowie durch Ablieferungen der Burgergemeinde Bern. So befinden sich etwa die Nachlässe des Berner Universalgelehrten Albrecht von Haller (1708 – 1777), des Schriftstellers und Pfarrers Jeremias Gotthelf und des aus dem Thurgau stammenden Grafikers und Illustrators von Kinderbüchern Ernst Kreidolf im Haus und machen die Burgerbibliothek Bern zu einer wichtigen Institution für die bernische Kultur und Geschichte. 50’000 Bilddokumente mit Daguerreotypien von Carl Durheim und Glasplatten von Jean Moeglé aus der Frühzeit der Fotografie gehören zu den Schätzen der Bibliothek.

Durheim war einer der grossen Schweizer Fotopioniere und wahrscheinlich der renommierteste Fotograf der Anfänge der Fotografie in Bern. Ab 1845 begann er als Lithograph auch Daguerreotypien herzustellen und war bei der Hautevolée Berns sehr erfolgreich. Durheim war auch der erste fotografische Berner Stadtchronist. Er fotografierte wichtige Gebäude der Stadt, wie beispielsweise den Christoffelturm und das Aarbergertor, das Münster und die Matte. Im Auftrag des Schweizerischen Generalanwalts und im Namen des Bundesrats machte er 1852/53 Aufnahmen von inhaftierten Heimatlosen und Fahrenden, die heute als die ersten fotografischen Fahndungsbilder gelten. Grafik, Ansichtskarten und gemalte Porträts bilden mit Familien-, Firmen-, Gesellschafts- und Zunftarchiven, dem Archiv der Burgergemeinde Bern sowie der Handschriftensammlung Jacques Bongars mit 1000 wertvollen Codices den Bestand. Der Bereich Bongarsiana / Codices umfasst eine Besonderheit, es ist die international bedeutende Sammlung des französischen Humanisten und Diplomaten Jacques Bongars (1554—1612) mit 650 mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften und etwa 150 Fragmenten, die grösstenteils aus Klöstern um Orléans und Strassburg stammen. Nach Bongars Tod fiel die Büchersammlung an seinen Erben, den Strassburger Bankierssohn Jakob Graviseth, der die Bernerin Salome von Erlach heiratete. So gelangte die Bongarsiana von Strassburg zuerst nach Basel und 1632 in die Berner Bibliothek. In der Burgerbibliothek Bern liegt noch ein weiterer aussergewöhnlicher Schatz: Das Herbarium des Basler Stadtarztes Felix Platter (1536-1614) ist das älteste noch erhaltene Herbarium der Schweiz. Es umfasste ursprünglich 18 Bände, wovon noch acht Bände mit rund 800 getrockneten Pflanzen und den dazugehörigen Illustrationen erhalten sind.

Burgerbibliothek Bern
Münstergasse 63
8000 Bern 8
T: 031 320 33 33
www.burgerbib.ch

 

Stadtgeschichte(n)

Heinz Egger

Das Tageslicht fällt durch ein grosses Fenster auf seinen Hinterkopf. Das Gesicht bleibt im Dunkel. Die weit offenen Augen schauen in den neu renovierten Saal, dessen Namensgeber er ist: Albrecht von Haller, der von 1708 bis 1777 lebte.

Haller-Saal, Studierende an der Arbeit

Dunkle Diagonalen fassen helle Parkettquadrate und geben dem samten schimmernden Boden Weite. In der Mitte steht ein mächtiger Tisch. Er bietet acht Personen grosszügigen Platz zum Arbeiten. Schwere Stühle mit gestreiften Velours-Polstern markieren jeden Arbeitsplatz. Zwei Frauen tippen auf ihren Laptops. Zwei Männer haben eine Handschrift auf einer Leseunterlage. Sie betrachten mit Lupen das Geschriebene und diskutieren flüsternd. Licht für ihre Arbeit spenden hochmoderne, filigrane LED-Leuchten auf dem Tisch.

Rundsäulen aus grün gemaltem Marmor tragen eine weisse Balustrade mit klassizistischen Elementen. Hoch oben über dem Parkett blendet die am Rand reich mit Stuckaturen verzierte schneeweisse Decke.

Galerie des Haller-Saals; Kronleuchter

Von ihrer Mitte breitet sich wie ein kunstvoll angelegtes Blumenbeet eine riesige Stuckrosette aus. In deren Zentrum hängt ein grosser Kristallleuchter. Die Kerzenflammen verbreiten ein helles Licht. Die Lampen im Innern des Leuchters bringen das Glas zum Glitzern.

Den dunklen Kunstmarmorwänden entlang, eingelassen in weiss gestrichene Nischen, gibt es Büchergestelle. Die meisten Tablare sind schwer beladen, wenige sind aber voll.

Auf zwei Seiten des Raums lassen Fenster Tageslicht in den Raum. In den Fensternischen stehen Tische und ein Stuhl. Arbeitplätze mit Ausblick in die Münstergasse oder die auf die Casinoplatz genannte Strasse.

Auch ein Recherche-PC steht da. Die Burgerbibliothek ist daran, ihre Bestände nicht nur in einem digitalen Katalog, der unter katalog.burgerbib.ch öffentlich zugänglich ist, sondern auch in digitaler Version anzubieten. Bereits vorhanden sind – nur intern verfügbar – die Eherodel ab 1530 und die Tauf- und Totenrodel ab 1719 bis 1896. Auf Seite eins des „Eherodel derjenigen Personen, welche in der grossen Kirche zu Bern sind eingesegnet worden von 1530 bis 1568, Annus 1530, Januarius“ an erster Stelle Ludovicus Falckysen und Anna Hess, den 4.

Öffentlich zugänglich ist das eben auch bei Haupt erschienene Herbarium des Felix Platter, ein Teil seiner Sammlung von Pflanzenbildern. Er war Basler Stadtarzt und lebte von 1536 bis 1614. Er war leidenschaftlicher Botaniker und legte ein 18-bändiges Herbar mit getrockneten Pflanzen an. Davon sind in der Burgerbibliothek acht erhalten.

Die Burgerbibliothek beherbergt grosse Schätze. Dazu gehören das Burgerarchiv, in dem vom 13. bis ins 21. Jahrhundert die gesamte Geschichte der Burger Berns enthalten ist. In den Kellern belegen diese Dokumente 600 Laufmeter. Dann lagern in den Räumen der Bibliothek etwa 2500 Laufmerter Handschriften, Nachlässe, Familienarchive, Gesellschafts- und Firmenarchive. Diese stammen aus den vergangenen 700 Jahren. Darin enthalten sind beispielsweise die Originale der Diebold-Schilling-Chroniken aus dem 15. Jahrhundert oder das Familienarchiv von Albert Bitzius (1797-1854), alias Jeremias Gotthelf.

Doppelseite aus der Schilling-Chronik

Im Weiteren hütet die Bibliothek die Sammlung von Jacques Bongars, die rund 1100 Handschriften aus dem 6. bis zum 18. Jahrhundert enthält.

Die Abteilung Grafik und Fotografie besteht aus etwa 40 000 Bilddokumenten. Darunter Ansichten der Stadt und des Kantons Bern, kulturhistorische Darstellungen und Künstlernachlässe, wie etwa jenen des Kinderbuchautors und Malers Ernst Kreidolf, der von 1863 bis 1956 lebte.

Das Wachstum der Bibliothek ist indes nicht abgeschlossen. Die Bestände wachsen jährlich um etwa 50 Laufmeter durch Geschenke, Deposita und Ankäufe.

Die eben kurz umrissenen Bestände zeigen, dass die Burgerbibliothek weniger eine Bibliothek denn ein Archiv ist. Die Bestände können aber alle – oder wenigstens jene, die durch Nachkommen beispielsweise von Familienarchiven freigegeben worden sind – im Lesesaal eingesehen werden. Es finden keine Heimausleihen statt.

Als Dienstleistung bietet die Bibliothek neben dem Online-Katalog auch Auskunft zu den Beständen und die Herstellung von Reproduktionen an. Sie zeigt ihre Bestände gern im Rahmen von Führungen und sie gibt eine eigene Publikationsreihe heraus: Passepartout. Der letzte, achte Band heisst „Durchblick“ und berichtet vom Umbau Archiv und Bibliotheksgebäude an der Münstergasse.

Büste des Albrecht von Haller

Albrecht von Haller darf zufrieden in „seinen“ Lesesaal schauen. Kein Wunder, umspielt ein feines Lächeln seine Mundwinkel. Auch seinen Nachlass weiss er in guten Händen bei der Burgerbibliothek Bern. Der Saal blieb, seit er Ende des 18. Jahrhunderts gebaut worden ist, fast unverändert erhalten und er ist trefflich renoviert und in einem Festakt am 9. September 2016 wieder der Öffentlichkeit übergeben worden.

 

 

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