Café Mühlebach

Zeitschriftenparadies

Michael Guggenheimer

Brigitte. Glücksrevue. Frau im Spiegel. Vital. Bunte. Annabelle. Golf Journal. Auto Bild. Elle. Weltwoche. Essen und Trinken. Madame. Abenteuer und Reisen. Geo. Brigitte Women. Glückspost. Schweizer Illustrierte. Stern. Freizeit Revue. GQ. Für Sie. Schöner Wohnen. Freundin. Das sind die Zeitschriften.

Süddeutsche Zeitung. Frankfurter Allgemeine Zeitung. Financial Times. Die ZEIT, Wochenzeitung WOZ, Amtsblatt des Kantons Zürich. Neue Zürcher Zeitung. Tagesanzeiger. Blick. Das sind die Zeitungen.

Es ist keine Bibliothek, es ist das Café Mühlebach an der Ecke Mühlebachstrasse Kreuzstrasse, das diese Zeitschriften und Zeitungen führt.

„Ausgezeichnetes Café – gutes Essen, perfekte Bedienung, grosses Zeitschriftensortiment – perfekt geführtes Lokal! Hoffe, es bleibt dem Quartier noch lange so erhalten!“ schreibt ein regelmässiger Gast im Netz. Und ein anderer unterschreibt noch mit seinem Vornamen, es ist Paul: „Ich bin seit etwa 15 Jahren Stammgast im Quartierkaffe Mühlebach. Das Serviceteam ist immer sehr freundlich, der Kaffee und das Rosinenbrötli schmecken ausgezeichnet und es gibt auch ein breites Angebot an Lesestoff. Was will man mehr! Weiter so – beste Grüsse, Paul“.

Ja, wirklich, was will man noch mehr? Kleine runde Marmortische, Stühle, die aussehen, als könnte sie die berühmte Firma Thonet geliefert haben, eine lange Bank mit Lederbezug entlang der ganzen Fensterfront des Cafés, zwei grosse Spiegel, die dem Raum ein wirkliches Caféhausambiente verleihen, der Wirt ein echter Wiener mit weissem Hemd und schwarzer Hose, der jeden Tag nicht nur ein frisches Hemd anzieht, sondern auch noch die FAZ liest, seine Frau eine Mannheimerin, die sich gerne mit den Stammgästen unterhält und denen sie den richtigen Kaffee an den Tisch bringt, ohne dass diese ihn bestellen müssen.

michael muehlebachZur Ausstattung des Lokals gehören noch eine grosse und etwas laute Kaffeemaschine der Marke Cimbali, ein Garant für echt guten Kaffee, zwei grosse silberne Schalen voller Orangen, die hier gepresst werden. Die Zeitschriften, alle in einem schützenden Umschlag, werden allwöchentlich vom Schweizer Ableger der deutschen Firma „Lesezirkel Weltblick A. Gerstmayer & Co. KG“ geliefert. Und damit klar ist, dass die Zeitschriften nicht mit nach Hause genommen werden sollen, weist jede Zeitschriftenmappe noch den Caféhausstempel in Rot auf, damit auch dem letzten Lesesüchtigen klar bleibt: „Papier bleibt hier!“

Hier trifft sich – so lange sie noch auf der gegenüberliegenden Strassenseite der Mühlebachstrasse bleiben kann – die Redaktion der „NZZ am Sonntag“ zur Kaffeepause. Den grossen Espresso gibt es hier für Fr. 3.90! Das mache dem Herrn Huber Mal einer nach! Hugo Ramnek, der in Zürich wohnhafte österreichische Autor, spart sich die Abokosten für die wöchentliche Ausgabe der Hamburger ZEIT, die er hier jeden Freitag liest. Und wohl weil das Café nicht im Stadtzentrum liegt, treffen sich hier Esther und Roger jede Woche, die nicht unbedingt wollen, dass alle wissen, dass sie sich so gut mögen. Einzig rätselhaft bleibt die Frage: Wie kam die Ausgabe des „Korea Herald“ aus Seoul am Montag, 24. September 2012 in das Zeitungsgestell des Café Mühlebach, wo diese Zeitung doch in der Schweiz gar nicht erhältlich ist.

Café Mühlebach
Mühlebachstrasse 43
8008 Zürich
T: 044 251 19 40

 

 

Zeitzeichen

Heinz Egger

Cafe Muehlebach Buecherkiste mit MichaelHugo kommt gern ins Café Mühlebach. Er heisst eigentlich Hugues Vuillemier, aber in Zürich ist er für alle der Hugo. Er setzt sich immer gegenüber der Theke neben der Säule hin. Diese versperrt ihm zwar die Sicht etwas nach links, aber von hier aus hat er doch den Überblick: Er sieht den Hausherrn, Herrn Huber, wie er am Tisch sitzt, vor sich einen Teller mit Schnitzel und Pommes frites, Salat und ein Glas Wasser. In der Hand hält er die Zeitung.

Nur schon dafür lohnt es sich, im Mühlebach Platz zu nehmen. Acht Tagesanzeiger, sicher ebenso viele Ausgaben der NZZ und des Blick. Die Financial Times, die Süddeutsche, die Frankfurter Allgemeine, Die Zeit, das Amtsblatt der Stadt – auch die WOZ ist da. Und letzthin ein Exote im wahrsten Sinn des Wortes. Da steckte tatsächlich ein The Korea Herald im Zeitungsständer. Hugo schaute damals zu, wie diese Zeitung wie jede andere mit einem kräftigen Bostitch zusammengeheftet und in eines der Ablagefächer im Zeitungsständer gesteckt wurde. Wie kommt so eine Zeitung hierher? Hugo blätterte darin, sah, dass sie vom Vortag war, und fragte Herrn Huber mehr im Spass, ob diese Zeitung nun regelmässig komme. Dieser lachte. Er winkte ab und sagte in breitem Österreichisch: „Die einen lassen Zeitungen mitlaufen, andere lassen sie liegen.“

Auch eine grosse Auswahl an Zeitschriften liegt auf. Es wundert Hugo daher nicht, dass das Publikum immer bunt gemischt ist. Das gefällt ihm, denn er lauscht gern den Gesprächen. Oft notiert er die Fetzen, die er aufschnappt. Er sammelt für seine Kaffeehausgeschichten unter dem Arbeitstitel „Der letzte Cafégast“. Hin und wieder verwendet er sie auch für seine Elfchen, Elf-Wörter-Gedichte, die er Kaffeelöffelpoesie nennt. Zum Beispiel:

ja
sehr gut
für mich vielleicht
ich kann überhaupt nicht
nein

Oder er verflicht seine Beobachtungen:

eingetrocknet
der schaum
unter der Zeitung
in der schlanken tasse:
zeitzeichen

Hugo schaut sich um. Es ist wenig los heute. Nur Einzelpersonen, alle hinter ihrer Lektüre versteckt. Es ist ruhig im Raum, keine Musik, nur hin und wieder das Rascheln von Papier ist zu hören.

Ein Paar tritt ein und setzt sich an den Tisch neben jenem von Hugo. Sie und er blicken kurz in die Karte mit dem Angebot und legen sie dann wieder hin. Sie suchen den Blickkontakt zur Serviererin. Diese folgt aber einem jüngeren Herrn, der mit lässig umgehängter Lastwagenblachen-Tasche auf den Tisch unter dem grossen Wandspiegel zusteuert. Er gibt gleich seine Bestellung auf, und erhält seinen Macchiato umgehend. Das Paar neben Hugo wartet, wartet länger. „Wer im Lokal bekannt ist, wird anscheinend bevorzugt behandelt“, denkt Hugo, während er auf die Uhr schaut. Es ist Zeit. Er ruft: „Zahlen, bitte“ und hebt dabei die Hand. Sehr bald steht die Serviererin bei ihm und kassiert für sein Kleingebäck und den Espresso ein. Sie will sich schon wieder entfernen, als sich das Paar meldet, um endlich die Bestellung aufzugeben.

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4 Gedanken zu „Café Mühlebach

  1. Nicole

    Schön, dass es das Café Mühlebach noch gibt – und offenbar immer noch unter Führung der Hubers. Neben dem grosszügigen Angebot an Lesestoff erinnere ich mich an eine Kaffeemühlensammlung. Ein Ort, den ich – ebenso wie die Bücherabteilung im Brockenhaus – demnächst wieder besuchen werde. Danke für die Tipps und für die schön gemachte Seite. Eine Fundgrube für nostalgische Zürcher und Leseratten.

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  2. elisabeth moser

    Wunderbar, dass Sie Informationen veröffentlichen, die ans Herz gehen, die unsere Sehnsucht nach Poesie im rauen Alltag stillen. Danke, dass es Buchort gibt. vielleicht, vielleicht mehr Buchort statt Keinort, weniger Nirgends, wo die Worte in Action ersticken, sprich der Alltag uns die Sprache raubt.

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  3. Christel Vogt

    Ein kleiner Fehler im Bericht. Frau Huber kommt nicht aus Augsburg, sie kommt aus Mannheim in Baden-Würtemberg. Dort wurde sie geboren. Ich weiß das, sie ist meine Schwester.
    Und ich bin stolz, sie und ihr Mann haben das Cafe mit viel Herzblut geführt.
    Liebe Grüße nach Zürich

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    1. Heinz Egger

      Sehr geehrte Frau Vogt,
      wir danken Ihnen herzlich für den Hinweis. Die Angabe ist im Text korrigiert.
      Freundliche Grüsse
      Michael Guggenheimer & Heinz Egger
      buchort.ch

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