Calligramme

Lehmanns Spezialitäten

Michael Guggenheimer

Helene Lehmann in ihrem Reich der Bücher - Literatur und bildende Kunst

Für manche Lesende gibt es eine Rangordnung unter den Buchhandlungen. Es ist vielleicht ähnlich wie mit Büchern. Prousts „A la recherche du temps perdu“ oder Joyces „Ulysses“ sind die Himalajagipfel belletristischer Lektüren, die nicht vielen Bergsteigern wirklich vertraut sind. Wer in Zürich im Gespräch beiläufig beweisen will, dass er ein wirklich leidenschaftlicher und kompetenter literaturbewanderter Leser ist, der lässt beiläufig durchblicken, dass er seine Bücher bei Caligramme findet. Das Wort „kaufen“ ist in diesem Fall zu bescheiden. Handkehrum muss gesagt werden, dass Helene Lehmanns Calligramme an der Häringstrasse 4 der wirklich ganz besondere Buchladen Zürichs ist. Hier ist einerseits nichts übersichtlich. Und dennoch ist das der Buchladen, in dem man das erzählerische Werk der europäischen Literatur wie bei keiner anderen Buchhandlung Zürichs findet. Kaum zu glauben, dass der Laden in der ehemaligen städtischen Polizeiwache ein Laden ist, den es so in der heutigen ökonomischen Ordnung und im digitalen Zeitalter eigentlich gar nicht mehr geben kann. Und das ist schön so!

Beim Betreten des Ladens bimmelt eine kleine Glocke, an warmen Sommertagen steht der schwere Schirmständer so am Eingang, dass die schwere Ladentür stets soweit offen bleibt, dass etwas Luft von draussen in den Laden strömt. Leise klassische Musik ist in den beiden Räumen zu hören. Zunächst fällt die gefühlte Unordnung auf: Kein Stuhl, auf dem man sich hinsetzen könnte. Stühle und Bockleiter dienen als Ablagefläche für kleine Bücherberge. Die Gestelle sind übervoll, Büchertürme ragen vom Boden in die Höhe. Wer mit einer Seitentasche oder gar einem Rucksack den Laden betritt, legt sie mit Vorteil neben und zwischen Büchern auf dem Boden hin, er könnte nämlich aus Versehen eine Bücherlawine verursachen. Eine falsche Bewegung, ein falscher Griff und die fragilen Bücherskulpturen geraten ins Wanken und Kippen.

Hinter einer Festung aus Büchern sitzt Helene Lehmann. Rote Lippen, grosse Brille, rauchige Stimme, die fast Siebzigjährige wirkt um Jahrzehnte jünger, sie  ist die Herrin über ein Bücherreich, in dem sie als Lotse wirkt. Sie weiss, wo welche Titel lagern, sie weiss, welche Autoren wo versteckt sind. Sie kennt die heimliche Ordnung ihres Reichs, in dem ein ganz leichter Zigarettenduft herrscht und wo die Weltliteratur zu Hause ist. Ein Computerbildschirm und die immer wiederkehrende Konsultation des Bildschirms hindern sie nicht daran, jede einzelne Rechnung von Hand auszufertigen: Buchtitel und Preis werden hier handschriftlich vermerkt, können nach dem Kauf als Buchzeichen und Erinnerungszeuge für den Kauftag dienen. Viele ihrer Kunden begrüsst Helene Lehmann mit Namen, man kennt sich hier, Laufkundschaft gibt es zwar, aber die meisten Buchkäufer sind seit Jahren treue Besucher.

Im ersten und vorderen Raum die Belletristik in Büchergestellen vom Boden bis zur Decke. So dicht an dicht lagern die Bücher in diesem Raum, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie einst hier Lesungen stattgefunden haben könnten. Hier haben sich die Bücher angesammelt, manchmal zwei Buchreihen hintereinander in den Gestellen. Auf manchen Tablaren sind Bemerkungen in Grossbuchstaben und in blauer Filzschrift angebracht: „H.HEINE. SAEMTL. SCHRIFTEN DTV IM HAUSE“ oder „CANETTI GEB. AUSGABE IM HAUSE“. Im hinteren Raum die bildende Kunst. Hier kennt nur sie sich aus, hier kann keiner ihrer Angestellten so schnell ein gesuchtes Buch finden wie sie. Calligramme sind Helene Lehmanns zwei Wohnzimmer. Verstorbene und noch lebende Dichter schauen sie von hoch oberhalb an, es sind Fotografien aus einem Jubiläumsprogramm des Suhrkamp Verlags.

Helene Lehmann ist unüberhörbar in Basel aufgewachsen. Ihren Erstberuf gibt sie nicht preis. Ihre Ausbildung zur Buchhändlerin hat sie in Robert Krauthammers Architektur- und Kunstbuchhandlung absolviert, eine Buchhandlung, die es schon lange nicht mehr gibt. Zwischenstationen waren andere Buchhandlungen wie Bachmann, Rohr, Romanica und Wepf in Basel, Namen, die jüngere Leser nicht mehr kennen können. Vor fast dreissig Jahren hat sie ihre Buchhandlung an der Häringstrasse eröffnet, eine Art blühender Bücherurwald mit bunten Exoten, ein Ort, in dem man Bücher antrifft, die man in keiner anderen Buchhandlung Zürichs finden würde. Man fragt sich, wie ein solcher Ort überleben kann. Und man findet des Rätsels Lösung nicht. Ein Bücherreich, in dem keine Bestsellertürme zu sehen sind, ein Bücherparadies ohne aufdringliche Werbung von Grossverlagen. Während andere Buchhandlungen heute ein Sortiment anderer Angebote vom eBook bis hin zum Lesekissen  führen, sind hier neben Büchern und Literaturzeitschriften speziell ausgesuchte Ansichtskarten zu finden. Ansonsten gilt einzig das geschriebene Wort. Eine Bücheroase, die mehr als einen Hauch Nostalgie verströmt. Man erinnert sich an Spezialitätenläden in italienischen Läden, wo man noch kostbaren Essigflaschen und besonders feinen Pastaprodukten begegnet, wo ein Verkäufer mit Schürze und seine Assistentin hinter der Theke stehen und zu jedem Produkt eine Geschichte erzählen könnten. So ist auch Helene Lehmanns Calligramme. Der Duft einer anderen Zeit steht in den beiden Räumen, in denen man Entdeckungen machen kann und wo man sich durch enge Büchergassen bewegt, an deren beiden Seiten es von Büchern quillt.

Im Frühling 2013 hat Helene Lehmann den mit 20 000 Franken dotierten  „Zuger Preis für die Verdienste um die Literatur“ erhalten, der nur alle vier Jahre vergeben wird. Geehrt werden mit dem Preis keine Dichter und Erzähler, sondern Literaturvermittler wie Wissenschaftler, Kritiker oder literarische Biografen. Helene Lehmann, die unumwunden zugibt, vor lauter Büchern keine Zeit für die Lektüre ihrer Bücher zu haben, hat den Preis verdient. Denn keine Buchhandlung in Zürich, auch keine der mit vielen Quadratmetern ausgestatteten grossen Häuser kann sich mit Caligramme messen. Wie besonders die Besitzerin dieser Bücherwelt ist, beweist auch der Name ihres Geschäfts. Schöner als in Französisch kann man den Begriff gar nicht erläutern: „Un calligramme est un poème dont la disposition graphique sur la page forme un dessin, généralement en rapport avec le sujet du texte, mais il arrive que la forme apporte un sens qui s’oppose au texte. Cela permet d’allier l’imagination visuelle à celle portée par les mots.“ So steht es im grossen Larousse. Der Dichter Guillaume Apollinaire soll der Vater der Calligramme gewesen sein. Dazu fällt mir ein Erlebnis ein: Als ich vor einigen Jahren feststellte, dass mir Raymond Queneaus „Stilübungen“ abhanden gekommen waren, die ich dringend in einem meiner Kurse benötigte, rief ich bei mehreren Buchhandlungen in Zürich an, um zu fragen, ob sie das Buch vorrätig hätten. Fehlanzeige bei fünf Buchhandlungen, Helene Lehmann hatte das Buch. Und gleich in zwei Exemplaren und in zwei Sprachen.

Buchhandlung Caligramme
Häringstrasse 4
8001 Zürich
T: 044 252 95 83
keine Homepage

 

 

Bücherwohnzimmmer

Heinz Egger

Wie oft bin ich an den Rundbogenfenstern schon vorbeigegangen? Sehr oft habe ich in die ochsenblutrot gestrichenen Fenster hineingeschaut, Buchtitel gelesen und wieder vergessen. Hin und wieder habe ich in der kleinen Tannenholzkiste auf dem Fenstersims die billig angebotenen Bücher durchgesehen. In der Buchhandlung war ich noch nie. Und ihren Namen habe ich mir nicht gemerkt. Er steht in einer Serifenschrift unscheinbar auf einem kleinen, weissen Schild, das beweglich an zwei Kettengliedern an einer Eisenstange hängt: Calligramme. Und um gleich klar zu machen, dass es nicht um kunstvolles Schreiben von Lettern, sondern um schöne Schreibe geht, steht darunter Buchhandlung.

Die Tür steht etwas offen, ein Schirmständer aus Chromstahlrohren und einem roten Plastikboden hindert sie daran, sich wieder zu schliessen. Es ist heiss heute. Der Türspalt soll wohl etwas frische Luft eindringen lassen.

Zusammen mit meinem Freund Michael trete ich ein. Ich bin überwältigt von der Buchlandschaft auf Gestellen, Tischen und Stühlen.

Calligramme: ein Universum der Bücher, gestapelt, geschichtet, gestellt

Wir sind angemeldet. Frau Lehmann, die Buchhändlerin, erhebt sich von ihrem Stuhl hinter dem kleinen Tisch mit erhöhter Umrandung und begrüsst uns. Ich muss ihr meinen Namen mehrmals sagen, bis sie mir die Hand gibt. Sie mustert mich mit klaren Augen hinter starken Brillengläsern. Das rote Brillengestell passt gut zu ihrem grauen Haar. „Dann also geht es wie abgemacht. Ich stehe für Fragen zur Verfügung“, sagt sie deutlich baslernd.

Ich gehe in den zweiten Raum nebenan und suche einen Stuhl, um mich zu setzen und in dieser Umgebung anzukommen. Leise Musik, es läuft gerade das Bassetthornkonzert von Mozart, könnte mir helfen dabei. Unter einem hohen Regal mit Taschenbüchern steht ein Stuhl. Ich setze mich und nehme mein Notizgerät hervor. Kaum bin ich eingerichtet, kommt Frau Lehmann mit einem Kunden, der ausgerechnet aus dem Gestell hinter mir etwas sucht. Ich stehe auf und gehe weiter. Zwei weitere Stühle im Raum sind alle belegt. So lege ich denn meinen Computer auf einen der Stapel, stehe und schaue mich um: Ich bin im Raum mit den Kunstbüchern. Auf dem Tisch vor mir stehen sie Buchdeckel an Buchdeckel, darüber liegen sie Buchdeckel an Buchdeckel und dann stehen sie wieder … Wer einen Band herausnehmen will, muss zuerst Schicht für Schicht abtragen. Auch den Fussleisten am Boden entlang stehen Bücher, manchmal ebenfalls übereinandergestapelt. Die Gestelle sind gut mannshoch. Darin ist jeder Platz besetzt, wenn Raum vorhanden ist, liegen auch da Bücher übereinander. Manche Bretter biegen sich stark durch unter dem Gewicht. Über den Gestellen hängen Plakate: Literaturgrössen sind es, herausgegeben zum 40-Jahr-Jubiläum von Suhrkamp. Diese grossformatigen Schwarz-weiss-Bilder kamen wohl im Jahr 1990 heraus.

Rechterhand steht eine Tür offen. Im Dunkeln dahinter glänzt matt ein metallenes Gestell mit Büchern. Das Lager? Ein Fundus, der einfach nicht mehr Platz findet in den Verkaufsräumen? Das Türblatt ist mit vergilbten Zeitungsseiten beklebt.

Linkerhand sind zwei Fenster. Das weiter entfernte gehört zum Büro. Ein Mann in weissem, über die dunklen Hosen hängendem Hemd macht sich an den vielen Büchern mit Gummiband darum und Zettel darin zu schaffen. Nach welchem System er sie umschichtet, wird mir nicht klar. Dann setzt er sich an ein kleines Tischchen, auf dem neben vielen Büchern eine Hermes-3000-Kofferschreibmaschine gerade Platz findet. Aus einem Mäppchen nimmt er zwei Kohlepapiere heraus und legt sie zwischen drei Formulare, spannt das Durchschreibpaket ein und beginnt zu tippen. Unregelmässiges Klappern erfüllt den Raum und übertönt die Musik.

Wie sehr die Leistungen der Buchhändlerin geschätzt werden, zeigen Karten: Wahre Kunstwerke hängen an der Mauer zwischen den Fenstern. Und viele, viele mehr hinter dem Ort des Verkaufens.

Dort steht sogar ein Bildschirm. Der Computer ist unerlässlich geworden, um Bücher zu suchen und zu bestellen. Wie ist eigentlich diese Riesenauswahl zusammengekommen? „Ich lese jeden Tag die Neue Zürcher Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung, zudem höre ich oft Radio: DRS2 (heute SRF2) und Südwestrundfunk“, sagt Frau Lehmann. „Und durch Kundenbestellungen. Gerade bei den Kunstbüchern lieferten Kunden viele gute Ideen“, ergänzt sie. Bücher selbst lesen, das nehme sie sich oft vor, schaffe es aber nicht.

Frau Lehman führt ihr Geschäft seit 29 Jahren. Sie kam als 20-Jährige nach Zürich, machte eine Buchhändlerlehre und arbeitete bei verschiedenen Buchhandlungen. Sie nennt sie – alles Namen, die verschwunden sind. Sie habe klein angefangen. Die Gestelle seien langsam höher gewachsen. Freundinnen hätten ihr einst geraten, mehr Bücher aufzulegen, es sehe bei ihr ja aus wie ihn einer Wohnstube, nicht aber wie in einer Buchhandlung.

Der wohnliche Eindruck ist trotz des übervollen Ladens geblieben. Die Reispapierballone spenden ein warmes Licht, die Türen zu hinteren Räumen binden den Bücherladen in ein grösseres Ganzes ein. „Ja, ich wohne in den hinteren Räumen und habe meine Buchhandlung immer als Teil meiner Wohnung betrachtet“, sagt Frau Lehmann lächelnd.

 

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2 Gedanken zu „Calligramme

  1. Kerstin Paul

    So beglückend wie es ist, dass es noch Buchhandlungen wie Calligramme und Alfred Barth AG gibt, so beglückend ist es, dass es Euren Buchort gibt!

    Antworten
  2. Pingback: H.P.Willi – Buchhandlung und Antiquariat, Tübingen | Buchort

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