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Stadtbibliothek Winterthur

 

Mehr als bloss Bibliothek

Michael Guggenheimer

Kirchplatz Winterthur. Ein guter Ort für Bücher. Da ist die „Buchhandlung am Platz“ mit ihrem ausgesucht schönen Angebot an Belletristik, nebenan befindet sich das Gewerbemuseum mit seinen Ausstellungskatalogen und Designbüchern. Nur wenige Schritte weiter ist die Stadtbibliothek in zwei Häusern untergebracht. Dass sie schon seit 15 Jahren hier sein soll, sieht man ihr auch auf den zweiten Blick nicht an. Zwei wunderbar renovierte Altstadthäuser. In einem war einst ein Lebensmittelladen, dessen alte Geschäftsinschrift auf einem Balken ist im ersten Untergeschoss noch zu sehen. Im Erdgeschoss die Zeitungs- und Zeitschriftenlesebereiche. Bequeme Fauteuils, kleine Lesetische, eine reiche Auswahl an Tages- und Wochenzeitungen und Zeitschriften. An trockenen und warmen Tagen sind die Türen zum Hinterhofgarten geöffnet, wer will, kann draussen sitzen, der Kaffee aus dem Automaten schmeckt, kalte Getränke gibt es. Und neben der Infotheke befindet sich ein kleiner Glaskasten, wo man sich mit belegten Brötchen eindecken kann.

Die Stadtbibliothek ist Teil und Hauptsitz eines Verbunds von insgesamt sieben städtischen Bibliotheken auf Winterthurer Stadtgebiet. 200 000 Bücher sind in den beiden Gebäuden des Hauptsitzes am Kirchplatz gelagert. Jedes der vier Stockwerke ist mehreren Spezialbereichen zugeordnet. Die Belletristik mit Musik CD’s und DVD’s sowie Filmliteratur im ersten Stock, die Bereiche Freizeit und Ratgeber im dritten, Geschichte und Reisen im vierten. Hat man alle Stockwerke begangen, stellt man fest, dass die Bibliothek nicht vier sondern acht Stockwerke aufweist: Im fünften Obergeschoss die Verwaltung, im ersten Untergeschoss die Kinderbücher sowie der Bibliotheksbereich mit dem Namen „Kind und Eltern“, in dem sich auch Bücher für Lehrpersonen finden sowie eine „Integrationsbibliothek“ mit Kinderbüchern in verschiedenen Sprachen sowie Sprachlernmaterialien und Informationsmittel zum Leben in der Schweiz.

Llernen im Tandem: Partner suchen

Auffallend auch eine Wand in der Bibliothek mit vielen Zetteln, auf denen Benützerinnen und Benutzer Tandempartner beim Sprachenlernen suchen: Da trägt man den eigenen Namen ein und die Erreichbarkeit, teilt mit, welche Sprache man beherrscht und gibt an, in welcher Fremdsprache man einen Gesprächs- und Lernpartner sucht. Tandempartner helfen sich gegenseitig aus beim Erlernen der Sprache ihres Gegenübers.

Im Erdgeschoss gleich beim Eingang fällt die Lesepalette auf. Lesepalette? Das sind aufeinander gestapelte hölzerne Transportpaletten wie sie bei der Bahn verwendet werden. Auf ihnen liegen Buchtitel in jeweils mehreren Exemplaren auf, es sind Bücher, von denen die Bibliothekarinnen wissen, dass sie im Gespräch sind, dass gleich mehrere Exemplare gleichzeitig ausgeliehen werden könnten. Elena Ferrante, Joel Dicker, Urs Faes, Ayelet Gundar Goshen, Urs Reichlin, Tim Krohn und Charles Lewinsky sind gerade die beliebtesten Autoren der Lesepalette.

„tiefrot“ heisst das zweite Untergeschoss. Hier befindet sich der Veranstaltungssaal der Bibliothek, wo regelmässig Lesungen stattfinden.

Etwas Besonderes ist das zweite Stockwerk mit der Bezeichnung „Makerspace“: Eine Frau sitzt an einer Nähmaschine und lässt sich zeigen, wie man mit der Maschine arbeitet. Zwei Männer erhalten Erläuterungen, wie sie am Computer mit dem Programm Filemaker Listen anlegen könnten, ein Besucher ist daran, mit einem 3D-Drucker das Modell eines Hauses zu erstellen, eine ältere Frau lässt sich zeigen, wie man Bücher auf einen E-Reader laden könnte, zwei Männer sind daran, eine Homepage und Visitenkarten zu produzieren. Makerspace bietet Zugang zu neuen Technologien und neuen Fertigkeiten: Die Mitarbeitenden der Bibliothek helfen den Besuchern beim Einstieg. Im Makerspace befinden sich ein 3D-Drucker, ein Schneideplotter, eine Nähmaschine, ein Laminiergerät, zwei Computer zum Digitalisieren von analogen audiovisuellen Medien, Lego Technic sowie diverse Angebote im Bereich Robotik. Hier stehen mehrere Arbeitsplätze mit und ohne Computer zur Verfügung. An deutschen und niederländischen Bibliotheken finden seit geraumer Zeit die ersten Experimente mit offenen Kreativräumen, sogenannten Makerspaces, statt. Die Stadtbibliothek Winterthur ist die erste in der Schweiz, die eine Makerspace eingerichtet hat. Makerspaces sind offene Räume, in denen Besucher kreativ an physischen Objekten arbeiten. Es sind Räume für neue Ideen und Do-it-yourself-Projekte. Der Makerspace, auch FabLab (Fabrication Laboratory) genannt, ist quasi der Hobbykeller des digitalen Zeitalters. Die Werkzeuge sind nicht mehr Säge und Holz oder Schere und Stoff, sondern Laser-Cutter und 3-D-Drucker. Die neuen Räume dienen vor allem auch der Vernetzung. Man tüftelt nicht mehr allein im Verborgenen vor sich hin, sondern experimentiert gemeinschaftlich mit neuen Techniken, tauscht Erfahrungen aus und findet Mitstreiter.

Sammlung Winterthur

„Sammlung Winterthur“ heisst ein spezieller Bereich der Bibliothek im vierten Stockwerk, wo sich Buchpublikationen und Bildmaterial zur Geschichte und Gegenwart der Stadt befinden. Ein Mitarbeiter steht hier am „roten Tisch“ Besuchern zur Verfügung, die sich für Aspekte des Lebens in der Stadt einst und jetzt interessieren. Auf dem „roten Tisch“ sind jeweils die „Originale des Monats“ zu sehen. Im Hinblick auf das Zwinglijahr 2018 sind es neun alte Bibeln. Mit weissen Archivarhandschuhen ist es erlaubt, sich durch die Bibeln zu blättern. Die offene polyglotte Bibel aus dem Jahr 1599 aus der Druckerei des Orientalisten Elias Hutter in Nürnberg ist zwölfsprachig von Syrisch und Hebräisch über Deutsch und „Bohemisch“ bis zu Dänisch und Polnisch. Ältestes Exemplar der kleinen Ausstellung ist eine Biblia latina aus dem Jahr 1495 aus Basel. Umgeben ist der Bereich „Sammlung Winterthur“ von einer Installation ehemals verwendeter Zettelkataloge, die sich in die Höhe erheben. Seit 1983 werden alle Bücher der Bibliothek im elektronischen Katalog erfasst, die alten Kataloge sind noch vorhanden und können durchaus noch gebraucht werden.

Reichhaltig ist das Veranstaltungsprogramm der Bibliothek. Von Krimilesungen bis zu einem „Café littérarire“, an dem in französischer Sprache Novitäten vorgestellt werden, von einem interkulturellen Gesprächstreff bis zu einem Angebot mit dem Titel Schreibhilfe“, bei dem Unterstützung beim Ausfüllen und Korrigieren von Briefen und Bewerbungen geboten wird. Und um zu zeigen, wie breit die Palette der neuen Bücher der Winterthurer Bibliotheken ist, präsentieren die Bibliothekarinnen und Bibliothekare aller sieben Bücherorte der Stadt auf der Rückseite ihres Halbjahresprogramms in kurzen Texten ihre Lieblingsbücher der vergangenen Monate.

Stadtbibliothek Winterthur
Obere Kirchgasse 6
8401 Winterthur
T: 052 267 51 48
bibliotheken.winterthur.ch/stadtbibliothek

 

Schritt in die Zukunft

Heinz Egger

Das Mädchen öffnet seinen farbigen Rucksack, zieht ein Bilderbuch heraus und legt es auf das Förderband. Es erreicht mit den Augen gerade die Höhe des Bandes. Alsbald verschwindet das Buch im Schlund des Rücknahmeautomaten. Ein zweites Buch folgt, dann eine Kassette. Die kommt allerdings zurück. Das will das Mädchen nicht verstehen und legt sie erneut aufs Band. Und wieder kehrt sie zurück. Die Mutter sieht es und hilft. Drei Rücknahmeöffnungen gibt es, jene ganz rechts ist für Medien vorgesehen.

Der Automat steht in der Eingangsschleuse zur Bibliothek. Man kann ihn wegen seinem leuchtenden Lindengrün nicht übersehen. Links davon stehen die Kästchen für Rucksäcke, Mappen und Taschen mit Münzschloss, nach rechts geht es ins Bücherparadies.

Über fünf Stockwerke erstrecken sich die Angebote der Bibliothek. Die neu in die beiden Altstadthäuser eingebaute Treppe führt an einer Bruchsteinmauer entlang. Zwei leuchtend blaue Bänder ziehen den Blick nach oben. Darauf sind weisse Buchstaben aufgebracht. Die Zeichen scheinen wild durcheinander, aber sie formen doch Wörter, beispielsweise kreuz, quer, Zettel.

Unter dem Dach stehen in verzinkten Gestellen Sachbücher vom Reisen bis zur Geschichte, von sozialen Fragen bis Religion und Philosophie. In der Abteilung „Mann + Frau“ steht in einem leeren Gestell ein Steller mit der Aufschrift: „Die Abteilung Mann + Frau ist gerade in Bearbeitung. Bei Fragen wenden Sie sich bitte ans Desk-Personal.“ Unter den weiss gestrichenen Balken stehen auch die Zettelkataloge.

Pflanze im Zettelkasten

Die Schubladenstöcke sind zu Türmen aufeinander gestellt. Einige Schubladen tragen ein rotes Schild „Bedienen Sie sich“, sind aber leer. In einer Schublade steht eine Pflanze, deren grüne Arme einen schönen Busch ergeben. Dahinter steht auf einem gelben Schild: „How to work better – 2: Know the Problem.“ Ein Steller weist auf den Gebrauch der Zettelkataloge hin. Schubladen mit weissen Schildern gehören zum Autorenkatalog, jene mit gelben zum Schlagwortkatalog. Eine Recherche darin ist immer noch zielführend für jene Bücher, die nicht im elektronischen Katalog aufgeführt sind. Solche gibt es, auch wenn seit 1983 neue Titel nur noch elektronisch erfasst werden.

Auf dem gleichen Stock findet sich die Sammlung Winterthur. Dazu steht auf der Bibliothekswebsite: Die Sammlung Winterthur umfasst Winterthurer Chroniken, Urkunden und andere Dokumente aus der Zeit des 15. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Zum Sammelgebiet gehören auch Briefe, Manuskripte sowie Nachlässe und Archive aus dem kulturellen Umfeld der Region Winterthur. So sind in den Sammlungen etwa Briefe Joseph Roths und Gedichte Hermann Hesses, aber auch das Archiv des Eisenbahner-Gesangsvereins Winterthur zu finden.

Polyglotte Bibel von 1599: 12 Sprachen

Auf einem Tisch liegen einige Schätze der Sammlung auf. Es sind frühe Drucke. In den Büchern stecken Zettel mit einer Nummer, die auf Erklärungen auf Blätternverweisen. So liegt da eine polyglotte Bibel zusammengestellt von Elias Hutter in Nürnberg 1599. 12 Sprachen enthält sie! Allerdings hatte Hutter keinen Erfolg mit seinem Lebenswerk. 1604 ging er bankrott. Das Blättern in den Büchern ist erlaubt. Weisse Baumwollhandschuhe liegen bereit.

Grösszügige Raumverhältnisse im historischen Haus

Unter den Dachfenstern stehen Arbeitstische. Junge Leute sitzen daran vor ihren Computern. Auf jeder Etage befinden sich Arbeitsplätze, aber nicht nur. Auch bequeme Sitzgelegenheiten gibt es, auf die man sich fürs Stöbern in Büchern zurückziehen kann. Den jungen Erwachsenen ist ein eigener Raum reserviert. U21 steht angeschrieben. Auf dem Salontisch, der aus Paletten gefertigt ist, weist ein Steller darauf hin, dass dieser Raum für Leute unter 21 Jahren reserviert ist. Gleiches gilt im Untergeschoss für die „12plus“ und die ganz jungen Leseratten.

Makerspace: Digitalisierung

Auf den ersten Blick ist die Stadtbibliothek eine konventionelle Bibliothek. Allerdings geht sie weit über das Angebot von Büchern, Filmen, Hörbüchern und Musik-CDs hinaus. Es gibt ein eigenes Abonnement für die elektronische Bibliothek. Im Raum der U21 steht ein E-Piano, auf dem die Musiknoten gleich ausprobiert werden können. Und auf dem zweiten Stock sind alle Tüftler mit Bibliotheksausweis willkommen. Im Makerspace können digitale Technologien kennengelernt und angewandt werden. So gibt es dort Digitalisiergeräte für analoge Medien, einen 3D-Scanner, einen Schneideplotter, einen 3D-Drucker sowie eine vollelektronische Nähmaschine. Weiter gibt es umfangreiches Material zur Robotik.

Lesefauteuils

Die Stadtbibliothek sucht nach der Bedeutung der Bibliothek in der Zukunft. Wenn früher die Leseförderung im Vordergrund stand, geht es heute darum, die digitale Welt verständlich zu machen. Das Lesen ist dabei immer noch wichtig. Daher bietet die Bibliothek Wege an, schon Kinder ab 12 Monaten ans Buch heranzuführen. Verschiedene Abteilungen des Kibiz – Kinder im Bibliothekszentrum – bieten Lesestoff vom Kleinkind bis zum jungen Erwachsenen an. Die Bibliothekspädagogik wendet sich an Erziehende und die Kinder selbst. Zudem beherbergt die Stadtbibliothek die sogenannte Integrationsbibliothek ib, die Lesestoff in Englisch, Kroatisch, Serbisch, Französisch, Portugiesisch, Italienisch, Albanisch, Türkisch, Arabisch und Tamilisch für jedes Lesealter und besonders das Lernen der deutschen Sprache bietet.

 

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