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Bibliothek Andreas Züst, Alpenhof, Oberegg (AI)

 

Bücherarche mit Aussicht

Michael Guggenheimer

Das Hotel Alpenhof beherbergt die Bibliothek Andreas Züst

Es gibt wohl wenige Buchorte, zu denen eine so schöne Publikation erschienen ist. „Alpenhofalpenhof“ heisst die Publikation, in der ein Schriftsteller, eine Bibliothekarin, ein Verleger, ein Literaturwissenschaftler, ein Dramaturg, ein Architekt, eine Kunsthistorikerin und weitere künstlerisch tätige Personen sich über einen sehr speziellen Buchort äussern. Der Buchort liegt in einer Innerrhoder Enklave, die vom Kanton Appenzell Ausserrhoden umschlossen ist. Fünfländerblick nennt man den Ort auch, der eigentlich St.Anton heisst. Fünf Länder weil man von hier aus in die Weite blicken kann und Deutschland, Österreich, Liechtenstein und die beiden Halbkantone Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden sieht. Hoch oben auf 1100 Metern über Meer liegt das Gebäude mit Blick auf das weit unten gelegene St.Galler Rheintal, auf den Säntis und auf den Bodensee. „Panoramaherberge“, „Kulturfrachter“, „Bücherarche“, „Sternwarte 2016“ und „Postautostation“ wird das Haus im Alpenhofprospekt benannt. Unter jedem der 37 von der Strasse her sichtbaren Fenstern steht ein Wort, es sind wohl Bezeichnungen von Menschen, die man sich im Haus als Gäste wünscht: Archivar, Fantast, Städter, Flüchtling, Abenteurer, Anthropologin, Flaneur, Geniesserin, Wanderer, Heldin, Autor, Fotografin, Leser, Amateur, Astronom. Sprachspiellust muss die Initianten dieses Hauses getrieben haben.

„Der Alpenhof ist ein inspirierender Rückzugs- und Arbeitsort mit Raum für Austausch und Erholung“, heisst es im Prospekt. Einfache und doch sehr schöne Gästezimmer, Arbeitsräume, Terrassen weist das Haus auf. Hier kann man sich wunderbar zurückziehen, für Arbeitstage in einer Gruppe oder für Probentage. Oder man begibt sich hierher, einfach um Ferien zu machen. Das ganz Besondere ist die Bibliothek des Hauses. Sie erstreckt sich über zwei Stockwerke und weist auf engstem Raum etwas mehr als 10 000 Bände auf. Es ist die einstige Privatbibliothek von Andreas Züst, eines Mannes mit breiten Interessen, eines Künstlers und Privatgelehrten, der viel zu früh gestorben ist und Bücherberge hinerlassen hat.

Zwei Stockwerke mit einem besonderen Ambiente, zwischen den Büchern immer wieder kleine Objekte, kleine Bilder und schöne Buchumschläge, einige Bücher hinter Glas und Schloss, es sind die besonders wertvollen. Der Ort animiert. Wie schön wäre es doch, hier einfach lesen zu können. Stundenlang. Tagelang. Man möchte sich in dieses Haus zurückziehen können, ein Zimmer belegen, immer wieder die Treppe hinaufgehen, die Bibliothek aufsuchen, aus einem der Büchergestelle ein Buch herausholen, um sich entweder im oberen Bibliotheksraum lesend zu installieren, sich auf dem Balkon an einem der farbigen Tische hinsetzen oder sich wieder in eines der Räume zurückziehen um zu blättern und zu lesen. Ob sich Andreas Züst, der alle diese Bücher erworben hat, genügend Zeit genommen hat, um seine Bücher zu sichten, ihren Inhalt kennenzulernen? Im Alter von 53 Jahren ist er gestorben, weshalb man geneigt ist zu sagen, dass der Sammler dieser Bücher gerne noch lange gelesen hätte.

Schmale Gänge zwischen den Bibliotheksgestellen aus Holzkisten

Die Züst-Bibliothek ist eine Bibliothek für Entdecker, für solche, die Bücher lieben und sich überraschen lassen wollen. Die Bibliothek ist keine Forschungsbibliothek. Auf der Homepage des Alpenhofs heisst es, sie sei eine Sammlung von Trouvaillen und Trash. Ihre Spezialisierung bleibt denn auch immer etwas an der Oberfläche. Rainer Stöckli, Germanist und Literaturwissenschaftler, selber Besitzer einer grossen, literarisch ausgerichteten Privatbibliothek, nannte Andreas Züsts Bibliothek einst „ein Mausoleum“ und charakterisierte sie als „eine so reichhaltige wie disparate Bücherei“. Denn auch wenn Literatur zu Polarexpeditionen, zur Vulkanologie, Wetterkunde, zu UFOs, Raumfahrt oder Fotografie reichlich vorhanden ist, so klar ist, dass in den letzten 15 Jahren nur wenige neue Publikationen hinzugekommen sind. Und weil der im Jahr 2000 verstorbene Gründer der Bibliothek ein unglaublicher, ja gewiss auch manischer, Sammler von Publikationen, Schallplatten, Fotos, Zeitschriften, Büchern, Kunstwerken war, weist die Bibliothek im Alpenhof eine grosse Breite auf. Man geht in der Bibliothek von Regal zu Regal und würde gerne Andreas Züst kennenlernen, mehr von ihm wissen: Was war das für ein Mensch, der sich offenbar für fast alles interessierte, der offen war für wissenschaftliche Themen sowie für Kitsch. Was ist einem solchen Sammler bei der Durchsicht der eigenen Bücher und der anderen Sammlungen haften geblieben?

Seit 2013 befindet sich die frühere Privatbibliothek von Andreas Züst im Alpenhof. Die Besondere an den Büchergestellen: Sie bestehen aus Frachtkisten aus Holz, die in Massarbeit in den beiden Räumen eingefügt wurden. Manche Gänge dieser Bibliothek sind so schmal, dass man sich in ihnen nur seitlich bewegen kann. Will man sich in einem solchen schmalen Gang die Büchertitel der ganz unten im Regal stehenden Bücher anschauen, muss man sich auf den Boden hinlegen, anders lassen sich die Titel nicht entziffern. Geordnet sind die Bücher systematisch, Plinio Bachmann hat in mühsam langer Arbeit eine Systematik in die Bestände gebracht. An den beiden Eingängen zur Bibliothek ist eine Grafik angebracht, eine Art Geografie der inneren Bücherlandschaften: Architektur, Musik, Film, Naturwissenschaften, Literatur, Politik, Völker, Länder, Reisen.

Man geht von Gestell und Gestell und entdeckt Erich Kästners Drei Männer im Schnee, Kieseritzkys „Kleiner Reiseführer ins Nichts“. Zwei Bücher, die durchaus hierher passen. Denn im Winter kann in St.Anton viel Schnee liegen. Und nach zwei Stunden Rundgang durch die Bibliothek hat man den Eindruck, die Reise durch die Titel dieser Bibliothek führe überallhin und zugleich ins Nichts. „Wer sich zu Recherchen in dieses Labyrinth wagt, dem droht rettungslose Inspiration“ steht auf einer Tafel im Haus. Neben Schweizer Belletristik wohnen in der Bibliothek Bücher von so wunderbaren Autoren wie Paul Parin, Vilém Flusser, Martin Kippenberg und Susan Sontag. Warum nicht „Die Weissen denken zuviel“ lesen und dann frühe Bücher über die deutschen Kolonien Kamerun und Namibia? Mal sich alle gelben Taschenbücher der Reihe rororo aktuell der 68er Jahre anschauen und dem nachgehen, was heute so anders ist als damals. Lion Feuchtwangers Buch Moskau aus dem Jahr 1937 findet sich da. Und passend zu dieser Bibliothek der Band „La réalité dépasse la fiction“. Sollte das Wetter während eines mehrtägigen Aufenthalts im Alpenhof schlecht sein, dann greife man doch zu einem der Wetterbücher wie „Wo findet denn das Wetter statt?“ oder „Weather Analysis and Forecasting“.

Bibliothek Andreas Züst
Alpenhof, St. Antonstrasse 62
9413 Oberegg (AI)
T: 071 890 08 04
bibliothekandreaszuest.net/

 

 

Überraschungen

Heinz Egger

Als Erstes werden Sie die Aussicht geniessen. St. Anton, ein Weiler, der zu Oberegg gehört, liegt auf 1100 Metern über Meer. Wenige Gebäude, stehen auf einem Hügelzug, der gegen das Rheintal abfällt. Am Fuss liegt Altstätten. Die Sicht ist einmalig: rechts der Säntis und der Hohe Kasten, dann die Ebene mit dem Rhein, Feldkirch, die Hügel und die Berge des Bregenzer Waldes.

Eine einfache Sitzbank aus Bauabsperrbrettern mit dem Namen Züst darauf

Als Zweites werden Sie über die moderne, hölzerne Fassade staunen und unter den Fenstern spannende Stichworte finden: Flaneur, Geniesserin, Nachtmensch, Schwärmer, Leser. Viele davon passen genau zum Vorhaben, nämlich im Hotel Alpenhof zu übernachten.

Als Drittes werden Sie feststellen, dass hinter der modernen Fassade ein über einhundert Jahre altes Gebäude steht. Es ist das 1899 gegründete Hotel Alpenhof, das seither fast ununterbrochen als Hotel und Kurhaus genutzt worden ist. Es wurde auch innen sorgfältig renoviert.

Als Viertes werden sie sich sofort in die hellen, einfachen Zimmer verlieben. Strahlend weisse Bettwäsche, ein Nachttisch, ein Stuhl, ein Tisch. Viel Holz. Und wieder die Aussicht aus dem Fenster! Allerdings sind die sanitären Anlagen immer noch auf der Etage, das ist dem alten Haus gezollt.

Das ist eine Umgebung, in der sich in Ruhe sein, kleine Wanderungen unternehmen oder gemütlich im Lehnstuhl sitzen und lesen lässt. Ein eigenes Buch mittragen? Nicht nötig. Und das ist die fünfte Überraschung: Im Haus hat die Privatbibliothek von Andreas Züst nach mehreren provisorischen Orten einen festen Platz gefunden. Über 10‘000 Bücher sind feinsäuberlich in Holzkisten eingereiht. Die Kisten sind aus dem gleichen Schichtholz gefertigt wie die Wände im renovieren Alpenhof. Es gibt drei Modelle, die wie Module zu ganzen Bücherwänden zusammengestellt werden können. Über zwei Etagen erstreckt sich die Bibliothek.

Vom Boden bis zur Decke reichen die Kistenwände und jede Kiste ist voll. Im unteren Stock ist es eng, gerade eine Person kann in den schmalen Gängen zwischen den Kistenstapeln stehen. Einige der Kisten sind verglast, haben Schiebetüren und ein Schloss. Eine massive Holztreppe verbindet die beiden Etagen. Im oberen Stock gibt es einen etwas grösseren Raum mit Fenstern zum Wald, Sitzgelegenheiten und einem Arbeitstisch.

Aus der Polarsammlung, ein Seehund

Andreas Züst lebte von 1947 bis 2000. Er war, wie auf der Website www.andreaszuest.net zu lesen ist, Fotograf, Maler, Kunstsammler, Nachtschwärmer, Verleger, Filmproduzent, Bibliomane, Naturwissenschaftler und Mäzen. Neben der grossen Privatbibliothek hinterliess Andreas Züst eine umfangreiche Sammlung an Kunst aus den 70er bis 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, eine Tonträgersammlung, eine Polarsammlung und eine grosse Menge eigener Arbeiten.

Die Privatbibliothek ist heute durch einen Katalog erschlossen und ist auch über das St. Galler Bibliotheksnetz SGBN abrufbar. Am Anfang einer Abteilung steckt ein schwarzer Einschub mit dem Namen im Holzkasten. Zwischen den Büchern ragen schwarze Einstecker mit weisser Aufschrift für die Gliederung innerhalb eines Themas heraus. So findet sich auch jemand schnell zurecht, der nicht auf den Katalog zugreifen kann. Immer wieder finden sich graue Einstecker. Diese weisen darauf hin, dass ein Buch zu mehr als einer Abteilung gehört. Die Einstecker geben Auskunft, wo das Buch sich befindet. Rasch wird klar, dass Andreas Züst gesammelt hat, was ihn interessierte, dass also kein eigentliches Konzept der Bücherei zu Grunde liegt. Ein Blick auf die beiden Pläne der Stockwerke – der eine ist auf die Eingangstüre aufgebracht, der zweite auf die Wand am Ende der Treppe – zeigt wie breit die Themen sind: Architektur, Film, Musik, Comic, Literatur, Naturwissenschaften, Völker, Länder, Reisen, Politik, Kunst, Philosophie, Zeitschriften und Fotografie. Die Bibliothek enthält Weltliteratur genauso wie Triviales, Ernstes wie Humorisitisches, Wissenschaftliches wie Spekulatives.

Die Literaturabteilung ist gross. Die eingesteckten Schilder zeigen, aus welchen Sprachgebieten die Bücher stammen: Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Holländisch, Skandinavisch, Isländisch, Polnisch, Tschechisch, Rumänisch, Türkisch, Arabisch, Persisch, Indisch, Chinesisch, Japanisch, Afrikanisch. Es gibt nur wenige französische und englische Bücher. Der grösste Teil ist Deutsch.

Die Sammlung an Kunstbüchern beeindruckt. Da fehlt wohl kein berühmter Name. Und mancher Künstler ist gross vertreten. So stehen da 14 Bücher über Marcel Duchamp und 25 über Picasso.

Eine besondere Abteilung heisst „Menschliches / Allzumenschliches“. Die Schilder der Unterabteilungen lassen einen schmunzeln. Da findet sich beispielsweise „Alternative Weltbilder“, „Ausserirdische“, „Drogen“ mit Büchern zu Hanf, Cannabis, Opiaten, Kokain, Halluzinogenen und anderen Substanzen, „Das Weib“ mit etwa 1.5 Metern Buchrücken, „Humor“.

Als Hotelgast hat man immer Zugang zur Bibliothek, den Nur-Bibliotheksbesuchern hingegen stehen die Türen jeweils am Samstag von 13 bis 16 Uhr offen.

Und das ist die sechste Überraschung: Wenn Sie vor lauter Staunen über alles Gesehene gleich etwas schreiben wollen, dann gibt es verschiedene Hash-Tags auf Twitter, die Sie bedienen können. Sie finden Sie über dem Arbeitstisch im oberen Stock. Wenn Sie sich erst später in einem maximal 1000 Zeichen langen Text, der zusätzlich zwei bis drei Bilder enthalten soll, äussern wollen, ist auch das möglich. Senden Sie Ihren Gastbeitrag an info@bibliothekandreaszuest.net. Der Beitrag wird redigiert und unter „Journal“ der Bibliothekswebsite publiziert.

 

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