Chinderbuechlade Bern

Nicht nur Kinderbücher

Michael Guggenheimer

Der Rabe schnappt den Buchstaben C

Würde ich in Bern wohnen, ich würde mit meinen Enkelkindern vom Bahnhof aus der Strassenachse entlang am Bundesplatz und am Zytglogge Turm vorbei stets auf der rechten Gassenseite bis zur Brücke über die Aare gehen, um noch vor der Brücke beim Nydeggstalden die Strasse zu überqueren und dann unter den Lauben auf der rechten Seite der Gerechtigkeitsgasse wieder ansteigend zu spazieren. Es würde zum Ritual gehören, diesen Spaziergang mehrmals im Jahr zu wiederholen. Bis dorthin, wo der schwarze angemalte Rabe überm Laubenbogen den Buchstaben c anknabbert. Der Chinderbuechlade wäre unser Ziel.

Mein Enkelkinder würden sich beim Betreten des Ladens sofort von mir lösen. Das jüngere Enkelkind würde eiligst im Ladeninnern die Treppe zum Untergeschoss hinuntersteigen, wo die grossformatigen Bilderbücher sind, das ältere Enkelkind würde sich hinten im Laden auf einem der beiden Stühle den Lesebüchern zuwenden. Und ich? Die sechs Damen vom Chinderbuechlade scheinen, uns Erwachsene gut zu kennen: „Wir sind leidenschaftliche Bilderbuchbetrachterinnen, Kinderbuchleserinnen, Jugendbuchleserinnen, Romanleserinnen und kennen uns aus, wenn es um Unterrichtsmaterial und pädagogische Literatur geht,“ heisst es auf der Homepage des Kinderbuchladens. Nicht alle Eltern und Grosseltern verweilen sich nämlich lange bei den Kinderbüchern. Da ist man froh darum, dass die Buchhändlerinnen um Inhaberin Ruth Baeriswyl auch Bücher für Erwachsene mögen. Gleich nach der Eingangstüre und bei der Kassentheke findet sich nämlich eine gute Auswahl an Büchern für Erwachsene: „Karl Marx. Ein radikaler Denker“, Irene Disches „Zwischen zwei Scheiben Glück“, Yuval Noah Hararis „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, eine Biografie von Simone de Beauvoir, das neue Buch von Margriet de Moor. Ich setze mich ins Schaufenster in den rosafarbenen Patchwork- Sessel und fange an zu lesen, vergesse die beiden Enkelkinder, die mich ebenso vergessen haben, weil sie in den Büchern weilen, wieder je zwei Bücher auswählen dürfen.

Nach etwa dreiviertel Stunden habe ich mich für ein Buch entschieden, lege das Buch auf die Kassentheke und mach’ mich auf die Suche nach den beiden Kindern. Die Buchhandlung gleicht im oberen Stockwerk einem langen, schmalen Gang. Neonleuchten an der Decke, ein gelber Linoleumboden, weisse Büchergestelle zu beiden Seiten. Gleich zu Beginn nach den Büchern für uns Erwachsene die Jugendbücher. Eine reiche, sehr reiche Auswahl, gut sortiert nach Altersstufen. Wenn da Jugendliche keine Lektüren finden, dann sind sie als Leser verloren, gehören sie zur Generation der Handykurzleser. Ganz hinten und vor dem Büro des Kinderbuchladens Bücher nach Sachthemen aufgeteilt. Vielfältig die Themen: Mensch, Geschichte, Umwelt, Technik, Natur / Tiere. Nicht nur Bücher für Kinder und Jugendliche. Wäre ich ein handwerklich begabter und phantasievoller Grossvater, ich würde mich vertiefen in die Bücher der Sparten Gestalten / Werken, Vorlesen / Märchen, Liederbücher.

Ich muss keine Kinder mehr erziehen. Und ich arbeite auch nicht in einem Kindergarten oder als Lehrer. Dennoch fasziniert mich das Angebot an Büchern für Eltern und für Pädagogen, die sich mit Erziehungsfragen befassen: Aufklärung, Ernährung, Erziehung, Familie, Scheidung, Körper, Prävention, Rechnen, Mathe, Grammatik, Texte schreiben, so lauten einzelne sehr gut bestückte Themenbereiche. Und wer unterrichtet, der findet Bücher, die sich in der Schule oder gar schon im Kindergarten einsetzen liessen: Dinosaurier, Drachen, Steinzeit, Alte Kulturen, Mittelalter, Verkehr, Zoo. Der Chinderbuechlade ist ein Eldorado nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für alle jene, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.

Lustige Wesen schauen von den Gestellen: ein Rabe, ein Elch mit goldenem Geweih und ein Prinzessin mit drei goldenen Herzen

Von ganz oben in den Bücherregalen lugen immer wieder Spielzeugtiere auf die Besucher des Ladens. Ein Hase mit sehr langen Ohren, ein grosser schwarzer Rabe, ein Elch mit goldenem Geweih, eine Fledermaus und kleine Hasen. Bei einem Tier kann ich mich nicht entscheiden: Ist’s eine Disneyversion eines Hasen? Ich steige die grellgrün bemalte Treppe zum Untergeschoss hinunter und befinde mich in einer anderen Welt: Ein Tonnengewölbe, eine Art Altstadtkeller, der doch nicht auf Kellerniveau ist. Ein grüner Noppenboden, eine helle Lampengirlande, leuchtend hellgrün bemalte Gestelle und Bilderbücher zu beiden Seiten des Raums. Ein Vater sitzt auf einem Stuhl, er sucht für seine Tochter zwei Bücher.

Im Untergeschoss, kindergerechte, niedrige Gestelle

Und nebenan kniet ein Grossvater vor einem tiefen Büchergestell, dessen Höhe kindergerecht ist, um für zwei Enkelkinder Bilderbücher auszusuchen. Keine leichte Aufgabe, wenn man sieht, wie sechs bis sieben verschiedene Buchtitel in den leicht schrägen Gestellen hintereinander lagern. Man könnte stundenlang anschauen und suchen. Und man ist froh darüber, dass zwei Buchhändlerinnen, die sich mit Kinderbüchern auskennen, zwischendurch fragen, ob sie bei der Wahl eines Buchs helfen sollen.

Würde ich in Bern wohnen, ich würde mit meinen Enkelkindern mehrmals im Jahr den Chinderbuechlade aufsuchen. Nun wohne ich aber nicht in Bern. Meine Enkelkinder leben in St.Gallen und Zürich. Ich bin mit ihnen schon mehrfach in St.Gallen in die Buchhandlung zur Rose gegangen, wo sie sich Bücher aussuchen durften. Mittlerweile habe ich einen Weg gefunden, wie ich sie dazu ermuntern kann, die Buchhandlung ohne mich aufzusuchen: Sie gehen selbständig in die Buchhandlung, wählen sich ihre Lektüren aus und lassen die Bücher aufschreiben. Einmal im Monat kommt die Rechnung zu mir.

Übrigens. Der Chinderbuechlade Bern ist dieses Jahr zur „Buchhandlung des Jahres“ in der Deutschschweiz gewählt worden. Die Buchhandlung zur Rose in St.Gallen war vor einem Jahr ausgezeichnet worden!

Chinderbuechlade Bern
Gerechtigkeitsgasse 26
3011 Bern
T: 031 311 15 89
www.chinderbuechlade.ch

 

Nie mehr ohne

Heinz Egger

Herr Rabe steht in seinem schwarzen Frack auf den Buchstaben -er- des Ladennamens und schaut auf die Passanten in der Laube hinab. Gelegentlich pickt er am kleinen C des Wortes Buch. Viele eilen, wenige haben Zeit zum Verweilen. Dabei sind sie gerade vor einer Buchhandlung: Sie ist vom Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband sogar zur Buchhandlung des Jahres 2018 gewählt worden. So kündet es dezent eine Urkunde im Schaufenster und ein halbtransparenter Aufkleber auf der Scheibe an.

Blick durch den langen oberen Raum, links die rote Theke

Der Chinderbuechlade ist schmal, eben so breit wie ein Altstadthaus. Er erstreckt sich durch das ganze Haus und auf zwei Etagen. Auf der Eingangsebene befindet sich die rot-weisse Theke und ganz hinten, durch eine Fensterwand abgeschirmt ein kleines Büro.

Eine grüne Treppe führt in den unteren Stock hinab. Darauf gleite ich zuerst einmal aus und komme mit dem Schrecken davon. Ich hätte halt den Handlauf festhalten sollen, denke ich. Unten, wohl in einem ehemaligen Keller, ist ein Tonnengewölbe. Der Boden ist mit grünem Kunststoff belegt, seine Oberfläche gleicht Legosteinen. Er ist etwas abgetreten. Es gibt auch eine Türe hinaus auf die Gasse. Allerdings dient sie nicht als Ein- und Ausgang. Es ist hell und freundlich. Eine treppenartige, runde Spiel- und Leseecke mit farbigen Kissen lädt kleine und grosse Leute ein, sich in die Bücherauswahl zu vertiefen. Wenn Kinder Erwachsene beim Suchen eines geeigneten Buchs nicht begleiten wollen, finden sie in einer Kiste einige Bücher zum Ansehen. In der Spielecke hängt auch der grosse Radiator, so dass auch im kältesten Winter dort behagliche Wärme herrscht. Dass die Luftfeuchtigkeit im Raum teilweise erhöht ist, zeigt der abblätternde Putz unter dem Radiator. Bestimmt wollen viele kleine Besucherinnen und Besucher in die hölzerne Schaukel aus dunklem Sperrholz einsteigen, um sich etwas wiegen zu lassen. Die Kufen laufen lautlos und rutschfest auf Gummischlauch.

Bilderbücher im Untergeschoss

Den Wänden entlang stehen hellgrüne Gestelle und die Raummitte nimmt eine Bücherinsel ein, unter der es schön Platz für Pakete, wohl mit Büchervorräten hat. Alles Bücher für kleine Kinder mit Kartonseiten oder wenigstens festem Papier sehe ich. Bilderbücher, Wimmelbücher, Bücher mit wenig Text. Alte Bekannte wie Tomi Ungerers „Cricot, die gute Schlange“, „Die drei Räuber“ und „Adelaide, das fliegende Känguruh“. Unzählig sind die Titel. Sie stehen, das Cover zeigend in den Gestellen. Aber sie verdecken einander, denn mehrere sind übereinander gelegt und nach Titel alphabetisch eingeordnet. Rechts vom verschlossenen Ausgang gibt es einen Arbeitsplatz. Natürlich werde ich schnell gefragt, ob ich Hilfe brauche. Mein Nein gibt mir die Möglichkeit, die in Ruhe mich umzusehen und mir vorzustellen, was wohl meine Enkel gerne in den Händen hätten. Eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn kommt herunter. Als sie neben mir steht, frage ich den Buben, ob er eine Leseratte sei. Er dreht seinen Kopf weg, aber die Mutter sagt schnell: „Ja, ist er schon.“

Ich bin gerade in ein Buch vertieft, in dem immer etwas gesucht werden muss, weil es nicht am richtigen Platz ist. In der Werkstatt, in der Garage, in der Küche – und immer gibt es so viele Dinge zu benennen. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als die deutsche Mitarbeiterin von ihrem Arbeitsplatz aus ruft: „Kommen Sie klar mit Ihrem Buch für die Enkel?“ Ja, ich komme klar. Ich glaube, dass dieses Buch meine älteste Enkelin interessieren wird. Sie beginnt nun zu sprechen und sie will wissen, wie was heisst.

Plötzlich höre ich wieder eine Stimme, aber eine andere. Sie scheint von oben zu kommen. Ich blicke mich nochmals um und entdecke die Öffnung über der Tür und einem Teil des Arbeitsplatzes. Ein einfaches Kommunikationsfenster.

Ich klemme mir das Buch unter den Arm und steige, mich diesmal festhaltend, wieder hinauf. Mich zieht es zum Eingang des Ladens. Dort gibt es eine hübsche Sitzecke im Schaufenster. Gelber Boden, niedriger Fauteuil, ein farbiger Sitzwürfel. Dort lasse ich mich nieder und schaue in den Laden hinein. Er ist recht niedrig. Eine Neonröhrenlinie verläuft von ganz vorne nach ganz hinten und erhellt den Raum. Die Gestelle sind weiss. Die Einstecker zwischen den Büchern sind rot bedruckt. Von meinem Beobachtungspunkt aus kann ich einige lesen: Gestalten und Werken, Kunst / Kulturen, Vorlesen, Kinderbuch, Erstleser, Jugendbuch, Ethik & Philosophie. Weisse Einstecker mit schwarzer Schrift differenzieren weiter. Beispielsweise bei Gestalten und Werken: Mode, Gestalten, Spiele, Künstler, Papier. Bei Kulturen finde ich Orient, Asien, Afrika, Indianer.

Eine Lehrerin wendet sich an eine der Buchhändlerinnen. Sie sucht ein Buch, über dessen Geschichte sie mit ihrer etwas schwierigen Klasse über Integration, über Miteinander statt Gegeneinander ins Gespräch kommen und Lösungen für die klasseninternen Probleme erarbeiten könne. Ein älteres Ehepaar sucht ein Buch, in dem es um die Eisenbahn gehe. Ihr Enkel wolle alles zum Wort „Tug“ wissen. Ein Kindergartenlehrer, in dessen grosser Tasche eine ganze Reihe deutlich gebrauchter Bücher steckt, fragt nach Geschichten, mit denen er Übergänge mit den Kindern gestalten und erfahrbar machen könne.

Die Buchhandlung ist auf solche Fragen vorbereitet. So gibt es in einem Gestell, was an die Bibliomedia  in Solothurn erinnert, Bücher zu angeschriebenen Themen, die im Kindergarten und in den ersten Schuljahren im Laufe des Jahres wichtig sind. Auf der Website des Chinderbuechlade gibt es eine Liste von Themen, zu denen die Buchhandlung Material zusammengestellt hat. Dazu gehören die Jahreszeiten, die Festtage und einzelne Tiere, wie Igel, Bienen und Hühner. Für die Hand der Lehrerinnen und Lehrer, aber auch für Eltern stehen zahlreiche Sachbücher für den Unterricht aber auch zu Erziehungsfragen bereit.

Und wenn Kinder ein Buch bekommen, bekommen dann Erwachsene auch eins? Sicher! Der Chinderbuechladen bietet eine Auswahl an neuester Belletristik an. Und wenn ausgerechnet am Sonntag das Buch fertig gelesen ist? Auch das ist kein Problem, denn der Chinderbuechlade ist am Sonntag über den Mittag eine Stunde offen!

 

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