Coalmine Winterthur

Das Bücherwandcafé

Michael Guggenheimer

Ein schöner Raum mit Tausenden Büchern des Suhrkamp Verlags

Es gibt Orte, die man seit Jahren kennt und über deren Namen man sich keine Gedanken gemacht hat. Coalmine Coffee & Bar in Winterthur ist ein solcher Ort. Wenige Schritte vom Winterthurer Bahnhof an der Turnerstrasse 1 gelegen, ein Café im Souterrain eines auffallenden und vornehmen Geschäftshauses aus der Jahrhundertwende des vergangenen Jahrhunderts. Ein Ort, an dem regelmässig Lesungen stattfinden. Wenn man Freunde nach der Verbindung des englischen Namens zum Café fragt, dann stellt man fest, dass auch sie sich keine Gedenken über den Namen gemacht haben, obschon sie schon häufig hier an Lesungen waren. Die Erklärung aber ist einfach: Im ehemaligen Kohlenkeller des 1905 erbauten Volkarthauses gelegen, beherbergt die Coalmine heute statt Kohle ein Café der besonderen literarischen Art sowie eine hervorragende Galerie für junge Fotografie. Das literarisch Besondere sind nicht nur die Lesungen: Eine 17 Meter lange und 15 Tablare von unten bis an die Decke hohe Wand besteht aus nichts anderem als einem Büchergestell, in dem Bücher und nochmals Bücher zu sehen sind, Bücher aus dem Suhrkamp Verlag und aus dem Insel Verlag. Ein Ordnungsprinzip nach Publikationsjahren oder nach Autoren ist hier nicht zu erkennen. Es sei denn jenes nach den einzelnen Reihen des Verlaghauses. Zwar heisst es in der Eigenwerbung des Ortes, es sei das Café mit literarischen Schätzen wie der „Suhrkamp-Gesamtausgabe“. Ganz genau trifft diese Formulierung den Sachverhalt allerdings nicht. Und dennoch besteht eine ganz besondere Beziehung zwischen dem Gebäude in Winterthur und dem Verlag, der früher seinen Sitz in Frankfurt hatte und heute in Berlin domiziliert ist.

Im Jahr 1950, zu einer Zeit, in der sich die neu gegründeten deutschen Buchverlage in einer ökonomisch schwierigen Lage befanden, hatte der in der Schweiz wohnhafte Schriftsteller Hermann Hesse zwischen seinem Verlag und der mit ihm befreundeten Winterhurer Familie Reinhart eine Verbindung hergestellt, aus der eine langjährige Partnerschaft entstanden ist. Reinharts Firma war durch den weltweiten Handel mit Kaffee, Baumwolle und Medikamenten gross geworden. Verleger Peter Suhrkamp hatte Werke von Autoren wie Hesse, Bert Brecht, G.B. Shaw, T.S. Eliot, Max Frisch, Theodor W. Adorno und Walter Benjamin herausgegeben. Um Peter Suhrkamp, mit dem mit der Zeit eine Freundschaft entstand, bei seinen Plänen zu helfen, beteiligte sich Georg Reinhart am Verlag, dessen Programm von Anfang an ein starkes literarisches und geisteswissenschaftliches Profil hatte. Zweimal investierte Reinhart Geld in den Frankfurter Verlag, der mit der Zeit expandierte, indem er etwa im Jahr 1963 den Insel Verlag übernahm. 1959 erschienen bei Suhrkamp erst 30 Bücher pro Jahr, im Jahr 1989 wies das Verlagsverzeichnis 800 bereits lieferbare Titel. Und weil die Familie Reinhart Teilhaberin des Verlags war, wurde jeder Buchtitel in Winterthur abgeliefert, wo heute die riesige bunte Bücherwand in der Coalmine zu sehen ist. Etwa 12 000 Titel sollen es sein, die heute in Winterthur stehen. Die genaue Zahl kennt heute niemand. Ein Katalog ist nicht vorhanden. Ebenso fehlt eine Leiter, mit der man zu den oberen Bücherreihen gelangen könnte. Zudem fehlt die Verlagsproduktion der letzten Jahre, in denen sich die Nachfahren von Peter Suhrkamp Nachfolger Siegfried Unseld mit der Familie Reinhart überworfen hatten.

Und dennoch ist die grosse Suhrkamp Bücherwand in Winterthur so besonders. Mit Ausnahme von den schön gestalteten Inselbändchen, die hinter Glas stehen, kann man hier, sofern der Arm reicht, jedes Buch aus dem Büchergestell nehmen, kann das Buch an einem der Tische lesen und sollte es wieder zurücklegen. Ein grossartiges Ensemble der Literatur der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg befindet sich hier. Die Farbigkeit der Buchumschläge von Gestalter Willy Fleckhaus leuchtet einem entgegen: Die Suhrkamp Basis Bibliothek, die Reihe st, die suhrkamp taschenbücher, die Bände der Bibliothek Suhrkamp oder der edition suhrkamp. Man steht vor der Bücherwand und begegnet Büchern, die man schon lange nicht gesehen hat. Zudem erkennt man die Nähe der Mäzenatenfamilie Reinhart zu anderen Verlagen, etwa zum Aufbau Verlag, zum Berlin Verlag und zum Verlag kein & aber sowie zum Dörlemann Verlag.

Dass nicht nur Autoren des Suhrkamp Verlags in der Coalmine ihre Werke vor Publikum vorstellen, ist der Literarischen Vereinigung Winterthur zuzuschreiben, die hier ihre Lesungen durchführt. Auf einer kleinen Bühne stehen ein Clubtisch und zwei tiefe Clubsessel. Zahlreiche Autorinnen und Autoren aus der Schweiz und aus dem Ausland sind hier schon aufgetreten. Manche unter den auswärtigen Autoren lieben den Raum so sehr, dass sie sogar etwas verschämt schon darum gebeten haben, ob sie nicht mit einem weiteren Buch hier auftreten könnten. Es gibt Autoren aus dem Ausland, die hier besonders gerne vorlesen, weil sie die häufig kulturell unterschätzte Stadt Winterthur kennen und am Tag nach der Lesung noch die Museen in Winterthur besuchen wollen. Acht bis zehn zeitgenössische Autorinnen und Autoren pro Jahr lesen in der Coalmine im Volkart Haus, das Programm der Literarischen Vereinigung erscheint zweimal jährlich. Meist finden die Veranstaltungen an Montagabenden statt. Ob eine neue Stimme der Schweizer Literatur, ein aktueller Roman einer der grossen österreichischen Schriftstellerin oder Wortkunststücke von Spoken Word Artists – in der Coalmine besteht die Möglichkeit, einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit neuer deutschsprachiger Literatur. Auch Hommagen an verstorbene Dichterinnen und Dichter oder Veranstaltungen mit Literaturwissenschaftlern gehören zum Programm. Für den konkreten «Lesestoff» an den Lesungen sorgt die Buchhandlung Buch am Platz mit ihrem Büchertisch.

Coalmine
Turnerstrasse 1
8401 Winterthur
T: 052 268 68 68
www.coalmine.ch

 

Im Lesekeller

Heinz Egger

Eigentlich habe ich mich schon gemütlich eingerichtet auf einem der weichen Fauteuils auf der kleinen Bühne, auf der durch den Winter regelmässig Lesungen stattfinden. – Nein, ich habe keinen Auftritt, die Scheinwerfer sind kalt. Mein Buch liegt offen vor mir. Ich greife nach dem kühlen Weizenbier, als eine zierliche Frau ihren Kinderwagen durch die Türe schiebt. Oh je, für solche Ausrüstung ist der Zugang nun wirklich nicht geeignet! Ich springe auf und eile ihr zu Hilfe. Gemeinsam hieven wir das Gefährt die Stufen hinunter. Sie bedankt sich sehr freundlich und lächelt mich an.

Sie richtet sich an einem der rechteckigen Tische mit dunkler Holzplatte ein, den Wagen hat sie neben sich. Das Kindchen hat beim Transport kurz gewimmert, ich höre es nun nicht mehr.

Ich habe einige Seiten gelesen, als ich ihr Parfum unmittelbar neben mir rieche. Ich blicke auf und sehe ihre schlanken Beine. Sie steht hoch aufgerichtet auf der zweitobersten Stufe der Treppe zur Notausgangstüre. Ihre Hand reckt sich nach oben und ergreift einen dickeren Band mit hellem Umschlag. – Ich kann es nicht lassen und spreche die Frau nochmals an: „Wie schön, Sie kommen hierher, um zu lesen?“ – „Ja, seit ich vor zwei Jahren nach Winterthur gezogen bin, mache ich das regelmässig. Jetzt mit dem Baby habe ich gar noch etwas mehr Zeit dazu.“ Was lesen Sie denn?“ – „Ich liebe Gedichte und habe schon früh dieses Buch hier entdeckt. Frauen dichten anders heisst es. Darin sind 181 Gedichte mit Interpretationen enthalten. Herausgegeben hat es Marcel Reich-Ranicki. Die Gedichte sind kurz, die Interpretationen nicht länger als zwei Seiten.“ – „Wie wählen Sie das Gedicht des Tages aus?“ – „Hm, eigentlich ganz langweilig. Ich lese das Buch von vorne nach hinten. Das Lesebändchen zeigt mir, wo es weitergeht.“ – „Hat Ihnen eine andere Mitleserin das Bändchen je verschoben?“ – „Nein“, sagt sie lachend, „bei Gedichten ist das keine Gefahr!“ Dann dreht sie sich auf dem Absatz und trippelt die kleine Treppe hinab und kehrt zu ihrem Tisch zurück.

Es ist faszinierend, der langen, sehr hohen Bücherwand entlangzuschauen. 12’000 Bücher seien es, schreibt „Öisi Ziitig“ aus dem Seniorenzentrum Wiesengrund, Ausgabe 100, 2015. Sie stammen mehrheitlich aus dem Suhrkamp Verlag, an dem die Familie Reinhart während mehr als 50 Jahren beteiligt gewesen ist. Die Sammlung bricht im Jahr 2001 mit dem Rückzug aus dem Verlag ab.

Wer den Gestellen entlanggeht und die Buchrücken betrachtet, findet nicht nur das SV des Suhrkamp Verlags, sondern fast ebenso häufig den Zweimaster mit geblähten Segeln des Insel Verlags, der ebenfalls zum Haus Suhrkamp gehört.

Was man sich reckend oder sich bückend erreichen kann, darf auch aus dem Gestell genommen und beim Kaffee gelesen werden. Es gebe Besucherinnen und Besucher, die regelmässig zum Lesen vorbeikämen. Da gebe es eine ganze Reihe von Büchern mit Lesezeichen drin, sagt die Frau an der Theke.

Der Name Coalmine – oder Kohlenmine – überrascht: Im hohen Raum wurde im hinteren Teil, wo heute die Küche es Cafés eingerichtet ist, Kohle gelagert. Aus diesem Grund hätten auch die Fenster schräg abfallende Laibungen, sagt sie, während sie geschickt mit einem Messer Knoblauchzehen schält und dabei darauf achtet, nichts davon unter ihre langen Fingernägel zu kriegen. Und was war dann im heutigen Raum des Cafés? Sie weiss es nicht.

Nun, das Haus wurde 1905 durch die Familie Volkhart gebaut. Sie war im Handel mit Indien tätig. Lagerten da vielleicht Baumwolle, Tee, Kaffee, Gewürze oder Öle? 1912 ging das Haus und die Geschäftstätigkeiten an die Familie Reinhart über. Das entnehme ich auch aus „Öisi Ziitig“.

Während ich an der Theke geredet und mir die Bibliothek genauer angeschaut habe, ist die Frau mit dem Kinderwagen gegangen. Sie hat sicher eine helfende Hand von den Besucherinnen erhalten.

Buecherregale im ehemaligen Kohlenkeller

Ich möchte einen Blick in ihr Buch werfen. Ich finde es sofort. Das Lesezeichen steht auf Seite 487. Sie wird als nächstes Gedicht also eines von Ingeborg Bachmann lesen. Es heisst An die Sonne:

Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönerem berufen als jedes andre Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.

So lautet die erste der 9 Strophen. Sie wird sie lesen und anschliessend dazu die Interpretation von Peter von Matt unter dem Titel Die unersättlichen Augen.

Die junge Frau wird sicher noch viele Male in den angenehm kühlen Keller steigen. Das letzte Gedicht steht auf Seite 823. Es stammt von Ulrike Draesner und heisst Schnabelheim.

 

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