Doppelpunkt, Uster

Franks Schrank

Michael Guggenheimer

Uster. Elf Bahnminuten von Zürich entfernt, drittgrösste Stadt im Kanton Zürich. 33 000 Einwohner. Nach mehreren Jahren ohne Buchhandlung gibt es in Uster seit Mitte August 2016 den „Doppelpunkt“. Ein Buchort, der sich sehen lässt. Ein langer und breiter Raum, dem man sofort ansieht, dass sich hier früher vielleicht eine Werkstatt befunden haben könnte. Eine Eisenwarenhandlung war’s. Und noch heute erinnern sich ältere Einwohner an den Laden, in dem Schrauben und Nägel aller Grössen in vielen Schubladen angeboten wurden. Ein grosszügiger Raum, zwei grosse Schaufenster zur Strasse hin, auf welcher der Verkehr alle Paar Minuten ruht, weil die Bahnschranke nebenan immer wieder geschlossen wird. Das mag auch ein Vorteil sein. Denn wer hier warten muss oder im Schritttempo weiterfährt, dem fällt „Doppelpunkt“ auf.

Andrea Kalt und Barbara Maurer sind die beiden Buchhändlerinnen. Bevor sie ihre Buchhandlung in Uster eröffnet haben, waren sie beide in der Buchhandlung „Librium“ in Baden tätig. Zehn Jahre lang fuhr Barbara Maurer mit der Bahn von Uster, ihrem Wohnort, nach Baden zur Arbeit. Jetzt pendelt Andrea Kalt von Baden nach Uster. „Wir hatten einfach Lust, etwas Neues zu machen, etwas Neues zu wagen“, sagt Andrea Kalt. Und Barbara Maurer ergänzt: „Ich wurde immer wieder darauf angesprochen, dass in Uster eine Buchhandlung fehle. Jetzt ist sie da!“.

Alle Regalbretter verlaufen auf gleicher höhe und bilden so lange Bahnen

Auf die schöne Inneneinrichtung ihrer Buchhandlung angesprochen, erzählen sie, dass die Einrichtung von drei Buchhandlungen ihnen am besten gefallen habe: „Librium“ in Baden, Rico Bilgers „sec 52“ und „Mille et deux feuilles“ in Zürich. Das Mobiliar von „Doppelpunkt“ ist schlicht, die Regale ziehen sich der ganzen Länge der Buchhandlung an allen Wänden entlang. Vier Regaltablare, wie viele Laufmeter es sind, haben die beiden Buchhändlerinnen noch nicht ausgemessen. An der Decke ein Lichtband auf perforierten Metallschienen, das sich durch die ganze Buchhandlung zieht und viel Licht gibt. Modern und zweckmässig die Büchergestelle, hellgrau der Betonboden und leuchtend weiss die Wände. Den Innenausbau haben die Architekten von „Moos.Giuliani.Herrmann“ konzipiert, einem Entwurfsbüro am Ort. Zwei sehr grüne Sessel sind unübersehbar. Ein alter runder Tisch mit Zeitungen vom Tage sowie ein langer, alter und breiter Tisch mit Neuerscheinungen sind Leihgaben der Firma „Edeltrödel“ aus Neuenhof, die einen Kontrast zur kühlen Moderne bilden.

Die Unterteilung der einzelnen Themenbereiche auf den Tablaren erfolgt mittels Holzpflöcken, auf denen die Buchsparten angeschrieben sind. Die Pflöcke lassen sich neu beschreiben und je nach Bedarf oder Anzahl der Bücher eines Themenbereichs verschieben. „Europa“ heisst ein Bücherbereich, „Lebensgeschichten“ und „Lifestyle“ oder „Krimi“, „Musik / Film“ vier weitere. Und bei den Kinder- und Jugendbüchern liegen die Bücher der Oberstufe im obersten Tablar im Büchergestell, diejenigen der Mittelstufe im mittleren und die Bücher der Unterstufe gut erreichbar für die noch nicht ganz so grossen Schüler unten. Die Literatur aus der Schweiz findet sich in einem Themenbereich mit dem Titel „Schweiz. Deutschland“. Da stehen Bücher von Peter Stamm in der Nachbarschaft von jenen von Georg Klein aus Norddeutschland, Arno Camenisch aus Graubünden und Anna Mitgutsch aus Österreich stehen in derselben Bücherreihe. Und weil die Literatur der Westschweiz auch Literatur aus der Schweiz ist, befinden sich hier auch die Bücher der Autoren aus der Romandie.

Innenansicht, Säulen tragen die Decke des grossen Raums, dunkle Wände, hoch liegende Fenster

Die grosszügige Verkaufstheke weist Wände aus Kunststoff auf, hinter denen starke Leuchten angebracht sind. Sie erinnert etwas an Barszenen des amerikanischen Malers Edward Hopper. Auf einer Wandtafel sind Zeitungsberichte zur Eröffnung der Buchhandlung angebracht. Dort ist der Satz zu lesen: „Wir verkaufen vor allem, was uns gefällt. So können wir immer eine gute Beratung und persönlichen Kontakt anbieten, das kann das Internet nicht“. Als Besonderheit noch „Franks Schrank“, ein Schubladenmöbel voller CD’s, die Jazzkenner und Musikrezensent Frank von Niedernhäusern aus Uster regelmässig bestückt. Frank von Niedernhäusern ist der Buchhandlung verbunden, seine Frau ist Barbara Maurer. Jazz von den beiden in Uster wohnhaften Schlagzeugern Pierre Favre und Lucas Niggli, Musik von Alfred Zimmerlin und vom Saxophonisten Ekkehard Sassenhausen, beide ebenfalls in Uster wohnhaft, findet sich im „Franks Schrank“. Klar, dass der Jazzhorizont über die Grenzen Usters und der Schweiz reicht. Im Bücherregal steht Bruno Spoerris Standardwerk „Jazz in der Schweiz. Geschichte und Geschichten“, ein Muss in Uster, dem Domizil der Jazzorama Schweiz, des grossen Schweizer Jazzarchivs und der Jazzbaragge, jenem Konzertort, wo jeden Monat Jazzkonzerte durchgeführt werden.

Das Angebot an Büchern im 220 Quadratmetern grossen Laden lässt sich mit demjenigen von Buchhandlungen in der grossen Stadt durchaus vergleichen. Als die beiden Buchhändlerinnen den Schritt wagten und mit Finanzhilfe einer Runde von Leuten aus Uster umsetzten, hatten sie kein einziges Buch im grossen Laden. Jedes Buch, das in den Laden kam, musste neu bestellt werden. Wenn man den Laden sieht, die Buchtitel anschaut, die Kunden beobachtet, die im laufe eines Nachmittags die Buchhandlung betreten, dann glaubt man an die Zukunft des Buchhandels!

Doppelpunkt Buchhandlung AG
Zentralstrasse 5a
8610 Uster
T: 044 940 77 55
www.doppelpunkt-uster.ch

 

Getauschte Rollen

Heinz Egger

Fensterfront mit dem Schaufenstertausch

Als wir die Buchhandlung verlassen, frage ich meinen Freund, ob er wisse, warum in der Buchhandlung ein Kochbuch mit jüdischen Speisen aufgelegen sei. Er schaut mich erstaunt an und weiss natürlich keine Antwort. Gleich neben der Buchhandlung Doppelpunkt ist ein grosses Anwesen mit Wohnhaus und Ökonomiegebäude mit Heubühne und Stall. An der Holzfassade hängt ein grosses Email-Schild mit einem Rind darauf und dem Schriftzug „Viehandel Wyler“, wobei der erste Teil in einer serifenlosen Schrift, der zweite in einer sehr altertümlichen geschrieben ist. Die Wylers sind Juden. Und die Mutter Ilse Wyler-Weil, Geschäfts- und Familienfrau aus der Viehändlerfamilie, berichtet im Buch „Euch zeig ich’s“ von Dorothee Degen-Zimmermann über ihr Leben in Uster. Das Buch liegt natürlich auch im Doppelpunkt auf.

Die beiden eingangs aufgeführten Beispiele zeigen, wie etwa die Buchhandlung Doppelpunkt funktioniert. Sie nimmt auf und zeigt, was „in der Luft liegt“. Aktuelles, Lokales, Politisches, Künstlerisches, Literarisches und Schönes. Beispielsweise das Buch „Tschik“ von Wolfgang Herrndorf, zu dem eben der Film in die Kinos gekommen ist, oder Berichte aus Syrien von Janine di Giovanni oder „Ein Jude als Exempel“ von Jacques Chessex, zu dem ebenfalls kürzlich ein Film angelaufen ist oder drei Bücher zu Alberto Giacometti, dem gerade im Kunsthaus Zürich eine Ausstellung mit seinen Gipsen gewidmet ist.

Die beiden Buchhändlerinnen Barbara Maurer und Andrea Kalt arbeiten schon seit mehr als zehn Jahren zusammen. Sie waren Kolleginnen in der Buchhandlung Librium in Baden. Barbara Maurer pendelte nach Baden, nun ist es Andrea Kalt, die nach Uster pendelt. Die beiden Frauen dachten diesen Frühling, dass sie im richtigen Alter seien, etwas Neues, Eigenes anzupacken. Uster war ohne Buchhandlung und so eröffneten sie zusammen im August die Buchhandlung Doppelpunkt, um die 33 000 Einwohnerinnen und Einwohner der drittgrössten Stadt des Kantons mit Lesestoff zu versorgen. Die ebenfalls in Uster domizilierte Online-Buchhandlung www.livretto.ch sei keine wirkliche Konkurrenz, bemerken die beiden Buchhändlerinnen, denn das Zielpublikum sei ein anderes. Und vor dem Start des Projekts habe man mit der Inhaberin, Sabine Klimas Baumann, gesprochen.

In der Buchhandlung verkehren denn vorwiegend Leute, die das Buch nicht einfach online bestellen, sondern vor dem Kauf einen Blick hineinwerfen wollen, Leute, die sich beraten lassen wollen oder die gerne schmökern und schauen, was es Neues gibt. Und die sind recht zahlreich, denn die Ladentür geht häufig auf und zu. Eine junge Frau tritt fast gleichzeitig mit uns in den Laden ein. Sie stöbert lange, zuerst in der grossen, mit einem kleinen Tisch und einem niedrigen Stuhl ausgestatteten Kinderbuchabteilung, dann bei der Belletristik. Was sie alles eingekauft hat, konnte ich nicht sehen. Andere holen Bestelltes ab. Die beiden Buchhändlerinnen sind eigentlich nie „ohne Arbeit“.

Das Angebot ist gut gegliedert. Schwere Schichtholzklötze, die übers Tablar gesteckt sind, künden mit weisser Handschrift auf schwarzem Grund, was wo zu finden ist, beispielsweise Vorlesene, Kindersachbücher, Basteln-Kochen-Natur, Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe, U21.

Sicht zu den Schaufensterhin, lange Regale, Ständer mit Karten, der alte Tisch mit den Schubladen

Der grosse Raum der Buchhandlung ist ziemlich nüchtern eingerichtet. Die Wände sind bis über Mannshöhe dunkel gestrichen, darüber weiss wie die Decke. An den Wänden sind metallene Leisten für die Tablarhalter angeschraubt. Die Tablare laufen von vorne bis hinten im Raum in gleichem Abstand. Die Tablarbretter bestehen aus dickem Schichtholz. Die indirekte Raumbeleuchtung ist in Kabelkanälen montiert, wie sie in Kellern für das Führen grösserer Kabelstränge gebraucht werden. Der Boden ist grau. Farbakzente setzen die Bücher, ein langer, hölzerner Tisch mit Schubladen, in denen farbige Schächtelchen liegen, ein gelber Gartenstuhl, zwei grasgrüne Fauteuils, ein Ständer mit farbigen Karten. Die L-förmige Kassentheke leuchtet kühl und geheimnisvoll. Sie hat ein umlaufendes Brett, auf dem man seine Tasche abstellen kann. Praktisch. So ist die ganze Einrichtung: funktional.

Gerade diese nüchterne Funktionalität und die Grosszügigkeit des Raums geben dem Buch Raum. So können auf den langen Tablarbahnen zahlreiche Bücher mit ihrem Cover aufliegen, es gibt Platz für einen Tisch mit den belletristischen Neuheiten, die jeder Besucher sofort beim Eintreten entdeckt.

In den beiden breiten Schaufenstern hängen Lampen, liegen Brillen und Bücher. Die Buchhandlung Doppelpunkt hat ihr Schaufenster mit einem Optiker getauscht – eine gute Idee. Vielleicht zieht es die Optikerkunden am Bahnhof hinunter zur Buchhandlung und vielleicht Leserinnen und Leser, denen die Augen weh tun, wenn sie länger lesen, zum Optiker.

 

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