Grande Libreria Internazionale Hoepli, Milano

An der Via Ulrico Hoepli

Michael Guggenheimer

Schon der Name der Buchhandlung klingt gross: „Grande Libreria Internazionale Hoepli – editrice. tutti libri“. Einen Steinwurf vom Mailänder Duomo und von der Galleria Vittorio Emanuele II entfernt befindet sich die Buchhandlung Hoepli unter den Arkaden der Via Ulrico Hoepli 5. Und sie ist nicht nach der Strasse, an der sie liegt, benannt worden. Umgekehrt ist es: Die Mailänder Stadtbehörden haben eine Strasse nach der im Jahr 1871 gegründeten Buchhandlung benannt, um so zu zeigen, wie wichtig die Buchhandlung, der Verlag und das Mäzenatentum der Familie Hoepli ist. Gegründet hat die Buchhandlung der Schweizer Johann Ulrich Hoepli aus dem Kanton Thurgau und sie ist immer noch im Familienbesitz.

Unermessliche Buchauswahl auf vier Etagen

Ein imposanter Ort: Der Name in Neon-Leuchtschrift in blau in den Arkadenbögen. Vier Stockwerke, 2000 Quadratmeter Verkaufsfläche, 2000 Laufmeter Regale voller Bücher, Bücher und nochmals Bücher, kein Café, keine Lesesofas, dafür 100 000 Bücher auf Lager, 80 angestellte Buchhändlerinnen und Buchhändler. Das Unternehmen ist seit zehn Jahren im Web vertreten: 500 000 Titel könne man bei der „Grande Libreria Internazionale Hoepli“ von Zuhause aus bestellen. Zwanzig einzelne Telefonnummern weist das Lesezeichen auf, das man an den Beratungstheken und an der Kasse bekommt: Berater der einzelnen Fachbereiche im Haus können direkt von auswärts telefonisch erreicht werden.

Es gibt wesentlich schönere Buchhandlungen. Auch in Mailand. Es gibt schönere Schausfenster als die vierzig Meter der Geschäftsfront. Aber keine Buchhandlung in Italien hat so viel hochqualifiziertes und mehrsprachiges Personal wie die Libreria Hoepli. Der Schweizer Chasper Pult, der einige Jahre lang das frühere Schweizer Kulturzentrum in Mailand geleitet hat, unterrichtet Italienisch auf Maturniveau. Nach der Buchhandlung an der Via Hoepli befragt, sagt er: „Die Buchhandlung ist einer der kulturellen Referenzpunkte Mailands. Sie wird in fünfter Generation von derselben Familie geleitet. Nicht nur die Buchhandlung ist von grosser Bedeutung. Der gleichnamige Verlag hat Standardwerke in mehreren Disziplinen herausgegeben. Die berühmtesten Namen des neuen wissenschaftlichen Italiens sind unter seinen Autoren vertreten. Und die Familienstiftung ist ebenfalls von grosser Bedeutung für das kulturelle Leben des Landes.“ Und Verena Rothebühler schreibt im Historischen Lexikon der Schweiz: „Verlegerische Schwerpunkte von Hoepli lagen seit jeher auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik, den „Manuali Hoepli“ und der italienischen Klassik der „Biblioteca classica hoepliana“. Bis 1935 brachte Hoepli rund 7’000 Werke heraus und zählte zu den wichtigsten Verlegern Italiens.“ Und Claire Pult-Hauser, die in Mailand gelebt hat und die Stadt gut kennt, meint: “Bei Hoepli findet man alles. Und was die Buchhandlung nicht liefern kann, das gibt es nicht“.

Auch wenn man keine Bücher in Italienisch liest, lohnt sich ein Besuch der grossen Buchhandlung. Im Erdgeschoss das Staunen über den Reichtum der Gegenwartsliteratur Italiens und über die vielen Übersetzungen. Jedes Buch liegt hier in vier oder fünf Exemplaren auf. Die Bücher sind nicht in einer Folie verschweisst, man wird zum Blättern eingeladen. Hat man sich im Erdgeschoss umgeschaut, nimmt man den Aufzug in den vierten Stockwerk und bewegt sich langsam von dort nach unten von den Sozialwissenschaften und von den Theaterbüchern zur reich bestückten Architekturabteilung, zum Bereich der Designbücher und zu den Abteilungen, die mit Cinema; Fotografia; Giardinaggio; Moda angeschrieben sind. Dass Mailand eine der wichtigsten Modestädten gehört und in Italien DIE Stadt der zeitgenössischen Kunst ist, wird spätestens hier sichtbar, wo auch Kunst- und Modebücher in englischer Sprache reich vertreten sind. Im ersten Stockwerk die ausländischen Erzähler in den Originalsprachen. Sieht man sich hier um, glaubt man nicht so recht, dass in Italien sehr viele Bücher in deuztscher, französischer du eneglischer Sprache gelesen werden. im Erdgeschoss die einheimischen Autoren. Etwas übersehen? Ah ja: Astrologia; Diritto; Economia; Fisco; Filosofia; Management; Militaria; Modellismo; Musica e Teatro; Religione befinden sich im vierten Stockwerk. Und alle Abteilungen und Sparten sind nicht nur in Italienisch angeschrieben sondern auch in Englisch.

Dass der Name der Familie Hoepli nicht nur in Italien in Zusammenhang mit Kultur wichtig ist, wird deutlich, wenn man die Ziele der Ulrico Hoepli Stiftung in der Schweiz liest: „Die Ulrico Hoepli-Stiftung engagiert sich für die kulturellen Werte der Schweiz. Sie unterstützt Institutionen und Bestrebungen zur Erhaltung des kulturellen Erbes (Baudenkmäler, bewegliches Kunst- und Kulturgut), fördert die kulturelle Vielfalt und Eigenart der Schweiz und ihrer Regionen, und leistet Beiträge an Publikationen zur schweizerischen Geschichte, Kunst- und Kulturgeschichte, aber auch zu anderen geisteswissenschaftlichen Themen.“ Die Familie Hoepli gehört zu Mailand und zu Italien. Aber die Schweiz haben die ehemaligen Thurgauer nicht vergessen.

Libreria Internazionale Hoepli
Via Ulrico Hoepli 5 – 29121 Milano
T: 0039 02 864871
www.hoepli.it

 

 

Simboli e Segreti

Heinz Egger

Sie stürzen fast auf mich zu. „Buongiorno”, sagen sie und halten mir einen kleinen Stapel dünner Bücher hin. Ich gehe zielstrebig an ihnen vorbei, mit der Hand eine ablehnende Geste malend. „Il ne dit même pas bonjour!”, höre ich den einen empört zum anderen sagen. Ich steuere stracks auf die Türe zu und drücke sie auf. Ein Türsteher in einem Jackett, auf dem golden Hoepli steht, begrüsst mich. Ich durchschreite den Detektor gegen Bücherdiebe und stehe drinnen.

Rechts vom Eingang ist die Theke mit den beiden Kassen – es sind die einzigen im Haus – links das Meer der Bücher. Es liegt auf hüfthohen Regalen auf. Unterschiedlich hohe Beigen von Büchern, alle den Buchdeckel zeigend. Dazwischen da und dort ein aufgestelltes Buch zwischen den Liegenden eingeklemmt. Es sieht aus wie die kleine Schaumkrone auf einer Welle. Die Wände säumen wo architektonisch möglich Gestelle, dunkles Holz. Sie ragen wie eine Uferböschung hoch, an der die Wellen lecken. Dieser Eindruck bewegten Wassers wiederholt sich auf vier Etagen.

Im Soussol liegt der Spazio Eventi. Der derzeitige Event ist eine Notfallstation, wie auf den Schaufenstern zu lesen ist: Negozio di Natale di Emergency, ergänzt mit dem Hinweis auf das Untergeschoss. Auch im Lift nennt ein Plakat das Remedium gegen Weihnachtsstress: Natale – keep calm and buy a book.

Im Erdgeschoss liegt Literatur auf. Auch da Erste Hilfe: Curarsi con i libri – Rimedi letterari per ogni malanno. Sich mit Büchern kurieren … Meine Augen suchen Halt im Meer der Auslage. Ich fühle mich etwas verloren. Lasciami contare le stelle – lass mich die Sterne zählen. Das will ich tun, auf unbekannten Wassern treibend.

Mein Italienisch reicht nicht aus, um alles zu verstehen. Ob mir da vielleicht ein Buch aus der Reihe mit dem gelb-schwarzen Umschlag, einem Titelthema und dem Zusatz „… for Dummies” helfen könnte? Es liegt auch eines für Italienisch auf. Und alle diese Bücher tragen stolz den Namen Hoepli, denn der gleichnamige Verlag gibt die ins Italienische übertragene Version der „… for Dummies”-Serie heraus.

Ich durchstreife die Etagen und zähle weiter Sterne. Von der Decke hängen Schilder, die den Bereich, in dem man sich befindet, bezeichnen. Ich staune immer wieder über die Breite des Angebots. Oder auch einmal über die Beschränktheit. Beispielsweise auf der ersten Etage Auswahl und Anzahl deutscher Bücher. Das Angebot könnte jenes sein, das Schulen beziehen. Mir fallen auf: Frisch, Handke, Goethe.

Kunst erklärt: Symbole und Geheimnisse in den Bildern alter Meister

Auf der zweiten Etage in der Abteilung Kunst braucht es weniger Italienischkenntnisse, die Augen erfreuen sich auch so an den Bildbänden. Da und dort ein französischer Titel. Und eines, das ich auf Deutsch sofort gekauft hätte: Simboli e Segreti. Symbole und Geheimnisse. Es lüftet die Geheimnisse alter Meister, indem das Bild mit einer Lochschablone abgedeckt wird, die zu den Ausschnitten die entsprechenden Erklärungen bereithält. Wirklich gut und schön gemacht.

Bücher zu Themen der Informatik finde ich auf der dritten Etage. Etwas weiter in der Abteilung Kunst fesselt mich eine Reihe von handlichen Bänden, deren Titel mit „Leggere” beginnt. Kirchen, Häuser, Brücken, Schlösser – und wohl als Einführung gedacht – Architektur. „Un bicchiere mezza vuoto” – wohl eine etwas pessimistische Sicht auf die Stadtentwicklung von Milano 2001 bis 2014.
Ich denke eher an die gefundenen Sterne und ein halb volles Glas. Ich erklimme den vierten Stock, wo sich im weitesten Sinn die Literatur der Geisteswissenschaften findet. Und hier schliesst sich quasi der Kreis mit dem Soussol: Religiöse Texte, Bücher über Päpste, Papa Francescos Anregungen für Gedanken zu jedem Tag. Oder aber die Bibel selbst. Die Texte von Qumran in einer Ausgabe, die den hebräischen Text einer italienischen Übersetzung gegenüberstellt.

Auch wenn ich keine Chance habe, die Inhalte zu erfassen, so war es doch ein herrliches Bad in Titeln, Umschlaggestaltungen, Bildern und Themen. Wellen, die mich bis ganz hinauf trugen, den Sternen nahe – und doch konnte ich sie nicht alle zählen.

 

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