Hirschmatt Buchhandlung, Luzern

 

Blind-Date mit einem Buch

Michael Guggenheimer

Welche Buchhandlungen sind Ihre Lieblingsbuchhandlungen? Diese Frage wird Buchort immer wieder gestellt. Habt Ihr auch eine Hitliste der besten Homesites von Buchhandlungen? Diese Frage stellte einzig der Internist und Buchort-Besucher aus Neuss in Deutschland. Nein, wir haben keine Hitliste der Homepages. Aber zu den wirklich klaren Auftritten im Netz gehört jener der Hirschmatt Buchhandlung in Luzern: Uebersichtlich, schön gegliedert, fehlerfrei die Sprache. Besonders sympathisch und reich ausgestattet die Unterseite mit den Links zu Verlagen, Literaturfestivals, Lesungen, Bibliothekskatalogen sowie zu Kulturveranstaltern in Luzern. Eine Offenheit strahlt diese Rubrik aus, jene Offenheit, die einem beim Besuch der Buchhandlung auffällt.

Die Büchergilde ist bei Hirschmatt daheim

Was in den vergleichbaren grossen Städten St.Gallen und Winterthur oder sogar in Zürich fehlt und in der Hirschmatt Buchhandlung angeboten wird: Das ausgesucht gute Programm der Büchergilde Gutenberg, deren Schweizerische Auslieferungsstelle die Luzerner Buchhandlung ist. Die Büchergilde hat eine große buchkünstlerische und buchhandwerkliche Tradition, ihre Bücher haben zahlreiche Prämierungen und Auszeichnungen für Buchgestaltung erhalten. Nicht selten sehen Bucheinband und Buchhülle der Lizenzausgabe eines belletristischen Buchs bei der Büchergilde schöner aus als die Originalausgabe. Das Programm der Büchergilde erstreckt sich auf inhaltlich anspruchsvolle Lizenzausgaben von Büchern und eigene Originalausgaben. Weil die Buchleute in Luzern das Büchergildeprogramm in den letzten Jahren so gut vertreten haben, wurde die Hirschmatt Buchhandlung als Auslieferungsstelle für die Schweiz ausgewählt. Das Narrenschiff in Basel und die Buchhandlung Haupt in Bern sind die beiden anderen Buchgeschäfte in der Schweiz, die Büchergilde Bücher vertreiben. Noch ist die Vertretung in Zürich nicht bestimmt worden. Dabei hatte die Büchergilde lange Jahre ihren Sitz an der Limmat. Wer Bücher bei der Büchergilde kauft, muss zwar Mitglied werden. Eine Kaufverpflichtung besteht jedoch nicht und ein Mitgliederbeitrag muss ebenfalls nicht entrichtet werden. In jedem Quartal erscheint ein Magazin mit Neuheiten, Programminformationen und Interviews. Im ersten Stockwerk in der Hirschmatt Buchhandlung liegen die Bücher auf.

Andere Hinweise für einen besonders gepflegten Buchort? Die anspruchsvolle Auswahl der Titel und die feine Unterteilung von Rubriken im Bücherangebot der Buchhandlung Hirschmatt. Der Bereich Natur + Tiere etwa ist gegliedert in die Unterbereiche Pilze, Bäume, Sträucher, Wald, Pflanzenbestimmung, Biogarten, Gartenratgeber, Gartenpflanzen, Balkon, Kräuter, Floristik. Wenn das nicht eine Hilfe ist?! Oder der Themenbereich Musik, der die folgenden Unterbereiche aufweist: Musik allgemein, Musik Klassik, Biografien, Rock, Pop, Jazz. Nicht anders die differenzierte Aufteilung der reichen Auswahl an Kochbüchern, bei denen ganz besonders ausgefallene Titel zu finden sind.

Mehrere Ebenen weist die Buchhandlung auf. Da ist der Eingangsbereich mit der Belletristik, den Landkarten und den Reisebüchern sowie den Kinder- und Jugendbüchern. Auf einer leicht erhöhten Bühne eine reiche Auswahl an Krimis und Taschenbüchern, in einem Zwischenbereich anspruchsvolle Buchpublikationen aus der Region, denen man in anderen Schweizer Städten nicht begegnet, obschon sie es verdienen würden. So etwa Gianni Paravicinis „Die Natur kennt keine Katastrophen“, herausgegeben von der Edition Perfiferia Luzern und Poschiavo, einem Verlag, dessen Bücher immer wieder besondere Themen in ausgesucht schöner Gestaltung darstellen. Das Buch beinhaltet Beiträge von 22 Autorinnen und Autoren, welche sich dem Thema Naturgefahren aus unterschiedlichen Perspektiven widmen – sei dies aus philosophischer, politischer, künstlerischer oder naturwissenschaftlicher Sicht. Gleich daneben das Buch „Was erzählt werden muss“, eine etwas andere Kulturgeschichte des Kantons Luzern, erschienen beim lokalen Verlag „kauf + lies“. Und dann als Ueberraschung die wunderbare und in jeder Hinsicht gewichtige Publikation „Zwischenrich“. Die mit Kunst und Kultur bespielten Wohnungen des Kulturprojekts „Zwischenrich“ an der Tödistrasse 9 bis 17 in Luzern mussten neuen Bauvorhaben weichen und sind langsam von der Bildfläche verschwunden. Was geblieben ist, ist die in Buchform gefassten Erinnerungen an eine einzigartige Zeit. Das Schaffen und Wirken von Künstlerinnen und Künstlern in der Zeit der Zwischennutzung im Herbst 2015 in den leerstehenden Wohnungan ist in «Zwischenrich» dokumentiert. Über sechzig Wohnungen, verteilt auf sieben Häuser, mit je sechs Stockwerken, wurden für die Dauer der künstlerischen Aktion bespielt. Jedes Kunstwerk, jede Wohnung, wurde dokumentiert und bildlich und textlich im Buch dargestellt. Sogar Töne fanden Platz in diesem monolitischen Buch.

Alles andere als die lange Zeit etwas beengte Luft in der konservativen Innerschweiz sind die beiden gut sortierten Büchergestelle mit den Titel „Frauen und Männer“ sowie „Lesben + Schwule“. In zwei kleineren Räumen, die durch eine Oeffnung miteinander verbunden sind, befinden sich die Bücher zu den Sachbereichen Geschichte, Politik, Philosophie und Wirtschaft. Ungarn, Syrien, die neue Rechte in Europa, das amerikanische Wahlsystem und seine Folgen, der Nahostkonflikt: Topaktuell und breit das Angebot an Titeln in der Büchergestellen. Wie nicht wenige andere Buchhandlungen bietet die Hirschmatt unter dem Titel „Buchgenuss nach Ladenschluss“ die Möglichkeit an, mit einer Gruppe von anderen Bücherfreunden nach Ladenschluss noch im Bücherreich zu bleiben und sich in aller Ruhe alle Bücher anzuschauen.

Blind-Date mit einem Buch

Ein besonderes Angebot aber stellt „Blind-Date mit einem Buch“ dar: Die Buchhändlerinnen und Buchhändler wählen ausgesuchte, schön verpackte und mit Stichworten auf Zetteln versehene Bücher als Überraschungslektüre aus. Man erwirbt ein Buch als Geschenk ohne zu wissen, um welchen Titel und um welchen Autor es sich dabei handelt. Und – zumindest zwischen Spätsommer und den ersten Wochen des neuen Jahres findet sich in einem Zwischengeschoss im Treppenaufgang die wohl reichste Auswahl an Bildkalendern in Luzern: In Plakatschubladen liegen die Kalender aufgeteilt nach Themen wie Wüsten, Wasser, Inseln, Katzen, Pferde, Australien, Neuseeland, Bäume, Wiesen, Blumen.

Hirschmatt Buchhandlung
Hirschmattstrasse 26
6003 Luzern
T: 041 210 19 19
www.hirschmatt.ch

 

Verführerisches Unikat

Heinz Egger

Woran misst sich eigentlich die Attraktivität einer Buchhandlung? Tausend Gründe gibt es. Ich erlebte in der Hirschmatt-Buchhandlung in Luzern vor allem Engagement und Verführung.

Engagement
Über knarrende Böden und eine klingende Metallwendeltreppe erreiche ich den oberen Stock, wo in einem Raum die Bücher der Bücherguilde aufliegen. Nachdem die Schweizer Vertretung der Guilde werwaist war, übernahm die Buchhandlung Hirschmatt kurzerhand den Vertrieb der Bücher. In der Innerschweiz ist Hirschmatt die einzige Anbieterin der schönen Bücher. Und sie managt den ganzen Vertrieb Schweiz. Das sei, so erklärt Jörg Duss, Geschäftsführer der Buchhandlung Hirschmatt, jeweils ein wenig stressig, wenn das neue Programm erschienen sei. Man muss Mitglied der Bücherguilde werden, um die Bücher zu erwerben und auch regelmässig ans Verlagsprogramm zu kommen. In der Schweiz ist die Mitgliedschaft ohne Verpflichtungen – im Gegensatz zu Deutschland, wo der Bezug zweier Bücher quasi den Mitgliederbeitrag darstellt. Mich wundert es, dass eben erst bei anderen Verlagen erschienene Bücher bereits im Sortiment der Guilde erscheinen. Zum Beispiel fand ich da von Benedict Wells „Vom Ende der Einsamkeit“ (ursprünglich bei Diogenes 2016 erschienen) oder von Helen Macdonald „H wie Habicht“ (ursprünglich im Verlag Allegria Ende 2015 erschienen) oder das auf der Website der Buchhandlung als Bestseller geführte Buch von Elena Ferrante „Meine geniale Freundin“.

Blick in die Buchhandlung; drei Tritte

Das Angebot der Buchhandlung Hirschmatt ist enorm gross. Und es ist feingliedrig aufgeschlüsselt, so dass jeder mit der Suche schnell fündig wird. Und die Auslage ist top-aktuell. Im Bereich Geschichte und Zeitgeschichte entdecke ich etwa Bücher zu dem, was die Welt gerade bewegt: Zwei Titel widmen sich Donald Trump und seinem Amerika. Zum allgemeinen Verständnis der USA steht dabei auch Geert Maks wunderbar erhellendes Buch „Amerika!“. Die Rechtsbewegung Europas, der Brexit, Orbans Ungarn und das System Putin sind weitere Themen.

Unter „Digitale Politik“ – eine Rubrik, die mir so noch nie begegnet ist – finde ich Bücher über die Digitalisierung unserer Welt und darüber, was dies für uns bedeutet. „Aufstieg in die digitale Stammesgesellschaft“ von Oliver Fiechter und Philpp Löpfe, Philip N. Howard „Finale Vernetzung“, Christopf Kucklick „Die granulare Gesellschaft“, Jan Kalbitzer „Digitale Paranoia“.

Jede mögliche Fläche ist dem Buch gewidmet. Ein winziger PC-Arbeitsplatz drückt sich unter die metallene Treppe. Er wir anscheinend von allen in der Buchhandlung gebraucht, denn dort steht eine Dokumentenablage aus Kunststoff, deren Schubladen mit den Vornamen der Mitarbeitenden beschriftet sind. Der Platz ist eng. Um immer ohne Hindernis und leicht an diese Ablage und den Drucker zu kommen, mahnt ein Zettel am Bildschirm „Bitte Stuhl an den Tisch schieben“.

Blick durchs Fenster in die Buchhandlung

Verführung
Die Verführung beginnt beim Blick durch das Schaufenster. Weisse Papiersterne, ein kleines, ungeschmücktes Tännchen, ein Durchblick in den hell erleuchteten Laden, der viel Wärme ausstrahlt. Nach der Tür öffnet sich ein grosser Raum, drei weitgeschwungene mit hellem Holz gefasste Tritte führen weiter zu einem kleineren Raum. Jede Wandfläche ist für Büchergestelle genutzt, ein doppelseitiges Gestellt trennt den oberen Raum in zwei kleinere auf.

Blick in die Buchhandlung

Ein quadratischer Tisch mit Büchern in der Mitte des kleineren Teils. Der Untertitel auf dem Buch „Auf der Couch mit Doktor Buch“ von Norman Schmid sagt, worum es in den Büchern in den umstehenden Gestellen geht: Eine Bibliotherapie. Den einen helfen Bücher über Religion, anderen solche über die Psychologie, weiteren die Auseinandersetzung mit einem Tier oder der Natur. Und ganz bestimmt ist die Ernährung eine Quelle der Heilung.

Bei den Büchern der Bücherguilde nehme ich von Wolfgang Hildesheimer das schmale Bändchen mit den lieblosen Legenden in die Hand. „Lesen mit allen Sinnen“ heisst die Byline des Logos der Guilde. Und darin steckt schon alles, was diese Bücher auszeichnet und begehrenswert machen. Sie sind sehr schön gestaltet und sind auch haptisch ein Erlebnis. Der Einband der lieblosen Legenden etwa ist aus Leinen, aber sie hat eine Struktur wie ein dickes Japanpapier. Dieses Buch muss ich haben!

Jeder weiss heute, was ein Blind-Date ist. Knisternde Anmache ist es, wenn einem ein rosa verpacktes Buch mit „Sali du …“ anspricht oder ein Zettel mit „Gesucht wird …“ um Aufmerksamkeit buhlt. Warum nicht einmal auf diese Weise eine andere Welt kennenlernen? Eine ganze Reihe von Büchern, wohl alles Empfehlungen der Buchhändlerinnen und Buchhändler, warten darauf, entdeckt zu werden.

Mein letzter Blick in einer Buchhandlung gilt gewöhnlich der Rubrik Handwerk. Nicht viele Titel stehen da. Aber dem Untertitel eines dieser Bücher und den Anleitungen darin kann ich nicht widerstehen: Handgemachte Bücher binden und gestalten von Marlis Maehrle. Mit diesem Buch aus dem Haupt-Verlag entstehen wie der Titel es voraussagt: Unikate.

Auch die Buchhandlung Hirschmatt ist ein Unikat: Sie ist eine eigenständige Buchhandlung, mit grossem Engagement geführt, das leicht verführt.

 

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