Hotel Altstadt

Zimmer. Lektüre inbegriffen

Michael Guggenheimer

Der Israeli Dror Mishani schreibt Krimis. Sein deutscher Wortschatz beschränkt sich auf 10 oder 15 Worte. Als ich ihn vor einer Lesung in Zürich im Hotel Altstadt abhole, will er wissen, wer Jürg Federspiel ist, er übernachte nämlich in einem Hotelzimmer, in dem Bücher eines Autors mit Namen Federspiel liegen. Ganz besonders aber sei, dass da Bilder an der Wand hängen, von denen er nicht sagen könne, ob sie gemalt oder geschrieben seien, jedenfalls seien es Satzbilder oder Bildersätze, die etwas mit dem Autor zu tun hätten.

Wir fahren gemeinsam mit dem Aufzug in das oberste Stockwerk und gehen an den Zimmertüren vorbei. Kleine Fotos von Autoren wie Klaus Merz, Franz Hohler, Hugo Loetscher, Urs Widmer, Hanna Johansen und Peter K. Wehrli schauen uns von den Türposten an. Aber auch Ausländer wie Peter Rosei, Kwan-Kyu Kim, Oskar Pastior, Felicitas Hoppe oder Yoko Tawada.

Hotelfachangestellte Simone Müller klärt uns auf: Jedes Zimmer ist nach einer Autorin oder einem Autor benannt. Im Zimmer liegen Bücher der Autorin oder des Autors auf und in einer Kartonmappe Faltblätter mit der Biografie des jeweiligen Autors. An der Wand hängen gemalte Bilder, in denen Sprache und Malerei eine Verbindung eingehen. Gemalt hat diese Synthesen von Malerei und von Hand geschriebenen Texten Hans Christian Jensen. Und wer noch mehr über den jeweiligen Autor erfahren möchte, dem stünden im Frühstücksraum aktualisierte Pressemappen zur Verfügung.

Zimmer im Hotel Altstadt: Urs Widmer gewidmet

Eine Zimmertür nach der anderen wird für uns geöffnet: Jedes der 25 Hotelzimmer trägt wirklich eine individuelle Note bestehend aus unterschiedlich grossen Leinwänden, handgeschriebenen Sätzen und Farbschichten. Die Sätze stammen aus den Werken der Autoren, nach denen die Zimmer benannt sind.

Was wohl die Autoren zu den Zimmern meinen? Grund genug, um Peter K. Wehrli, Schriftsteller und Filmemacher aus Zürich, zu kontaktieren. „Nein“, sagt er, „von meinen Reisen kenne ich keine vergleichbaren Projekte. Ich bin Hotels begegnet, die eine Bibliothek besitzen, und Hotels, die Kunst präsentieren, aber noch nie habe ich ein Hotel gesehen, dass diese beiden Sparten zusammenführt wie es im Altstadt-Hotel geschieht, und den Atem eines Gesamtkunstwerkes spüren lässt.“ Und die bei Zürich lebende Schriftstellerin Hanna Johansen meint: “ Der Maler H.C. Jenssen hat mich eines Tages angerufen und mir das Konzept erklärt. Meines Wissens hat er die Autoren nach seinen Vorlieben ausgewählt. Er hatte den Wunsch, etwas aus meinem Buch ‚Über den Himmel‘ zu nehmen, was mir sehr recht war. Wir haben uns auf die Erzählung „Die Neumondnacht“ geeinigt, und meine Textauswahl hat ihm gefallen. Die Arbeit im Atelier an den drei Bildern war intensiv und schön. Beim ersten Anruf kannte ich Jenssen noch nicht, inzwischen sind er und seine Frau gute Freunde geworden.“

Autor Klaus Merz, befragt nach „seinem“ Zimmer erinnert sich: „Maler H.C. Jenssen hat mich vor ein paar Jahren angefragt, ob ich mitmachen würde bei seiner Literatur-Untermalung, wenn ich dem so sagen darf, für das Hotel Altstadt. Ich sagte zu, weil mir diese Reihe und seine (auch wortlose) Malerei gefielen. Ich glaube, wir wählten die Textstellen in gemeinsamem Hin- und Her aus. Jenssen kannte meine Sachen gut. Später beschrieb ich dann die Bilder in einer Ateliersitzung.“ Maler H.C. Jenssen meint ergänzend: „Wenn der Autor und ich uns auf einen Text geeinigt haben, beginne ich mit der Arbeit und nach Fertigstellung der Leinwand vereinbaren wir einen Besuch bei mir im Atelier, wo dann der Schriftsteller seinen Text ins Bild schreibt“. Das bedeutet, dass jedes der Textbilder im Hotel Altstadt Gemeinschaftswerke sind: Das Bild wird stets von H.C. Jenssen gemalt, der Text, der auf dem Bild appliziert wird, ist die Handschrift des Autors!

Hotelbesitzerin Liz Reichenbach hat den Autorinnen und Autoren, deren Bücher in den Hotelzimmern stehen, je eine Nacht im Hotel offeriert. Noch haben nicht alle Autoren von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, auch wenn sie sich „ihr“ Zimmer angeschaut haben. Peter K. Wehrli erinnert sich: „Aus reinem Zufall ist ein brasilianischer Diplomat namens Rubens Ricupero, der in der Tageszeitung „Folha de São Paulo“ eine regelmässige Kolumne unterhält, in meinem Wehrli-Zimmer einquartiert worden. Das ganze Literatur-Unternehmen hat ihn derart fasziniert, dass er mich ins Hotel bestellte. Natürlich ging ich gerne hin, wie ich überall gerne hingehe, wo ich Portugiesisch – meine Lieblingssprache! – reden kann. Dieser Mann hat dann eine schöne Kolumne in seiner Zeitung publiziert über seine Nacht im Wehrli-Zimmer. Ein zweite „Befragung“ entspann sich, unverhofft, als Rara und ich zu zweit im Zimmer 32 einen Apéro einnahmen. Da platzte der Hotelgast hinein, der dieses Zimmer gemietet hatte, Zu unserem Erstaunen war er aber nicht entsetzt oder verärgert, im Gegenteil, er war erfreut, dem Autor seiner Zimmerbilder zu begegnen. Das mündete in ein langes Gespräch, das sogar per Post fortgesetzt wurde.“

Klaus Merz und seine Frau Selma haben bereits eine Nacht im Zimmer 55, dem „Merzzimmer“, übernachtet. Hanna Johansen hat noch keine Nacht im Zimmer 26 verbracht: „Die Freude, im Zimmer 26 zu übernachten, hab ich mir noch aufgespart. Aber wenn ich mich in der Stadt mit jemandem verabrede, schlage ich immer gern die Altstadthotelbar vor, weil man dort sehr gut reden kann.“ „Befragt hat mich noch niemand zum Hotel Altstadt“, sagt Hanna Johansen. „Was mir um des Hotels willen Leid tut. Wer wagt schon so etwas? Mir ist jedenfalls nichts Vergleichbares bekannt. Umso schöner, dass buchort.ch sich darum kümmert.“

Hotel Altstadt
Kirchgasse 4
8001 Zürich
T: 044 250 53 53
www.hotel-altstadt.ch

 

Nächtliches Vergnügen

Heinz Egger

Blick aufs Grossmünster von einem Dachzimmer des Hotels Altstadt

hallo alex, noch wach?

oh, schön von dir zu hören. ja, solange du mir schreibst 😉

möchtest du einmal eine nacht mit aglaya verbringen?

wie meinst du das?

so wie ich das schreibe.

spielst du eva?

du meinst verführerin? ja, in gewissem sinne schon. da wäre auch ilma oder yoko …

bist du betrunken?

hm, nein, habe nur ein glas in der bezaubernden hotelbar getrunken.

eines? wo bist du?

in einer stadt, deren hauptkirche zwei türme hat.

paris? milano?

kein treffer, mi dispiace 🙁

immer diese rätsel zu nächtlicher stunde!

extra für dich, mein lieber!

hint?

schöner fluss mitten durch die stadt, wenige schritte vor der kirche

heidelberg?

bitte die zwei türme nicht vergessen und die distanz …

zürich?

volltreffer. 🙂 sehe durch mein dachfenster die beleuchteten türme des grossmünsters.

du also in der altstadt. rotlichtviertel.

oh nein. von mir aus flussabwärts die niederdorfstrasse. dort vielleicht rotlicht. bin auf seiten der oberdorfstrasse. die zwinglikirche wirft ihren schatten dazwischen.

poetisch. und ich bin beruhigt.

wenn du stehen bleibst, bewegt sich dein schatten weiter. (1)

quatsch. du hast doch zu viel getrunken.

hast du schon an einem ort länger verweilt und deinen schatten beobachtet?

?

ja, genau so ein ort zum verweilen, den habe ich hier.

und dein schatten bewegt sich weiter?

jetzt nicht gerade, es ist ja dunkel 😉

und warum sollte ich da aglaya, ilma oder yoko treffen?

um dich zu bilden

das war nicht nett 🙁

du liest doch so gern, nicht?

ja schon, aber brauche ich da eine frau dazu?

ja, weil sie dir den text zuflüstert.

sag mal, wo bist du genau?

hotel altstadt

pause. google mal

ok, dann wandert dein schatten weiter.

hallo, abgetaucht?

mensch, lass mich mal …

das ist ja witzig, ein hotel, in dem jedes zimmer einer autorin oder einem autor gewidmet ist.

viele mir unbekannte, beispielsweise aglaya veteranyi oder yoko tawada

überrascht, was? und im frühstücksraum liegt von jedem autor ein dossier auf: foto, bio, zeitungsausschnitte. alles von einem designer gemacht.

cool

und die bilder, entstanden in zusammenarbeit mit hans christian jenssen (www.hcjenssen.ch). und eben im zimmer gibt es bücher!

und mit wem verbringst du die nacht?

mit ferdinand

aha, zimmer 53

schmatz und gute nacht.

:-*

(1) Satz von Peter Wehrli

Bitte verbreite buchort.ch:

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