„Kanzbi“ – Interkulturelle Bibliothek

Sprachenreich

Michael Guggenheimer

„Schriften der Welt“ heisst eine Wanderausstellung, die 2013 in Zürich Halt machte. „In allen Kulturen der Menschen wird mittels Sprachen kommuniziert. Nicht alle haben eine eigene Schrift. Die Ausstellung zeigt 15 Schriften, die in den interkulturellen Bibliotheken der Schweiz am stärksten vertreten sind.“ Kein Wunder, dass die Ausstellung in der Kanzbi in Zürich gezeigt wurde. Kanzbi? Das ist die Abkürzung für die Interkulturelle Bibliothek für Kinder und Jugendliche Kanzlei im ehemaligen Schulhaus Kanzlei im Stadtkreis 4 gleich neben dem Helvetiaplatz und unweit von den beiden grossen Schulhäusern Feld- und Kernstrasse. Bücher für Kinder und Jugendliche in 29 Sprachen bietet die von einem Verein getragene Kanzbi an. Keine andere Bibliothek in Zürich ist so sprachenreich. Ueber 9000 Bücher stehen in der Bibliothek, die Kinder ausleihen können.

Der Stadtkreis 4 ist jener Zürcher Stadtkreis, in dem seit den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zahlreiche Ausländer leben. Früher waren es Italiener und zugewanderte Juden aus dem Osten Europas. Heute leben hier Menschen aus Ex-Jugoslawien, aus Sri Lanka, aus Lateinamerika, den Filipinen, aus der Türkei und Thailand. Und weil die Beschaffung von Büchern aus der fernen Heimat manchmal schwierig ist und die Kinder häufig zuhause eine andere Sprache sprechen als in der Schule, haben Freiwillige im Jahr 1993 die Bibliothek gegründet, um Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, den Kontakt zu ihren Muttersprachen über Bücher aufrecht zu erhalten. An vier Nachmittagen pro Woche ist die Bibliothek im Erdgeschoss des alten Schulhauses geöffnet. Und weil sich hier auch die Schulbibliothek der beiden nahen Schulhäuser befindet, unterstützt das städtische Schulamt die Bibliothek. So befinden sich in der Bibliothek in zwei Räumen deutschsprachige Bücher, während in zwei anderen Bücher von Albanisch bis Vietnamesisch in enger Nachbarschaft in den Gestellen auf junge Leser warten. Im Jahr 2017 soll die Schulbibliothek in renovierte Räume des Schulhauses Kern umziehen. Ungewiss ist, ob die Kanzbi mit ihrem Bestand an fremdsprachigen Büchern an ihrem jetzigen Ort bleiben wird.

Leseraum, Rückzugsort

Die Eindrücke beim Besuch der Kanzbi sind ambivalent. Beeindruckend die sprachliche Vielfalt der Bücher. Sie stehen nach Sprachen geodnet in den Gestellen. Landkarten von Argentinien und Chile, von Italien und Somalia zeigen die Verbundenheit der Bibliothek zu den Ländern, aus denen die Bibliotheksbenützer kommen. Beeindruckend auch die Zweisprachigkeit der Kinder in der Bibliothek, die gleichzeitige Präsenz so unterschiedlicher gesprochener Sprachen wie Tamilisch und Türkisch oder Kroatisch. Kinder fremder Muttersprachen switchen mitten im Satz ins Schweizerdeutsche. Ernüchternd die Inneneinrichtung im Vergleich zu anderen Bibliotheken auf Stadtgebiet, die metallenen Büchergestelle und der Linoleumboden so einfach wie sie nicht einmal in den Bibliotheken von viel kleineren Ortschaften wie Uznach oder Flawil anzutreffen sind, Zwanzig Jahre hat es gedauert, bis die Stadt der Kanzbi neues Mobiliar spendierte. Man staunt nicht, wenn man im Jahresbericht 2014 der Bibliothek den Satz liest: “Wir sind auf Grund der grossen Finanzierungslücken mit den Ausgaben 2014 sehr sparsam umgegangen“. Der Eindruck bleibt, dass in einer so reichen und multikulturell geprägten Stadt wie Zürich, die öffentliche Hand offenbar zu wenig Mittel für die Bibliothek zur Verfügung stellt. Kein Wunder, dass die Bibliothek auf ihrer Homepage um finanzielle Unterstützung wirbt. Sympathisch in der Bibliothek auch der gemütliche Raum ohne Büchergestelle, in dem man sich auf Kissen legen und lesen kann. Beeindruckend der Medienraum mit seinen 9 Computern, an denen Schüler surfen und arbeiten, mailen, recherchieren oder Filme anschauen können und wo ein Angebot „Computerkurse für Frauen“ stattfindet: Die Frauen, die an den Kursen teilnehmen, haben wenig oder überhaupt keine Erfahrung im Umgang mit Computern , sie sind meistens Ausländerinnen. In einer familiären Atmosphäre werden sie mit Internet und Email vertraut gemacht. Weil zahlreiche Kinder im selben Gebäude Musikunterreicht haben, nutzen auch Kinder aus anderen Stadtteilen die Gelegenheit und suchen die Bibliothek auf, um dort Bücher und Spiele auszuleihen.

Die Kanzbi ist Mitglied der Organisation Interbiblio, in welcher die interkulturellen Bibliotheken der Schweiz organisiert sind. Helene Schär, Präsidentin des Vereins, meint in einem Schreiben an die Mitglieder: „In den interkulturellen Bibliotheken hat man längst verstanden, dass man den Menschen, wo immer sie herkommen, auf Augenhöhe begegnen muss. Aber dort arbeiten auch viele, die ähnliches durchgemacht haben, die wissen, was in den Menschen vorgeht, die jetzt bei uns ankommen.“ Kein Wunder also, dass drei der vier Bibliothekarinnen der Kanzbi aus dem Ausland stammen. So wie andere  interkulturelle  Bibliotheken  steht  auch die Kanzbi immer  wieder  vor  der  schwierigen  Aufgabe,  Bücher  aus  Ländern  zu beziehen,  die  keine  so  gut  organisierte  Distribution  kennen, wie  sie in den meisten  europäischen  Ländern  funktioniert. Wenn etwa Leocadia Hongler, die spanischstämmige Bibliothekarin, wieder in Spanien weilt, dann bringt sie spanische Kinder- und Jugendbücher mit. Nicht anders Erwachsene aus anderen Ländern, die in ihrer Heimat Bücher für die Bibliothek besorgen und denen von dort Bücher zugestellt werden. Helene Schär: “In  vielen  Bibliotheken  werden  die  angebotenen  Sprachen  von  einem  Mitglied  des  Sprachraums  betreut. Diese  Person hilft mit  beim  Katalogisieren  und  Übersetzen  der  Buchtitel und bemüht sich meist auch,  Leute  aus  ihrem  Sprachraum,  die  hier  leben,  für  die  Bibliothek  zu begeistern.  Die  interkulturellen  Bibliotheken reagieren  auch  auf  neue  Einwanderungsströme.  Sie  versuchen  dann,  diese  Menschen  direkt  anzusprechen, allenfalls  auch  über  Asylbewerberheime“.

Kanzbi. Interkulturelle Bibliothek für Kinder und Jugendliche
Schulhaus Kanzlei
Kanzleistrasse 56
8004 Zürich
T: 044 291 16 71
www.kanzbi.ch

 

Sprachenvielfalt

Heinz Egger

Kanzleischulhaus

Kanzbi. Ein Name, kurz, einprägsam, knackig. Er gehört der Bibliothek im Kanzleischulhaus. Dieses Schulhaus ist nicht mehr von ganzen Klassen, Dutzenden lärmenden Kindern und einem strengen Abwart beseelt. Es ist ein Haus voller Musikzimmer. Das Treppenhaus herunter fliesst ein Strom Töne verschiedenster Instrumente. Und den Abwart gibt es noch. Gleich nach den paar Stufen, die auf den Eingang folgen, ist an der linken Gangseite eine Tafel angebracht. Darauf stehen Orte des Hauses, ein blecherner Zeiger steht zwischen zwei Zeilen. Hier kann der Abwart angeben, wo er sich gerade aufhält. Oder ist das doch ein Relikt aus früherer Zeit?

Die Bibliothek liegt im Hochparterre in Raum 4 und 5. Der Eingang befindet sich bei der 4. Ein Täfelchen weist auf die Interkulturelle Bibliothek für Kinder und Jugendliche hin. Und gleich werden stolz 29 Sprachen aufgezählt, die in der Bibliothek verfügbar sind. Dazu gehören auch Filipino, Hindi, Kinyarwanda und Tigrinya. Ein Hauch von Exotik weht einem bei der Liste entgegen.

Weltkarte mit Sprachen und Schriften

Die ehemaligen Klassenzimmer sind durch Holzwände in kleinere Räume aufgeteilt. Der grösste ist jener mit dem Empfangstisch. Dort empfängt uns die Bibliothekarin. Sie weist uns kurz in die Bibliothek ein. Ihr reizender Akzent verleitet zur Nachfrage, woher sie stamme. Sie ist Spanierin.

Die Bestände sind eigentlich aus zwei Bibliotheken zusammengesetzt. Alles, was Deutsch ist, stammt aus einer Schulbibliothek. Der interkulturelle Teil gehört einem Verein, der es sich auf die Fahne geschrieben hat, den vielen fremdsprachigen Kindern eine Anlaufstelle zu bieten, wo sie Bücher in ihrer Muttersprache finden können. Der Verein folgt damit dem Motto, dass Sicherheit in der Muttersprache die Grundlage bildet, die Fremdsprache Deutsch zu erlernen.

Dank den hohen Fenstern sind die Räume sehr hell. In jedem stehen quadratische Tische mit Stühlen darum, so dass auch mehrere Kinder dort arbeiten können. Die Räume sind so eingerichtet, dass ganze Schulklassen empfangen werden können.

Ich setze mich an den Tisch im kleinsten der Räume. Auf der einen Seite der Eingang auf der anderen das Fenster zum kiestbedeckten Hof. Eine Stange mit Basketballkorb steht einsam unter den kahlen Bäumen. Der Schulhof ist von einem prächtigen schmiedeisernen Gitter eingefasst. Durch die Langstrasse fährt ein überlanger Trolleybus der Linie 32. Es ist ganz still im Raum. Vor und hinter mir stehen Bücherregale, weiss, aus Metall. Auf dem obersten Tablar leuchtet ein blaues Kunststoffkistchen. Darauf steht Spanisch. Darunter aber sind weitere Sprachen zu finden: Katalanisch und Portugiesisch. Auf dem Kistchen hinter mir steht Französisch darunter finden sich auch italienische Bücher.

Im Eingangsraum am langen Tisch hat sich ein Mädchen eingerichtet. Es hat einen Block vor sich und zeichnet. Jeder benutzte Stift wird gleich wieder in einem Beutel verstaut. Es ist eifrig dran. Seite um Seite entsteht. Auf einer malt es oben am Rand Kästchen und nummeriert sie. Dazu spricht es die Zahlen leise auf – nicht auf Deutsch. Ich rate, woher so ein schönes Gesicht mit mandelförmigen Augen stammen könnte. Ich schaue seine Kleider an. Es trägt einen leichten Pullover mit roten Achselstücken. Über die Brust laufen dünne weisse und rote Streifen. Plötzlich steht es auf und geht zu einem Büchergestell, bückt sich und schiebt Kinderbuch um Kinderbuch zur Seite, bis es das gesuchte gefunden hat. Es trägt es zu seinem Arbeitsplatz. Ein grosser Walfisch prangt darauf. Zügig schreibt es den Titel ab, schlägt das Buch auf und schreibt weiter ab. Schön sehen die Schriftzeichen aus. Es kennt die Formen gut.

Weil ich auch in der gleichen Gestellreihe meinen Blick über die Rücken der Bücher gleiten lasse, spioniere ich schnell, welche Sprache das Mädchen herausgenommen hat. Koreanisch.

Ich spreche das Mädchen an. Es ist erst sieben Jahre alt. Daheim spricht es Koreanisch und Englisch, in der Schule mit den Kameradinnen und Kameraden Deutsch. Und mit mir macht es das sehr fliessend – etwas leise, vielleicht etwas scheu zwar, aber sehr gut. Wunderbar muss es sein, in diesem Alter bereits drei Sprachen zur Verfügung zu haben, und erst noch eine Nicht-Europäische.

Die Bibliothekarin stösst zu uns. Sie führt weiter aus, dass die kleine Koreanerin jeden Donnerstag in der Bibliothek sei, wenigstens während der Schulzeit. Da besucht sie eine Musikstunde und wartet, die Bibliothek nutzend, bis Mama sie abholt.

 

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