Kinderbuchladen Zürich

Kinderbücherkönigreich

Michael Guggenheimer

Imn grosszügigen Eingang begrüssen Stofftiere die Leseratten

In der Regel führen Buchhandlungen eine Ecke mit Kinder- und Jugendbüchern. Nicht alle zwar. Beim Kinderbuchladen an der Oberdorfstrasse 32 in Zürich ist es anders: Auf zwei Etagen mit stolzen 400 Quadratmetern gibt es hier Kinderbücher, Kinderbücher und nochmals Kinderbücher sowie Jugendbücher. Seit bald 45 Jahren existiert der Kinderbuchladen. Bis zum Frühling 2014 merkte man dem Laden sein Alter an, denn eine Auffrischung des Intérieurs mit seinem Stil der 70er Jahre hatte lange Zeit nicht stattgefunden. Dann aber wurde das Erdgeschoss neu bemalt, wurden die Kasse und der Beratungstisch versetzt. Seitdem strahlt der Kinderbuchladen eine frische Helle und Farbigkeit aus, die freundlich und einladend wirkt.

Das Angebot ist im Kinderbuchladen ist gross, sehr gross sogar. Nicht nur Kinder stehen vor den Gestellen und wühlen in den Bücherkisten. Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen aus der ganzen Deutschschweiz und aus dem benachbarten süddeutschen Raum gehören zu den treuen Kunden des grössten Kinderbuchladens der Schweiz. Lehrerinnen, die ein Vorlesebuch für ihre Klasse suchen, Bibliothekarinnen, die nach neuen Büchern für die Kinder- und Jugendbuchabteilung ihrer Gemeindebibliothek Ausschau halten, Handarbeitslehrerinnen und Sprachlehrer stehen vor den Gestellen. Eltern und Grosseltern auf der Suche nach Vorlesebüchern und Geschenken gehören ebenso zu den regelmässigen Kunden wie Göttis in Begleitung ihrer Patenkinder auf der Suche nach dem richtigen Buchgeschenk.

Zwei Namen sind untrennbar mit dem grossen Laden verbunden: Der Mediziner Jürg Schatzmann und seine damalige Frau Regina Schatzmann-Vitali, die neben dem Architektur-Studium Mitarbeiterin im Spielwargengeschäft Pastorini war, haben diesen Laden 1970 gegründet und aufgebaut, notabene den ersten Kinderbuchladen im deutschsprachigen Raum! Andere Buchhändler in Zürich beschwerten sich damals wegen des Namens „Kinderbuchladen“, denn auch sie verkauften Kinderbücher. Doch kein anderes Buchgeschäft in Zürich konnte mit den Jahren ein so breites Angebot an Kinder- und Jugendbücher aufbauen. Nach dem Ausscheiden von Regina Schatzmann-Vitali führte Jürg Schatzmann zusammen mit seiner Schwägerin Dorothee Vitali die Buchhandlung erfolgreich weiter. In der Zwischenzeit sind weitere Kinderbuchläden in der Schweiz gegründet worden. Und immer wieder heissen sie auch Kinderbuchladen, denn der Name ist nicht geschützt und ist gleichzeitig Signal für die Kunden. In Bern, St.Gallen, Thun, Amriswil, Schaffhausen und Winterthur trifft man auf Kinderbuchläden. Der Futterneid der anderen Buchhändler von früher hat sich mit der Zeit gelegt. Man hat sich an den Spezialisten gewöhnt. Manchmal rufen sogar Buchhändler hier an, wenn sie auf der Suche nach einem ganz speziellen Kinderbuch sind. Im Jahr 2013 hat die Baeschlin-Schuler-Gruppe aus Glarus und Chur den Kinderbuchladen von dessen Gründern übernommen. Ihr gehört in Zürich bereits die auf Fremdsprachenlehrmittel spezialisierte Staeheli Interlingua AG.

Die Nähe des Gründungsjahres des Kinderbuchladens zu 1968 und zur 68er Bewegung ist wohl kein Zufall. Damals fand eine Umwälzung in der Pädagogik statt, damals erschienen Bücher, in denen es um neue Theorien und neue Umgangsformen, um Kindheit und Jugendpädagogik ging.

Erwachsene kommen im Kinderbuchladen nicht zu kurz, denn Daniel Defoe, Herman Melville oder James Fenimore Cooper sind hier mit schönen Ausgaben ebenso vertreten wie in Buchhandlungen, deren Angebot sich an Erwachsene richtet. Lehrpersonen finden an der Oberdorfstrasse von pädagogischen Lehrblättern bis hin zu umfangreichen Fachbüchern zahllose Anregungen für die Gestaltung ihres Unterrichts. Wichtige Zielpublika aber sind an der Oberdorfstrasse Kinder und Jugendliche. Manche kommen ohne Begleitung aber mit einem Geschenkgutschein von der Tante oder von der Grossmutter in der Tasche in die Kinderbuchhandlung. Vielfach besuchen aber Eltern, Patenonkel und –tanten, Grosseltern mit ihren Kindern oder Enkelkindern den Kinderbuchladen. Und sie können sich leicht im Laden orientieren: Die Buchbereiche heissen hier „Erstes Lesen“ oder „Kinderbücher ab 8“, „Kinderbücher ab 9“, ab 11 und ab 13. Dann kommen die Jugendbücher. Weitere Abteilungen tragen Titel wie Fantasy, Historische Romane, Klassiker, Märchen, Fabeln und Sagen. Natürlich fehlen Kinder- und Familienspiele aller Art, Hör-CD’s und DVD’s , Bastelbücher und Bastelbögen nicht. Und weil in Zürich heute nicht nur Deutsch gesprochen wird, finden sich hier auch englisch- und französischsprachige Kinderbücher im Angebot.

Was im vergleich zu anderen Buchhandlungen in der Stadt auffällt: Hier prägen ganz andere Autorennamen die Büchergestelle. Zwar gibt es Autoren, die Neben Romanen für Erwachsene auch Kinder- und Jugendbücher schreiben. Aber die meisten hier vertretenen Autoren sind Kinderbuch- und Jugendbuchautoren, deren Namen in anderen Buchhandlungen kaum je begegnet. Was sonst noch auffällt? Die meisten Mitarbeiterinnen sind jung. Und sie kennen sich in der Materie aus, können wirklich auf Fragen kompetent eingehen, finden das passende Buch zum jeweiligen Kind.

Kinderbuchladen Zürich
Oberdorfstr. 32
8001 Zürich
T: 044 265 30 00
www.kinderbuchladen.ch/

 

Das sprechende Buch

Heinz Egger

Als ich den Kinderbuchladen betrete, spüre ich wohltuende Weite. Rechts, in einem weissen Gestell und links an einem Baum mit blauen Füssen begrüssen mich kleine Stofftiere. Das ist nicht gerade, was ich erwarte. Vielleicht fühlen sich Kinder so schneller wohl. Oder in jungen Leuten rufen die Affen, Elefanten und Bären schneller Erinnerungen wach, die ihnen ein wohliges Gefühl bereiten. Vielleicht verkauft sich das auch ganz einfach besser als Bücher?Oder ist es der Zwang zum Diversifizieren? – Wie auch immer. Ich erinnere mich mit Freude daran, wie unsere Töchter jeweils zum Geschichtenerzählen ihre Stofftiere mitgebracht haben. Der Affe der jüngeren Tochter war ein ganz vorwitziges Bürschchen. Wir haben ihn oft in die Erzählungen einbezogen, indem er Kommentare abgab oder altklug die Moral der Geschichte auf seine Art wiederholte. Häufig wollte er gar nicht bei seiner Liebsten sein, sondern auf dem Schoss des Erzählers sitzen und mit eigenen Augen ins Buch sehen.

Vorbei an der längeren Wand mit DVDs gehe ich zu den Büchern. Sie stehen fein säuberlich nach Lesealter geordnet in den Gestellen. Und schon entdecke ich, was ich in meiner Jugend gelesen und geliebt habe. Jim Knopf und der Lokomotivführer, die rote Zora, die schwarzen Brüder, Winnetou und Old Shatterhand, das doppelte Lottchen, Pünktchen und Anton.
Viele der Bücher haben meine Kinder eher als Film, denn als Buch genossen. Dazu gehört auch die Buchreihe von Harry Potter.
Und dann sind da Bände, die mich wie für Erwachsene anmuten. Dämonische Gestalten auf den Titelbildern, Titel in Schriften, die an längst versunkene, düstere Zeiten erinnern: Warrior Cats – Stunde der Finsternis, das Portal der Dämonen. Sturmjäger von Aradon – Magierlicht. Auf dem Titelbildern leuchten starke Farben, starrende Katzenaugen, ein rot und orange leuchtendes Portal, gekrönt mit einem vogelähnlichen Wesen, dessen Schnabel und die grossen Ohren grell leuchten. Eine sehr junge, fast magersüchtig schlanke Frau kauert am Boden, die Knie zeigen nach rechts. Den Kopf hat sie aber zurückgewandt. Ihr Gesicht ist kantig, sie hat lange, schwarze Haare und trägt ein eng anliegendes Kleid. Licht fällt auf ihre kleine Brust. Im Hintergrund glimmt blaues Licht. Mir ist unbehaglich beim Anblick solcher Bücher.

Schöner ist der Anblick der Büchertische, deren Umrandung himbeerrot auf weissem Unterbau steht, oder der gelb gestrichenen Treppenwange.

Die Erweiterung zum Buch: Aus dem Stift, der versteckte Codes im Druck liest, tönen Audiodateien.

Bei dieser Treppe zur Galerie entdecke ich unscheinbar in einem Fach die geniale Erweiterung des Buches: Bild und Text sind kombiniert mit Audiosequenzen. Diese sind mit einem Stift abzurufen, der unsichtbar gedruckte Codes erfasst und das passende Geräusch, Musik oder gesprochenen Text abspielt. So ertönt etwa im Baum Vogelgezwitscher aus dem Minilautsprecher, die Hühner gackern unter dem Baum und der Traktor tuckert auf der Strasse. Die Bäuerin erklärt den Kindern die Obstsorten im Harass. – Vier Erlebnisebenen stehen den kleinen Forschern zur Verfügung. In der Ebene „Entdecken“ tauchen Kinder in die Erlebniswelt ein und lernen Geräusche und kurze Informationen kennen. Wer mehr zum jeweiligen Thema erfahren möchte, wechselt in die Ebene „Wissen“. Hinter der Ebene „Erzählen“ verstecken sich Geschichten. Und in der Ebene „Spielen“ können die Kleinen ihr Wissen unter Beweis stellen, indem sie Rätsel und Aufgaben lösen.
Ein wunderbares Konzept! Zu jedem Buch gibt es die entsprechenden Audiodateien, die von einer Internetplattform heruntergeladen und auf den Stift übertragen werden können. – Warum gibt es das nicht auch für Erwachsene? Ich denke da an meine derzeitige Lektüre: Sie führt mich in die Grenzregion zwischen Deutschland und Polen, der Neisse und der Oder entlang von Zittau nach Norden. So viele polnische Orte stehen im Text – kaum lesbar und sicher ohne Hilfe nicht korrekt auszusprechen. Und das Buch ist voller Persönlichkeiten, die in eigener Rede kennenzulernen wären. Oder es gibt Verweise auf historische Ereignisse, die nach Erläuterungen rufen. Da könnte doch so ein Stift auch helfen – unmittelbar, schnell und einfach!
Oder ist die Entwicklung schon weiter? Das elektronische Buch, gelesen auf einem Tablet-Computer, der mit dem Internet verbunden ist, ermöglicht sofort die Suche nach allem und jedem …

 

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