Leipziger Buchmesse

In der Halle 2

Michael Guggenheimer

„Leipzig liest“ und die Leipziger Buchmesse. Jedes Jahr im März. Was bleibt nach den langen und langsamen Wanderungen durch die riesigen Messehallen in Erinnerung ? Ganz bestimmt der Gemeinschaftsstand der österreichischen Verlage: Hier sieht man die Bücher, die in den vergangenen Monaten in Österreich hergestellt werden und die in der Schweiz kaum zur Kenntnis genommen werden. Oder der Stand von SWIPS, den Swiss Independent Publishers, den 24 unabhängigen Schweizer Verlagen, zu denen auch so renommierte Verlage wie Scheidegger+Spiess, Dörlemann, Lenos, Limmat oder Lars Müller gehören. Studierende der Technischen Hochschule in Cottbus haben den Stand entworfen, Lektorinnen und Verleger stehen am Stand, geben Auskunft und verkaufen Bücher. Denn anders als an der riesigen Frankfurter Buchmesse kann man in Leipzig Bücher kaufen.

Was auch in Erinnerung bleibt ist der grosse Stand von bpb, der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung, an dem sich immer zahlreiche junge Menschen einfinden. Da ist einerseits ein grosszügiges Angebot an Online-Dossiers zu den Bereichen Geschichte, Gesellschaft, Internationales, Politik, auf die man aufmerksam gemacht wird. Unglaublich reichhaltig die Zahl der Publikationen der Schriftenreihe der bpb. Informationen über Afrika, Länderberichte über China und Russland, Holland oder Israel, Wissen über die DDR, Bücher zu Fragen der Migration und des demografischen Wandels, Publikationen zur europäischen Geschichte, zum Klimawandel oder zum Nahen Osten, zu Osteuropa oder zum Nationalsozialismus. Und all das zu unschlagbar tiefen Preisen. Häufig handelt es sich hier um hervorragende Bücher, die zuvor bei einem anderen Verlag erschienen sind. Die Bücher lassen sich auch online aus dem Ausland bestellen. Kostenlos wird am Stand die hervorragende Jugendzeitschrift fluter abgegeben, deren letzte Themen lauten: Plastik, Reisen, Familie, Demokratie, Armut, Umgang mit dem Web, Bildung oder Nazis. Und weil das Programm der bpb mehr als nur Bücher, Videos, Zeitschriften und Infoblätter umfasst, bietet die Organisation eine beachtliche Zahl von Informationsveranstaltungen, Tagungen und Studienreisen an, die sich nicht nur an Bewohner Deutschlands richten. Ein „bpb:magazin“ behandelt aktuelle politische und soziale Themen und kann kostenlos abonniert werden. Im letzten Magazin werden „Gerettete Geschichten“ erzählt – (Über)Lebensgeschichten europäischer Juden im 20. Jahrhundert. Zudem gibt es im Heft Interviews, Reportagen und Fotostrecken zu den drei Schwerpunktthemen: 70 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg, Russland und Soziale Ungleichheit. Eine Site im Netz mit dem Namen „euro/topics“ informiert zudem täglich über aktuelle politische Debatten. Im Zentrum der Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung steht die Förderung des Bewusstseins für Demokratie und politische Partizipation.

Der einsame Vorleser

Ganz anders eine andere Messeerinnerung, die haften bleibt, weil sie so seltsam ist, eine Beobachtung, die man Jahr für Jahr in Leipzig machen kann und die ein Schmunzeln auslöst. Es sind die Stände jener Verlage, die man als Selbstkosten- oder Selbstzahlverlage bezeichnet. Da steht in der Halle 2 an der Ecke zweier Hallengänge ein älterer Herr an einem Stehpult. Er ist sechs Stunden mit der Bahn unterwegs gewesen, um im Leipzig sein Buch vorzustellen, für das er kein Honorar erhält. Zahlen hat er müssen, damit sein Manuskript als Buch verlegt wurde. Und es war nicht wenig Geld. Dafür ist er jetzt Autor, sein Buch hat sogar eine ISBN Kennziffer. Das Buch hat er Familienangehörigen und Freunden verschenkt, keine Buchhandlung wollte das Buch ausstellen oder in Kommission nehmen. Dafür lagern jetzt gut verpackte 200 Exemplare in seiner Garage. Und sie werden ihn dort überleben. Denn noch mehr Freunde und Verwandte hat er nicht. Hunderte von Menschen gehen an ihm vorbei, keiner ausser den zwei Männern im dunklen Anzug und Krawatte bleibt stehen. Die beiden Männer gehören zum Stand, sie sind Claqueure, die sich Texte von selbstzahlenden Hobbyautoren anhören, Fotos machen und Passanten auf die Lesung aufmerksam machen müssen. Der Autor spricht seinen Text in ein Mikrofon, liest drei Seiten vor, das Buch, das vor ihm liegt, trägt den Titel „Und es waren vier Freunde“. Der Verlag hat einen vornehm klingenden Namen. Auf dem über 100 Seiten dicken Verlagsprospekt steht „Manuskripte willkommen“ und auf dem Cover des Prospekts ist ein Mann in seinem Büro zu sehen, der in der einen Hand Bücher hält und dessen rechter Fuss auf einem kleinen Bücherberg ruht. Im Hochglanzkatalog wird u.a. geworben für Bücher wie „Ich war einmal Matrose und oft verreist“, „Kurzgeschichten so wie sie das Leben schrieb“, „Das Schicksal einer Tochter“ oder „Das Leuchten im eigenen Ich“. Von jeder Autorin und jedem Autor ist im Katalog ein ganzseitiges Bild mit einer Biografie zu sehen. Die Lesungen am Stand, sie dauern etwa 15 Minuten, wirken hilflos, weil die Stimme der Vorlesenden in der riesigen Messehalle untergeht, kaum jemand stehen bleibt, ohnehin keine Stühle aufgestellt werden.

Nächstes Jahr wieder. Dann wird es ein anderer älterer Herr oder eine ältere Dame sein, die bereit waren, mehrere Tausender hinzublättern, damit ihr Name auf einem Buchumschlag steht. Ich werde im kommenden Jahr wieder am Stand vorbeigehen, unterwegs zur bpb, denn dort ist Verlass auf Qualität und Unbestechlichkeit.

Leipziger Messe GmbH
Projektteam Leipziger Buchmesse
Messe-Allee 1
04356 Leipzig
Postfach 10 07 20
04007 Leipzig
www.leipziger-buchmesse.de/

 

 

 

Conclusus

Heinz Egger

Wir sind zeitig vom Hotel aufgebrochen, um die S-Bahn von Halle nach Leipzig Messe zu nehmen. Die Doppelkombination steht schon am Bahnsteig. Und eine Viertelstunde vor Abfahrt ist jeder Platz besetzt, die Plattformen sind voll. Wir zwängen uns auch noch hinein und stehen zwischen Schülerinnen und Schülern. Nein, ihre Themen umkreisen nicht den Besuch der Buchmesse, ihre Smartphones sind es. Bilder werden gezeigt, Spiele vorgeführt und gespielt.

Mich befällt eine gewisse nervöse Spannung. Es ist mein erster Besuch einer so grossen Buchmesse. Was werde ich da antreffen? Geduldig folge ich dem Strom der Leute vom Bahnhof auf die Messehalle zu. Einige steigen die Böschung hoch und schiessen ein Foto von der dichten Menschenschlange. Kurz vor zehn Uhr betrete ich bei der Halle 5 das Messegelände. Vor der Halle 3, meinem heutigen Ziel, heisst es noch warten. Zwei bullige Männer versperren den Zugang. Sie lassen nur ein, wer einen Händlerausweis besitzt. Auch der Kameramann mit seinem grossen Rollstativ bleibt stecken. Kein Durchkommen ohne entsprechenden Ausweis. Punkt zehn Uhr gehen die Türen auf und ich werde mit dem Strom in die Halle gespült.

Zuerst bin ich etwas ernüchtert. Auch nur eine Messehalle, wie ich sie nicht von Büchern, aber von anderen Ausstellungen kenne. Hoher Raum, viel Licht, Reklamen. Von der Decke hängen die Orientierungsfahnen mit den Buchstaben der Gänge und einer groben Angabe, was zu finden ist. Die Wand zu meiner Linken ist mit kleineren und grösseren Plakaten vollgepflastert. Einladungen zu Lesungen, Verlagsreklamen. Ich durchstreife die Halle, sehe Reiseverlage, die Arena einer Fernsehanstalt, Hörbuchverlage, Verlage religiöser Schriften. Alles nicht mein Ding. Die Abteilung Buch und Art zieht mich an.

Franziska Heller, Preisträgerin

Im Kornhaus der Burg Giebichenstein Halle habe ich sie getroffen. Franziska Heller. Sie hat ihr Diplom an der Kunsthochschule im Herbst 2014 erhalten, sie war dabei ihren Arbeitsplatz zu räumen. Sie ist nur noch bis Ende März an der Hochschule eingeschrieben. Dann beginnt ihr „freies“ Leben als Künstlerin. Schon während des Studiums hat sie jeweils einen Koffer gepackt und ihre Arbeiten auf Messen präsentiert. Sie ist zusammen mit Moritz Jason Wippermann, Hochschule Wismar, und Ilko Koestler, ebenfalls Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Preisträgerin des 3. Druckgraphik-Wettbewerbs der Leipziger Buchmesse (http://www.leipziger-buchmesse.de/pressemitteilungen/die-gewinner-des-3-druckgrafikwettbewerbs-stehen-fest/237660). Die Jury lobt an Franzika Hellers Arbeiten die besonders innovative Gestaltung beim Zusammenspiel von Grafiken und Textbuch, die herausragenden buchbinderischen Ideen und die einzigartige Verarbeitung. Als Preisträgerin erhielt Franziska Heller deshalb an der diesjährigen Buchmesse einen Standplatz. Den Stand hat sie vollständig selber gebaut. Er ist klein nur. Ein Winkel aus weissen Wänden, davor zwei Korpusse aus blaugrau bemalter Spanplatte. Die Frontseite ist durchbrochen, ein Samtvorhang deckt die Lücke ab.

Tuschelavierungen und Glasbilder am Stand von Franziska Heller

An der einen Wand hängen Arbeiten auf Glas, an der anderen – mein Auge liess sich täuschen – hängen vermeintlich bearbeitete Fotos. Geht man etwas näher heran, dann entdeckt man, dass es äusserst fein gearbeitete Tuschelavierungen sind. Alle in kleinen Formaten. Die Arbeiten einer geübten Hand und eines sehr feinen Empfindens für zarteste Abstufungen von Grau.

Ich besuche Franziska Heller am Stand. Sie steht da, scheu, schwarz-weisse Jacke, schwarzer Pullover, schwarzer Jupe, feuerrote Strümpfe, schwarze Schuhe.

Gern zeigt sie mir ihre Arbeiten. Mir hat es Conclusus angetan. Der Titel nimmt Bezug auf den Hortus conclusus, den geschlossenen Garten – mir kommt dazu gleich der Rosengarten auf der Burg in den Sinn. Das Geschlossene, nach oben offene, genau wie die Arbeit selbst, die in einer oben offenen Kassette liegt. Eigene Texte, selbst komponierte digitale Bilder, gedruckt im Handoffset-Verfahren, von Hand in koptischer Bindung zum Buch geheftet. Textseiten, die sich aufklappen lassen und den Blick auf das Bild freigeben. Innen auf den Klappen links und rechts weiterer Text. Ein Garten aus Worten und Bildern – offen und geschlossen.

 

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