Librairie Quai des Brumes, Strasbourg

Des vrais lecteurs

Michael Guggenheimer

Das Werk von zwei Autoren, die im Elsass leben, mag ich besonders. Es sind die Deutsche Barbara Honigmann und der Franzose Pierre Kretz. Wie Honigmann in ihrem Buch „Chronik meiner Strasse“ die Rue Edel beschreibt, an der sie seit Jahrzehnten in Strassburg wohnt, ist amüsant und gleichzeitig interessant. Hier begegnen sich Kulturen: Franzosen, die seit jeher an dieser Strasse wohnen, Einwanderer aus Afrika und orthodoxe Juden leben friedlich aneinander vorbei. Und wie Pierre Kretz in seinem Buch „Ich, der kleine Katholik“ seine katholische Kindheit beschreibt, ist ebenso spannend wie witzig: Der Besitz eines Peugeots war früher im Elsass Hinweis für eine evangelische Familie. Das Fahren in einem Renault signalisierte einen katholischen Hintergrund. Eine gar nicht so weit zurückliegende Welt von gestern eröffnet sich in seinem Buch. Strasbourg (französisch) oder Strassburg (deutsch) ist für mich die Stadt mit den beiden Gesichtern: französisch und deutsch zugleich.

In der schönsten (und gewiss auch besten) Buchhandlung von Strasbourg, der Librairie Quai des Brumes an der autofreien Grand’ Rue in einem Haus mit einem stattlichen Erker, ist diese zweifache Identität dann erlebbar, wenn im hinteren Raum, wo die Kunstbücher sind, ein Paar in deutscher Sprache lange darüber debattiert, welchen Katalog einer Pariser Ausstellung über die Gründerzeit sie kaufen sollen. Das Buch, das sie in Händen halten, handelt von Art nouveau. Und so wechselt die Bezeichnung jener Zeit im Gespräch der beiden von der einen Sprache zur anderen, von Art Nouveau zu Jugendstil. Am Eingang der Buchhandlung liegt ein Stapel des 700 Seiten Buchs „Mémoires“. Und wieder ist die Nähe der beiden Sprachen und der beiden Länder sichtbar: Es ist das gemeinsame Buch des deutsch-französischen Ehepaars Beate und Serge Klarsfeld.

Littérature etrangère heisst der Aufdruck auf einem grossen Lampenschirm über einen breiten und voll beladenen Büchertisch in der Buchhandlung. Gross die Auswahl und doch ein Erstaunen: In der Stadt, in der man nicht nur Französisch hört und wo elsässischer „Flammkueche“ und französisches Chocroute garnie in fast jedem Restaurant angeboten werden, begegnet man nur einer Sprache. So reich die Auswahl an fremder Literatur ist, so einsprachig ist sie in den Bücherregalen bei der Librairie Quai des Brumes. „Wer in Strassburg lebt und deutsche Bücher mag, der fährt am besten nach Freiburg im Breisgau, um sich dort seine Bücher zu holen. Freiburg ist so nah und so schön“, sagt der Strassburger Laurent Goetschel, der genauso zweisprachig ist wie Autor Pierre Kretz, dessen „Quand j’étais petit, j’étais catholique“ bei La Nuée bleue in Strasbourg erschienen ist und die deutsche Version bei Klöpfer und Meyer in Tübingen.

Auch wenn man Bücher in deutscher Sprache in der reich ausgestatteten Buchhandlung Quai des Brumes vermisst, kommt man als Leser sehr auf seine Rechnung. Schon die Räume der Buchhandlung sind einen Augenschein wert. Besonders die beiden hofseitigen hinteren Räume. Zwei Säulen von griechisch-antikem Anmut stützen die Decke eines früher vornehmen Wohnraums, der in hellblau gehalten ist und wo sich die Buchhandlung vor einigen Jahren installiert hat. Rundum im selben Raum weitere Säulenattrappen und ein kleiner offener Tresor, in dem Bücher liegen. Kunst- und Architektur, Film und Psychoanalyse, Geschichte und die Philosophie sind in diesem Raum beisammen. Gleich nebenan ein weiterer Raum in Hellgrau im Stil des 18. Jahrhunderts, ein schöner Parkettboden und reich dekorierte Türen. Hier ist die reiche Welt der französischen Bandes dessinées und der Kinderbücher zu Hause. Begibt man sich zum strassenseitigen länglichen Hauptraum von Quai des Brumes, dann bleibt man unweigerlich an einer Wand stehen, die reich bestückt ist mit Revues littérarires et culturelles.

Grosse Auswahl an Literaturzeitschriften

Im Hauptraum fallen die farbigen Lampenschirme auf, die grossen Hüten ähneln. Auf jedem dieser abat-jours steht in grossen Lettern geschrieben, welche Literaturgattung sich auf den Tischen unter ihnen handelt. Littérature française, Théatre et poésie, Littérature etrangère, Policiers et Science fiction lauten die Aufschriften. Sympathisch die vielen rosafarbenen Zettel, die aus den Büchern hervorlugen und auf denen die Buchhändlerinnen und Buchhändler mit schwarzem Filzstift lobende Bemerkungen geschrieben haben. „Les vendeurs sont ici de vrais lecteurs“, sagt Laurent Goetschel. Aus dem Buch „La femme qui pensait être belle“, das ich vor dem Verlassen der Buchhandlung kaufe, steht: „Caméra cachée. Avec tendresse et humour, ces petits polaroids révèlent le singulier dans l’ordinaire. Beau comme un vol de canards suvages !“. Und aus dem Cover von Dror Mishanis Krimi „Une disparition inquiétante“ hat ein Buchhändler mit Kugelschreiber geschrieben: „Ne ratez pas cet excellent roman policier israélien. Dror Mishani tient son histoire jusqu’aux dernières pages. Génial“. Francis und Sylvie Bernabé haben die Buchhandlung vor 31 Jahren gegründet. Heute leiten Arnaud Velasquez und Sébastien Le Benoist diese unabhängige Buchhandlung. Schön wie die beiden sowie ihre fünf angestellten Buchhändlerinnen und Buchhändler in je eigenen Blogs im Netz mit ausführlichen Buchbesprechungen präsent sind. Eine Association 120 Grand’ Rue, eine Art Leserverein, wurde im Jahr 2005 gegründet. Sie trifft sich regelmässig in den Räumen der Buchhandlung zu Gesprächen über Bücher. Erwähnenswert sind die wirklich viele Bücher ausländischer Autoren, die unterteilt sind nach Regionen, wobei in der Abteilung Europe du nord die niederländischen Autoren – wohl aus Versehen? – unter die Skandinavier geraten sind. Klar, dass der Blick des Gastes aus der Schweiz Ausschau hält nach Autoren aus der Schweiz. Man sucht und findet Peter Stamms Agnes, zwei Bücher von Urs Widmer, drei von Pascal Mercier und je sechs Titel von Robert Walser und Martin Suter. C’est tout. Mehr ist an Literatur aus der Deutschschweiz nicht zu haben.

Librairie Quai des Brumes
120 Grand’Rue
67000 Strasbourg
T: 03 88 35 32 84
www.quaidesbrumes.com

 

 

Lesen macht gefährlich

Heinz Egger

Un jour gris, avec cette fausse brume qui s’accroche aux arbres sans feuilles … Diese Worte von Louis Aragon aus Les Beaux Quartiers beschreiben perfekt die Stimmung. Ich stehe im mittleren der drei Räume der Librairie Quai des Brumes und schaue durch alte hohe Fenster hinaus auf einen märchenhaften Hof. Feine Äste eines Baumes hängen vor dem Fenster, ein paar gelb schimmernde, nasse Herbstblätter baumeln an den Zweigen. Dunkle Gebäude aus Ziegelsteinen umrahmen den rechteckigen, langgezogenen Platz. Alles glänzt regennass und um die Spitze des runden Turms in der rechten Ecke des Platzes spielt der Nebel.

Raum mit reichem Stuckdecor, im Hintergrund der Tresor

Drinnen ist es angenehm warm. Ich gehe weiter zum dritten Raum. Hoch ist er, hellblau gestrichen. Die Wände sind mit klassizistischen, runden und eckigen Halbsäulen, Flächen für Bilder mit Stuckrahmen und einem kräftigen Fries zur Decke hin verziert. Durch zwei hohe Fenster schleicht graues Novemberlicht. Gegenüber den Fenstern steht in einer runden Nische nicht eine Athene, ein Apoll oder David, sondern ein Tresor. Es ist ein edles und sicher ungeheuer schweres Stück. Auf einem Sockel ruht der holzbraun gestrichene Metallschrank. Seine Türe steht leicht offen. Nichts Kostbares liegt darin, nur Paperbacks.

Der Raum ist den Themen Fotografie, Film, Architektur, Psychologie, Philosophie, Geschichte und den bildenden Künsten gewidmet. Die dunklen Gestelle tragen gedruckte Aufkleber. Jedes Thema hat seinen Farbcode. Film ist orange, Architektur violett, Psychologie rot.

Es ist kein freier Platz im Raum. Überall sind Bücher in reichster Auswahl. Was nicht in den Gestellen Platz findet steht am Boden.

Ein Buchhändler empfängt eine Verlagsvertreterin. Damit sie ihren Laptop sicher hinstellen kann, muss er erst den winzigen Arbeitsplatz freiräumen. Er hebt Bücherstapel um Bücherstapel auf und schichtet sie über andere Bücher. Die Verhandlungen gehen schnell, genau so schnell wie die Vertreterin redet. Der Buchhändler folgt ihr mit einer Liste, auf der er Markierungen anbringt.

Ein deutsches Ehepaar widmet sich eingehend den Kunstbüchern. Lange reden sie über Le „Salon de rêves“ – Comment le peintre Joseph Steib fit la guerre à Adolf Hitler. Während er blättert, sagt er immer wieder: „Das Lähmende kommt deutlich rüber“.

Rezept aus dem einfachsten Kochbuch der Welt

Ich gehe zurück in den mittleren Raum. Er ist ebenso reich geschmückt wie der dritte, aber hier gibt es Farben und Gold in den Ornamenten. Der weite Kamin ist mit einer weissen Platte abgedeckt. Das Angebot in diesem Raum: Graphic Novels, Comics, Kinderbücher und Kochbücher. Nicht nur Bücher zur „normalen“ Küche und jener der grossen Küchenchefs, sondern auch Bücher über Pâtisserie – dazu gehören auch einige Bände über die Schokolade – und über die sogenannt alternative Küche mit Rezepten für Vegetarier, Veganer, Rohköstler und Leute, die spezielle Diäten brauchen, beispielsweise bei Gluten-Unverträglichkeit liegen auf. Ein Kochbuch ist erwähnenswert: J.-F. Mallet, Simplissime, Le livre de cuisine le + facile du monde, erschienen bei Hachette. Auf aller einfachste Weise mit Bildern, Pictogrammen und sehr wenig Text wird das Rezept, das seinerseits simpel ist, vorgestellt.

Ein Gestell ist dem Elsass gewidmet. Das Elsässische als Dialekt stirbt wohl langsam aus, weil die Jungen nur noch Französisch sprechen, wie beispielsweise die Lernende, die mich empfangen hat. Dominique Huck stellt in seinem Buch „Une histoire des langues de l’Alsace“ die sprachliche Landschaft des Elsass‘ vor. Auf dem Titelbild sagt ein vornehm im Stil des vorletzten Jahrhunderts gekleideter Herr zu seinem Begleiter: Laissez les parler allemand, pourvu qu’ils sabrent français!“ Worauf der andere antwortet: „Enfin … redde m’r nimm drvun.“ Die erste Aussage stamme von Napoléon, die zweite von Germain Muller.

Der erste Raum mit der Eingangstüre ist völlig anders. Er ist eckig, schlicht, modern. Die beschriebenen hinteren Räume scheinen demnach einst Wohnräume gut betuchter Leute gewesen zu sein. Die Lampen an der Decke weisen einem den Weg zu den Abteilungen. Farbcodes an den Lampen und den Büchergestellen aus hellem Holz helfen zu finden, was man in der grossen Belletristikabteilung sucht. Littérature française, Littérature étrangère, Théâtre et Poésie und Policier et Science fiction heissen die grossen Bereiche.

Auf Rolltischen liegt Buchcover neben Buchcover. In sehr vielen steckt ein himbeerfarbener Zettel mit einem Hinweis auf den Inhalt und einer Wertung des Buches: Bravo! Haletant! A dévorer. Enroutant. Hanté! Fascinant!

Und die Leute lassen sich von den Büchern packen. An der Kasse ist immer ein kleines Gedränge. Mein Blick geht zum Schaufenster. Darin hängt ein Plakat: Eine Frau schaut etwas verträumt dem Leser in die Augen. Über ihr steht: Les Alsaciennes qui lisent sont dangereuses. Natürlich ist das eine Anspielung auf den Titel Les femmes qui lisent sont dangereuses von Laure Adler und Stefan Bollmann. Mein Blick geht zurück zur Kasse. Meine ich es nur, oder stehen da mehr Frauen mit einem Buch in der Hand?

 

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