Libreria El Condor, Zürich

Leuchtturm

Michael Guggenheimer

Es ist, als ob die spanischsprechenden Länder Südamerikas einen kulturellen Leuchtturm ihrer Literaturen in der Schweiz hätten. El Condor heisst dieser Leuchtturm und er steht unweit des Hauptgebäudes der Universität am Seilergraben in Zürich. Gut, Leuchttürme sind grösser. Und früher wohnte in einem Leuchturm ein Wärter. Etwas einsam zwar und ziemlich abgeschieden. Im lateinamerikanischen Kultur-Leuchtturm El Condor kann für Maria Mariotti-Luy keine Langeweile, keine Einsamkeit aufkommen. Etwa 18 000 Bücher in spanischer Sprache aus Lateinamerika zur Literatur und Kultur von Argentinien, Chile, Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien, Uruguay, Kuba und Mexiko warten hier wohlgeordnet auf Leserinnen und Leser. Und von Abgeschiedenheit keine Spur, denn gleich nebenan befindet sich die Zentralbibliothek, bis zum Hauptbahnhof sind es bloss 5 Gehminuten. Und wer sind die Leser, wer sind die Leute, die hier vorbeischauen? In den ersten Jahren als El Condor im Jahr 1981 in Locarno gegründet wurde, um dann acht Jahre später nach Zürich umzuziehen, gehörten viele Südamerikaner zu den Kunden. Damals sei die Kundschaft politisch interessierter und engagierter gewesen, erinnert sich Buchhändlerin Mariotti. Mit den Jahren hat sich der Kreis der Kunden gewandelt: Studierende, Universitätsdozenten, Gymnasiallehrer, Spanier, Schweizer, die Spanisch gelernt haben oder nach Jahren im Ausland aus Lateinamerika in die Schweiz zurückgekehrt sind und den Anschluss an die Kultur Lateinamerikas nicht verlieren wollen, schauen bei El Condor vorbei.

Maria Mariotti in ihrem kleinen Bücherreich

Maria Mariottis Vater war chinesischer Abstammung, ihre Mutter stammte aus Navarra im Baskenland, geboren und aufgewachsen ist Maria Mariotti in Peru. Die Buchhändlerin, die lange Bildende Künstlerin war, ist mit ihrem Mann, einem Schweizer Tessiner Herkunft, der in Peru aufgewachsen ist, in die Schweiz gezogen. Nach dem Umzug von Locarno nach Zürich befand sich ihre Buchhandlung zuerst an den Oberen Zäunen, seit zwanzig Jahren ist sie in einer städtischen Liegenschaft am jetzigen Ort. Müsste sie eine Miete nach den „ortsüblichen“ Tarifen zahlen, müsste sie die Buchhandlung gewiss schliessen. Personal kann sich die Buchhändlerin nicht leisten, denn der Kreis ihrer Kunden ist sprachbedingt kleiner als derjenige einer Buchhandlung mit deutschsprachigen Büchern.

Einen weiten Weg von ihrer Wohnung zum Buchladen hat Maria Mariotti nicht, denn sie wohnt wirklich um die Ecke in der Altstadt. Und dass die Buchhandlung ihr Leben ist, ahnt man, wenn man vernimmt, dass sich die engagierte Leserin manchmal auch an Sonntagen in die Buchhandlung zurückzieht. Ehemann Francesco Mariotti ist Bildender Künstler, der seine eine Heimat, Peru, mehrmals an internationalen Biennalen mit Kunstwerken vertreten hat. Wenn seine Frau wieder an einer Buchmesse in Spanien oder Lateinamerika weilt, um sich dort nach Neuerscheinungen umzuschauen, dann ist er im Laden anzutreffen. Und er kennt sich bestens aus in den Beständen der Buchhandlung, obschon er betont, es sei nicht seine Buchhandlung sondern die Buchhandlung seiner Frau. Sind beide, Francesco und Maria Mariotti, wieder für einige Wochen in ihrer Heimat Peru, dann hütet der türkischstämmige Student Selim Özgür den Laden. Sein Spanisch sei hervorragend, Katalanisch spreche er auch noch, erzählt Maria Mariotti. Vor einigen Jahren hat Özgür sein eigenes mehrsprachiges Buch „Prophet der Einsamkeit“ bei El Condor erstmals vorgestellt. An die 90 Prozent der Bücher bei El Condor, so Maria Mariottis Schätzung, stammten aus Lateinamerika. Anders als Buchhandlungen, die deutschsprachige Bücher verkaufen, kann El Condor Bücher, die nicht abgesetzt werden können, den Verlagen nicht retournieren. Zu teuer wären die Versandkosten, zu weit weg sind die Verlage. Was nicht verkauft wird, kann somit lange im Bücherregal bleiben, bis es vielleicht eines Tages in jenem Korb landet, wo alle Bücher zum Einheitspreis von Fr. 5.– angeboten werden.

Der kleine Laden, Blick zum Schaufenster

Zeitgenössische Romane, Klassiker, Erzählungen, Poesie, Sekundärliteratur, Fotobände, Kochbücher, Comics, Kinderbücher, Wörterbücher, Werke über Ethnologie, Geschichte und Politik und Biographien stehen dicht gedrängt in den Regalen der Buchhandlung. In letzter Zeit sind Übersetzungen hinzugekommen. Manchmal käme es vor, dass Kunden die Originalpreise der Bücher mit den Preisen von El Condor vergleichen und sich über die höheren Preise beschweren. Dann sagt ihnen die Buchhändlerin, sie sollten doch zum Flughafen fahren und die nächstbeste Maschine nach Madrid oder Barcelona nehmen, um sich dort die Bücher zu besorgen. Manche Kunden wollen nicht einsehen, dass zum Originalpreis in Argentinien oder Chile noch Versandkosten und Zollgebühren hinzukämen, welche die Buchhändlerin ja auch bezahlen müsse. „Das Bücherangebot ist up-to date“, sagt Gabriela Stöckli, Hispanistin mit Ausbildungsschwerpunkt lateinamerikanische Literatur und Leiterin des Übersetzerhauses Looren. „Maria Mariotti hat in all den Jahren ein reiches Wissen über lateinamerikanische Autoren angesammelt“. Dass ihre Buchhandlung auch im Ausland bekannt ist, zeigt ein Blick auf die Bestellungen, die auf dem Arbeitstisch von Maria Mariotti liegen: Da sind Bestellungen dabei aus Lateinamerika für Bücher, die dort bereits vergriffen, aber in Zürich noch vorhanden sind. Und auch Bestellungen aus Paris, wo eine Buchhandlung mit vergleichweise grossem Angebot an lateinamerikanischen Büchern fehle. Wenn Autorinnen oder Autoren aus Lateinamerika im Literaturhaus Zürich oder an der Universität St.Gallen auftreten, dann ist Maria Mariotti hinter dem Büchertisch anzutreffen. Sie mag diese Lesungen, die sie nicht verpassen will. Manche Lesungen lateinamerikanischer Autoren hat sie eingefädelt. In der Buchhandlung zeugt eine kleine Bildergalerie davon, dass Autoren aus Südamerika sie schon im Laden aufgesucht haben. Besonders stolz ist die Buchhändlerin darauf, selbst in die Literatur Eingang gefunden zu haben: Im Erzählband «Desencuentros» des Chilenen Luis Sepúlveda kommen sie und ihre Buchhandlung namentlich vor!

Libreria El Condor
Seilergraben 43
8001 Zürich
T: 044 262 09 66
www.condorlibros.com

 

 

Entusiasmo

Heinz Egger

El Condor: Schaufenster und Eingang

Wie viele Hundert ja Tausend Leute fahren täglich in Tram, Trolleybus und Auto täglich vorbei? Wie viele schauen in die Häringstrasse, um vielleicht ein Auge voll vom Rotlicht zu erhaschen? Wie oft bin ich selber schon an diesem Ort vorbeigefahren, habe den Namen gelesen, die Bücher im Schaufenster vorbeiziehen sehen oder bloss an den herabgelassenen schweren, eisernen Schutz vor dem Laden geschaut?

El Condor – der Vogel aus den Anden gehört zu den grössten der Welt. Seine Flügelspannweite erreicht beim Männchen bis 3,2 Meter. Männliche Vögel sind bis 15 Kilogramm schwer, sie leben von Aas und können sehr alt werden. Laut www.vulture-territory.com wurde ein Anden-Condor im Zoo von Moskau etwa 77 Jahre alt. In vielen Gegenden steht der Condor für Freiheit.

Im Schaufenster Bücher mit mir unbekannten Autorinnen und Autoren, wohl klingenden Titeln – alles auf Spanisch. Ein grösseres Plakat wirbt für ein Buch über Frida Kahlo. Unten links beim Eingang klebt eine weisse A4-Seite innen an der Scheibe: Bitte nicht vor dem Schaufenster parkieren. Darüber wird die Lesung von Héctor Abad über sein Buch La Oculta angekündigt.

Ich bin zuerst erstaunt. Als ich eintrete kommt mir zur Begrüssung eine Frau mit mandelförmigen Augen entgegen. „Wer führt den Laden?“, frage ich mich. Doch die kleine Frau ist die Besitzerin selbst. Sie ist vom Vater her Chinesin, ist aber in Peru aufgewachsen. Sie spricht ein Deutsch mit wunderbarem Akzent. Es tönt nach dem Spanisch der Muttersprache. Ja, Muttersprache, denn die Mutter sei Spanierin und ihr Vater habe ihr kein Chinesisch beigebracht, sagt Maria Mariotti-Luy und zuckt die Achseln. Sie bedauert dies. Und Deutsch spricht sie, weil sie vor 35 Jahren mit ihrem Mann Francesco Mariotti zuerst ins Tessin und später nach Zürich gekommen ist.

Die Buchhandlung ist nicht unbekannt geblieben. Maria Mariotti legt uns ein ganzes Dossier von Zeitungsberichten vor. Früher war der Laden Treffpunkt der Latinos. Heute kaufen vor allem Schweizer hier ein. Aber nicht nur. El Condor ist weit über die Schweizer Grenzen hinaus die einzige Buchhandlung, die auf südamerikanische Literatur spezialisiert ist. Ähnliche Buchhandlungen in Paris und Berlin haben ihre Türen geschlossen. So wundert es nicht, dass Bestellungen aus Paris eintreffen. Oder aus Bolivien, weil dort ein Buch nicht erhältlich ist, in Zürich aber schon.

Ein Herr tritt ein. Er ist gross, er hat schwarze über den Mantelkragen herabfallende Haare. Er schaut sich um. Frau Mariotti spricht ihn auf Spanisch an. Er antwortet auf Hochdeutsch, allerdings mit einem Akzent, er spreche kein Spanisch, aber möchte sich etwas umsehen. Er fragt, wann der Laden schliesse. Frau Mariotti antwortet: „In halbe Stunde.“ Der Mann geht zum Schaufenster und holt ein Buch aus der Auslage, blättert länger darin und kauft es.

Der Raum ist klein. Er misst vielleicht sechs mal vier Meter. Eine Türe führt in einen kleinen Gang. Darin steht rechts ein kleiner Arbeitstisch mit Computer. Nach links sieht man in einen weiteren Raum mit einem Schubladenstock aus Stahl und Gestellen. Dort befindet sich wohl das Lager.

Frau Mariotti kauft alle Bücher auf eigene Rechnung. Sie hat nicht die Möglichkeit, die Bücher, die bestellt aber nicht gekauft werden, zurückzusenden. Aus diesem Grund kann auch ein gekauftes Buch nicht zurückgenommen werden, beispielsweise wenn der Beschenkte es schon hat. Oft lassen sich die Kunden über die Preise aus. Wenn auf einem Buch zehn Euro steht und Frau Mariotti 14 Franken verlangt hat das seine guten Gründe. Die Bücher kommen alle aus dem Ausland. Da fallen Versandspesen, Mehrwertsteuer und Zoll an. Und der Wechselkurs spielt auch eine grosse Rolle. Wenn Leute mäkeln, dann sagt Maria Mariotti, sie sollen zum Flughafen fahren, das dauere bloss zehn Minuten und von da sei man in einer Stunde in Madrid. Sie sollen dort einkaufen. Dabei funkeln ihre dunklen Augen, da bricht das südamerikanische Temperament durch. Auch der Online-Buchhandel ist eine harte Konkurrenz. Obwohl Maria Mariotti über 18’000 Titel liefern kann, muss ein Kunde halt doch einige Tage auf sein Buch warten können, weil es aus dem Ausland kommt. Aus Kostengründen gibt es keine Angestellten.

Den Wänden entlang stehen leichte metallene Gestelle. Der obere Abschluss bildet ein blaues Brett. Die Gestelle sind voll. Da gibt es kaum Raum, ein Cover zu zeigen. Auf der linken Seite steht gross Narrativa am äussersten Gestell beim Schaufenster. Hier ist die Belletristik der Autorinnen und Autoren Südamerikas versammelt: Peru, Argentinien, Chile, Kuba, Zentralamerika und Mexiko. Die kleinen Aufschriften auf den Tablaren helfen, die entsprechenden Teile Südamerikas zu finden.

Davor nimmt ein mehr als hüfthohes, breites Gestell viel Raum ein. Darauf sind aktuelle Bücher aufgelegt, auch der Hinweis auf die kommende Lesung mit Héctor Abad leuchtet da weiss. Ein Buch von ihm steht da: „Fragmentos de amor furtivo“, was etwa Fragmente verstohlener Liebe heisst. Oder von Jorge Fernandez Diaz „El puñal“ – der Dolch. Es ist ein Roman über die turbulente Beziehung des Protagonisten mit einem Mann und einer Frau: Macht, Verbrechen und Drogen. Darauf findet sich auch das im Schaufenster beworbene Buch: Frida Kahlo – sus fotos. Ein Buch von Pablo Ortiz Monasterio und anderen. Eine Übersetzung von Joël Dickers: „La verdad sobre el caso Harry Quebert“. In einem Fach gegen das Schaufenster hin finden sich Kriminalromane von Mankell und Larsson, aber auch Dürrenmatt und Frisch, Saint-Exupéry und Grass, Hemingway, Huxley und Hesse fehlen nicht.

Auf der gegenüberliegenden Seite stehen Gestelle mit Essays, politischer Literatur, Chroniken und Geschichtsbüchern. Die Bandbreite ist gross. Da fehlen auch Bücher über die Stellung der Frau in Südamerika nicht. Zum Beispiel „Género, sexualidad y ethnicidad – un caleidoscopio“. Oder „Fronteras interioras – identidad, differencia y protagonismo de las mujeres“.

Prägt die Bücherauswahl: Die Begeisterung für die Literatur

So klein der Laden ist, er verströmt das Motto, das weiss auf einen leuchtend roten Karton gedruckt ist. Es hängt an einem Faden von der Deckplatte eines Gestells und dreht sich langsam: El entusiasmo de la literatura.

 

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