Libreria Italiana, Zurigo

Zwischen den Klassikern

Michael Guggenheimer

Bevor Albaner, Türken und Brasilianer den Zürcher Stadtkreis 4 so zahlreich bevölkerten, war die Gegend zwischen Helvetiaplatz und der Lagerstrasse das „Quartiere Latino“. So nennen ältere Italiener die Gegend noch heute, in der sich zahlreiche Einwanderer aus Italien in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts niederliessen. Mittlerweile sind die Italiener von damals in andere Stadtteile oder in die Agglomeration gezogen. Manche Pizzerien sind im Quartier noch geblieben. Ein wichtiger Zeuge dieser einstig starken italienischen Präsenz im Stadtkreis Aussersihl ist die Libreria Italiana, etwas versteckt an der Kurzgasse, einer Seitenstrasse der Hohlstrasse, gelegen. Ein Hauch von früher herrscht im kleinen Laden. Die Stimmen einer Moderatorin und eines Interviewten sind zu hören, sie diskutieren in Italienisch im kleinen Transistorempfänger mit ausgeschwenkter Antenne, von wo auch Werbung für ein Möbelhaus irgendwo in Norditalien zu hören ist, was Lisetta Rodoni, eine klein gewachsene, elegante Achtzigerin im Gespräch mit einem pensionierten italienischen Collaboratore der Gewerkschaft Unia nicht stört. Mitten in Zürich befindet man sich beim Betreten der Libreria Italiana irgendwo in Norditalien der 70er Jahre. Ein braungelber PVC-Bodenbelag gaukelt geschwungene Fliesen vor, die über den Bücherregalen angebrachten Titel der einzelnen Buchrubriken wurden vor Jahren etwas ungeschickt mit Klebebuchstaben angebracht. Narrativa, Infanza e Ragazzi, Classici della letteratura, Attualita, Dizionari, Scolastica, Occasioni heissen die einzelnen Bereiche. Bücher an drei Wänden, an einer Wand lassen sich die Gestelle seitlich schieben, in drei Lagen präsentieren sie die Bücher, manche in Zellophan verpackt warten seit langem auf Käufer.

Frau Rodoni erzählt

Im Jahr 1961 haben der Tessiner Sandro Rodoni und seine aus dem italienischen Vicenza stammende Frau Lisetta die Libreria Italiana gegründet. Davon dass die beiden schon damals politisch interessiert und engagiert waren, zeugen Akten des Nachrichtendienstes der Kantonspolizei, die von der „Neueröffnung der italienischen Buchhandlung unter der Leitung des bekannten Linksextremisten Sandro Rodoni“ berichten. Dabei bot das Ehepaar den vielen in Zürich lebenden Italienern eine kulturellen Ort an, wo klassische und zeitgenössische italienische Literatur sowie Bücher zur Zeitgeschichte Italiens geführt werden. Was damals ein Ort des regen Austauschs war, ist mit den Jahrzehnten zu einem etwas ruhigeren Treffpunkt geworden. An manchen Nachmittagen schauen bloss drei bis fünf Kunden vorbei, während Lisetta Rodoni sich mit einem Stammkunden unterhält, bei der Tessiner Auslieferungsstelle italienischer Bücher in Bedano bestellt oder ein Kreuzworträtsel löst. Vor dem Schaufenster sind immer wieder Männer zu sehen, die langsamen Schrittes am Buchladen vorbeigehen, sie schauen sich um, ohne aber die Libreria zu beachten. Knapp bekleidete Frauen schlendern die kleine Gasse hinunter und wieder hinauf, um die Ecke befinden sich Bordelle des Zürcher Rotlichtquartiers. Lisetta Rodoni macht’s nichts aus, sie lebt zwischen den Klassikern von Dante Alighieri und Alessandro Manzoni.

Manche der ausgestellten Bücher verkauft das Ehepaar nicht. Es sind die Bücher „con una dedica personale“, die sie gerne zeigen. Maler Mario Comensoli oder Autor Sandro Beretta und andere haben in der Buchhandlung verkehrt und vor langer Zeit ihre Bücher signiert. „Zurigo vista dagli italiani“ von Tindaro Gatani, in dem bekannte Italiener von ihren Besuchen in Zürich berichten, ist bei der Libreria in einem unverkäuflichen Exemplar vorrätig, das Lisetta Rodoni so sehr am Herzen liegt, dass sie es stolz Besuchern zeigt. Vier Buchbestellungen liegen zur Abholung bereit, ein Kreis junger Frauen, die sich durch italienische Romane und Erzählbände lesen, um so ihre Italienischkenntnisse zu erweitern, bestellt hier regelmässig Bücher. Denn seitdem die Buchhandlung Romanica am Limmatquai nicht mehr existiert, ist die Libreria Italiana der einzige italienischsprachige Buchort Zürichs. Ein Hauch Wehmut erfasst den Besucher des sympathischen kleinen Ladens, in dem kein Computer steht und wo Lisetta Rodoni von den dicken Katalogen des Mailänder Buchhauses und Verlags Hoepli schwärmt, dessen Lehrbücher für Facharbeiter wie Il libro del tornitore, Il libro del fresatore, Il ilbro del muratore, sowie der Band Aritmetica e Geometria dell’operaio im Zeitalter vor dem Internet und in den Jahren der italienischen Immigration so vielen Handwerkern bei ihrer Weiterbildung gedient hätten. Die dicken Wörterbücher von einst seien heute weniger gefragt, wo es Dizionari gebe, die man im Telefonino mit sich tragen könne. La cucina siciliana, La cucina sarda, La cucina del Friuli und La cucina toscana di mare stehen im Gestell der immer wieder verkauften Kochbücher. Politische Bücher wie „Terra d’asilo – I rifugiati italiani in Svizzera 1943-1945“, die „Storia sociale dell’inghilterra“ oder „Apocalisse a Dresda“ warten auf ihre Käufer ebenso wie die Klassiker von Ignazio Silone, Pirandello und Dino Buzzati. Und der längst vergessene Tessiner Schneidermeister und Autor Sandro Beretta, der einige Jahre in Zürich verbracht hatte, ist mit seinen zwei Büchern „L’aria del basso“ und „Die armen Seelen der Chiara“ in Zürich wohl einzig in der Libreria Italiana vertreten.

Libreria Italiana Rodoni & Co.
Hohlstrasse 30
8004 Zürich
T: 044 241 65 46
www.libreriaitaliana.ch

 

Arrivederci!

Heinz Egger

Der kleine Junge mit dem Buch, aus dem eine grüne Hand waechst

Auf dem obersten Tablar sitzt er, ein Buch in der Hand. Peppino reisst plötzlich seine Augen auf: Eine grüne Pelzhand schiebt sich zwischen den Seiten hervor. An den Fingerspitzen prangen goldene, spitze Krallen. Schnell schlägt er das Buch zu. Er hat Angst.

Es ist nicht das erste Mal, dass er mit weit aufgerissenen Augen in den kleinen, fast quadratischen Laden hinabgeblickt hat. Das sicher schlimmste Ereignis geschah an einem 1. Mai. Ein wütender Mob zog durch die Kurzstrasse. Steine flogen. Und sie zertrümmerten die Schaufenster. Glas überall. Tausende kleiner Splitter flogen auf ihn zu. „Während Jahren“, so erzählt Frau Rodoni, die Buchhändlerin, ihren Kundinnen und Kunden gerne, „haben wir immer wieder solche winzigen Glasstückchen gefunden. Die Fenster mussten wir schnell reparieren lassen. Leider hat keine Versicherung bezahlt. Es war Landfriedensbruch. Einzig die Leuchtschrift oberhalb der Fenster wurde nicht geflickt. Diese paar Tausend Franken wollte mein Mann nicht auch noch ausgeben.“ Das E der Libreria Italiana ist denn nur notdürftig mit Draht an seinem Platz festgezurrt und zeugt von der betrüblichen Episode.

Erinnerung an die Krawalle: Das E ist nur notduerftig fixiert

Peppino schaut in die Runde und kann das mit den Splittern begreifen. Wenn sich der Glasbruch überallhin verirrt hat, dann sicher auch hinter die Schieberegale, wo sie dann auf die zweite Lage Bücher fielen. Dort sind, so vermutet er, die etwas weniger häufig gebrauchten Bücher, vielleicht die teuren, die nicht jeden Tag über den kleinen Ladentisch gehen. Was vorne schön präsentiert wird, das ist aber aktuell, das weiss Peppino. Er blickt über die Gestelle: Kochbücher, Lebenshilfe, Dictionnaires, Kinder- und Jugendbücher, Klassiker der Literatur, Romane und Erzählungen.

„Aber eben“, klagt Frau Rodoni, so viele Leute kommen nicht mehr herein und kaufen aus dem Angebot. Mehr Leute bestellen Bücher.“ Der Laden sei ein Bestellladen geworden, sagt sie mit traurigem Blick halb auf Italienisch, halb auf Deutsch.

So hat sie denn auch Zeit, mit einem Kunden zu reden, der von sich selber sagt, er gehöre zu jenen der ersten Stunde, als der Laden 1961 eröffnet worden sei. Er hat sein Arbeitsleben in Zürich verbracht, hat bei der Unia im Sekretariat gearbeitet und lebt heute in Venedig, wo seine Frau her stammt. Er selber ist im Friaul aufgewachsen.

Und es ist oft sehr ruhig im Laden. Das Radio plärrt italienische Schnulzen. Die Zeitung La Repubblica liegt aufgeschlagen bei den Kinderbüchern. Auf einem goldenen Tischchen liegt die WOZ. Diese hat allerdings noch niemand geöffnet.
Wieder schaut Peppino verdutzt zum Schaufenster. Ein bärtiger Mann steht davor, schwankend und gestikulierend, die Auslage kommentierend. Er geht einige Schritte weiter, kommt dann aber zurück und drückt die Türe auf. Frau Rodoni schaut hin, etwas ratlos der Dinge harrend. Zielstrebig geht der Mann in dicker, gesteppter Winterjacke auf ein Gestell zu und greift nach einem dünnen Bändchen. Damit tritt er an die Theke. Frau Rodoni schaut es an und fragt, ob er das wirklich wolle, ob er Italienisch verstehe. Der Mann spuckt ein paar Brocken Italienisch aus. Dem Gesichtsausruck von Frau Rodoni entnimmt Peppino, dass sie nichts verstanden hat. Da der Mann darauf beharrt, das Buch zu kaufen, bietet Frau Rodoni ihm einen Ribasso an. 12 Franken wechseln die Hand. Der Mann steckt das Büchlein in seine Jackentasche, redet wieder italienische Wörter und wankt zur Türe.
Peppino bewundert Frau Rodoni, wie sie in ihrem hohen Alter so ohne Angst solchen leicht unberechenbaren Kunden entgegentritt. Er schaut sie zärtlich an, lässt seinen Blick über die Bücher gleiten und öffnet gedankenversunken wieder sein Buch.

Sogleich ist der grüne Arm wieder da, es riecht stark nach Brand und Schwefel. Was das zu bedeuten hat? Ist es der Drache, der bald auch diesen Laden erobern wird, daraus einen weiteren Coiffeursalon macht, wie schon zwei weiter links an der Strasse sind, oder vielleicht einen weiteren Sex-Shop, wie schon einer rechts steht?

 

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