Mille et deux feuilles, Zürich

Freie Sicht aufs Mittelmeer

Michael Guggenheimer

Friedliche Koexistenz verschiedener Kulturen - wenigstens im Buch

Während es am östlichen Mittelmeerrand schon seit Jahrzehnten ungeordnet vor sich geht, das Chaos zum Alltag gehört, ist der Mittelmeerraum hier wohlgeordnet. Um Syrien und Libanon, Palästina und Israel, Ägypten und Libyen herrscht für einmal friedliche Nachbarschaft, Ruhe auch an den Stränden der griechischen Inseln und in der Türkei. Friedlich ist es von Syrien bis nach Gibraltar und von Alger bis Marseille. Und anders als sonst ist der Mittelmeerraum gut übersichtlich und sind alle seine Anrainer und Inseln greifbar nah. Der ganze Kulturraum rund um das Mittelmeer liegt in einem kleinen Laden an der Brauerstrasse 80 in Zürich. „Mille et deux feuilles“ heisst der Laden. Und damit man ganz genau weiss, worum es hier geht, steht auf den Werbekarten sowie auf einem Plakat neben dem Schaufenster noch „Buchhandlung zum Mittelmeer und mehr“. Eine Artischocke ist das Werbezeichen des Ladens, jene distelartige Pflanze, die rund um das Mittelmeer wächst.

Geplant langsam wächst der Mittelmeerraum bei „Mille et deux feuilles“, den Charlotte Nager und Andrea Peterhans im Sommer 2015 eingerichtet haben. Schritt für Schritt soll der Laden wachsen. Noch ist er erst an drei Tagen in der Woche geöffnet. Denn die Haupteinnahmequellen der beiden Geschäftspartnerinnen liegen anderswo. Charlotte Nager arbeitet im Bereich Wissensmanagement bei der DEZA, der Entwicklungshilfeagentur der Schweiz. Und Andrea Peterhans ist im Bereich der Grafik und Bildgestaltung bei der Entwicklungsorganisation Helvetas tätig. Beide sind viel weiter gereist als bloss im Mittelmeerraum. Andrea Peterhans hat in Lateinamerika gelebt, Charlotte Nager war mehrmals in offizieller Mission in Ex-Jugoslawien. Beide sind sie von der Méditerranée begeistert, sind fasziniert von der Vielfalt der Kulturen des Mittelmeerraums. Und so arbeiten sie sich durch die Literaturen der Anrainer des Binnenmeers, wobei sie Flora und Fauna, Geschichte und Politik, Religionen und Gesellschaften nicht minder interessieren. Und weil auch das Adriatische Meer Teil des Mittelmeers ist, finden sich Bücher zu Venedig und zum Balkan ebenso im Angebot des Bücherladens. Beim Anschauen der hellen Bücherboxen, die nach und nach zu Bücherwänden emporgewachsen sind, fallen einem die gebietsweise geordneten Abteile von Gaza bis Ceuta und von Tunis bis Genua auf. Bücher von arabischen Autoren stehen hier neben solchen von israelischen Schriftstellern, Konflikte gibt es für einmal in der Levante keine.

„Jedes Buch, das wir anbieten, wollen wir auch lesen“, sagen sie. Der Anspruch ist hoch, wenn man zuschaut, wie die Bücherbestände von „Mille et deux feuilles“ wachsen. Innerhalb weniger Monate hat sich eine Stammkundschaft gebildet. Nachbarn aus dem Quartier, dem Stadtkreis 4, gehören zu den Kunden. Und schnell hat es sich herumgesprochen, dass man an der Brauerstrasse zwei kompetenten Gesprächspartnerinnen begegnen kann. Menschen, die den Mittelmeerraum von eigenen Reisen her kennen oder sogar am Mittelmeer aufgewachsen sind, bringen Tipps mit und lassen sich Bücher besorgen, manchmal auch solche, die nichts mit dem Mittelmeer zu tun haben, weil die beiden Eigentümerinnen auch andere Bücher besorgen können. Manche Kunden haben typisch mediterrane Mitbringsel in der Buchhandlung abgegeben, die man auch erwerben kann, Süssigkeiten aus Tausendundeiner Nacht, kleine Mitbringsel aus dem Orient. „Jeden Tag schaut ein neues Gesicht bei uns rein“, sagt Charlotte Nager. Schon sind erste Bücher in griechischer und französischer Sprache und in Arabisch an der Brauerstrasse zu haben, hebräische sollen folgen. Andrea Peterhans hat damit begonnen, Arabisch zu lernen, Israel kennt sie aus eigener Reiseerfahrung, während Charlotte Nager von Entwicklungsprojekten den Balkan gut kennt. Ehrgeiziges Ziel der gelernten Buchhändlerin Andrea Peterhans und der Ethnologin Charlotte Nager ist es, Bücher in weiteren Sprachen anzubieten, die in den Ländern gesprochen werden, deren Literatur sie in deutschsprachigen Übersetzungen anbieten.

Irgendwann wollen die beiden auch Veranstaltungen organisieren. Kleinere Gruppen bietet der Raum Platz, für eine grössere Gruppe von Besuchern ist der Buchladen zu klein, weshalb sie auf Veranstaltungsräume im Quartier ausweichen werden. „Wir wollen unsere Begeisterung für den Mittelmeerraum auf andere Menschen übertragen“, sagt Charlotte Nager. Befragt, weshalb der Name ihres Bücherladens französisch ist, sagen sie mit einem Lachen: „Wir haben so den Röstigraben überwunden“. Und so sind sie schnell von der frankophonen Bevölkerung Zürich wahrgenommen worden. Die französischsprachige Site „Aux Arts Etc.“, die auf kulturelle Ereignisse in Zürich aufmerksam macht, hat den Laden bereits besucht und beschrieben. „C’est très joli, très courageux et les deux propriétaires sont très sympathiques en plus! On peut également commander CD et autres…“ hiess es da. Es stimmt!

Mille et deux feuilles
Buchhandlung zum Mittelmeer und mehr
Brauerstrasse 80
8004 Zürich
T: 044 291 11 33
www.milleetdeuxfeuilles.ch

 

 

Ferien in der Hand

Heinz Egger

Eine salzige Brise, leises Schlagen der Wellen, Wärme des Sandes um die Füsse, bequemer Liegestuhl, spannendes Buch mit Tausend und zwei Seiten, Rascheln des Sonnenschirms … So könnte eine Ferienszene am Strand irgendwo am Mittelmeer aussehen. Der Feriengenuss ist bestimmt grösser, wenn man vorbereitet in die Ferne fährt. Wer den Mittelmeerraum als sein Reiseziel festgelegt hat, der findet in der Buchhandlung zum Mittelmeer und mehr alles, was sein Herz begehrt.

Ansicht der Buchhandlung von aussen

Der Weg zu dieser kleinen Buchhandlung führt an diversen Lokalen des Zürcher Vergnügungsviertels vorbei. Ja selbst der kleine Laden war einst Teil des Rotlichtgebiets. So fällt einem das Lokal nicht gleich auf. Ein grauer Steinrahmen auf der Fassade sagt, wie gross und wie alt das Ladenlokal ist: Das Schaufenster ist klein, eine Armspanne breit vielleicht. Die Tür ist etwas nach innen versetzt, in der oberen Hälfte verglast. Einfaches Glas, wie auch im Schaufenster. In der Wand über dem Asphalt gähnt ein Loch. Das Eisen, über dem man einst die schmutzigen Schuhe abstreifen konnte, fehlt. Über eineinhalb Stufen gelangt man in den Laden hinein.

Drinnen ist es hell. Ein neuer Boden glänzt, die weiss gestrichenen Wände leuchten. Die gut bestückten Bücherregale den Wänden entlang tönen den Reichtum an Ideen an. Ein alter, runder Salontisch mit schönen Intarsien und Stühle darum laden ein, ein Buch zu nehmen und sich hinzusetzen, zu blättern, zu träumen, vielleicht schon die Strandluft in der Nase zu spüren. Der Blick auf den farbigen Türvorhang aus Kunststoffperlen an Fäden, der den Verkaufsraum von den hinteren privaten Räumen trennt, verstärkt bestimmt das Süden-Gefühl.

Die Bücherwand bei der Türe, der Lesetisch, der kleine Arbeitsplatz der Buchhändlerinnen

Charlotte Nager und Andrea Peterhans haben ihre Buchhandlung erst dieses Jahr eröffnet. Vieles ist schon da. Viele Ideen sind noch zu verwirklichen. Der kleine Laden ist seit der Eröffnung stetig gewachsen. Der steigende Bücherbestand forderte immer weitere Bücherregale. Die beiden Buchhändlerinnen spezialisieren sich. Der Mittelmeerraum ist ihr Thema. Alles, was dieses Gebiet betrifft, soll angeboten oder wenigstens per Bestellung erreichbar sein.

Da wird bestimmt der kaum 16 Quadratmeter grosse Laden bald einmal zu klein. Vom Kinderbuch über das Kochbuch zu Belletristik, Graphic Novels, aktuellen politischen Texten, Hörbüchern, Musik-CDs mit dem dazu passenden zweisprachigen Textbuch finde ich alles. Und das nicht nur auf ein Land bezogen, sondern über alle ans Mittelmeer grenzenden Länder und Sprachen. Nicht nur Deutsch sind die Bücher, sondern auch Italienisch, Französisch, Griechisch und Arabisch.

Andrea Peterhans konzentriert sich eher auf den westlichen Mittelmeerraum, Charlotte Nager auf den östlichen. Eben war sie in Griechenland und hat für ihr Sortiment Bücher mitgebracht, beispielsweise Antigone von Sophokles auf Neugriechisch. Die beiden Buchhändlerinnen möchten Beziehungen zu Verlagen in den Zielländern aufbauen, um so direkt an die „heisse Ware“ zu kommen.

Ich will ja nicht gerade verreisen, es ist gar nicht Ferienzeit. Trotzdem haben es mir zwei Bücher angetan. Das eine zog mich magisch an: schwarzer Einband, goldene Schrift darauf. Arabisch ist es. Sein Titel: Saliba, Mazza – aus der feinen Küche Syriens. Das Buch erschien schon in der vierten Auflage im Verlag Lars Müller. Kein Wunder. 50 Rezepte sind es. Jedes der leckeren Vorspeisengerichte macht einen wässrigen Mund! Und wer kann oder will, darf das Buch von hinten auf Arabisch oder von vorne auf Deutsch lesen und geniessen. Der arabische Teil des Buches ist mindestens dreimal so umfangreich wie der Deutsche. Warum? Die Fotos von jedem Gericht sind sicher das Eine, was zum Mehrumfang führt. Gibt es vielleicht sonst noch mehr zu lesen?

Das zweite Buch ist eine Graphic Novel. Auf dem Titelbild liegt im Hintergrund eine Hafenstadt – ich dachte zuerst an Haifa. Eine wunderschöne, marronibraune, junge Frau mit langem, wallendem Haar schaut zusammen mit ihrer bläulichen Katze mit giftgrünen Augen in ein Buch. „Die Katze des Rabbiners“ heisst der Sammelband von Joann Sfar. Die Katze hat ihre krallenbewehrten Pfoten in ein Lehrbuch geschlagen. Sie kann sprechen und möchte die Bar-Mizwa ablegen. Bild und Text sind so witzig! Ja, und die Geschichten dieser Katze spielen nicht in Israel, sondern auf der anderen Seite des Mittelmeers, in Algerien und in Paris.

Die Buchhandlung Mille et deux feuilles empfehle ich allen, die nicht bloss einen Reiseführer für ihren nächsten Urlaub am Meer suchen, sondern tiefer ins Reiseland eindringen wollen, indem sie seine kulturellen Schichten in Ton und Wort erkunden.

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