Openbare Bibliotheek Amsterdam (OBA)

Treffpunkt Bibliothek

Michael Guggenheimer

Es gibt in Amsterdam eine Publikumsbibliothek der Superlative, von der die Benutzer in den höchsten Tönen sprechen. Planer neuer Bibliotheken reisen an, lassen sich durch das grosse Gebäude führen, schauen sich Stockwerk für Stockwerk genau an, um auch dann Details bei der Umsetzung ihrer Vorhaben zu übernehmen, wenn sie so grosszügig wie das Vorbild sie handhabt, nicht umsetzen können. Als in der 70 000 Einwohner zählenden Stadt St.Gallen in der ehemaligen Hauptpost beim Bahnhof eine neue Bibliothek geplant wurde, da reiste die planende Kommission nach Amsterdam mit seinen 800 000 Einwohnern, um sich das hochgelobte Gebäude in der viel grösseren Stadt genau anzuschauen. Führungen durch das Vorzeigehaus finden denn auch jeden Tag statt, so gross ist das Interesse auch von Leuten, die die Bibliothek gar nicht nutzen werden, weil sie nicht vor Ort leben.

OBA steht leicht verspielt über dem Eingang der Bibliothek in roten Lettern geschrieben. Das grosse OBA Gebäude ist ein Mosaikstein von kulturellen Bauten im besonders gelungenen Planungsgebiet zu beiden Seiten des „Het IJ“ genannten Hafenareals von Amsterdam. The Eye, die neue Cinemathek von Amsterdam, befindet sich hier. Aber auch die Musicaltheater der Stadt, das Jazzlokal Bimhuis und NEMO, das Wissenschaftsmuseum, liegen hier, und gleich neben der Bibliothek das CvA, das neue, im Jahr 2008 eröffnete städtische Konservatorium.

OBA ist die Abkürzung von „Openbare Bibliotheek Amsterdam“, einer Kette von 26 Bibliotheken, die über das ganze Stadtgebiet von Amsterdam sowie in einigen Agglomerationsgemeinden verstreut sind. In Gehdistanz zum Amsterdamer Hauptbahnhof befindet sich der Hauptsitz, das grosse Hauptgebäude der OBA. Ein unübersehbarer Bau, ein Bücherturm voller Ueberraschungen, ein immer beliebterer Treffpunkt mit seiner Dachterrasse und Dachrestaurant. Die im Juli 2007 eröffnete Bibliothek auf der Oosterdokinsel ist mit ihren 28 500 Quadratmetern Fläche die grösste Bibliothek der Niederlande. Sie ist täglich von 10 bis 22 Uhr geöffnet, wird von über 5500 Menschen pro Tag und gegen 2 Millionen im Jahr aufgesucht und umfasst anderthalb Millionen Medien: Bücher, Zeitschriften, CD, DVD sowie Spiele. Tausend Leseplätze weist die Bibliothek auf und 300 Computer, die alle Zugang zum Internet bieten. Hundert weitere Computer, die im Gebäude verteilt sind, dienen der Büchersuche. Das Haus ist weitaus mehr als eine herkömmliche Bibliothek. Hier finden Konzerte statt, hier kann man in einem Radiostudio bei Interviews live dabei sein, hier finden Vorlesestunden für kleine Kinder statt, hier werden in einem Ausstellungsstockwerk grosse thematische Schauen gezeigt, hier gibt es Arbeitsräume, in denen sich Vereinsvorstände und Arbeitsgruppen treffen. Sechs Stockwerke thematisch gegliederte Medien für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und ein siebtes Stockwerk mit einem vorzüglichen Selbstbedienungs-Restaurant ganz oben im Haus.

Das Gebäude will mehr als eine Bibliothek sein, es soll gemäss seiner Zweckbestimmung auch ein Begegnungsort für die Stadtbewohner sein und gleichzeitig auch ein Lernort und Spielort. Kein Wunder, dass das Haus die Herzen der Amsterdamer und zahlreicher Touristen längst erobert hat! Und damit auch wirklich jedermann die Bibliothek aufsuchen kann, stehen im unteren Stockwerk gleich 2000 Fahrrad-Abstellplätze zur Verfügung. „Krantenzaal“, Zeitungssaal, heisst ein Bereich im grossen Gebäude, wo Zeitungen aus dem In- und Ausland tagtäglich neu aufgelegt werden. Ha’aretez aus Tel Aviv in Papier und nicht nur digital, Hürryet aus Istanbul, die Moskauer Izvestia, das Neue Deutschland, La Stampa, der Corriere della Sera, China Daily, Al Arab, selbstverständlich die NZZ, die FAZ und die Süddeutsche. Grossartig nebenan die überaus grosszügig ausgestattete Zeitschriftenabteilung mit den Bereichen Religion, Jurisprudenz, Musik, Mathematik, Physik, Literatur, Wirtschaft, Erziehung, Gesellschaft, Spiritualität, Psychologie, Gesundheit, Sport, Wohnen, Fotografie, Kunst, Mode, Computer, Geschichte sowie Reisen. Hier kann man in Clubsesseln oder an Arbeitstischen lesen. Wer sich in der Zeitschriftenabteilung aufhält, profitiert noch von einem kleinen Cafébetrieb und kann sich eine Tasse Kaffee oder ein kühles Getränk und Gebäck an seinen Leseplatz holen.

Die einzelnen Stockwerke sind per Rolltreppen erreichbar, die Benutzerführung durchs Haus ist optimal gestaltet. Die Büchergestelle im ganzen Haus sind auf Augenhöhe, die einzelnen Sammlungsbereiche sind gut angeschrieben, im Stockwerk mit der Belletristik sind in Vitrinen alle Bücher zu sehen, die für die niederländischen Buchpreise Libris und Fintro nominiert sind. Eine Ausstellung zum Werk des niederländischen Autors Gerard Reve ist zwischen den Büchergestellen arrangiert, in jedem Stockwerk finden sich Präsentationsbereiche, in denen die neuen Erwerbungen der Bibliothek zu sehen sind. Wer für sich alleine arbeiten will, dem stehen kleine Stationen zur Verfügung, sie erinnern an Gondeln einer Bergbahn oder an kleine Weltraumkapseln, in die man sich zurückziehen kann. Ueberhaupt sind die Anordnungen der Lesebereiche so vielfältig unterschiedlich konzipiert, dass jede Leserin, jeder Leser hier jene Situation finden kann, die den eigenen Lesegewohnheiten recht nahe kommen kann. Die Stockwerke des Hauses sind thematisch eingerichtet: Jurisprudenz, Geschichte, Naturwissenschaften. Im Bereich der Belletristik finden sich auch ganze Abteile mit deutschsprachigen, englischen und französischen Büchern.

Ein Ruheraum, abgetrennt vom übrigen Bibliotheksbetrieb durch bodenlange Vorhänge, bietet tiefe Ohrensessel als Ausruhmöglichkeit an und dient nicht wenigen als Rückzugsort, in dem sie eine halbe Stunde oder sogar länger dösen können.

Bücherei für die Kinder, Halbrund mit Sitz- und Liegemöglichkeit

Im Souterrain befindet sich ein grosses Reich der Kinder- und Jugendliteratur, zum Teil sehr verspielt eingerichtet. Einige der Kinderbuchbereiche sind so angelegt, dass sich die Kinder in überblickbaren, halbrunden Räumen aufhalten und nicht in einer unüberblickbar grossen Bücherregallandschaft. Hier stehen den Kindern und ihren Eltern Bibliothekarinnen mit Rat zur Seite. Hier kann man sich sogar zum Lesen auf Matratzen hinlegen. Ein Tipizelt steht da, in dem Kinder spielen. Im Rahmen einer Aktion mit Namen „World Library Amsterdam“ sucht die OBA Kinderbücher in 180 Sprachen, die sie den jungen Besuchern zur Verfügung stellen will. Eine grosse Anzahl von Kursen werden bei der OBA angeboten, so auch Schreibwerkstätten im Bereich erzählerischen und lyrischen Schreibens. Angebote aber auch für betagte Menschen, die unter Demenz leiden: Weil Musik bei ihnen Erinnerungen und Emotionen wachrufen können, bietet die OBA gemeinsam mit der Organisation „Muziekweb“ eine Begegnungsmöglichkeit mit beliebten Kompositionen von früher. „Het levende Boeken festival“ will Menschen Begegnungsmöglichkeiten bieten mit Menschen anderer Herkunft oder mit besonderen Geschichten. Und „Poezie op zondag“ bietet jeden Monat eine Begegnung mit einem Lyriker oder Lyrikerin. Zudem finden hier auch Veranstaltungen statt, die nicht direkt mit Literatur zu tun haben, zu denen sich aber im Haus genügend Literatur findet. So etwa ein Vortrag über die Bautätigkeit in Istanbul, eine Begegnung mit dem französischen Filmemacher Claude Lanzmann, Open FoodLabs, bei denen es um unser Essverhalten und um die Zukunft der Lebensmittel geht. Ein Emoji-Workshop will Kinder diese Zeichensprache der Handybesitzer näherbringen. Twitter und Wikipediakurse gibt es im Haus ebenso wie Fotokurse, bei denen es um die Fotografie im tägluchen Leben der eigenen Stadt geht. Ein „Theater van t’ woord“ mit 270 Sitzplätzen , ein Ort für Lesungen und anderen Worthappenings befindet sich im siebten Stockwerk, ein Kindertheater im Souterrain bietet 45 Kindern Platz.

Openbare Bibliotheek Amsterdam (OBA), Centrale
Oosterdokskade 143
1011DL Amsterdam
T: +31 (0)205230900
www.oba.nl

 

Paradies

Heinz Egger

Drüben beim Bahnhof ist der Vorplatz voller Leute. Die einen beraten, was sie unternehmen wollen, andere warten auf ihr Tram, weitere queren den Platz und verlieren sich in den Strassen. Ein steter Strom an Radfahrern und Spaziergängern zieht vorbei. Wohin? Vielleicht hinüber zum NEMO, dem Wissenschaftsmuseum, oder weiter zum Schifffahrtsmuseum.

OBA-Hauptsitz-Fassade: sechs Stockwerke Bücher

Nur wenige lösen sich aus dem Strom und halten an, um das riesige, moderne Gebäude zu betrachten. Fotos werden geschossen. Er vor dem Gebäude, sie vor dem Gebäude, ein Selfie. Zwei sprechen einen Passanten an und bitten ihn, sie zu porträtieren. Ein paar Leute biegen aus dem Strom ab und streben die Treppe hinauf zum Eingang unter dem neckischen, trapezförmigen Vordach, angebracht vor dem 6. Stockwerk.

OBA mit dem gekippten A, blick auf das alte Hafenbecken

„oba“ steht in roten Buchstaben über der breiten Drehtür. Das kleine A ist um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn gedreht. Das gibt dem Logo Spannung. Die drei Buchstaben stehen für Openbare Bibliotheek Amsterdam, was auf Deutsch Öffentliche Bibliothek Amsterdam heisst. Sie hat in der Stadt 25 Ableger.

Joe steht neben dem Eingang und betrachtet, was vor ihm abläuft. Fast wie im Kino, denkt er. Zug um Zug mit längeren Pausen dazwischen raucht er seine Zigarette fertig. Er drückt sie aus und lässt sie in den Aschenbecher fallen, dann tritt er ein. Jedes Mal ist er beeindruckt von der majestätischen Grösse und Weite des weissen, lichterfüllten Innenraums. Und seit er pensioniert ist, ist er schon so oft hergekommen. Und immer erfüllt ihn dieselbe Freude, einen Teil seiner Zeit hier zu verbringen.

In seiner Plastiktasche hat er drei gelesene Bücher. Diese gibt er zuerst am Automaten ab. Dabei passiert er eine kleine Ausstellung: Sie stellt Träume von Amsterdam im Jahr 2056 dar. Dazu gehört auch eine Büchersammlung. Amsterdam ist schon heute eine sehr internationale Stadt. Also wollen die Ausstellungsmacher und oba Kinderbücher aus 180 Ländern in 12 Wochen sammeln. Auf einer Karte wird gezeigt, aus welchen Ländern bereits Bücher eingereicht worden sind. Er findet die Idee sehr gut. Und er weiss, dass der rote Faden nach Südafrika dank eines Buches aus seinem bescheidenen Bestand angebracht worden ist.

Sein nächstes Ziel sind die Zeitungen. Er passiert dabei die unbeschreiblich grosse Zeitschriftenabteilung. Modehefte, Auto- und Flugzeughefte, Computer- und Kochhefte – es gibt wohl kein Lebensthema, zu dem nicht eine oder mehrere Zeitschriften aufliegen. Er steigt eine Treppe hoch und steht schon am Ziel. Ja, der Guardian ist frei. Er schnappt sich das Blatt, setzt sich hin und liest die Headlines. Dabei krault er sich den krausen, wilden Bart. Kaffeeduft wabert durch den Raum. Joe atmet tief ein und kann nicht widerstehen. Er schiebt seine Baseball-Mütze, deren Schild nach hinten schaut, zurecht und holt sich an der Theke einen Espresso. Er liest immer zuerst englische Texte, erst danach holt er sich den Het Parool, die Amsterdamer Stadtzeitung. Obwohl er den grösseren Teil seines Lebens in Amsterdam verbracht hat, ist Holländisch eine Fremdsprache geblieben. Neben den holländischen und englischen Zeitungen liegen auch deutsche, spanische, französische und italienische auf. Auch eine auf ArabThis is your sidebar contentisch und eine auf Hebräisch sind da. Hin und wieder schaut er auf und betrachtet die jungen Leute, die vor ihren Computern sitzen und arbeiten. Teilweise haben sie einen ganzen Stapel Bücher neben sich.

Es ist sehr ruhig im Haus, auch wenn überall Leute sind. Viele sitzen an einem der vielen Arbeitsplätze, die meist mit einem Bildschirm ausgestattet sind, andere stehen zwischen den weissen Gestellen und blättern in Büchern. Es wird kaum gesprochen, Schritte verschluckt der Teppichboden.

Englische Literatur, Icons als Signaturen auf Büchern

Seinen neuen Lesestoff findet Joe im zweiten Stock. Dort ist die Literatur in Holländisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Arabisch – und natürlich in Englisch zu Hause. Er stöbert in den Gestellen. Auf den Büchern gibt es eine Signatur. Auf einem weissen Etikett, das am Buchrücken angebracht ist, leuchtet ein Icon. Eine Pistole für Krimis, ein Herz mit Pfeil für Liebesromane, eine antike Säule für Geschichte … So kann er schnell erkennen, in welche Sparte sein Buch in der Hand gehört. Er wählt wieder drei aus. Auf der Etage gibt es ein Terminal, über das die Ausleihe sehr schnell geht.

Manchmal gönnt er sich einen kleinen Imbiss in der 6. Etage. Das Restaurant dort bietet eine grosse Palette an frisch zubereiteten Speisen an. Und der Ausblick auf das alte Hafenbecken ist von der Terrasse umwerfend. Im 6. Stock finden sich an den Säulen, die die Decke tragen, auch Sprüche, wohl gesammelt von Bibliotheksbenutzerinnen und Benutzern oder von Autorinnen und Autoren. Joe hat es folgender angetan: Ich habe immer geglaubt, dass das Paradies eine Art Bibliothek sein müsse. Unterschrieben ist der Satz mit Borges.

Ganz sicher besucht er den „Stilteruimte“ im 5. Stock. Ein ruhiger Ort. Der Raum ist zwei Stockwerke hoch. Es hängen weisse Tüllvorhänge von der Decke herunter. Einige tragen in der Mitte einen leichten Knoten. Das ergibt einen transparenten Innenraum, in dem bequeme weisse Sessel stehen. Der Abstand der Stühle ist gross, so dass man quasi einen Privatraum hat. Dort lässt sich Joe nieder und beginnt die Lektüre seines ersten neu bezogenen Buches. Ja, und er ist dort auch schon eingenickt …

Die Bibliothek bietet noch so gar manches vom Untergeschoss, wo die Kinder- und Jugendbücherei liegt, die auch kindgerecht gestaltet ist, über die Film- und Musiksammlung bis hin zu Musiknoten für verschiedenste Instrumente und Partituren, die ausgeliehen werden können. Joe geht hin und wieder in die Musikabteilung. Dort steht auch ein elektrisches Klavier, an dem die Noten gleich ausprobiert werden können. Letzthin hat er einem Jungen zugeschaut, der virtuos ab Blatt spielte. Leider konnte er nur das Klackern der Tastatur hören.

Joe tritt aus dem Haus. Die Sonne blendet ihn. Der Menschenstrom ist immer noch da. Nur wenige steigen die Treppe hoch, um ins Paradies einzutreten.

 

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