Tradition und Moderne: Zwei Buchorte in Holland

Ohne Kugelschreiber

Michael Guggenheimer

Amsterdam Rjiksmuseum Fassade

Museumsplein Amsterdam Ein weiter Platz an dessen einem Ende das Concertgebouw steht. Der altehrwürdigen Konzerthalle gegenüber das an eine umgestülpte Badewanne erinnernde Stedelijkmuseum mit seiner Sammlung zeitgenössischer Kunst. Daneben das van Gogh Museum, die beiden Gebäude von Hollands wohl berühmtesten Museum. Am anderen Ende des Platzes das in rotem Backstein erbaute Rijksmuseum. Überall Touristen, die meisten in der unglaublich langen Warteschlange vor dem Van Gogh Museum. Radfahrer unterwegs von Amsterdam Oud Zuid zum Grachtengürtel fahren unter dem Rijksmuseum hindurch. Egal ob Sommer oder Winter stets drängeln sich die Besucher durch den Eingang in die leicht unter Strassenniveau liegende Eingangshalle des Museums, in dem Gemälde das „Goldene Zeitalter“ der Niederlande zeigen, Bilder aus jener Zeit, da Amsterdam die liberalste Stadt Europas war, Schiffe der Ostindien Compagnie Reichtümer aus Asien, Amerika und Afrika nach Holland transportierten. Gedränge herrscht vor der Nachtwache, hier ist Rembrandt der grosse Meister die Hauptattraktivität. Peter Paul Rubens’ grossformatige Bilder und die Stadtansichten aus dem 17. Jahrhundert werden ebenso genau betrachtet wie die Bilder von Frans Hals und Jan Steen. Das Museum gehört zu den „Musts“ Amsterdams und ist stets sehr gut besucht. Wirkliche Ruhe herrscht in den Museumsräumen erst gegen Abend, wenn die hungrigen Touristen in die Restaurants der Innenstadt strömen.

Amsterdam Rjiksmuseum, Bibliothek

Den ruhigsten Ort des grossen Museums kennt die grosse Masse der Touristen nicht. Nur zwei Türen trennen diesen Ort von den Bildersälen. Ein Blick in diesen Ort ist nicht verboten. Es ist die Museumsbibliothek. Ein hoher Raum mit drei Galerien, die von braunen Eisensäulen gestützt werden. Die Galerien vollgesteckt mit Büchern. Die ganze Kunstgeschichte der niederländischen und flämischen Malerei, alles Wissen über die frühen Deutschen und über die Maler Spaniens ist hier versammelt. Eine Wendeltreppe führt bis zur obersten Galerie hinauf. Ein Oberlichtdach, keine Neonbeleuchtung, schwenkbare Lampen bei jedem der 36 Arbeitsplätze an den drei langen Tischen. Es herrscht eine absolute Ruhe in diesem Raum. „Gebruik van ballpoint en pen niet toegestaan“, steht an den Arbeitsplätzen, Kugelschreiber und Füllfederhalter sind hier verpönt, denn sie könnten in den alten Büchern Spuren hinterlassen. Junge Leute sind an der Arbeit, mehrheitlich Frauen, Studentinnen, alle haben sie einen Laptop vor sich. Ich stelle mir vor, dass sie alle Arbeiten über die frühen Niederländer schreiben. Aber die Frau neben mir packt gerade ihr Buch aus, es heisst „Inleiding recht“, sie studiert Jurisprudenz, wie sie mir zuflüstert. Sie liebt diesen Raum, er inspiriere sie mehr als die Lesesäle der Universität, weshalb sie hier arbeite, wo niemand danach frage, ob man sich wirklich mit der niederländischen Malerei befasse. Am Handy ist sie mit Facebook beschäftigt, der junge Mann zu ihrer Rechten ist Medizinstudent, er bereitet sich auf seine Zwischenprüfungen in der grössten Kunstbibliothek der Niederlande.

Mich erinnert die Bibliothek an Bilder der alten Bibliothek von Coimbra. Älter als aus der Zeit um 1900 kann der Raum nicht sein. Hinter mir sitzt der Bibliotheksaufpasser. Im Museum wimmelt es vor Besuchern, die Bibliothek ist bereits in der Eingangshalle angeschrieben, es könnten Massen von Besuchern hier vorbeischauen, aber nur ganz selten wagen sich zwei Leute hinein. Fotografieren unerwünscht, heisst es am Eingang. Die Bibliothek des Rijksmuseums ist eine wissenschaftliche Bibliothek, eine der bedeutendsten Kunstbibliotheken der Welt in der Auktions- und Ausstellungskataloge sowie Monografien und Kunstzeitschriften seit 1885 ununterbrochen gesammelt werden. 450,000 Bände befinden sich in den Magazinen, davon 60,000 Auktionskataloge, über 500 Zeitschriften und Tätigkeitsberichte anderer Museen werdene hier laufend gesammelt, im Jahr wächst die Bibliothek durchschnittlich um 10,000 Einheiten. Schwerpunkt der Sammlung bilden die Bücher über die niederländische und europäische Malerei vom Mittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Weil die Niederlande aber eine Kolonialmacht war, finden sich hier auch Bände zur indonesischen Kunst.

Rundum in den Büchergestellen Kunstzeitschriften, viele Bücher, die alt aussehen, die wirken, als seien sie schon seit Jahrzehnten hier. Empfang über wLan ist frei verfügbar, nur zwei junge Frauen haben ein Buch vor sich, alle anderen sind am Bildschirm. Vom Arbeitstisch aus sehe ich auf der ersten Galerie Bücher mit den Namen grosser Maler: Vermeer, Goya, Liebermann, Brueghel. Ich frage den Bibliothekar, ob ich für buchort zwei Bilder machen darf, ich würde nur Übersichtsbilder machen, keine Person fokussieren. „Doe dat maar“, „Machen Sie nur“, sagt er. Von dem Moment an, da eine Person im Lesesaal sitze, dürfe man eigentlich keine Bilder machen. „Maar het is goed, doe maar!“ Ganz hoch oben im dritten Galeriegeschoss sitzt jemand an einem kleinen Tisch und arbeitet. Die Fenster hoch oben wie in einer Kirche. Die Unterseite der Galerieböden bemalt mit Blumenmotiven. Eine kleine Leiter an der Seite. Auch grosse Leser, sehr grosse Leser werden die Bücher auf der achten Tablarhöhe nicht greifen können.

Rijksmuseum Research Library
Museumstraat 1, P.O. Box 74888
NL 1071XX Amsterdam
T: +31 20 674 7000
Rijksmuseum Bibliothek (engl.)

 

Die Bücherpyramide

Michael Guggenheimer

„Was willst Du in Spijkenisse“, fragten mich meine holländischen Freunde Fred und Kitty aus Amsterdam. „Spijkenisse ist eine Schlafgemeinde, mehr nicht“, meinte Ans aus Den Haag. „Da gibt es nichts zu sehen, höchstens Wohnblöcke und nochmals Wohnblöcke“. Als ich ihnen nach meinem Besuch in Spjikenisse die Fotografien zeigte, die ich in dort aufgenommen habe, da meinten alle drei: „Da müssen wir auch hin“.

Bibliothek Spjikenisse aussen

Ankommen in Spijkenisse bei Rotterdam. Spijkenisse ist Teil einer 86 000 Einwohner zählenden Fusionsgemeinde mit Namen Nissewaard, rund 20 Metrominuten von Rotterdam entfernt. Vor dem Bahnhof kein Hinweis auf das Gebäude mit Namen „Boekenberg“, Bücherberg. Mein Handy zeigt mir, wohin ich will, zu weit bei Regen. Wen soll ich fragen, wo die Bibliothek mit dem Namen Boekenberg liegt, wie ich mit dem Bus hinkommen könnte? Bereits der erste Versuch ein Erfolg. Eine Frau mit einer vollen Einkaufstasche zeigt mir den Bus und sagt mir, wo ich aussteigen soll. Das ist nicht selbstverständlich. In Trogen, einer Ortschaft mit nicht einmal 2000 Einwohnern mussten wir fünf Passanten nach der Bibliothek fragen, ehe wir richtig gewiesen wurden.

Bibliothek Spjikenisse innen

Ankommen beim Bücherberg, die Haltestelle ist vor dem grossen Bau. Ankommen und staunen. Ein Glaspalast an einem Marktplatz, gegenüber eine gotische Kirche, viel kleiner als die Bibliothek. Hinter der Glasfassade des im Jahr 2012 eröffneten Baus sind Bücher zu sehen, Bücher und noch mehr Bücher. Das Haus eine Bücherpyramide. Natürlich gibt es Aufzüge, aber der Weg zu Fuss in diesem grossen Gebäude hinauf ist spannender, man geht die Treppe aus rotem Backstein wie einen Berghang hinauf, von einem Stockwerk zum nächsten. Auf der Innenseite des Gebäudes schauen einen Bücherrücken an, unendlich viele, es sind Tausende, Bücher, die schon seit langem nicht mehr ausgeliehen wurden, die aber im Katalog noch zu finden sind, Bücher, Bücher und nochmals Bücher als Raumschmuck. Es ist so etwas wie ein Aztekentempel, der nach oben hin immer schmaler wird. Auf jeder Etage kann man sitzen, sind Bücher rundherum angeordnet.

Das Tageslicht kommt vom gläsernen Dach und vom vielen Glas der Haushülle ins Gebäude. Im ersten Stockwerk ein schön eingerichtetes Café, wo auch Speisen serviert werden, ein Treffpunkt am Marktplatz, wo man auch sitzen und Zeitungen lesen und Freunde treffen kann, ohne Bücher ausleihen zu müssen. Die Trägerstruktur der Fassade aus Holz, das Gebäude erinnert an grosse Bauernhäuser der Region, nur dass der Bücherberg viel grösser ist.

Ein Büchertempel, das noch viel mehr ist als das. Die Bücherrücken lassen die Bibliothek reicher an Büchern erscheinen als sie wirklich ist. Boekenberg ist keine wissenschaftliche Bibliothek. In Spijkenisse fehlt eine Hochschule, gibt es keine Universität, die Bibliothek ist eine Gemeinde- und Regionalbibliothek, die Kindern, Schülern und der erwachsenen Bevölkerung offensteht. Und die Bibliothek ist weitaus mehr als bloss eine Bibliothek. Der örtliche historische Verein hat hier sein eigenes Vereinslokal, in dem sich ortskundige Hobbyhistoriker treffen. Der Naturschutzbund und der lokale Schachklub haben hier ihre Räume. Vereine und Privatpersonen können hier stunden- oder auch tageweise Sitzungsträume mieten. Ein Vortragsraum mit 80 Plätzen kann gemietet werden. Hochzeitsgesellschaften haben auf der obersten Plattform des Gebäudes schon Feste durchgeführt. Das Boekenberg-Team organisiert etwa 350 Veranstaltungen im Jahr, die sich an sehr unterschiedliche Zielgruppen richten: Von solchen für junge Eltern mit ihren kleinen Kindern bis zu Veranstaltungen für Senioren, für Leser und Gamer. „DigiTaalhuis Nissewaard“, Digi-Sprachhaus Nissewaard heisst ein Raum, wo Besucherinnen und Besucher, Ausländer oder Niederländer lernen, sich in der niederländischen Sprache besser auszudrücken. Und wer die Landessprache sehr gut beherrscht, kann sich als Sprach-Freiwilliger melden, um Menschen zu coachen, die die Sprache besser beherrschen wollen. Ebenfalls im Angebot sind Computerkurse. Der Bücherberg ist eben mehr als ein Buchort.

Architekten aus der ganzen Welt pilgern nach Spijkenisse. Ihr Ziel ist der Bücherberg. Architekt Winy Maas, der das Gebäude entworfen hat, ist Mitbegründer des Rotterdamer Büros MVRDV. Er und seine Kollegen sind weltberühmt für ihre Entwürfe. Bauten, die sie entworfen haben, sind Pilgerstätten von Architekten und Architekturbegeisterten. Manche ihrer Bauten sind riesig, so etwa die von einer internationalen Fachjury als interessantester Bau des Jahres 2017 gekürte Tianjin Binhai Library in China oder die neue Markthalle von Rotterdam, die gleichzeitig eine riesige Wohnmaschine ist. MVRDV ist bekannt für experimentelle Formgebung und hat einen großen Anteil an der Erneuerung der niederländischen Architektur. Boekeneberg ist ein Vorzeigeort. Weshalb ausgerechnet ein Bau wie dieser in einer Schlafgemeinde steht? Die Gemeindebehörden wollten ein Zentrum schaffen, das nicht aus Geschäften besteht, ein Begegnungsort für die Einwohner war gedacht. Und es ist ihnen gelungen! Unter der Woche halten sich die Besucherzahlen in Grenzen. Am frequentiertesten ist das Gebäude am Samstag. Von den Buchausleihen alleine könnte man das Zentrum nicht rechtfertigen, sagt eine der Bibliothekarinnen.

Boekenberg Spijkenisse
Markt 40
NL 3201 CZ Spijkenisse
T: +31 181 61 66 22
Bücherberg Spijkenisse (niederl. / engl.)