Pestalozzibibliothek Hardau

Sprachenvielfalt

Michael Guggenheimer

Weit ist der neugestaltete Platz neben der PBZ Hardau mit seiner 16 Meter hohen weissen Skulptur in der Form eines Y oder einer Steinschleuder. Auf den Bänken sitzen ältere Quartierbewohner, Kinder tummeln sich auf der weiten Wiese, andere sind am Ballspiel, Mütter unterhalten sich und Kunden der nahen Migrosfiliale sind unterwegs mit Einkaufstaschen nach Hause. Sie gehen an den hohen Fenstern der Bibliothek vorbei, auf denen in kyrillischer Schrift, in Arabisch und Albanisch, in Französisch und Italienisch geschrieben steht, dass sich hier eine Bibliothek befindet.

Literatur auf Arabisch in den Gestellen der Pestalozzi-Bibliothek Hardau

„NEU Arabisch“ steht auf der Rückseite einer Werbekarte der Pestalozzi-Bibliothek (PBZ) Hardau. Und eine weitere Karte wirbt in Deutsch und Arabisch: „Romane & Bilderbücher auf Arabisch“. Seit 2013 führt die PBZ Hardau Bücher in arabischer Sprache, die im Libanon verlegt werden. „Unsere Bibliothek ist die einzige auf Stadtgebiet, die arabische Belletristik führt, weshalb sich bei uns Besucher arabischer Muttersprache aus der ganzen Stadt einfinden“, sagt Bibliotheksleiterin  Suela Jorgaqi.

Keine andere Bibliothek auf Stadtgebiet weist Bücher in einer derart breiten Sprachpalette auf wie die PBZ Hardau. Anders als die interkulturelle Bibliothek Kanzbi am Helvetiaplatz, die ausschliesslich Kinder- und Jugendliteratur führt, richtet sich die Anschaffungspolitik der PBZ Hardau auf Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Eingekauft werden nur Neuerscheinungen. Am Eingang der Bibliothek liegt die Kopie eines Artikels aus der Sonderausgabe mit dem Titel „Offene für alle – Die interkulturelle Bibliothek“ der österreichischen Fachzeitschrift  „Büchereiperspektiven“ in dem Suela Jorgaqi die Besonderheiten der Stadtteilbibliothek in der Nähe des Albisriederplatzes bei den braunen Hochhäusern in der Hardau erläutert: „36.5 Prozent beträgt der Anteil der Bewohnerinnen und Bewohner mit Migrationshintergrund“. 30 000 Medien in zwölf verschiedenen Sprachen weist die Filiale der Pestalozzi Bibliothek Zürich auf, welche im Auftrag der Stadtverwaltung die „literarische Grundversorgung“ Zürichs sicherstellen soll.

Die modern eingerichtete Bibliothek befindet sich im Erdgeschoss und im ersten Stockwerk des Schulhauses. Unten der Ausleih- und Auskunftsschalter. Die Mitarbeiterinnen hier können die Besucher in Deutsch, Englisch, Italienisch, Albanisch, Portugiesisch, Tamil und Türkisch bedienen. Nebenan gibt’s Zeitschriften und DVD’s, um die Ecke die Spiel- und Lesecke für die Kleinen in mehreren Sprachen. Was auch noch auffällt: Die vielen Prospekte, die sich an Fremdsprachige und Expats richten: Deutschkurse, Hilfe für Alleinstehende, Hilfe in Steuerangelegenheiten, Im ersten Stockwerk dann das Herztück der Bücherbestände: Bücher für Jugendliche und Erwachsene in deutscher Sprache, in Spanisch, Englisch, Französisch, Tamil, Kroatisch, Serbisch, Portugiesisch, Türkisch, Albanisch und Arabisch. Weil hier viele Benutzer vorbeischauen, für die Deutsch eine Fremdsprache ist, ist hier ein Büchergestell mit Sprachlehrmitteln für Fremdsprachige, mit Wörterbüchern und Sprachfibeln eingerichtet worden. Immer wieder besuchen aber auch Schüler von Integrationsklassen mit ihren Lehrern die Bibliothek und erhalten Aufgaben, die sie mit Hilfe dieses grossen Bücherregals lösen können. Nebenan fällt das Gestell mit der Bezeichnung „Interkulturell“ auf. Bücher zum Thema Burka, Hautfarbe, das Leben als Fremder sowie Bücher über die Geschichte der Schweiz und über die Eigenheiten der Schweiz.

Befragt, wie die Bibliothek zu den arabischsprachigen Büchern kommt, sagt Bibliotheksleiterin Jorgqi: „Eine ehemalige kurdische Mitarbeiterin ist in ihre Heimat, in den Irak, zurückgekehrt. Sie berät uns in diesem Sektor. Die arabischen Bücher beziehen wir dann von einer spezialisierten Buchhandlung in London. Die türkischen Bücher werden von einer Auslieferung in Deutschland besorgt, die portugiesischen Bücher aus Brasilien bringt eine Mitarbeiterin unserer Bibliothek jeweils direkt aus Brasilien mit und die portugiesischen Bücher aus Portugal kaufen wir in der hiesigen portugiesischen Buchhandlung ein. Ebenfalls aus London kommen die tamilischen Bücher. Und die albanischen wählt Bibliothekleiterin selber aus, die Kontakte hat zu Verlagen in Albanien. Noch führt die Bibliothek keine italienischen Bücher, denn die Secondos aus dem Quartier lesen eher deutschsprachige Bücher. Aber die in den letzten Monaten festgestellte Zunahme qualifizierter italienischer Arbeitnehmer könnte demnächst zur Erweiterung der Sprachenvielfalt in der PBZ Hardau führen.

PBZ Hardau
Schulhaus Albisriederplatz
Norastrasse 20
8004 Zürich
T: 043 311 28 40
www.pbz.ch

 

Voller Leben

Heinz Egger

Interkulturell vermitteln, so will die Pestalozzi-Bibliothek wirken!„Ich komme sicher fünfmal pro Monat hierher“, sagt das Mädchen im Oberstufenalter. Sie redet perfekt Mundart. Ihre Haut ist allerdings dunkel. Sie ist Tamilin. Zuhause redet sie Tamil mit den Eltern. Ihre Lektüre sucht sie aber ausschliesslich auf Deutsch, obwohl in ihrer Muttersprache eine ganze Reihe von Büchern verfügbar wäre. Gruselgeschichten, vor allem Morde sind ihre Lieblinge. Und davon gibt es in dem Gestell vor ihr eine ganze Menge! Doch, doch, sie schlafe trotzdem gut.

Wer in die Pestalozzi-Bibliothek Hardau geht, dem fallen gleich mehrere Dinge auf: Die Bibliothek ist in einem Neubau einquartiert. Davor erstreckt sich ein grosser Park mit der riesigen Steinschleuder-Schaukel-Skulptur des kosovarischen Künstlers Sislej Xhafa. Auf den raumhohen Fenstern steht das Wort Bibliothek nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Tamil, Serbisch, Türkisch, Französisch, Englisch und weiteren Sprachen. Dann ist die Bibliothek Teil eines Schulhauses und deutet damit schon an, wie wichtig das Lesen für die Integration ist. Und die Bibliothek unternimmt viel für diese Integration. So lockt die Veranstaltungsreihe „Schenk mir eine Geschichte“ Mütter mit ihren Kindern im Vorschulalter in die Bibliothek. Ziel ist es, die Sprachkompetenz der Kinder zu fördern, was ihnen das Erlernen ihrer ersten Fremdsprache Deutsch erleichtern wird. In der Bibliothek werden ihnen Geschichten erzählt. Dort lernen sie Lieder, können Bilderbücher anschauen, spielen, malen und basteln. Wöchentlich wird das Treffen in Spanisch, Albanisch, Türkisch, Französisch, Portugiesisch und Tamil angeboten. Unter den Angestellten finden sich ebenfalls mehrere Muttersprachen: Albanisch, Portugiesisch, Tamil und Türkisch. Der Empfang der Kundinnen und Kunden in einer bekannten Sprache senkt die Hemmschwelle, in die Bibliothek zu gehen. Die Anleitung, wie man Mitglied der PBZ wird liegt in verschiedenen Sprachen auf – sogar auf Arabisch!

Im ersten Stock steht ein ganzes Regal mit der Anschrift Interkulturell. Unter den Stichworten Frau/Mann, Migration, Interkultureller Dialog, Pädagogik, Kinder und Jugendliche, Gesellschaft und Rassismus finden sich zahlreiche Werke. Autorennamen wie Bertrand Cottet, Hasnain Kazim, Simona Colombo-Scheffold, Ayse Önal, Ilija Trojanow und Ranjit Hoskoté zeigen, wie international die Inhalte sind. Die Titel allerdings sind meist Deutsch. Und sie zeigen, was unter den Nägeln brennt: Babel Schweiz, Accolti a braccia chiuse (zu Deutsch etwa: empfangen mit verschränkten Armen), Das Boot ist voll – Europa zwischen Nächstenliebe und Selbstschutz.

Integration erfolgt über Wissens- und Spracherwerb. Integration ist aber nicht nur ein Prozess für die Einwanderer, sondern ebenso einer für die Gastgeber. Da könnte vielleicht ein Titel helfen wie Ausländisch für Deutsche. Vielleicht auch ein Ausflug in die grosse Abteilung mit den Kochbüchern. Wer weiss, wie das Essen der Einwanderer schmeckt, lernt sie auch besser kennen.

In einer Ecke bei der Jugendliteratur liegen zwei Oberstufenschülerinnen eng beieinander auf bequemen Sackkissen. Sie lesen sich eine Zeitschrift vor und kichern viel.

Zwei Knirpse sitzen auf den Kissen am Fenster bei der Treppe. Der eine hält im Schneidersitz ein Globi-Buch auf den Knien. Eifrig zeigt er mit seinen Fingerchen auf die Zeichnungen und ruft: „Weisch wie gföörli!“ Die Mutter wendet sich zum Gehen und fordert die Knaben auf mitzukommen. Die Beiden hören das nicht. Die Mutter betritt die Treppe und geht langsam hinunter. Jetzt merken auch die beiden Leseratten, dass die Mutter gegangen ist. Einer ruft laut: „Mami, hilf, i chan nöd alles abeträge!“

Unten an der Theke für die Rückgaben und die Auskunft drängen sich die Leute. Kinder und Mütter, helle und dunkle Haut, Kopftücher. Ein buntes Gemisch. Ein Knabe übersetzt für seine Mutter. Diese Bibliothek ist wirklich voller Leben.

 

 

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